Cantate Domino – oder: Das alte und das neue Lied

Predigttext: Psalm 98, 1-9
Kirche / Ort: Providenz-Kirche / Heidelberg
Datum: 18.05.2003
Kirchenjahr: Kantate (4. Sonntag nach Ostern)
Autor/in: Pfarrer Heinz Janssen

Predigttext: Psalm 98 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 1984)

1 Ein Psalm. Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder. Er schafft Heil mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm. 2 Der HERR läßt sein Heil kundwerden; vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar. 3 Er gedenkt an seine Gnade und Treue für das Haus Israel, aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes. 4 Jauchzet dem HERRN, alle Welt, singet, rühmet und lobet! 5 Lobet den HERRN mit Harfen, mit Harfen und mit Saitenspiel! 6 Mit Trompeten und Posaunen jauchzet vor dem HERRN, dem König! 7 Das Meer brause und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen. 8 Die Ströme sollen frohlocken, und alle Berge seien fröhlich 9 vor dem HERRN; denn er kommt, das Erdreich zu richten. Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker, wie es recht ist.

Exegetische, hermeneutische und homiletische Hinweise zu Psalm 98

Welcher Bibeltext eignet sich am Sonntag Kantate besser als der Psalm, der diesem Sonntag den liturgischen Namen gab: „Singet dem HERRN ein neues Lied…“ Der Aufruf, Gott mit dankbarem Gesang (V.1.4) und festlicher Musik (V.5f) zu ehren, begegnet freilich auch in anderen Psalmen; er ist der eigentliche Tenor in der ganzen Psalmensammlung, die – obwohl auch Klage, Ach und Weh laut wird – vielsagend den Titel tehillim (= Ruhm, Lobpreis, Lobgesänge, auch in der Bedeutung von Gottes Ruhmestaten, KBL 3. Aufl., 1559b) trägt. Der Psalm möchte die Hörenden mit in das „neue Lied“ hineinnehmen. Es ist – entgegen dem hinreichend bekannten „alten Lied“ – das Lied der Hoffnung auf das Kommen Gottes (V.9). Mit dem Namen Gottes (JHWH) sind seine Wundertaten und die Hilfe, die er bringt (V.1), seine bedingungslose Solidarität in Gerechtigkeit und Wahrheit (V.2f.9) verbunden. Wie ein König soll er gefeiert und inthronisiert werden (V.6.9). Das Verb rw hif. „laut rufen“ (V.4) ist charakteristischer Ausdruck für das Zujubeln, das dem seine Macht antretenden König gilt (H. Gunkel, Psalmen, 427). Dreimal begegnet in Psalm 98 das Verb jascha' hif.(retten, helfen, heilen) bzw. das Substantiv jeschu'a (Rettung, Hilfe, Heil). Die betende Gemeinde sub specie Iesu hörte darin den Namen Jesus (Jeschu'a) anklingen; und von der Königsprädikation Gottes (V.6) gibt es eine typologische Verbindung zu dem Christustitel. Deutlich berührt sich Psalm 98 mit der Botschaft des Zweiten Jesaja (s. die Kommentare von H. Gunkel und H.-J. Kraus, z. St.). Jener unbekannte Prophet im babylonischen Exil kündigte das Kommen Gottes zu seinem gefangenen Volk an, Gottes rettendes und befreiendes Handeln, als einen „neuen Exodus“, der den ersten, die Herausführung aus Ägypten in das „Gelobte Land“, noch überbieten sollte. Seine Botschaft erreichte ein Volk, das an ein rettendes Eingreifen Gottes nicht mehr zu glauben wagte. Psalm 98 greift die Melodie der Hoffnung jener prophetischen Zeitansage auf. Die ganze Schöpfung ist in den Jubel über den heilvoll kommenden Gott einbezogen (V.7f.). Alle sollen es hören und sich daran festhalten: Gott gedenkt seiner Solidarität (chäsäd V.3) und Liebe (´ämuna V.3) für das „Haus Israel“. Sein Handeln bleibt nicht partikular, die ganze Welt wird es sehen (V.3b). Gott führt das gefangene Volk gegen allen Augenschein in die ersehnte Freiheit, aus Resignation in eine Bewegung, in der sich mutlos gewordene Menschen wieder dem Leben zuwenden. Wir in der Heidelberger Providenz-Kirche feiern am Sonntag Kantate – wie vielleicht auch andere Gemeinden - das Konfirmationsjubiläum. Wieviele der Jubilarinnen und Jubilare werden an diesem Tag auf schwere Zeiten zurückblicken, nicht wenige Jubilare auch auf Kriegsgefangenschaft. Ich wünsche mir, dass ich den aufrichtenden Ton des Psalmes, der das tröstliche Kommen Gottes besingt, aufnehmen und weitergeben kann. Und: Dass das gemeinsamen Singen und überhaupt die Musik im Gottesdienst unsere inneren Kräfte stärkt.

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Liebe Gemeinde!

„Singet dem HERRN ein neues Lied !“ Das sind die Anfangsworte des Psalmes zum heutigen Sonntag Kantate, dem 4. Sonntag nach Ostern. Zum Singen werden wir an diesem Sonntag der Kirchenmusik ausdrücklich aufgefordert. Was wäre ein Gottesdienst ohne Gesang oder Musik (zumal dieser Festgottesdienst anlässlich des Konfirmationsjubiläums!), und was wäre unser Alltag ohne Lieder!

I.

Kantate, dieser Aufruf zum Singen, hat eine bestimmte Ausrichtung, einen beschreibbaren Sinngehalt, ja einen Beweggrund. „Cantate Domi-no“, singt dem HERRN, singt GOTT! Öffnet ihm eure Herzen, lasst es in euch klingen. Wir singen heute Lieder der Dankbarkeit. Wir danken für die Begegnungen nach vielleicht vielen Jahren, während derer sich nicht wenige aus den Augen verloren haben. Mit unserer Dankbarkeit klingt etwas Gutes an. Ich darf miteinstimmen in diesen Dank, darf mich hineinnehmen lassen und sogar davon tragen lassen, wenn es mir nicht zum Singen zumute ist.

Singt Gott ein neues Lied! Das ist ein Aufruf. Wenn es uns zum Singen und Musizieren zumute ist, braucht uns niemand dazu aufrufen. Aber hier höre ich eine Besonderheit in diesem alten Gebet. Es ruft mich auf zu singen, ganz gleich in welcher Situation ich bin, egal ob es mir gut oder schlecht geht. Ein neues Lied soll ich singen.

Aber was ist dieses neue Lied? Man könnte zunächst antworten: nicht nur die alten Lieder singen, sondern immer mal ein neues Lied! Die alten Kirchenlieder waren auch einmal neu! Das alte Gebet greift noch etwas tiefer: Ein neues Lied singen heißt das alte Lied zurücklassen, vergangen sein lassen. Hier bekommen diese Worte vom neuen Lied eine ganz starke übertragene Bedeutung. Das alte Lied in meinem Leben – kann es sein, dass ich nur zurückschaue und vor lauter Zurückschauen gar nicht mehr den Weg vor mir sehe?

Das neue Lied will mich einen Schritt weiterbringen. Es ist ein Lied der Hoffnung. Muss nicht – so frage ich Sie, die Jubilarinnen und Jubilare, immer wieder ein neues Lied angestimmt, ein neuer Ton angeschlagen werden? Denn jeder Tag und jeder Lebensabschnitt hat doch seine eigene Melodie, seinen eigenen Ton. Das alte und das neue Lied – sie wechseln einander ab.

II.

Heute an diesem Sonntag der Kirchenmusik werden wir besonders aufgerufen, Gott zu singen, ihm zu musizieren. Dabei dürfen wir auch zurückschauen, uns an die Tage und Lebensabschnitte erinnern, die von einer guten Melodie, von guten Tönen geprägt waren. Schön, wenn wir darüber einander erzählen können! Wie war das in der Kindheit? Wie klang damals unsere Lebensmelodie – und später in der Zeit der Jugend, des sich Abgrenzens von Autoritäten, in der Zeit der ersten Liebe, der Vorbereitung und Praxis des beruflichen Lebens und das einer eigenen Familie? Wieviel Anlass gibt es, dankbar zu singen, sich an die guten Melodien im Leben zu erinnern!

In diesem Leben haben auch die dissonannten Töne einen Platz – ob wir sie wollen oder nicht, sie kommen. Schwierige und traurige Lebenssituationen bleiben niemandem erspart. Aber kein Lebensabschnitt, kein einziger Tag ist vor Gott verloren. Die verschie-denen Melodien suchen einander, und sie ergeben am Ende ein Ganzes, einen vollen Klang.

Singt GOTT ein neues Lied! Von sich aus kann kein Mensch diesem Aufruf folgen. Warum konnten es die Menschen damals? Die Antwort hören wir am Anfang des Psalmes:

Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder. Er schafft Heil mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm. Der HERR lässt sein Heil kundwerden; vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar. Er gedenkt an seine Gnade und Treue für das Haus Israel, aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes (Verse 1-3). – Dieser alte Lobgesang blickt zurück auf die Erret-tung des Volkes Israels aus der babylonischen Gefangenschaft. Wenn wir heute in dieses Lied einstimmen, blicken auch wir zurück auf Zeiten der Gefangenschaft. Nicht wenige der älteren Männer unter uns haben Gefangenschaft im eigentlichen Sinn durch den Krieg erlebt. Viele werden im übertragenen Sinn auf Zeiten innerer Gefangenschaften zurückblicken.

Hören wir jetzt einmal den Psalm in einer neueren Übertragung, wie er im Gesangbuch steht (EG 287):

Singet dem Herrn ein neues Lied (Lied erklingt durch die Orgel):
Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder. Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder. Er sieget mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm; der Herr lässt sein Heil verkündigen, er offenbart seine Gerechtigkeit.

Du meinst Gott sei sehr verborgen, seine Macht sei klein und gering? Gott sähe nicht das, was dich bedrückt ? Sieh auf dein Leben, er hat dich bewahrt !

Du kennst oftmals deinen Weg nicht und du weißt nicht recht, was du sollst; doch da schickt dir Gott die Hilfe zu: den einen Menschen, der dich gut versteht.

Du musst nur zu sehen lernen, wie er dich so väterlich führt; auch heute gibt er dir seine Hand, so greif doch zu und schlage sie nicht aus !

Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder. Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.

III.

Was ist heute deine Lebensmelodie? Die Frage muss noch etwas anders gestellt werden: Was waren Deine Lebensmelodien bis zu diesem Tag? Was ist deine Melodie heute? Auf welchen Ton bist du gestimmt? Was hat dich bis heute getragen? Was ist dein Lied der Hoffnung und der Freude?

Wir müssen es, liebe Gemeinde – Gott sei Dank – nicht erfinden. Seine Inhalte sind schon vielfältig in Worte gefasst: Gott hat sein Heil kund werden lassen in der Geschichte des Volkes Israel und mit der Geburt Jesu von Nazareth. Mit seinen Worten haben wir heute den Trost des Evangeliums gehört: In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

Das gibt Grund, die gute Lebensmelodie, das neue Lied, immer wieder zu suchen. Trotz allem, was dagegen sprechen will: Die Grundmelodie des neuen Liedes der Hoffnung und der Freude klingt in dem ermutigenden Namen dieser Kirche an (in der Sie, liebe Jubilarinnen und Jubilare vor 50, 60, 65 und 70 Jahren konfirmiert wurden). Providenz, dieser aus der biblischen Geschichte von Abraham und Isaak stammende Name, umschreibt, was einst Abraham auf dem schweren Weg mit seinem Sohn Isaak kaum zu glauben wagte: Gott wird sorgen – auch für dich! Darum: Cantate Domino canticum novum – Singet dem HERRN ein neues Lied! Amen.

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