Eine komplizierte Familie

Die Geschichte vom Vater mit den beiden Söhnen

Predigttext: Lukas 15, 11-32
Kirche / Ort: Evangelische Kirche / Heddesheim
Datum: 06.07.2003
Kirchenjahr: 3. Sonntag nach Trinitatis
Autor/in: Pfarrer Dr. Konrad Fischer

Predigttext: Lukas 15,1-2.11-32 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 1984)

1 Es nahten sich ihm aber allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. 2 Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und ißt mit ihnen. 11 Und er sprach: Ein Mensch hatte zwei Söhne. 12 Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie. 13 Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen. 14 Als er nun all das Seine verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land, und er fing an zu darben 15 und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. 16 Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm. 17 Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! 18 Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. 19 Ich bin hinfort nicht mehr wert, daß ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner! 20 Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küßte ihn. 21 Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, daß ich dein Sohn heiße. 22 Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße 23 und bringt das gemästete Kalb und schlachtet's; laßt uns essen und fröhlich sein! 24 Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein. 25 Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen 26 und rief zu sich einen der Knechte, und fragte, was das wäre. 27 Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat. 28 Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn. 29 Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, daß ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre. 30 Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verpraßt hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet. 31 Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist dein. 32 Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.

Vorbemerkung

Erfahrungshintergrund ist eine Kirchengemeinderatstagung zum Thema "Nachgehende Seelsorge an Ausgetretenen". Die einführende Bibelarbeit zu der Geschichte vom verlorenen Sohn (welche ich seither grundsätzlich als Geschichte "Vom Vater mit den beiden Söhnen" bezeichne), weckte bei den Tagungsteilnehmern eine hohe Sensibilität für das komplizierte Beziehungsgeflecht zwischen den handelnden Personen, in welchem zugleich familiäre Beziehungsprobleme, Beziehungsprobleme zwischen aktiver Stammgemeinde und Gelegenheitsgemeinde sowie die Spannung zwischen traditionellem korporativem Gemeindekonzept und zielorientierten Konzepten von Kirchenmarketing reflektiert wurden. Systematischer Hintergrund sind Erwägungen, den Text christologisch resp. trinitätstheologisch zu interpretieren. Rembrandt, Rückkehr des verlorenen Sohnes ( forgiveness70x7.tripod.com/id4.htm - Das Bild ist über google / Bilder noch an anderen Stellen im Netz zu finden.)

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Familienerfahrung

Der Jüngere ein Luftikus und Liederjan, am Ende reumütig; der Vater von umarmender, aber zugleich auch etwas überstürzter Großherzigkeit, der Große anrührend in seiner Verletztheit – fürwahr, es ist eine komplizierte Familiengeschichte, die Jesus uns hier erzählt.

Nun ist das, Ihr Lieben, allerdings ein außerordentlich ehrwürdiger Text, und großartige Auslegungen könnte ich Ihnen dazu anbieten. Könnte ich – wenn nur damals mein Bruder nicht immer so gekränkt gewesen wäre, wenn ich, als Student früh auswärts und also von fern her kommend, in das Sichtfeld unserer Mutter trat. Er, der Ältere, hatte, wie es bei daheim bleibenden Kindern im Erwachsenenalter nicht selten der Fall ist, Zuständigkeit übernommen, Zuständigkeit für Mutters Alltag, für ihre seelische Balance, für die erforderlichen Handreichungen, für die Sozialbeziehungen in Verwandtschaft und Bekanntschaft, später denn auch, als sie nicht mehr so gut bei Kräften war, für den geregelten Tageslauf und die Organisation der Pflege – er war gewissermaßen der Alltagssohn vor ihrem Alltagsgesicht.

Wenn aber ich von fern her anreiste, geschahen wundersame Wandlungen. Dann fielen bei der Mutter augenblicklich alle Missgelauntheiten ab. Dann erblühte sie in Liebenswürdigkeit. Dann strotzte sie vor Kraft. Dann wurde das beste Geschirr aufgedeckt, das beste Fleisch eingekauft, der teuerste Kaffee gebrüht, der beste Kuchen gebacken. Kurzum, ob es mir passte oder nicht, ein Fest!

Mein Bruder nahm die Sache mit diszipliniertem Murren, ich glaube, er war froh, wenn ich wieder davon war, und wiederum nicht froh, denn jetzt musste er den vorverausgabten Kräfteverschleiß wieder auffangen, und was mehr, Ihr Lieben, soll ich Euch erzählen? So wird es in wie vielen Familien erlebt! Das ferne Kind ist immer das liebste, wer aber dicht dran und in der Verantwortung ist, es sei Tochter oder Sohn, der ist zuständig für die Banalitäten des Alltags. Wie also sollte sich der Ältere in unserer Geschichte nicht erzürnen?

Gegen den Strich

Und deshalb will ich diese Geschichte heute gegen den Strich ihrer großen Auslegungen lesen, finde also in dem Jüngeren keineswegs das Geschick unseres lieben Herrn Jesus auf geheimnisvolle Weise vorweg gemalt (obwohl, das gebe ich zu, die Geschichte voll ist von österlichem Sprach- und Gedankenmaterial, erst das Sich-Verschwenden, dann der Tod, dann das Leben in Herrlichkeit; und als der Junge sich aufmacht, um zu seinem Vater zu gehen, da benutzt der Evangelist Lukas bemerkenswerter Weise dieselben Worten, mit denen er später von der Auferstehung des Herrn berichten wird). Aber nein, so große Auslegung möchte ich Ihnen heute morgen nicht anbieten.

Anderseits: Es sind nach dem Bekenntnis der Christenheit Zweie, die vom Vater ausgehen. Einer davon nahm es nicht als einen Raub, dem Vater gleich zu sein, und erniedrigte sich selbst bis zum Tod, ja, bis zum Tod am Kreuz, dieweil der Andere beim Vater blieb, und erst, als es Abend geworden war, am Ende eines langen Emmaus-Tages, erst da trat er, pfingstlich gewissermaßen und unter mancherlei Auseinandersetzung, hinzu, und so könnte ich Ihnen diese große Geschichte auch als Geschichte von der spannungsreichen Lebendigkeit des dreifaltigen Gottes anbieten: Wie denn der eben nicht einsam auf seinem himmlischen Thron sitzt, sondern ist, umgeben von dienenden Engeln (vgl. Vs 10), lauter Wort und Gespräch, ein Herz voller Überschwang und Erbarmen, kein Rationalist der himmlischen Herrschaft, sondern harrend, liebend, werbend und keineswegs auf platte Weise allmächtig, wie das eine metaphysisch erstarrte Denkweise lange gedacht hat. –

Aber nein, Ihr Lieben, so will ich diese Geschichte auch nicht lesen, will lieber hier auf der Erde bleiben, kleine Brötchen in den Alltagsgeschäften unseres Lebens. Was ist da eigentlich geschehen? Und wie geht das aus? Und wo befinden wir uns in und vor dieser Geschichte?

Der Jüngere

Schauen wir also zuerst auf den Jüngsten. Natürlich hat er es richtig gemacht, als er sich entschloss, wieder nach Hause zu gehen. Jeder Mensch soll wieder nach Hause gehen, wenn er merkt, dass er sich vertan und verlaufen hat. Gott wartet. Gott wartet immer! Und falsch ist die Regel, nach welcher, wer A sagt, hernach auch das B auf sich nehmen müsse. Hätten wir Menschen auf jeden Fall die Konsequenzen unseres Handelns zu tragen, all der Fehler, die wir gemacht haben, all die Fehlentscheidungen, die wir getroffen haben, all die Selbstüberschätzungen, denen wir erlegen sind, all die Besserwisserei, mit der wir uns und anderen was vorgemacht haben – keiner von uns, und wenn nicht Sie, dann jedenfalls ich: ich kriegte keinen Atemzug Luft mehr.

Aber nun ist zum Glück und Gott sei Dank einer da, der rechnet mir das nicht zu, der freut sich einfach bloß, dass ich komme und dass ich ihm zutraue, mein Helfer zu sein. Und also lade ich Euch alle ein: Fackelt nicht lange vor Eurem eigenen schlechten Gewissen und geniert euch nicht, Gott anzusprechen, wenn es Zeit ist. Was ich übrigens mehr zum Fenster ‘raus sage. Draußen, bei diesem und jenem Gespräch, da konfrontiere ich gelegentlich meine Gesprächspartner mit der unvermittelten Frage: “Beten Sie manchmal?” Das ruft dann nicht selten eine zögernde Verlegenheit hervor: “Ja, manchmal, wenn es mir nicht so gut geht. Aber dann kriege ich gleich ein schlechtes Gewissen, weil ich ja sonst auch nicht bete.” Ach was, sage ich, lass dich nicht hindern und lass dich nicht hemmen. Es freut deinen Gott auf jeden Fall!

Der Ältere

Und der Ältere. Natürlich hat er ein Recht, gekränkt zu sein. Ich sage das jetzt mal ganz konkret: Wo eine Schwester ist oder ein Bruder und ist aber weit weg und erfreut sich der Liebe seiner Eltern, so soll es dem sorgenden Geschwister Ehre erweisen und ihm mit Achtung begegnen. Und soll verstehen, dass überraschende Besuche manchmal für geschwisterlichen Unmut sorgen.

Ich finde, die Sorgenden haben ein Recht darauf, dass wir Entfernten das sehen und verstehen. – Und ich wende das jetzt auch auf unsere Gemeinde, auch auf uns, die Pfarrersleute. Wenn eines neu dazu kommt, so ist allenthalben überschwängliche, liebevolle, einladende Aufmerksamkeit. Missionarische Kirche, Neuzuzieherseelsorge, werbende Zuwendung zu Ausgetretenen. Recht so! Aber geschieht es nicht auch, dass die diejenigen, die über Jahre und Jahrzehnte in selbstverständlicher Zugehörigkeit das Gemeindeleben tragen, darüber manchmal zu kurz kommen? Und kaum hat eines ein Amt in der Gemeinde aufgeben müssen, so ist es weg und raus und vergessen?

Und wie ist es – lassen Sie mich das ganz vorsichtig ansprechen – im großen weltweiten Rund der Christenfamilie? Gibt es da nicht auch Jüngere und Ältere? Und tun die Jüngeren wirklich gut daran, die Liebe des Vaters, nicht rechts geschaut, nicht links geschaut, ganz selbstverständlich für sich einzubuchen? Hätte nicht vielmehr der Jüngere, dieser gerettete Ur-Ur-Enkel Kains: hätte der nicht die Pflicht gehabt, den Vater aufmerksam zu machen: “Wo ist mein Bruder? Komm, bitte, ruf ihn sofort vom Feld. Ich möchte ihn begrüßen.” Und was also haben wir, Ihr Lieben, in der Vergangenheit an unseren römisch-katholischen, und was haben wir an unseren jüdischen Glaubensgeschwistern versäumt?

Der Vater

Jetzt aber der Vater! Nein, an seiner Leidenschaft für seine Kinder, Kleine wie Große, besteht kein Zweifel. Nur aber: An den daheimgebliebenen Bruder kein Wort, kein Bote hinaus aufs Feld, keine Sabbatruhe auf diesen festlichen Tag. Warum muss der Ältere das indirekt erst, von Dritten sozusagen, erfahren? Meinesteils sage ich dazu: Wir Christenleute sind ja in den unterschiedlichsten Widerfahrnissen unseres Lebens keineswegs dagegen gefeit, im Überschwang unserer Begeisterungen auch die Fehler der Liebe zu tun. Dann gehen wir vor lauter Gut-Wollen pfeilschnell an den Bedürfnissen unserer Lieben vorüber. Also soll jeder seine Gekränktheit auch aussprechen! Und wir sind gelegentlich auch keineswegs dagegen gefeit, uns vor Gott zu kurz gekommen und übersehen zu fühlen. Das kann in den Stunden der persönlichen Frustration geschehen, das verschärft sich, wenn Misslingen, Krankheit und Unglück uns heimsuchen. Gott, das sage ich jetzt ganz massiv, will in solchen Zeiten auf seine Verantwortlichkeiten behaftet sein. Und wenn ich es nicht tue, weil mir vor lauter Last der Himmel zu schwer geworden ist, dann übernehmen andere das für mich. Das ist der Sinn von fürbittender Gemeinde. Er wäre nicht Gott, wenn er’s nicht hörte; und wir wären nicht seine Kinder, wenn wir ihm das nicht zumuteten. Und aber nun genau da, wo sich ein Herz in seinen Verletztheiten und Bitterkeiten öffnet und macht Gott zum direkten Gesprächspartner seiner Verständnislosigkeit: gerade dort antwortet Gott mit diesem verständnisinnigen, seufzenden, liebevollen, ruhig strömenden Wort: mein Kind!

Eine glückliche Familie

Wir wissen übrigens nicht, wie die Geschichte weiter gegangen ist. Jesus bleibt uns den Ausgang schuldig. Es liegt an uns, sie zu Ende zu erzählen. Also liegt es an uns, hinauszulaufen, den Älteren zu begrüßen. Es liegt an uns, hineinzugehen, den Jüngeren zu umarmen. Es liegt an uns, achtsam zu sein, das eine auf das andere. Es hängt an uns, ob diese Familie wirklich glücklich wird. Also tun wir das Unsere.

Amen.

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