Notwendiger Perspektivenwechsel

Ein Gleichnis grenzenloser Güte

Predigttext: Matthäus 20,1-16
Kirche / Ort: Hamburg
Datum: 08.02.2009
Kirchenjahr: Septuagesimae (70 Tage vor Ostern)
Autor/in: Pastor Christoph Kühne

Predigttext: Matthäus 20,1-16 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 1984)

1 Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. 2 Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg. 3 Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere müßig auf dem Markt stehen 4 und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. 5 Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe. 6 Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da? 7 Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg. 8 Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten. 9 Da kamen, die um die elfte Stunde eingestellt waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen. 10 Als aber die ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und auch sie empfingen ein jeder seinen Silbergroschen. 11 Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn 12 und sprachen: Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben. 13 Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? 14 Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem letzten dasselbe geben wie dir. 15 Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin? 16 So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.

Exegetische Hinweise zum Predigttext (I.) und Überlegungen zur Predigt (II.)

I. Mt 20, 1-15 ist Sondergut im Mt-Evangelium. „Nach J. Jeremias handelt es sich um ein Gleichnis, das seine ursprüngliche Pointe geändert hat. Zunächst sollte es den überheblichen Anspruch der Judenschaft abwehren, die sich über die Anhänger Jesu erhaben vorkommt, weil sie schon immer das gesetzestreue Volk Gottes war.“ (GPM 1978, 112) Doch dann wird die Pointe geändert, indem „Jesus das Lohndenken voraussetzt, verwendet und dann doch hinter sich lässt“ (aaO): V 15 bündelt dieses Ziel. V 16 bezieht sich auf die erste Pointe der Geschichte und findet sich im auch synoptischen Material von Mk 10, 31 und Lk 13, 30. Eine weitere Verschärfung findet sich im Zusatz der Koine: „Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt“; vgl Mt 22, 14. Den Kontext der Erzählung bildet der Weg nach Jerusalem: „Siehe, wir ziehen hinauf nach Jerusalem“ (Mt 20, 17-19). Dreimal ist in diesen Geschichten vom Lohn die Rede: im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, der Frage des Petrus und der Bitte der Mutter zweier Jünger. II. „Jesus steht vor seinen Hörern als einer, der die heilige Ordnung stört“ (E. Linnemann, Gleichnisse Jesu 19622, 92) – und zwar mit dem Ziel menschlichen Lebens. Eine Predigt kann drei Akzente verfolgen: 1. der ökonomische Akzent 2. der ökumenische Akzent 3. der ökologische Akzent ad 1) Der Börsencrash vom Herbst des vergangenen Jahres hat deutlich gemacht, dass der gewohnte Kapitalismus abgewirtschaftet hat: Es wurde zu viel Geld gedruckt ohne realen Gegenwert. Es wurde zuviel gebaut, gekauft, gelebt „auf Pump“. „Wie viel Erde braucht der Mensch?“ fragt Tolstoi in einer anrührenden Geschichte. Wieviel Geld braucht ein Mensch? Wie hoch/niedrig ist das Existenzminimum? Fragen, die neu gestellt und diskutiert werden (müssen). Ad 2) Mit dem Vormarsch des Islam stellt sich die Frage nach der Ökumene neu. Muss der Kreis der abrahamitischen Religionen neu gefasst werden? Und sollte das Gespräch unter den monotheistischen Glaubensgeschwistern im Licht des jesuanischen Hausvaters nicht eine neue Bedeutung erfahren? Es gab doch schon Zeiten und Orte, in denen der interreligiöse Dialog (kulturell) sehr fruchtbar war! Ad 3) „Das Geld hat noch keinen reich gemacht“, sagt Seneca. Und Sokrates ruft den Richtern in seiner Verteidigungsrede zu, seine Söhne zu bestrafen, wenn sie das Geld über die Tugenden stellen. Beim Geld hören Freundschaft und Verwandtschaft auf. Geld entzweit. Geld hat einen „mörderischen Aspekt“. Die Sorge um Geld ist eine der größten Gründe für Schlaflosigkeit und Depression. „Die Sorge schleicht sich durchs Schlüsselloch ein“, sagt Goethe in seinem Faust, 1. Teil. Geld verhindert den Blick auf den Menschen.

Lieder: „Vater unser im Himmelreich“ (EG 344) „O Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens“ (EG 416) „Befiehl du deine Wege“ (EG 361)

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Predigt

Liebe Gemeinde!

Was habe ich von meinem Engagement?

Was verdienen Sie? Eine peinliche Frage? Vielleicht haben Sie sich auch schon einmal gesagt, dass Sie für das, was Sie tun, zu wenig verdienen. Sie machen viel mehr, als Sie eigentlich müssten! Somit müssten Sie doppelt so viel bekommen! Womit habe ich es verdient, dass ich keine Million auf dem Konto habe und ein sorgenfreies Leben führen kann? Hab ich den falschen Beruf gewählt? Bin ich nicht von Gott geliebt (der ja angeblich aufseiten der Reichen steht)? Verdiene ich wirklich das, was ich an Geld verdiene?

Nicht wenige Menschen engagieren sich für andere Menschen z.B. im Kirchenvorstand oder in der Welthungerhilfe. Sie setzen viel Zeit und Kraft und Geld ein, damit diese Welt besser wird, damit nicht mehr so viele Kinder hungern müssen, damit den Frauen mehr Gerechtigkeit widerfährt, die Politik und die Politiker wieder bürgernah werden. Insbesondere in Zeiten der Not, wenn etwa Krankheit in mein Leben tritt, frage ich mich, wozu ich das alles tue. Was habe ich davon? Hat das überhaupt einen Sinn? Katastrophen schälen oft die äußere Schale des Lebens, sodass etwas deutlicher wird, was der Kern meines Lebens ist. Darum taucht die Sinnfrage in Zeiten der Not, der Trennung, des Todes besonders häufig auf. Wozu mache ich das? Was habe ich davon? Was verdiene ich mir damit? Wenn ich derart frage, bin ich in guter Gesellschaft mit vielen Anderen und vielleicht auch mit etlichen von Ihnen, die Sie mir jetzt zuhören. Denn es mag auch bei Ihnen manches Mal die Frage auftauchen: Wo dient mir der Gottesdienstbesuch? Wird mich Gott freundlicher ansehen als andere, die nie zum Gottesdienst kommen? Was habe ich davon, dass ich heute Morgen hier sitze?

Wir aber sind noch in der Nähe jenes Predigers vom Reich Gottes, vielleicht Zaungäste in gebührendem Abstand zu IHM, stehen da mit den anderen, die es mit Gott ernst meinen, die es ihm recht machen wollen, die richtig und sinnvoll leben wollen und die sich angezogen fühlen von soviel Freiheit und Güte und Liebe, die sich um jenen Wanderprediger aus Nazareth ausbreitet. Vielleicht sind Sie eher draußen vor der Tür, vielleicht schon im Lichtkreis jenes Jesus Christus, dessen Worte Sie treffen und berühren.

(Lesung des Predigttextes)

Ungerecht behandelt?

Was ist Ihre erste Reaktion, Ihr erster Impuls? Ärger, Wut über den Hausverwalter? Enttäuschung oder Nachdenklichkeit über den Erzähler, Jesus? Vielleicht tauchen auch Fragen auf zum Thema Gerechtigkeit und ob es verschiedene Formen von Gerechtigkeit gibt. Wie beginnt die Geschichte? Sie beginnt damit, dass ein Weinbergbesitzer Menschen für die Ernte seiner Trauben benötigt. Werden sie nicht geerntet, werden die kostbaren Trauben zu Rosinen, die am Zweig verschrumpeln. Wie gut, dass es zur Zeit Jesu Tagelöhner gab, die Tag für Tag Arbeit brauchten und förmlich „von der Hand in den Mund“ lebten. Der Weinbergbesitzer ist sich mit den Arbeitern sehr schnell einig: für einen Tageslohn (1 Denar) sollen sie in die Ernte gehen. Alle sind damit einverstanden – bis zu dem Zeitpunkt der Auszahlung. Interessanterweise beginnt der Weinbergbesitzer die Auszahlung bei denen, die erst gegen 17 Uhr mit der Arbeit begonnen haben. Als dann die ersten vom Morgen antreten, sind sie sehr enttäuscht darüber, dass die dasselbe bekommen: einen Denar. Sie werden wütend und werfen dem Besitzer das Geld vor die Füße. „Das ist ungerecht!“ schreien sie. „Wir verdienen viel mehr als die letzten!“ rufen sie. Was wird der Besitzer sagen? Er bleibt hart in der Sache und weich zur Person: „Mein Freund, ich tu Dir nicht unrecht. Du hast für diesen Tag genug Geld, um Dich und Deine Familie heute zu ernähren. Was willst Du noch?“ Was willst Du noch? Und die ersten zetern: „Aber wir haben die ganze Hitze des Tages ertragen!“ Wir müssen noch das Haus abbezahlen. Auch die Raten für das Auto sind aufzubringen. Die Kinder brauchen neue Kleidung. Ich muss noch den Beitrag für den Ruderklub bezahlen. Außerdem waren wir Dir ein ganzes Leben lang loyal gegenüber. Wir sind fast regelmäßig in die Kirche gegangen, haben für die Welthungerhilfe gespendet. Wir haben uns nie etwas zuschulden kommen lassen, waren political correct.

Was sagt Jesus am Ende seiner Geschichte: „Bist Du neidisch, weil ich großzügig bin?“ Im griechischen Urtext steht an dieser Stelle das Wort für „gut“. Gott will, dass wir jeden Tag unser tägliches Brot haben. Wir sollen nicht horten und hamstern. „Unser tägliches Brot gib uns heute!“ Übrigens ist „täglich“ das mittlere Wort im Vaterunser. Es geht also nicht um einen Vorrat an Brot für die Kühltruhe. Also macht Euch keine Sorgen um das Morgen, sie zermürben die Seele. Wir sehen es bei den Arbeitern im Weinberg, dass nach allen Ängsten die Sorge „durchs Schlüsselloch“ einschleicht, wie es Goethe in seinem „Faust“ beschreibt. „Wir haben nicht genug für uns bekommen!“ meutern die Arbeiter des Vormittags. Ist die andere Seite der Sorge die Wut? Jesus wird nicht müde, Geschichten um das Sorgen zu erzählen. In täglichen Sorgen verpassen wir das ganze Leben. Darum auch das „Sorget nicht!“, das uns Jesus an anderer Stelle zuruft.

Sehen, was die Menschen nötig haben

„Sorge nicht um die Zukunft, lebe heute für das Reich Gottes, für die Menschen, besonders für die, die aus allen Rastern dieser Welt herausfallen!“ So könnte die Botschaft Jesu in Kürze heißen. Damit ist seine „Güte“ angesprochen. Diese Güte kann nicht mit Leistung erworben werden! Der Apostel Paulus wird später eine Rechtfertigungslehre formulieren, die für den Reformator Martin Luther die Grundlage einer neuen Kirche werden wird. Gottes Güte rechtfertigt uns und unser Leben wie unser Tun. Erledigt ist die Vorstellung, dass die Ersten den Reibach machen und die Letzten das Nachsehen haben. Die Zaungäste hören die Worte Jesu. Viele Gedanken gehen ihnen durch den Kopf. Wie werden wir unser Leben weiterhin führen? Vielleicht sollte ich mein Gottesbild ändern! „Die Letzten werden die ersten sein.“ Es langt, wenn ich einfach lebe, für meinen Nächsten da bin.

Aber Jesus fragt danach, was ein Mensch zum Leben braucht, was in dem anderen Menschen vorgeht. Dies ist ein notwendiger Perspektivenwechsel, eine Haltung, die wir zum Menschwerden brauchen. Der Weinbergbesitzer gibt aus Güte jedem Tagelöhner, was er für den einzelnen Tag braucht. Eugen Drewermann sagt zu diesem Gleichnis (Wenn der Himmel die Erde berührt 1997, 51): „Vielleicht war es das größte aller Wunder Jesu, dass nach seinem Tode sein Geist aus seinen Jüngern, geborenen Angsthasen, Menschen des Mutes, des Glaubens und des Zeugnisses werden ließ. Sie überlieferten dieses Gleichnis einer grenzenlosen Güte und behaupteten, es gebe nur noch einen Maßstab: zu sehen, was Menschen nötig haben“. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.

Amen.

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