Lass dir an meiner Gnade genügen

Ein mächtiger Satz aus einem ungewöhnlichen Kapitel

Predigttext: 2.Korinther 12,1-10
Kirche / Ort: Marienkapelle, 32427 Minden-Mahlen
Datum: 19.02.2006
Kirchenjahr: Sexagesimae (60 Tage vor Ostern)
Autor/in: Pfarrer Hartmut Frische

Predigttext: 2.Korinther 12,1-10 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 1984)

Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn. (2) Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren – ist er im Leib gewesen? Ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? Ich weiß es auch nicht; Gott weiß es – da wurde der selbe entrückt bis in den dritten Himmel. (3) Und ich kenne denselben Menschen – ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht, Gott weiß es -, (4) der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann. (5) Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich selbst nicht rühmen, außer meiner Schwachheit. (6) Und wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich nicht töricht; denn ich würde die Wahrheit sagen: Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört. (7) Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. (8) seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche. (9) Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne. (10) Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.

Homiletische Bemerkungen

Die Predigt wird in einem Abendmahlsgottesdienst gehalten. Dieser Gottesdienst findet in einer 503 Jahre alten Dorfkapelle statt. In dieser Kapelle versammelt sich Sonntag für Sonntag die Gemeinde im Dorf. Eine Stunde später beginnt im zwei Kilometer entfernten Gemeindehaus der „etwas andere Gottesdienst“ in neuerer Gestalt, der vor allem von jüngeren Menschen besucht und gestaltet wird. Der vorgeschlagene Predigttext ist ein komplexer Text des Apostels Paulus. Eigentlich ist ein gründliches Bibelgespräch nötig, damit man den Konflikt des Apostels mit seinen Gegnern in Korinth verstehen kann. Das in der Predigt nachzuholen, ist unmöglich. Deshalb soll in dieser Predigt von dem bekannten Herrenwort V.9 ausgegangen werden. Nach dem Kirchenjahr bereitet sich die Gemeinde auf die Passionszeit vor. Dieser Text ist für diesen Sonntag ausgesucht, weil wir hier lernen können, wie sich das Leiden Christi in dem Leiden der Apostel und aller Christen fortsetzt. Jürgen Roloff schreibt: „Paulus verweist so die Korinther auf seine Leiden (2.Kor. 4,7-18), auf seine Schwachheit (2.Kor. 12,9f) und auf seine Geduld (2.Kor. 12,12). Er fordert die Gemeinden auf: ‚Werdet meine Nachahmer, so wie ich (Nachahmer) Christi bin’ (1.Kor. 11,1 vgl. 4,16; Phil. 3,17 1.Thess. 1,6)“ (Die Kirche im Neuen Testament, Grundrisse zum Neuen Testament, Bd. 10, Göttingen 1993) Deutlich müssen in der Predigt die Spannungen des Textes herausgearbeitet werden. Otto Michel schreibt: „Echt paulinisch ist das Nebeneinander von Offenbarung und Erniedrigung, die Entrückung in das Paradies und die Auslieferung an die Macht des Satans, echt paulinisch das Sichrühmen, das Offenbarung und Schwachheit gleichzeitig zum Gegenstand hat.“ (O.M., Der Christus des Paulus, 1933, in: Dienst am Wort, Gesammelte Aufsätze, hg. v. K. Haacker, Neukirchen-Vluyn 1986)

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Liebe Gemeinde!

Viele Jahre ist es her. Da kam es nach einer Evangelisationsveranstaltung zu einem kurzen Gespräch zwischen einer älteren Person und mir. Sie wirkte schrullig, und man merkte es ihr an, dass sie gesundheitliche und auch seelische Probleme hatte. Ich habe es nicht mehr behalten, wie unser Gespräch verlief und wieweit sie sich über ihre innere Not ausgesprochen hat. In Erinnerung aber ist mir, wie diese Person mit Nachdruck sagte: „In den Paulusbriefen steht der Satz: ‚Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.’ Dieser Satz gilt mir. Daran halte ich mich“. Jene Person hatte diesen einen Satz aus dem zweiten Korintherbrief für sich gehört, zu Herzen genommen und lebte damit, zumindest klammerte sie sich daran.

Es ist ein mächtiger Satz aus einem ungewöhnlichen Kapitel der Briefe des Apostels Paulus. Von A bis Z redet Paulus von sich persönlich. Hier erzählt Paulus von einem ganz intimen Gebet. Und er berichtet, wie Christus ihm persönlich geantwortet hat. „Lass dir an meiner Gnade genügen“. Das ist einer der wenigen Sätze, die der mit seinem Vater im Himmel regierende Christus direkt zu einem Menschen gesagt hat. Es ist in seiner Art ein einzigartiges Wort im Neuen Testament.

Dieses Wort von der Gnade ist alles andere als das spöttisch dahin geworfene Wort des Aufklärers Voltaire: „Vergeben – das ist sein Geschäft!“ Das macht der Gott der Christen und sein Sohn Christus immer.

Dabei stammt das Wort „Lass dir an meiner Gnade genügen…“ aus einer Zeit, in der Paulus in besonderer Weise beunruhigt und angefochten war. Er selbst hatte vor Jahren seine Gemeinde in der griechischen Hafenstadt Korinth gegründet und viele Monate dort verbracht. Zusammen mit seinen Mitarbeitern war er nach achtzehn Monaten weitergefahren. Er blieb mit seiner Gemeinde in Kontakt, betete für sie und hatte sie herzlich lieb. Aber dann traten in dieser Gemeinde Männer auf, die Paulus anfeindeten. Sie stellten ihn selbst und seine Arbeit als Apostel in Frage und warfen ihm vor: „Du hast uns nie geliebt“. (2.Kor. 11,11)

Paulus gerät unter Druck. Es muss für ihn eine sehr notvolle Situation gewesen sein. Er kann nicht mehr anders, als sehr persönlich zu reden. Diese Sätze aus seinem Brief brechen sozusagen aus ihm heraus. Paulus legt die tiefsten Wurzeln seiner Nachfolge Christi frei.

Die jüngere Generation singt gerne das Lied von Peter Strauch: „Kommt, atmet auf, ihr sollt leben. Ihr müsst nicht mehr verzweifeln, nicht länger mutlos sein. Gott hat uns seinen Sohn gegeben. Mit ihm kehrt neues Leben bei uns ein“. Die ältere Generation mag sich daran erinnern, wie Martin Luther im Kleinen Katechismus die Taufe erklärt hat: „Was bedeutet denn solch Wassertaufen? Es bedeutet, dass der alte Adam in uns durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten; und wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott ewiglich lebe“. Und dann zitiert Luther aus dem 6.Kapitel des Römerbriefes, wo von dem „mit Christus begraben“ und von dem „wie Christus auferweckt“ die Rede ist. Christsein heißt: den Sterbensweg Jesu mitgehen und mit Jesus an der Kraft der Auferweckung teilhaben (EG 855.4). Um beides geht es auch hier in unserem Predigttext.

Paulus überrascht seine Gemeinde in Korinth zunächst mit Darstellungen von ganz besonders schönen Erlebnissen, die Gott ihm geschenkt hat. Davon, dass er auf seinem Weg nach Damaskus eine Christuserscheinung vom Himmel her hatte, muss der Apostel öfter erzählt haben. So ist es in der Apostelgeschichte festgehalten. Das war seine Bekehrung. Da fing alles zwischen ihm und Christus an. Damit begründete er seinen Weg als Apostel.

Wie sich Gott ihm sonst noch offenbart hat, das hatte er für sich behalten. Er wollte sich nicht wegen seiner besonderen Gotteserfahrungen bewundern lassen. Aber jetzt packt er aus. Jetzt erzählte er von den Geheimnissen seines Lebens. Gott hat ihn in den Himmel entrückt und ihn das Paradies schauen lassen. Er hat da unglaublich tief die Nähe Gottes gespürt. Es war unwahrscheinlich schön. Gegenüber anderen, die sich mit ihren Glaubenserfahrungen brüsten, braucht er sich nicht als ein minderwertiger Christ zu fühlen.

Aber dann lenkt Paulus hinüber zu ganz anderen Erfahrungen, die ihm bis in die tiefste Seele zu schaffen machen. Seine Verfolgungen und Verhöhnungen auf seinem Weg als Apostel hat er mehrmals im Zweiten Korintherbrief ausführlich dargestellt. Jetzt spricht er ganz offen von „einem Pfahl im Fleisch“. Wir wissen es nicht genauer: Hatte er schmerzhafte Gallensteine oder Nierenkoliken, die ihn immer wieder schmerzten? Litt er unter Magengeschwüren? Oder an einem anderen körperlichen handicap? Hatte er psychosomatische Beschwerden, deren Ursachen nicht feststellbar waren? Ein Ausleger schreibt: „Wenn ein Mediziner als Gutachter herbeigerufen werden soll, müsste es ein Psychiater sein“.

Wie oft hatte er sich gefragt: Warum muss ich das erleiden? Weiß Gott nicht, dass mich dieses Leiden bei meinem Arbeiten als Apostel stört? Immer wieder kam ihm dann bei seinen großen Schmerzen die Schulderfahrung seines Lebens in den Sinn. Es war ihm vergeben worden. Aber vergessen konnte er es nicht, dass er einmal ein wütender Verfolger der jungen Gemeinde Jesu Christi war. Mit allem Hass, zu dem er fähig war, hatte er versucht, Christen nachzustellen, sie gefangen zu nehmen und in Jerusalem vor Gericht zu bringen. Einen richtigen Terror hatte er ausgeübt. Bis Christus selbst ihn anrief, nach ihm griff, sein ganzes Lebenskonzept und Denksystem zusammenbrechen ließ und ihn zu seinem Apostel machte.

Es war zum Zentrum seines Lebens und Denkens geworden, dass Jesus ihm vergeben hatte. Aber immer wenn sich die Schmerzen in seinem Inneren meldeten, und immer, wenn Menschen ihm ans Mark gehende Vorwürfe machten, rührte sich die Schuld seines Lebens. Dann spürte er, wie die Verzweiflung nach ihm griff. Es gab in seinem Leben diesen Pfahl im Fleisch.

Nun erzählt der Apostel Paulus, dass er dreimal im Gebet Jesus gebeten hat, diesen Pfahl, diesen Schmerz in seinem Inneren wegzunehmen. Nur hier spricht Paulus von einem Gebet, das aus einer ganz persönlichen Not heraus entstanden ist. Nirgendwo anders wird es so deutlich, dass auch Paulus ein Mensch aus Fleisch und Blut, ein sündiger Mensch mit seinen inneren Nöten, jemand mit dem alten Adam in sich war und blieb. Da ist er ganz einer von uns.

Dann schreibt Paulus auf, was Christus ihm auf seine Gebete hin gesagt hat. Es muss auch für ihn ungewöhnlich gewesen sein, dass Christus so direkt zu ihm sprach: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“. Paulus hört dieses Wort wie ein prophetisches Wort direkt von Christus selbst. Auch für dich gilt Gnade vor Recht. Du kannst dich ganz und gar auf meinen Gnadenzuspruch verlassen. Er ist eine rechtskräftige Zusage. Meine Liebe zu dir ist größer als die von innen und außen kommenden Anfeindungen in deinem Leben. Gerade dort, wo du die Schwäche und Hilflosigkeit in deinem Leben spürst, bin ich gegenwärtig und stehe dir zur Seite.

„Lass dir an meiner Gnade genügen!“ Du hast in deinem Leben große Schuld auf dich geladen. Aber du hast sie erkannt, bereut, und sie ist dir vergeben worden. Das gilt in alle Ewigkeit. Ja, es gibt noch den Verkläger am Thron Gottes. Aber ich bin dein Rechtsanwalt, der für dich eintritt. Im Abendmahl, wenn du dir Leib und Blut Christi geben lässt, kannst du meine Gnade und Freundlichkeit schmecken und sehen.

„Lass dir an meiner Gnade genügen!“ Du weißt doch um den hellen Schein, um die stille Freude an Gott in dir. Wenn es auch in deinem Körper nagt und wenn du auch von Menschen in die Enge getrieben wirst, dieser Schein aus der Ewigkeit hält an und leuchtet in dir weiter. Auf diesen hellen Schein in dir kommt alles an.

„Lass dir an meiner Gnade genügen!“ Meine Gnade, die dich zum Aufatmen bringt, ist nicht nur ein rechtskräftiger Zuspruch und ein heller Schein in dir, sondern sie ist auch eine alles umfassende Macht. Sie ist unscheinbar, und man kann sie übersehen. Aber sie ist größer als die quälende, polternde, zerstörerische Macht des Bösen. Gerade wo böse Mächte nach dir greifen, darfst du dich unter guten Mächten geborgen wissen. Dietrich Bonhoeffer hat in seinem Gedicht aus den letzten Tagen im Jahre 1944 von den guten Mächten gesprochen. Aber natürlich hat er auch um die bösen Mächte gewusst. Oft haben böse Mächte in unserem Leben ganz konkrete Namen. Wir können diese Namen sehr wohl benennen und dann sagen: Die Macht der Gnade Jesu ist größer.

Alle drei Punkte sind wichtig:

– Die Gnade ist ein rechtskräftig zugesprochener Freispruch.
– Die Gnade Gottes bewirkt den hellen Schein in uns (2.Kor.4,6). Und:
– Die Gnade bewirkt, dass wir aus dem Machtbereich der Sünde und des Todes hinüberwechseln in ihren eigenen Machtbereich, in die Freiheit Christi.

„Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“ Dann fährt Paulus fort: „Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf dass die Kraft Christi bei mir wohne“. Es klingt fast etwas trotzig. Dieses ganz persönliche Christuswort, dieser Zuspruch der Gnade war dem Paulus wichtiger als alle Erscheinungen und Entrückungen in den Himmel und in das Paradies. Er lebte von diesem Zuspruch der Gnade. An anderer Stelle schreibt Paulus: „Von Gottes Gnade bin ich, was ich bin“ (1.Kor. 15,10). Gottes Gnade allein triumphiert über alle Schwachheit. Jeder andere konnte und kann diesen Zuspruch hören und sich zu Herzen nehmen. Es gibt nichts wichtigeres, als ein begnadigter Sünder zu sein. An dem Leben des Apostels kann man das sehen; auch an dem Leben Martin Luthers; auch an dem Leben Dietrich Bonhoeffers und anderer Vorbilder im Glauben.

Ein erfahrener Seelsorger sagte mir einmal: Auch wenn Schuld benannt, bereut und in einem Beichtgespräch vergeben ist, bleibt oft ein Stachel. Martin Luther hat einmal gesagt: Der alte Adam soll ersäuft werden, „aber das Biest kann schwimmen“. Es taucht immer wieder auf. Andere sprechen davon, dass auch nach vergebener Schuld Narben bleiben, die man manchmal spürt. Mit solchen narben sieht man die Welt anders als ohne die Narben vorher. Selbst den von Gott auserwählten Apostel hat es sein Leben lang geschmerzt, dass er sich einmal so vor Gott schuldig gemacht hat. Aber er ist seinem Auftrag treu geblieben und hat der Gnade Gottes gelebt und die Gnade Gottes verkündigt bis zuletzt.

Amen.

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