Besessen – wovon?

Heilsame Begegnung

Predigttext: Markus 1,32-39
Kirche / Ort: Wiesbaden
Datum: 30.10.2011
Kirchenjahr: 19. Sonntag nach Trinitatis
Autor/in: Pfarrer Nikolas D. Schmied-Eberhard

Predigttext: Markus 1,32-39 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 1094)

 32 Am Abend aber, als die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm alle Kranken und Besessenen.  33 Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür.  34 Und er half vielen Kranken, die mit mancherlei Gebrechen beladen waren, und trieb viele böse Geister aus und ließ die Geister nicht reden; denn sie kannten ihn.  35 Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort.  36 Simon aber und die bei ihm waren, eilten ihm nach.  37 Und als sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich.  38 Und er sprach zu ihnen: Laßt uns anderswohin gehen, in die nächsten Städte, daß ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen.  39 Und er kam und predigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die bösen Geister aus.

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„Jesus zog durch ganz Galiläa, verkündete in den Synagogen die Gute Nachricht und trieb die bösen Geister aus.” „Ich muss die Gute Nachricht verkündigen, denn dazu bin ich gekommen”, sagte Jesus. Das erste Kapitel des Markus-Evangeliums hat in einer neueren Übersetzung die Überschrift: „Der Anfang der guten Nachricht”. Der Anfang? – Jesus lässt sich von Johannes taufen, in die Gemeinschaft mit Gott aufnehmen, (damals) ein ganz bewusster Akt, geht in die Wüste, in die Einsamkeit, dort ist er total auf sich selbst gestellt. Jesus muss in der Versuchung seine Entscheidungen treffen und kehrt nach Galiläa zurück. Er sucht sich die Menschen, die ihn auf seinem Lebensweg begleiten werden, seine Jünger und Jüngerinnen. Zum ersten Mal zeigt er sich ihnen mit seinem Auftrag, seinem Können. Er heilt einen Mann in der Synagoge. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich diese Nachricht. Dann wird es privat, er heilt die Schwiegermutter des Petrus – fast so, als wolle er seinen Vertrauten die gute Nachricht „Heilung ist möglich” deutlich machen. Dann hören wir, wie die Leute am Abend, nach dem Sonnenuntergang, alle Kranken zu Jesus bringen, wie sich die ganze Stadt vor dem Haus versammelt und wie Jesus viele Menschen von allen möglichen Krankheiten heilt und viele böse Geister austreibt.

Es ist schon dunkel, als sich die Menschen versammeln. Soll etwas nicht gesehen werden, im Verborgenen bleiben? Scheut Jesus das Tageslicht oder die versammelten Menschen? Wie in einem übervollen Wartezimmer sind die Menschen im Dunkeln versammelt. Schnell verbreitet sich die Nachricht von dem Mann, der lehrt und heilt. Stellen wir uns vor, dies würde heute bei uns geschehen. Welche Sehnsucht nach einer heilsamen Begegnung würde nicht auch in uns geweckt werden? Damals wie heute ist diese Sehnsucht ungebrochen. Wir möchten befreit werden von unseren körperlichen und seelischen Schmerzen, davon, dass uns böse Geister beherrschen, die heute andere Namen tragen: Besessenheit von der Macht, der oder die Erste sein zu müssen, die Schönste oder der Stärkste zu werden. Neid, Bösartigkeit, Lüge. Verletzungen, die wir einander zufügen. Wer möchte nicht die schmerzende Leere mit dem Sinn des Lebens gefüllt sehen, Wahrhaftigkeit und Liebe erleben, heilsames Leben im umfassenden Sinn! Würde unser Gotteshaus als Wartezimmer ausreichen, wenn alle diese Menschen, ob körperlich oder seelisch, auf der Suche nach Heilung sich eines Abends auf den Weg machten? Der Platz würde wahrscheinlich nicht ausreichen. Das Dunkel des Abends steht für die Dunkelheit, die sich auf Menschen legt, die an Leib oder Seele krank sind. Sie stehen nicht auf der Sonneseite des Lebens, sie spüren nicht die Wärme des Lichts, sondern die Kälte des Abends weht durch ihre schmerzenden Körper oder Seelen.

In dieser Abenddunkelheit begegnen sie Jesus, der später von sich sagen wird „Ich bin das Licht der Welt” – ich kann eure Körper und Seelen heilen, wenn ihr mich sucht, ich kann euch zu einer heilsamen Begegnung werden. Leib und Seele hängen zusammen. Wir wissen heute, dass Demütigungen verkrümmen können, Anerkennung dagegen aufrichtet. Enttäuschungen lassen mich erstarren, verdorren. Liebe bringt mich in Bewegung. Innerliche Leere beraubt mich jeder Kraft, Lebensfülle lässt mich dagegen verschwenderisch austeilen und abgeben. „Jesus heilte viele Menschen und trieb viele böse Geister aus.“ Markus scheint es jetzt am Anfang seines Berichtes noch nicht wichtig zu sein, hier genaue Details zu erzählen, auch nicht, warum nicht alle geheilt wurden. Er geht später in seinem Evangelium darauf ein. Aber eine Tatsache ist ihm wichtig: Jesus ließ die bösen Geister nicht zu Wort kommen, denn sie hatten genau gewusst, wer er war. Ist dies nicht von Anfang an ein klares Nein gegen alle Verdrehung und Verkehrung, gegen das Diabolische, d. h. „Durcheinanderbringen”? Es gibt kein Verhandeln zwischen gut und böse, keinen Kompromiss – wie es im Ersten Testament heißt: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist…” (Micha 6, 8). Der böse Geist erkennt das Gute und will es zu seinem Opfer machen. Der heilende Jesus gibt dazu keine Chance. Bis heute nicht!

Was damals nur einer kleinen Stadt in Galiläa widerfuhr, wurde zu einem Aufbruch der heilsamsten Begegnungen, die Gott der Welt ermöglicht hat, die Begegnung mit Ihm in der Kraft der Lehre seines Sohnes Jesu. Dieser Sohn verließ im Licht des Morgens Kafarnaum, zog sich zurück und betete. Das Heil, das Jesus wirkt, gründet in Gott.  Im griechischen Urtext steht für „heilen” das Wort „therapeuein”. Es geht beim Heilen durch Jesus um eine umfassende Therapie.  Aus der Beziehung zwischen Gott und Jesus erwächst die heilende Kraft – zu heilsamen Begegnungen, die auch heute noch unter uns möglich sind. Wir erhoffen solche „Heilsamkeit” von Gott und beten mit den Worten des Propheten Jeremia, die der Wochenspruch für diese Woche sind (Jeremia 17, 14): Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.

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Ein Kommentar zu “Besessen – wovon?

  1. Pfr Ole Lenert

    Eine einladende Predigt. Sie zeichnet die Anfaenge des Weges Jesu und wie Jesus der elementaren Sehnsucht der Menschen nach Heil/ung begegnet und den ganzen Menschen im Blick hat. Eindruecklich das Bild vom übervollen Wartezimmer, in dem Menschen auf Hilfe hoffen, auf ihr persönliches Heilwerden an Leib und Seele. Der Predigtautor betont: “Das Heil, das Jesus wirkt, gründet in Gott”. Die Predigt ist wohltuend seelsorglich ausgerichtet und folgt damit der Dynamik des Predigttextes. Sie gibt dem Hörer, der Hörerin, Raum, sich im Licht Jesu zu sehen und heilsame Begegnungen zu suchen

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