„Warum wollte ich denn zweifeln oder sorgen?“

Eine Predigt von Martin Luther mit einem Nachwort von Heinz Janssen

Predigttext: Johannes 6, 1-15
Kirche / Ort:
Datum:
Kirchenjahr: 7. Sonntag nach Trinitatis
Autor/in: Martin Luther
Predigttext: Johannes 6,1-15 1 Danach fuhr Jesus weg über das Galiläische Meer, daran die Stadt Tiberias liegt. 2 Und es zog ihm viel Volks nach, darum dass sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat. 3 Jesus aber ging hinauf auf den Berg und setzte sich daselbst mit seinen Jüngern. 4 Es war aber nahe Ostern, der Juden Fest. 5 Da hob Jesus seine Augen auf und sieht, dass viel Volks zu ihm kommt, und spricht zu Philippus: Wo kaufen wir Brot, dass diese essen? 6 Das sagte er aber, ihn zu prüfen; denn er wusste wohl, was er tun wollte. 7 Philippus antwortete ihm: Für zweihundert Silbergroschen Brot ist nicht genug unter sie, dass ein jeglicher ein wenig nehme. 8 Spricht zu ihm einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus: 9 Es ist ein Knabe hier, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; aber was ist das unter so viele? 10 Jesus aber sprach: Schaffet, dass sich das Volk lagere. Es war aber viel Gras an dem Ort. Da lagerten sich bei fünftausend Mann. 11 Jesus aber nahm die Brote, dankte und gab sie denen, die sich gelagert hatten; desgleichen auch von den Fischen, wieviel sie wollten. 12 Da sie aber satt waren, sprach er zu seinen Jüngern: Sammelt die übrigen Brocken, dass nichts umkomme. 13 Da sammelten sie und füllten von den fünf Gerstenbroten zwölf Körbe mit Brocken, die übrigblieben denen, die gespeist worden. 14 Da nun die Menschen das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: Das ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll. 15 Da Jesus nun merkte, dass sie kommen würden und ihn greifen, damit sie ihn zum König machten, entwich er abermals auf den Berg, er selbst allein. (Predigt aus: Luther Deutsch, Bd. 8, Die Predigten, hg. v. Kurt Aland, 2. Aufl., Stuttgart 1965, S. 146-150. – Überschrift und Zwischenüberschriften von Heinz Janssen, redaktion@predigtforum.de)

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Dies Wunderwerk, da unser lieber Herr Jesus Christus mit fünf Gerstenbroten und zwei Fischen fünftausend Mann in der Wüste gespeist hat, ist uns vorgeschrieben, dass man es in der Christenheit für und für predigen, hören, fassen und lernen solle.

I.

Gott vertrauen lernen contra Reichtum und Armut, die Gottes Wort und den Glauben hindern

Die Ursache, warum man es vorgeschrieben hat, ist nämlich, dass wir Gott vertrauen sollen, dass er uns ernähren wolle. Denn kein Ding in der Welt hindert den Glauben so sehr wie Mammon oder Reichtum auf einer Seite und Armut auf der andern Seite.

Wer reich ist und etwas hat, der schlägt Gottes Wort in den Wind und läuft mit Füßen darüber, wie das Evangelium von denen berichtet, die zum großen Abendmahl geladen sind und wegen ihres Ackers, Ochsen, Weib usw. nicht kommen können, Luk. 14, 15 ff.

Wer arm ist, der tut alles, was dem Teufel und der Welt gefällt, auf dass er sich der Armut erwehre.

So gehts nirgends recht zu, weder zur Rechten noch zur Linken. Die Reichen verachten Gott, meinen, sie bedürfen Gottes und seines Worts nicht. Die Armen sagen: Wie kann ich mich des Worts annehmen, dem gehorsam sein und folgen? Ich bin arm, ich. muss zu essen und zu trinken haben; wer etwas von den Menschen haben will, der muss süß reden und tun, was sie wollen, ob er schon nicht gern will. Da werden denn Huren, Buben und gottlose Menschen draus, die alles tun, was die Menschen wollen, so dass also Reichtum zur Rechten und Armut zur Linken Gottes Wort und den Glauben immerdar hindern.

Wider diese zwei Stücke, welche auf beiden Seiten verhindern, dass es recht zugeht, predigt hier der Herr und macht einen Mittelweg, nämlich, weder zu reich noch zu arm sein, sondern Gott zu vertrauen lernen, dass er uns ernähren werde, und sich an dem genügen lassen, was Gott täglich beschert.

Bist du nicht reich, so sollst du gleichwohl nicht darben noch Not leiden. Gott will dir so viel zu essen schaffen wie ein König zu essen hat, der nicht mehr hat als ein Christ. Denn was kann ein König mehr, ob er schon ein groß Königreich hat, als essen, trinken, sich kleiden, warme Stube und Bett haben? Er wird weder allen Wein, der im Lande wächst, allein austrinken noch alles Geld allein verzehren. Wenn er stirbt, so bringt er nichts mehr davon, als dass er davon gegessen und getrunken hat. Das soll ein jeglicher Christ auch haben: obschon er nicht soviel hat wie ein König, bringt er doch so viel davon wie ein König.

Darum will unser lieber Herr Christus mit diesem Wunderwerk seinen Jüngern und Christen so viel predigen und sagen: Ihr dürft nicht sorgen noch nach großem Gut trachten, es soll euch wohl zufallen, wessen ihr bedürft. Glaubt nur, dass euer himmlischer Vater euch ernähren werde. Und auf dass ihr glauben könnet, sehet, was ich euch hier vor die Augen stelle. Ich bin auch arm und habe nichts. Da sind zweiundsiebzig Jünger und zwölf Apostel und haben nicht mehr an Speise als fünf Brote und zwei Fische. Über das sind jetzt bei mir fünftausend Mann, und ein großer Teil davon Weiber und Kinder; die wollen alle gern essen.

Nun sehet, ob ich schon arm bin, nur fünf Brote und zwei Fische habe, und kein Brot hier in der Wüste feil ist, so dass ich mehr kaufen könnte, dennoch soll mir so viel daran gelegen sein, dass ich sie alle speisen will, und so speisen, dass viermal soviel übrig bleiben soll, als jetzt vorhanden ist. So will der Herr uns predigen.

Zum Umgang mit der Bibelgeschichte – Den Glauben üben und stärken

Da ists nun allein darum zu tun, dass man solches lerne und erfasse. Denn in Armut und Mangel beginnen die Leute mit sich selbst zu disputieren und zu sagen: Ich habe nur ein, zwei, fünf oder zehn Gulden, nur ein Faß Bier, soviel Scheffel Korn wenn das alle ist, so ists aus, da ist nicht mehr. Wenn solche Gedanken kommen, soll man an dies Wunderwerk denken und sagen: Was ists denn weiter? Ich habe viel oder wenig, so will ich glauben, Gott werde mich ernähren und tun, was ihm wohl gefällt, und ihn sorgen lassen, wo ich mehr nehme. Denn ich habe das Evangelium predigen hören, dass Christus mit fünf Broten und zwei Fischen fünftausend Mann in der Wüste gespeist hat. Warum wollte ich denn zweifeln oder sorgen?

So sollen wir diese Geschichte brauchen, den Glauben zu üben und zu stärken. Denn sie ist uns nicht deshalb vorgeschrieben, dass man sie allein lese (solches kann der Teufel auch wohl), sondern dass sie uns erinnere und erwecke, auf dass wir glauben und sagen: Was Christus dazumal in der Wüste getan hat, das kann und will er noch heute tun. Wenn ich ihm nur vertraue, so soll ich zu essen haben: ists nicht ein Überfluß, so soll es das Notwendigste sein.

II.

Wider die Verschwendung der Gaben Gottes

Das andere Stück in diesem Evangelium ist, dass unser lieber Herr Christus auffordert, die übrigen Brocken zu sammeln, damit nichts umkomme. Das ist auch eine nötige Lehre. Denn so gehts: wenn Gott wenig gibt, so wollen die Menschen verzweifeln und sorgen sich, sie müssen Hungers sterben. Wenn er vollauf gibt, so werden sie ruchlos und verachten Gottes Segen. Sowenig unser Herrgott nun das Zagen und Sorgen will, sowenig will er auch das Verschwenden. Sondern er will, dass man die Mittelstraße gehe, dass, man ihm vertraue und das übrige in Vorrat halte. Wenn etwas wohlfeil ist, sagt man, so soll man es schon aufheben.

Das soll man nicht allein vom Brot verstehen, sondern auch von allen andern Gaben Gottes, sie seien leiblich oder geistlich. Heutigen Tages geht Gottes Wort im Schwang, und alle Künste blühen. Wie man aber Gott dafür dankt und es aufhebt, das sieht man vor Augen. Jedermann verachtet beides, Gottes Wort und gute Künste, und läuft mit Füßen darüber.

Wer aber klug wäre, der sollte es sammeln und aufheben, solange ers hat, auf dass ers finden könnte, wenn er dessen bedürfen würde. Denn Gott will nicht allezeit neu Brot schaffen, wenn man das übrige umkommen läßt. Sondern er will, dass man aufhebe, was er geschaffen und gegeben hat.

„Schauet, dass ihr Körbe seid und es sammelt“

Die heilige Schrift liegt heute allenthalben wie Brocken, welche die Hunde schier nicht fressen mögen. Ihr jungen Leute, schauet, dass ihr Körbe seid und es sammelt. Denn es wird die Zeit kommen, dass man gern ein einzig Blatt von dem haben wollte, wovon man jetzt eine ganze Bücherei voll hat. Und nach dieser wohlfeilen Zeit wird solche Teuerung kommen, dass man gern eine einzige Predigt haben wollte, da man jetzt hundert Predigten hat.

Wenn unser Herrgott gibt, so gibt er reichlich, dass es im Überfluß da ist. Umgekehrt: wenn er wegnimmt, so nimmt ers so ganz hinweg, dass nicht ein Körnlein übrig bleibt. Darum heißts: »Sammelt die übrigen Brocken, dass nichts umkomme«. Ein guter Hausvater soll aufheben und Vorrat halten, damit nichts umkomme. Im weltlichen Regiment soll ein guter Regent nichts verschleudern; wie Joseph in Ägypten das Korn die sieben reichen Jahre hindurch aufschüttete, auf dass er für die sieben teuren Jahre hätte. So soll ein fleißiger Schüler auch in der Schule lernen, weil die Kunst nach Brot geht.

Carpe diem und sparsames Haushalten

In der Kirche soll man das Evangelium hören und lernen, solange das Licht scheint, Joh. 12,35. In Summa, man brauche die Zeit, ehe sie weggeht. Wenn die Zeit vorüber ist, so sehe man, wie man wieder kriege, was man versäumt hat. Wenn Gott einmal Brot gegeben hat, so denke man daran und gehe sparsam damit um. Er will nicht immerdar neu Brot geben, sondern will, dass du, was übrig ist, aufhebst. Wenn du aber das Brot, das vorhanden ist, verachten und verschwenden willst, so magst du auch darben, wenn die Zeit kommt, dass du es bedarfst.

(Aus: Luther Deutsch, Bd. 8, Die Predigten, hg. v. Kurt Aland, 2. Aufl., Stuttgart 1965, S. 146-150. – Überschrift und Zwischenüberschriften von Heinz Janssen, redaktion@predigtforum.de)

Nachgedacht – Zu Martin Luthers Predigt über
Johannes 6,1-15 von Heinz Janssen

Martin Luther schrieb die Predigt über die wunderbare Speisung der Fünftausend, Johannes 6,1-15, ursprünglich zum Sonntag Laetare. Diese frühere Zuordnung legt sich aus dem Text nahe, da dort von der Zeit „nahe vor Ostern/Päsach“ die Rede ist.

I.

Die Predigt umfasst zwei dem Bibeltext entsprechenden Hauptteile. Im ersten Teil (I) entfaltet Martin Luther die Bedeutung des Speisungswunders: Es geht um das Gottvertrauen, das durch diese Bibelgeschichte gelernt, eingeübt und gestärkt werden soll, das Vertrauen, dass Gott uns ernährt und versorgt mit allem, was wir zum Leben brauchen.

Reichtum und Armut sind nach Martin Luther in gleicher Weise die Gefahren, die das Wort Gottes und den Glauben hindern: „Die Reichen verachten Gott, meinen, sie bedürfen Gottes und seines Worts nicht. Die Armen sagen: Wie kann ich mich des Worts annehmen, dem gehorsam sein und folgen? Ich bin arm, ich. muss zu essen und zu trinken haben…“ Jesus – so Martin Luther – zeigt einen „Mittelweg“, dieser bedeutet, „weder zu reich noch zu arm (zu) sein, sondern Gott zu vertrauen lernen, dass er uns ernähren werde, und sich an dem genügen (zu) lassen, was Gott täglich beschert“.

Die Erinnerung an die Bibelgeschichte (eine Form von Meditation, des sich Aneignens des Wortes Gottes!) und das darin beschriebene „Wunderwerk“ Jesu soll allen Zweifel überwinden, wenn wir meinen, nicht genug zum Leben zu haben. „Wenn solche Gedanken kommen, soll man an dies Wunderwerk denken und sagen: Was ists denn weiter? Ich habe viel oder wenig, so will ich glauben, Gott werde mich ernähren und tun, was ihm wohl gefällt, und ihn sorgen lassen, wo ich mehr nehme. Denn ich habe das Evangelium predigen hören, dass Christus mit fünf Broten und zwei Fischen fünftausend Mann in der Wüste gespeist hat. Warum wollte ich denn zweifeln oder sorgen? So sollen wir diese Geschichte brauchen, den Glauben zu üben und zu stärken…Was Christus dazumal in der Wüste getan hat, das kann und will er noch heute tun.“

II.

Im Zentrum des zweiten Teils steht die Auslegung der Aufforderung Jesu an seine Jünger: „Sammelt die übrigen Brocken, dass nichts umkomme“. Es ist ein Aufruf gegen die Verschwendung und zu sparsamem Haushalten. Martin Luther erinnert zur Veranschaulichung an die biblische Geschichte von Josef, wie er in den sieben fruchtbaren Jahren für Vorrat sorgte, dass das Volk sich auch in Zeiten der Not ernähren konnte.

Die Aufforderung versteht Martin Luther auch im weiteren Sinn; es geht um den achtsamen Umgang mit allen leiblichen und geistlichen Gaben Gottes. Der Prediger erwähnt als eines der Beispiele die besondere Gabe der Heiligen Schrift: „Die heilige Schrift liegt heute allenthalben wie Brocke, welche die Hunde schier nicht fressen mögen. Ihr jungen Leute, schauet, dass ihr Körbe seid und es sammelt“.

Im letzten Abschnitt der Predigt bringt Martin Luther die vielerlei Gaben Gottes mit der zeitlichen Dimension in Verbindung. Es gilt, die Zeit zu nutzen, „das Evangelium (zu) hören und (zu) lernen, solange das Licht scheint“ und: „Wenn Gott einmal Brot gegeben hat, so denke man daran und gehe sparsam damit um. Er will nicht immerdar neu Brot geben, sondern will, dass du, was übrig ist, aufhebst“.

Martin Luther hat es in seiner Predigt deutlich herausgearbeitet, dass das tägliche Brot alles umfasst, was wir zum Leben brauchen, dass es unsere Achtsamkeit braucht und unser Wissen, woher alle guten Gaben kommen, und nicht zuletzt unser Vertrauen, dass Gott für uns sorgt.

Heinz Janssen
redaktion@predigtforum.de

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