Predigt

Unter Gottes Schutz

"Seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende ..."

Predigttext1. Mose (Genesis) 4,1-16
Kirche / Ort:Lübeck
Datum:26.08.2018
Kirchenjahr:13. Sonntag nach Trinitatis
Autor:Pastor Rudolf Albrecht

Predigttext: 1.Mose 4,1-16+25 (Revidierte Lutherübersetzung 2017)

1 Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mithilfe des HERRN. 2Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann. 3Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes. 4Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer, 5aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an.

Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick. 6Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? 7Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie. 8Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.

9Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? 10Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde. 11Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen. 12Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.

13Kain aber sprach zu dem HERRN: Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte. 14Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir’s gehen, dass mich totschlägt, wer mich findet. 15Aber der HERR sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der HERR machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände. 16So ging Kain hinweg von dem Angesicht des Herrn und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten. 25Adam erkannte abermals seine Frau, und sie gebar einen Sohn, den nannte sie Set: „Denn Gott hat mir einen andern Sohn gegeben für Abel, den Kain erschlagen hat.“

Kurz-Exegese

V.1-2, Exposition: Zur Deutung der Namen Kain und Abel, zur Übersetzungs-Problematik, zu ihren Berufen, u.a.: s. die Kommentare und Meditationen. V.3-4: Der biblische Erzähler sagt nicht, welchen Zweck die Brüder mit ihrem Opfer verfolgen und warum Gott Abel bevorzugt. V.5: Es wird auch nicht begründet, warum Gott das Opfer Kains nicht annimmt. Handelt er willkürlich, ist er ungerecht? - vgl. 2.Mose 33,19: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig… Wenn die Erzählung dazu schweigt, sollten wir nicht darüber spekulieren, wenngleich viele Fragen bleiben. So geht es im Leben zu: der eine wird angenommen, der andere nicht. Der Nichtbeachtete reagiert negativ: mit „Hitze“ und finsterem Blick.

V.6+7: Ein sehr wichtiger Einschub, um Gott zu entlasten. Das Böse ist so stark geworden, dass trotz der Warnung Gottes Kain zum Brudermörder wird. Gott weist ihn hin auf seine Verantwortung; nach dem Sündenfall weiß der Mensch, was gut und böse ist (1Mose 3,22); aber kann er über die Sünde mit ihrer großen negativen Macht herrschen? V.8: Wieder wird nichts gesagt, wonach wir fragen: Was trieb Kain zu der fürchterlichen Tat- Eifersucht, Neid?

V.9: Gott schreitet wieder ein und stellt Kain zur Rede: Wo ist dein Bruder Abel? Auf diese sprichwörtliche Frage antwortet Kain mit seiner bekannten zynischen Gegenfrage: Soll ich meines Bruders, des Hüters und Hirten, Hüter sein? V.10: Im Blut ist das Leben- das Blut des Nichtigen und Vernichteten schreit; es schreit zum Schöpfer des Lebens, der das Schreien hört. V.11+12: Gegenüber 1.Mose 3,17 (nach mühsamer Arbeit nährt der Acker) wird der Fluch verschärft: der Acker soll keinen Ertrag mehr geben, denn das Verhältnis zur Erde, der Lebensgrundlage des Menschen, ist zutiefst durch das Bruderblut zerstört. Dazu kommt noch der Verlust der Heimat.

V.13-14: Nun erkennt Kain seine Schuld und Gefährdung. V.15: Gott nimmt sich auch des Schuldigen an und stellt sein verwirktes Leben unter seinen Schutz. Alles Leben, auch dieses verwirkte, gehört Gott, der sein Nein zu allem Bösen spricht und dem Menschen nach einer vergebenden Begegnung mit ihm ein Leben mit seiner Schuld ermöglicht. Das „Kainsmal“ bezeichnet Kains Schuld und ist zugleich Schutz für ihn. Vielleicht war es eine Tätowierung als Kennzeichen des unstet an den Rändern des Kulturlandes umherschweifenden Stammes der Keniter, die Jahweverehrer waren, aber nicht zum von Jahwe erwählten Bundesvolk gehörten (v.Rad).

V.16: Kain geht weg vom Angesicht Gottes ins Land Nod (= Unruhe ‚Schweifendes‘, „Land Flüchtig“), aber auch da ist er nach Gottes bewahrendem Willen dank des Kainszeichens von Gott nicht aufgegeben. V.25: Wo nach menschlichem Ermessen Leben verwirkt ist, schenkt Gott neues Leben: mit Set (=Setzling) setzt Gott seine Geschichte mit den Menschen fort. Gott wollte offenbar Abel nicht „aufstehen“ lassen (Hilde Domin: Abel steh auf, es muss neu gespielt werden…), sondern setzt mit Set einen neuen Anfang.

Überlegungen zur Predigt

Der Predigttext steht in der Urgeschichte, 1. Mose 1-11, die Gottes Weg mit den Menschen von der Schöpfung bis zum Beginn der Geschichte mit Abraham schildert. Wie die erste, versagt auch die zweite Generation: Wie konnte in die sehr gute Schöpfung das Böse einbrechen (c. 3, der Sündenfall) und immer mehr Macht gewinnen (c. 4, Kains Brudermord)? Auf die Sünden der Menschen (Lamechlied, c. 4, 23f; die ‚Engelehen‘, c. 6,1-4: eine schöpfungswidrige Verbindung der ‚Gottessöhne‘ mit Töchtern der Menschen) antwortet Gott mit gewaltigen Katastrophen (die Sintflut, c. 6-9).

Über aller menschlichen Sünde aber steht das Wunder der Güte Gottes und Liebe- er schafft immer wieder einen Neubeginn und erhält und bewahrt alles Leben nach seiner großen Verheißung (1. Mose 8,22). Gottes Handeln, sein Nichtwegsehen bei menschlicher Schuld und seine alles Verstehen übersteigende Liebe und Vergebung möchte ich vorrangig in der Predigt bedenken.

In Exegesen, Meditationen, Rollenspielen, Predigten u.a.m. sind Charakter, Verschiedenheit, Berufe, Umfeld, Gottesbeziehung, usw. von Kain und Abel unzählig und vielfältig bedacht worden. Darum möchte ich nicht so sehr auf die beiden Brüder schauen, sondern vorrangig nach dem Verhalten und Handeln Gottes in der uralten Erzählung und nach ihrer Fortsetzung fragen. Abel ist tot, „Kain ging hinweg von dem Angesicht des HERRN“ (4,16)- endet die Geschichte Gottes mit seinen Geschöpfen bereits nach 2 Generationen? Wie verhält sich Gott während der brüderlichen Tragödie und danach? Um dieses Danach zu beantworten, muss Vers 25 zu der vorgeschlagenen Perikope hinzugefügt werden.

Ich möchte nicht spekulieren, was Gott nicht tut- Warum hat Gott den Brudermord nicht verhindert? Warum hat Gott nur Abels Opfer gnädig angesehen? Warum war er nicht wie für Abel auch für Kain da in gnädiger Zuwendung- ist doch sein Name: „Ich bin da“, ich bin für dich da? Haben Neid und verletzter Stolz Kain zu seiner schrecklichen Tat getrieben, fühlte er sich nicht angenommen und geliebt? Ich möchte dem Text entnehmen, was Gott tut und die weitere Geschichte Gottes mit seinem Volk und seiner Welt beispielhaft bedenken: die Geschichte Gottes nach Kain und Abel von Set bis Jesus Christus und uns- vom ‚Enkel Gottes‘ Set (s. den Stammbaum Jesu nach Lukas: Set war „ein Sohn Adams, der war Gottes“! , Lk 3,38) zum ‚Sohn Gottes‘, dem Messias/Christus Gottes, Jesus von Nazareth.

Die Bibel zeichnet ein sehr realistisches Bild vom Menschen. Damit wir nicht nur Negatives sehen und sagen, müssen wir Gottes Handeln nachspüren- wie er immer wieder vergibt und einen neuen Anfang setzt, und auch heute schützend und bewahrend wirkt. Die Perikope wird am 13.Sonntag nach Trinitatis gepredigt. Im Evangelium „Vom Barmherzigen Samariter“ Lk 10,25-37 nimmt Jesus die Frage Gottes nach unserem Nächsten: Wo ist dein Bruder? vom Standort des unter die Räuber Gefallenen auf.

Leitsatz

Über allem menschlichen Versagen steht das Wunder der Liebe und Güte Gottes, die immer wieder einen Neubeginn schafft.

Thema

Was unser Gott geschaffen hat, das will er auch erhalten und schützen und fortführen.

Literatur: G. v. Rad, Das erste Buch Mose, 1967. C. Westermann, Abriß der Bibelkunde, 1962. E. Volkmann / S. Geyer, Predigtstudien IV/2 (2005/06), S.138-147, dort ein Gottesdienstentwurf zum Thema „Schuld und Vergebung“ und weitere Literatur. U. Krahnefuß / D. Gräb, Predigtstudien IV/2 (2017/18), S.136-143, dort Lieder und weitere Literatur. G. Thomé / J. Rothermundt, Gottesdienstpraxis IV/4 (2000), S. 35ff. K. Kupisch, Karl Barth („rowohlts monographie“ Nr. 174 , 1971, S. 135). H. Domin, Abel steh auf, s. Internet.

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