Kostbare Ressourcen

Indem der Auferstandene die Jünger an die vertraute Gemeinschaft und Nähe erinnert, holt er sie aus ihrer todesähnlichen Erstarrung heraus

Predigttext: Lukas 24,36-45
Kirche / Ort: Dortmund
Datum: 25.04.2011
Kirchenjahr: Ostermontag
Autor/in: Pfarrer Johannes Gerrit Funke

Predigttext: Lukas 24,36-45 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 1984)

36 Als sie aber davon redeten, trat er selbst, Jesus, mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch! 37 Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist. 38 Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz? 39 Seht meine Hände und meine Füße, ich bin's selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe. 40 Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und Füße. 41 Als sie aber noch nicht glaubten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen? 42 Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor. 43 Und er nahm's und aß vor ihnen. 44 Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose, in den Propheten und in den Psalmen. 45 Da öffnete er ihnen das Verständnis, sodass sie die Schrift verstanden.

Exegetisch-homiletische Skizze zur Predigt

Lukas beschreibt die Reaktion der Jünger auf die plötzliche Gegenwart des Auferstandenen mit mehreren Ausdrücken, die für ein panisches Entsetzen stehen. Dass die Jünger zuerst meinen, es mit einem gespenstischen Geistwesen zu tun zu haben, erinnert an die Geschichte Mt 14, 22ff; Mk 6, 45ff; Joh 6, 16ff. Vielleicht ist es kein Zufall, dass das Lukas-Evangelium diese Geschichte nicht bringt, aber stattdessen die Szene aus der Begegnung mit dem Auferstandenen ganz analog erzählt, auch mit dem folgenden Zuspruch „Ich bin es selbst“. Es geht dann weniger um Beweise für die Leibhaftigkeit seiner Auferstehung als um das, was man im Umgang mit Personen, die sich in einem inneren oder äußeren Überlebenskampf befinden, einen sicheren Ort nennt. Erst nachdem sie aus ihrer Schockstarre befreit sind, haben die Jünger den Kopf so weit frei, dass der Auferstandene sie über die Bedeutung seines Sterbens am Kreuz regelrecht unterweisen kann. Auch hier geht es um mehr als um etwaige Schriftbeweise. Geht man den Spuren des kleinen griechischen Wörtchens „dei“ („es muss“ in V.44) im Lukasevangelium nach, findet man, dass es für grundlegende Konflikte steht, die um Jesu Verkündigung und Verhalten herum entstehen (vgl. z.B. Lk 13, 14+16). In Lk 24 steht es dementsprechend für den Konflikt, den Gott in dem Messias Jesus mit dem Tod ausficht. Jesu Auferweckung am dritten Tag ist Gottes prompte Antwort darauf, wie der Tod uns bis in unsere Köpfe und Seelen hinein beherrschen kann. Alle Geschichten, an deren Ende für die Einen ganze Welten zusammengebrochen sind, während Andere einfach in ihren Tagesordnungen fortfahren können als wäre nichts passiert, entstehen aus einer Wurzel heraus, an der dies so ist. Im gewaltsamen Tod Jesu und seiner Auferweckung von den Toten prallen zwei gegenläufige Machtbestrebungen und – man verzeihe mir den Ausdruck – zwei völlig gegenläufige intentionale Sinnhorizonte frontal aufeinander.

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„Hauptwörter sind alle Dinge, die man sehen und anfassen kann“. Diese Faustregel gab man uns in der Grundschule mit. Sie sollte uns elementare Orientierungshilfe sein, um zu entscheiden, welche Wörter wir groß zu schreiben hatten. Sehen und anfassen haben es bisweilen auch für Erwachsene mit ganz elementarer Orientierung zu tun. Menschen, die plötzlich einen Angehörigen verloren haben, können zuerst oft  nicht weinen. Die Schleusen öffnen sich für die Tränen erst in dem Moment, wenn man von der verstorbenen Person noch einmal Abschied nimmt und den Körper noch einmal streicheln kann. Denn manchmal ist es ein langer Weg, bis wir bei unseren innersten Gefühlen wirklich angekommen sind. „Ich war wie in einer anderen Welt“. So drücken es mitunter Leute aus, die sich an ein zutiefst schockierendes Erlebnis erinnern. Da hat etwa jemand mit ansehen müssen, wie andere schwer verunglückten. Oder man erhielt aus heiterem Himmel eine ärztliche Diagnose, die einen wie ein Blitz traf. Die Meisten, die so etwas erleben, fühlen sich in der ersten Zeit danach wie in einer Art innerem Kokon, in dem man wie betäubt ist. Um aus ihm herauszufinden, brauchen wir vertraute Stimmen zum Beispiel oder eine Umgebung, in der wir uns geborgen fühlen und auskennen.

Das Lukas-Evangelium erzählt von dem Tag, an dem der Auferstandene mitten unter die Jünger trat. Er begegnet ihnen so, wie er ihnen vertraut war. Zuerst sind sie in ihrer Panik und todesähnlichen Erstarrung immer noch total gefangen. Sie können nicht einmal sicher unterscheiden, ob sie es mit einer unheimlichen Geistererscheinung, einem Hirngespinst womöglich oder echter Wirklichkeit zu tun haben. Da lässt er sie seine vertraute Stimme hören: „Ich bin’s doch“. Danach zeigt er ihnen seine Hände und Füße. Aus irdischen Verhältnissen ist er ihnen vertraut. Darum gibt er sich ihnen mit den unverwechselbaren Kennzeichen seines Sterbens am Kreuz zu erkennen. Als sich die Freude in ihnen auch da erst ganz zaghaft aus ihrem Versteck heraus hervorzuwagen beginnt, isst er vor ihren Augen ein Stück Fisch. Es ist als erinnere er sie an ihre frühere Gemeinschaft zu Tisch. In solcher Runde hat so viel stattgefunden hat, worin sie ihn unter Tausenden auf Anhieb unfehlbar ausmachen würden und womit er ihnen nahegekommen war wie niemand sonst.

Von einem sicheren Ort spricht man im Umgang mit zutiefst verstörten, traumatisierten Menschen. Man meint damit innere vorgestellte Orte, an denen sie sich geborgen fühlen wie in einer vertrauten Umgebung. An solchen sicheren Orten kann man seine lebendigsten Gefühle erleben. Man spürt am ehesten, wie sich kostbare Ressourcen in einem erschließen wollen. Viele erzählen, ein Baum sei für sie in ihrer Kindheit solch ein Ort geworden. Dort hätten sie am besten ihr Herz ausschütten können. Indem der Auferstandene die Jünger an die vertraute Gemeinschaft und Nähe erinnert, die sie von ihm kennen, holt er sie aus ihrer todesähnlichen Erstarrung heraus an einen solchen sicheren Ort. Nun heilt er sie, die oft miterlebt hatten, wie er andere geheilt hat. Doch ist noch eine kleine Strecke zurückzulegen, bis die Jünger wirklich von einer österlichen Freude erfüllt sind. Wenigstens haben sie nun den Kopf frei, um verstehen zu können, worin sie gründet. Der Auferstandene beginnt, ihnen das zu erklären, nachdem er sie aus ihrer todesähnlichen Erstarrung geheilt hat.

Vertraut war Jesus den Jüngern, wie er Menschen von mannigfachen Leiden heilte und wie er Leute, die kaum noch Hoffnung hatten, für eine neue Zukunft aufrichtete. Aber dass er selbst dem Leiden ausgeliefert sein konnte, gar einem, das von Menschen verursacht und von menschlicher Gewalt geprägt war, das war wie ein Fremdkörper in der Geschichte, von der so strahlende Verheißungen ausgegangen waren. „Er war eine prophetische Gestalt, mächtig in Worten und Taten vor Gott und allem Volk. Wir hatten gehofft, er würde Israel erlösen.“ So hatten es zwei von ihnen kurz vorher ausgedrückt. Eine Welt war in ihnen zusammengebrochen, als Jesus am öffentlichen Schandpfahl eines Kreuzes hingerichtet worden war. Sicher war jetzt nur noch eins. Das Spiel war aus. Der Vorhang würde bald fallen. Auf der Bühne hatte man zuletzt eine Szene zu sehen bekommen, wie sie typischer für eine irdische Geschichte nicht sein könnte. Da waren auf der einen Seite verzweifelte Leute, die trauern mussten, weil für sie verloren war, woran ihr Herz hing. Da waren auf der anderen welche, für die mit dem gleichen Geschehen nur ein leidiges Kapitel endlich abgehakt war. Ist es nicht so, liebe Gemeinde?

Wenn wir unter allen möglichen Geschichten, die man sich ausdenken könnte, aussuchen sollten, welche von ihnen zweifelsfrei eine irdische Geschichte ist, wir könnten es an genau dieser Szene tun. Da trauern die Einen, weil sie ihr Liebstes und Wichtigstes verloren haben, während über derselben Geschichte für Andere nur etwas erledigt ist, und sie in ihrer Tagesordnung weitermachen können, als wäre nichts passiert. „Das war`s dann also“, könnte als Überschrift darüber stehen – für die Einen in entsetzlicher Bedeutung, für die anderen in einer, die wie ein Schlussstrich wirkt. Worüber solche Geschichte hinweggegangen ist, da regiert in jedem Fall der Tod. Worüber sie gar wie ein Okan hinweggefegt ist, da herrschen Trümmerfelder, tödliche Stille und todesähnliche Erstarrung. Würde diese Geschichte bis zum bitteren Ende weiterlaufen, wüchse wohl zuletzt kein Grashalm mehr auf dieser Erde. Denn da ist dem Tod ein unglaubliches Betrugsmanöver gelungen. Er hat es geschafft, sich an die Stelle eines sicheren Ortes zu setzen. Es ist ihm gelungen, unter uns sein Maß dafür, was sicher wäre, in Umlauf zu bringen.

Die sicheren Orte sind wie Quellen, an denen Lebendiges Wurzeln schlägt und sich auf eine offene Zukunft hin ausstreckt und zu entfalten anfängt. Aber nun hat uns der Tod die Zukunft so angestrichen, als stecke in ihr ein ständiges Ultimatum. Das lautet: Wenn dir dieses oder jenes entgeht, dann ist es bald für immer verloren. Wenn es dir nicht gelingt, es für dich und deine Gegenwart sicherzustellen, dann ist es bald unwiderruflich an dir vorbeigegangen. Wo immer der Tod uns mit dieser Mischung aus Anreiz und Druck erreicht, hat er uns schon wie am Schopf gepackt. Eine Geschichte, in der er so regiert, die er auf solche Weise regelrecht zu tyrannisieren versteht, ist von ihm wie angesteckt. Sie bedarf zutiefst einer Heilung, die noch weit umfassender ist als jede Heilung, die wir als einzelne Menschen erfahren können. Sie bedarf einer erlösenden Heilung und heilenden Erlösung.

Darum nun ist der Auferstandene damals mitten unter die Jünger getreten und hat zu ihnen gesagt: „Friede sei mit euch. Ich bin es doch, ich selbst und niemand sonst“. Österliche Botschaft auch für uns! Er tritt an uns heran und sagt zu uns: „Ich bin doch da“. Der Auferstandene erschließt den Jüngern einen neuen Lebenshorizont. Er lässt uns ebenso wie die Jünger damals verstehen: wenn Gott ihn von den Toten erweckt hat, ihn, über den eine solche Geschichte hinweggegangen ist, dann beginnt für den Tod eine Welt zusammenzubrechen. Dann ist das, was er als sicheren Ort auszugeben verstand, aufgebrochen. Dann ist endlich die Zukunft befreit davon, dass man sie vor allem immer wieder nur unter einem ultimativen Druck sieht, als könne morgen schon für uns verloren sein, was wir nicht beizeiten für uns unter Dach und Fach gebracht haben. Dann finden wir aus solchem Bann zu einem heilenden sicheren Ort bei Gott wieder zurück, wo lebendige Quellen entspringen und sich endlich wieder eine neue offene Zukunft auftut, immer wieder neu sogar. Dann gibt es sogar für unsere Trauer einen Ort, wo sie sich erholen, heilen und eigene Quellen lebendiger Art in sich finden kann. Was für uns damit beginnen kann, hat der Apostel Paulus einmal mit einem wunderbaren Wort benannt. Wir können, so hat er es beschrieben, heute zu leben beginnen, als lebten wir bereits wie von den Toten.

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