Geläutertes Gold

Es bereitet richtig Schwierigkeiten, Dinge ohne Preis zu kalkulieren

Predigttext: Offenbarung 3,14-22
Kirche / Ort: 55288 Schornsheim/Udenheim
Datum: 22.11.2006
Kirchenjahr: Buß und Bettag
Autor/in: Pfarrer Kurt Rainer Klein
Predigttext: Offenbarung 3,14-22 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 1984) 14 Und dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: Das sagt, der Amen heißt, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes: 15 Ich kenne deine Werke, daß du weder kalt noch warm bist. Ach, daß du kalt oder warm wärest! 16 Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. 17 Du sprichst: Ich bin reich und habe genug und brauche nichts! und weißt nicht, daß du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß. 18 Ich rate dir, daß du Gold von mir kaufst, das im Feuer geläutert ist, damit du reich werdest, und weiße Kleider, damit du sie anziehst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest. 19 Welche ich lieb habe, die weise ich zurecht und züchtige ich. So sei nun eifrig und tue Buße! 20 Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir. 21 Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden habe und mich gesetzt habe mit meinem Vater auf seinen Thron. 22 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Hinführung zum Predigttext Apk 3,14-22 gibt das siebte und letzte Sendschreiben wieder. Es ist an die Gemeinde in Laodicea gerichtet, die vor Reichtum nur so strotzt. So konnte sie nach dem Erdbeben im Jahre 60 n. Chr. auf römische Hilfe und Unterstützung beim Wiederaufbau verzichten und auf ihre eigenen Kräfte aufbauen. Es spricht, "der Amen heißt, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes" (V. 14), der am Ende des Sendschreibens als "der Geist" bezeichnet wird (V. 22). So kommt zum Ausdruck, dass der erhöhte Christus in dem Heiligen Geist gegenwärtig ist. Viele Bilder werden gebraucht: "Warm, kalt, lau" weist auf eine heiße Quelle, von welcher der Geograph Strabo weiß, die oberhalb der Stadt in den Bergen entspringt und unten ankommend nur noch lauwarm aufgefangen wurde. Das "Ausspeien aus dem Munde" mag auf die Ungenießbarkeit des im Teich gesammelten, abgestandenen Quellwassers anspielen. "Arm, blind und bloß" bezieht sich auf das intensive Bankenwesen, die pharmazeutische Tabletten- und Salbenherstellung, die Textilverarbeitung der Schafswolle vor Ort. "Geläutertes Gold", "Augensalbe", "weiße Kleider" sind anlehnend an die Arbeitswelt der Laodiceer christliche Hoffnungsbilder. "Züchtigung" wird als Ausdruck göttlicher Liebe verstanden, die zur Buße führt. "Der vor der Tür stehende und an diese klopfende Christus" ist der Inbegriff spiritueller Gemeinschaft, die im Abendmahl seine Gegenwart und damit das Leben feiert. "Überwinden" heißt, die Welt und ihre Versprechungen, aber auch das Leiden um seines Glaubens willen hinter sich lassen. Vollendete Gemeinschaft mit Gott ("mit Christus auf dem Thron sitzen") ist der Lohn und das Ziel der Umkehr (Buße) zur "heißen Quelle" (begeisterter Glaube, feurige Hoffnung, glühende Liebe) und Abkehr von >Elend und Jämmerlichkeit< in Gestalt materiellen Reichtums (V. 17). Lieder: „Tut mir auf die schöne Pforte“ (EG 166) „Lass mich, o Herr, in allen Dingen“ (EG 414) „O dass doch bald ein Feuer brennte“ (EG 255)

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In einer Welt, in der alles zu haben ist, gehört es zur Würde des Menschen Geld zu haben. Denn nur wer Geld hat, kann sich etwas leisten. Und wer sich etwas leisten kann, hat Anteil an dem, was es in dieser Welt alles zu kaufen gibt. Darum ist es auch nicht verwunderlich, dass derjenige, der sich viel leisten kann, auf der Skala unserer Einschätzung ganz oben rangiert.

„Alles hat seinen Preis“

Wie sehr wir die Dinge des Lebens unter dem ökonomischen Gesichtspunkt betrachten, fällt uns vielleicht gar nicht so sehr auf. Deshalb nämlich, weil diese Betrachtungsweise allgemein zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Wir fragen zu allererst, was etwas kostet und nicht, was uns etwas wert ist. Wir stufen die Dinge danach ein, ob wir sie bezahlen können oder nicht. Wir rechnen aus, ob es sich finanziell für uns lohnt. In einer Zeit, in der die ökonomische Betrachtungsweise vorherrschend ist, gewinnt der Satz: “Was nichts kostet, ist nichts wert!” besondere Bedeutung. Es muss sozusagen alles seinen Preis haben, damit es auf unserer Werteskala angemessen eingeordnet werden und von uns richtig eingeschätzt werden kann. Es bereitet richtig Schwierigkeiten, Dinge ohne Preis zu kalkulieren.

Wer tut jemandem heutzutage noch einen Gefallen für ein “Gott vergelt’s”, fragen wir. Und das Ehrenamt, von dem viele Vereine leben, hat es schwer, wo nur zählt und Ansehen gewinnt, was angemessen bezahlt wird. Das ist gewiss nicht der einzige Grund, warum die ehrenamtliche Arbeit nachlässt. Aber in einer Gesellschaft, die sich über das Geld definiert und darüber Ansehen gebührend entlohnt, braucht es ein starkes Selbstbewusstsein, auf Geld verzichtend ehrenamtlich tätig zu sein. Nun ist unbestritten, dass wir Geld zum Lebensunterhalt brauchen. “Ohne Moos nix los!” beinhaltet diese Tatsache unzweifelhaft. Wir kennen Menschen, die am Existenzminimum leben und jeden Cent zweimal rumdrehen müssen, ehe sie ihn ausgeben. Ihnen wäre mehr Geld zu wünschen. Wir kennen aber auch den Manager, der Unsummen verdient, die in keinem Verhältnis zum Lebensbedarf stehen. Und wir tun uns schwer, angesichts unserer Arbeitslosenzahlen und Hartz IV solche Gehälter zu verstehen.

Geld ist nicht alles

Andererseits ist Geld nicht alles. So sehr es jedem zu wünschen wäre, dass er sich alles das kaufen könnte, was sein Herz begehrt, gibt es wiederum Vieles, was man mit Geld nicht kaufen kann: Die eigene Gesundheit ist nicht bezahlbar. Freundschaft kann sich keiner kaufen. Wahre Liebe ist nicht käuflich. Wohlerzogene Kinder gibt es nicht für Geld. Glauben und Hoffnung bieten kein Kaufhaus an. Geborgenheit und Zuversicht sind keine Handelsware, die man erwerben kann. Ewiges Leben ist Gott sei Dank nicht im Angebot. Das letzte der sieben Sendschreiben der Offenbarung des Johannes trifft in Laodicea ein, ergeht an eine Stadt, die sich durch ihren Reichtum auszeichnet. Darin heißt es: “Du sprichst: Ich bin reich und habe genug und brauche nichts!” Laodicea war Zentrum der Textil verarbeitenden Industrie, welche die Wolle von schwarzen Schafen aus der Umgebung verarbeitete. Es handelte sich um eine dunkel violett schimmernde Wolle. Berühmt und profitabel war auch die ansässige pharmazeutische Industrie, die Tabletten und Salben herstellte. Daraus ergab sich ein Ort der religiösen Heilkunst mit Götterverehrung. Und klar, wo Geld verdient wird, gibt es auch ein gut entwickeltes Bankenwesen. Einen kohlensäurehaltige heiße Quelle hat Heil Suchende von überall her angelockt, begüterte Menschen natürlich, die zum Kurbetrieb kamen. Aus diesem materiellen Reichtum, der auf vielfältige Weise erzielt wurde, gewannen die Einwohner Laodiceas ihr Selbstbewusstsein und ihren Stolz. Das hat auch die christliche Gemeinde geprägt.

In diese Realität trifft das siebente Sendschreiben der Offenbarung des Johannes, in eine klar definierte Wirklichkeit, die ihre Schwächen gerade in ihrer Stärke hat. “Du sprichst: Ich bin reich und habe genug und brauche nichts! und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß”. Als Kehrseite materiellen Wohlstandes haben wir längst eine gewisse Kälte und menschliche Unzugänglichkeit ausgemacht. Solche Abschottung war damals nicht anders als heute. Aber ersetzt Geld wirklich menschliche Nähe und Zuwendung?! Ersetzt materieller Reichtum emotionale Wärme und einfühlsame Anteilnahme?! Ersetzt Alles-Haben(-Wollen) das Bedürfnis nach Liebe und Akzeptanz?! Darin macht das siebente Sendschreiben die Laodiceer als elend und jämmerlich aus. Hinter dem vordergründigen Reichtum verbergen sich menschliche (und spirituelle) Defizite. Trotz genügend Geld kann sich jemand elend fühlen. Trotz finanzieller Sorglosigkeit geht es einem jämmerlich.

Ihr seid “arm, blind und bloß”! erfahren die Laodiceer, trotz Bankenwesen, Heilsalbenherstellung und Kleiderindustrie. Ein überraschendes Angebot ergeht an die reichen Laodiceer: “Kauft mit eurem Geld bei mir!” sagt der Briefschreiber. Vielleicht erstaunt uns das ganz besonders. Das Geld wird nicht verdammt. Der materielle Reichtum eigentlich nicht verteufelt. Er – der Absender des Briefes – nimmt ihr Geld ernst und bietet ihnen einen Gewinn bringenden Tausch an. (Versuchen wir die Geheimsprache zu entschlüsseln, die sich in dem Verstehenshorizont der Laodiceer ausdrückt.)

Hoffnungsfroher Glaube

– Er bietet den Laodiceern gegen ihre Armut im Feuer geläutertes Gold. Das mag für einen hoffnungsfrohen Glauben bezeichnen, der sich im Feuer alltäglicher Auseinandersetzung bewährt hat. “Damit du reich wirst”, heißt es. Das meint wohl, dass also dieser hoffnungsfrohe Glaube ausreicht, um das Leben zu bestehen. Wie schon gesagt: Geld ist nicht alles. Wo der Glaube fehlt, hilft kein Geld. Wo keine Hoffnung ist, nutzt auch Reichtum nichts mehr. Wo es an Liebe mangelt, ist Wohlstand kein Ersatz. Zum Leben braucht es mehr als ein dickes Bankkonto, was Halt und Geborgenheit vermittelt. Da ist ein hoffnungsfroher Glaube ein unbeschreiblicher Schatz.

– Gegen die Blindheit der Laodiceer wird eine Augensalbe angeboten. Sie soll die Augen öffnen zum Sehen. Wo nur das Materielle gesehen wird, gehen die Werte im Leben leicht verloren. Die Augensalbe soll helfen, einen weiten Blick zu bekommen. Sie mag uns sehen lassen, woran unsere Gesellschaft leidet. Sie mag uns einen klaren Blick schenken, was wir selbst uns von unseren Mitmenschen wünschen. Sie mag unseren Augen Schärfe geben in der Frage, was Gott uns schenkt und was er von uns erwartet.

– Gegen die Nacktheit sind weiße Kleider zu haben. Weiß symbolisiert Reinheit und Sauberkeit. Doch wir wissen: Jeder Mensch hat seine Schwächen und Fehler. Das ist unbenommen. Das kann man sich ruhig eingestehen. Weiße Kleider bekamen früher die Täuflinge an, die zur Gemeinde hinzukamen. Sie wollen sagen, dass Gott uns so annimmt, wie wir sind, mit all unseren Schwächen und Fehlern. Und vor allem, dass wir uns von ihm geliebt wissen dürfen. Ihr seid weder warm noch kalt, sondern lau! wird den Laodiceern vorgeworfen. Wir stellen uns die kohlensäurehaltige Heilquelle vor, an deren Wassertemperatur angespielt wird. Ihr seid weder dagegen noch dafür, sondern gleichgültig. Zufrieden in eurem Wohlstand seid ihr Christen ohne Feuer und Flamme, ohne Hoffnung und Erwartung, ohne öffentliches Bekenntnis, ohne Bereitschaft zum Letzten, zum Leiden für den Glauben. Ihr seid in eurer Gleichgültigkeit, in eurer Lau- und Laschheit “zum Kotzen”, wie es heißt. (V. 16) Solche Konfrontation soll aus purer Gleichgültigkeit aufwecken und zu einem entschiedenen Bekennen des eigenen Glaubens und zu einem hoffnungsfrohen Leben führen. Lassen wir uns daran erinnern, dass Gott der Geber aller Gaben ist, Ursprung und Ziel unseres Lebens, Hoffnung und Zuversicht.

Hinterfragen wir stets aufs Neue, worin unser wahrer Reichtum liegt:
– In unserem Glauben und Hoffen oder unserem Wohlstand?!
– In menschlicher Nähe und Wärme oder materiellem Zugewinn?!
– In Zuwendung und Gemeinschaft oder in selbst verwirklichender Einsamkeit?!
In dem Nachdenken darüber mag unsere tägliche Buße konkret werden. Worauf wollen wir uns wirklich verlassen? Jesus steht vor der Tür und klopft an. Er poltert nicht. Er donnert nicht. Wer dieses leise Klopfen hört und ihm die Tür öffnet, zu dem kommt er herein wie zu Zachäus, das Mahl zu feiern. Ungetrübte Freude und Genuss sind angesagt. Jesus lädt uns ein, dieses Leben in der Gemeinschaft mit ihm und unseren Mitmenschen zu genießen!

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