KIRCHE – Quo vadis, ecclesia

KIRCHE – Quo vadis, ecclesia

Im Sinne einer Sammelrezension stellt Dr. Gerhard Maier im Folgenden eine Auswahl von sechs Büchern zum Thema Kirche vor:

Markus Beile, Erneuern oder untergehen. Evangelische Kirchen vor der Entscheidung, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2021, gebunden 381 S., 22,– €,  ISBN 9783579071725.

Karminrot springt das Leit-, Haupt- und Motivwort des hier anzuzeigenden Buches Erneuern auf dem Bucheinband ins Auge. Der Verfasser (s. die Umschlaginnenseite und https://de.wikipedia.org/wiki/Markus_Beile; abgekürzt B.) geht davon aus, dass die Menschen zwar ein religiöses Interesse haben, dieses aber – trotz mancherlei Maßnahmen (S. 34-43 nennt fünf gängige Strategien) – immer weniger von den traditionellen deutschen und schweizerischen protestantischen Kirchen erfüllt werde (diese hat B. im Blick).

Im zweiten Hauptteil nennt B. dann die folgenden zwölf „Kennzeichen eines zukunftsfähigen Protestantismus“: lebensweltorientiert, traditionsbezogen, pluralitätsfähig, übersetzend, inhaltlich profiliert, reumütig, gemeinschaftlich, glaubwürdig, spirituell, bildend, planmäßig sich entwickelnd und öffentlich. Wenn Kirche in möglichst allen diesen Bereichen punktet, dann hat und gewinnt sie nach B.s Überzeugung  Zukunft. Sonst „führt sie immer mehr ein Nischendasein“ (S. 321). Am Ende erzählt B. ein konkretes, positives Beispiel (S. 321-326).

Auch wenn man nicht wie B. grundsätzlich theologisch liberal orientiert ist, lohnt sich meiner Meinung nach die Auseinandersetzung mit seinem Werk sehr. Denn seine Überlegungen sind mit reichlich Anmerkungen (s. S. 329-381) versehen und auf jeden Fall diskutabel. Jeder Kirchenvorstand wird reichlich belohnt werden, wenn er die Kraft aufbringt, B.s allgemeine Überlegungen zu konkretisieren.

Erik Flügge, Nicht heulen, sondern handeln. Thesen für einen mutigen protestantismus, Kösel München, Taschenbuch 90 S., 12,– €, ISBN 9783466372386.

In seinem ersten Buch („Der Jargon der Betroffenheit“ ³2016) äußerte sich der Autor (abgek. F.) vor allem über die unbefriedigende Kommunikation seiner eigenen, der katholischen Kirche. Nun blickt er auf die Kirchen der Reformation.

Gleich im zweiten Satz sagt F., dass er die protestantische Kirche mag, weil „sie sich aus einer Rebellion erhob.“ (S. 15) Aber sie befinde sich jetzt in einem langsamen Niedergang. Bezogen auf Gottesdienste taucht S. 30 zum ersten mal F.s erstes Hauptwort tot auf. Nur noch 3 % gehen in die Gottesdienste. Deshalb müsse die protestantische Kirche sich wieder neu erfinden – so wie vor 500 Jahren. Die Menschen sind nach F.s Überzeugung nach wie vor religiös – nur nicht mehr in der altgepflegten, nun überkommenen Form.

Die Reformatoren sind für F. positive Beispiele eines Aufbruchs, der mit Blick nach vorne revitaliert werden müsse. Er macht Mut zu einer neuen Radikalität. Und das ist sein zweites, positives Hauptwort. Sein Buch hätte somit sehr gut 2017 zu den Reformations-Feierlichkeiten in 2017 gepasst, ist aber in seinen beiden Kernthesen nach wie vor aktuell. Denn ecclesia est institutio semper reformanda.

Klaus-Rüdiger Mai, Geht der Kirche der Glaube aus? Eine Streitschrift, eva Leipzig 2018, Taschenbuch 184 S., 15,– €, ISBN 9783374053056.

Der Verfasser dieses Büchleins ist – in seiner negative Selbstkennzeichnung – weder „Theologe noch Pfarrer noch Bischof“ (S. 14). Auf der rückwärtigen Innenseite des Bucheinbands erfährt man – positiv konnotiert -, dass der 1963 geborene Mai (abgek. M.) Philosophie, Geschichte und Germanistik studierte und sich als Journalist und Buchautor betätigt. Dass der Grundtenor seines Büchleins sehr kirchenkritisch ist signalisiert sein (Unter-)Titel und noch mehr eine Grafik. Diese zeigt eine fast abgelaufene Sanduhr, die den zu Ende gehenden Glauben symbolisiert; S. 6 wird zustimmend Thomas Manns Rede vom seichten Glauben zitiert.

M.s Büchlein ist neben aller Kritik an einer politisierten und glaubens- und deshalb missionsarmen Kirche auch programmatisch. Im Zentrum steht für M. der biblische, christologisch begründete Glaube, der von zwei Grundsätzen getragen sei: der Sündhaftigkeit aller Menschen und der durch Christus eröffneten „Perspektive auf das Reich Gottes, das nicht von dieser Welt ist.“ (S. 86; vgl. besonders S. 5 mit einem Zitat W. Schäubles). Dass Glaube mehr ist und mehr umfasst, dass Transzendenz und Immanenz zwar unterschieden werden müssen, aber doch zusammen gehören, ist offensichtlich und ein Beispiel für viele verkürzt gesagte Dinge. Gleichwohl freut man sich über viele alte und neuere Gedanken. Was er schreibt, gilt laut S. 57 besonders allen in der EKD zusammengeschlossenen Kirchen, „mutatis mutandis (aber) auch für die katholische Kirche…“ Diese ökumenische Weite hält M. jedoch bei weitem nicht durch. Bevor der Autor zur Feder greift und eigene Gedanken zu Gott und Glaube, Kirche und Gesellschaft äußert, stellt er drei Zitate

Hannes Schott, Ein unkonventioneller Blick auf die Kirche von morgen. Raus aus dem toten Winkel, Kösel, München 2020, gebunden, 203 S., 18,– €, ISBN 978-3-466-37265-2.

Teil des Buchumschlages vorne ist ein smiley; hinten sieht man die Karikatur einer Kirche und mit einem + damit verbunden denselben smiley. Damit ist das Hauptanliegen ausgedrückt: „Es darf gelacht werden.“  (S. 6) Denn der Autor ist bayrischer Pfarrer und Kabarettist (vgl. https://www.youtube.com/watch?v=XBYXV7DAl7o).

Dass das Buch nicht von Theologie strotzt, zeigt auch die kleine Literaturliste auf der letzten Seite. Sie enthält fast ausschließlich mit Humor assoziierte Titel. Genuin biblisch-theologisch von Kirche reden, will der Autor also nicht.

Schott geht davon aus, „dass niemand wirklich nicht religiös ist“ (S. 12) und sein Anliegen ist es, Kirche und Glaube lebenspraktisch-humorvoll rüberzubringen. Dies gelingt ihm, und dafür ist ihm zu danken. Am Ende (S. 198f) lädt er dazu ein, sich wie beim Sport ein individuelles Trainingsprogramm zusammenzustellen. Sehr sympathisch empfand ich die Einladung des Verfassers: „adaptieren Sie eine der Ideen … oder erzählen Sie etwas Lustiges aus dem Buch weiter“ (S. 7 umgest.).

Benedikt Brunner, Volkskirche. Zur Geschichte eines evangelischen Grundbegriffs (1918-1960), Verlag Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2020, gebunden 426 S., 80,– €, ISBN 9783525540800.

Nirgendwo anders auf der Welt gibt es Kirchengebilde, die unserer Volkskirche ähneln. Schon seit längerem redet und schreibt man nun von der offenkundigen, nicht nur zahlenmäßigen Erosion in der Volkskirche, ja von deren Ende. An die Stelle der Volkskirche sei eine Kirche in der Diaspora bzw. eine Minderheitenkirche getreten. Trotz aller kritischen Analysen oder Gegenentwürfe, halten die einzelnen Landeskirchen jedoch prinzipiell am Modell Volkskirche fest. Was aber ist und meint Volkskirche? Volkskirche ist – so der Verfasser (abgek. B.) im ersten Satz seiner „Hinführung zum Thema und Fragestellung“ (S. 13; vgl. S. 14, Anm. 10) – „vielleicht kein blindes, aber doch ein undeutliches Wort“.

In seiner Münsterer Dissertation (2017; bei Thomas GROßBÖLTING, der 2013 „Der verlorene Himmel. Glaube in Deutschland seit 1945“ veröffentlicht hatte) liefert B. eine detaillierte Begriffsgeschichte des wohl wichtigsten Identitätskonzepts für den deutschen Protestantismus im 20. Jahrhundert. Mit diesem Begriff verbunden ist der permanente Streit über Wesen und Aufgaben der Kirche.

Vf. beginnt seine drei große Kapitel umfassende Untersuchung nach dem einleitenden ersten Kapitel mit der „Volkskirche in der langen Krise der Weimarer Republik“, schreitet dann fort zur „Volkskirche in den Auseinandersetzungen während der Zeit des Nationalsozialismus“ und endet mit der Zeit der Restitution nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum Ende der 50iger Jahre. Die Zeit danach war Teil der Dissertation, wird jedoch in einem separaten Werk bearbeitet werden. In allen drei Phasen fragt B. nach dem Verhältnis von Kirche und Staat, Kirche und Gesellschaft, sowie nach wichtigen binnenkirchlichen Auseinandersetzungen.

Insgesamt trägt B.s Arbeit in ihrer Konzentration auf einen zentralen ekklesiologischen Begriff sehr zum Verständnis der Geschichte des Protestantismus in Deutschlands im 20. Jahrhundert bei. Der doch recht hohe Preis hält sicherlich viele davon ab, sich dieses Buch zu erwerben. Es sollte jedoch in jedem Kirchenkreis vorhanden sein. Das Thema Volkskirche könnte und sollte Gegenstand von kirchlichen Tagungen auf allen Ebenen sein. Interessant wären ergänzende lokale Studien.

Cornelia Schrader, Das Heilige Feuer in der Grabeskirche zu Jerusalem. Annäherungen an ein unbegreifliches Phänomen, LIT Berlin 2020, Taschenbuch 100 S., 24,90 €, ISBN 9783643147158

Das einzige Buch, in dem es um eine konkrete Kirche als Gebäude geht. Wohl jeder, der Israel besucht, kommt nach Jerusalem, dort auch an die Grabeskirche. Im ersten Teil (S. 6-32) geht es um diesen Ort, an dem sich der Überlieferung nach Kreuzigung und Auferstehung Jesu ereigneten. Drei weitere Teile (S. 33-92) haben das sog. Heilige Feuer [vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Heiliges_ Feuer_(Orthodoxie)] zum Inhalt. Die Verfasserin schreibt aus persönlicher Betroffenheit und unterfüttert ihre Ausführungen mit 56 Abb. und nennt am Ende (S. 96f) Literatur.

Reinhard Thöle, Geheiligt werde dein Name. Christliche Gottes-dienste zwischen Anbetung und Anbiederung, Tectum-Verlag, Baden-Baden 2021, kart. 178 S., 24,– €, ISBN 9783828846364.

In ihrem teilweise sehr amüsant geschriebenen Buch „Sonntag! Alles über den Tag, der aus der Reihe tanzt“ (2019) beschreibt die bekannte Frankfurter Journalistin Constanze Kleis verschiedene Sonntagssituationen: Fernsehen und Zeitungslektüre, die besondere Kleidung am Sonntag, den Fußball, den Sonntagsbraten, Sonntagsspaziergänge usw.. Man vermisst genuin christlich-kirchliche Inhalte. Diese sind in Kleis´ Buch nurmehr rudimentär enthalten. Luthers Auslegung des Feiertagsgebotes (Du sollst den Feiertag heiligen. Was ist das? Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir die Predigt und sein Wort nicht verachten, sondern es heilig halten, gerne hören und lernen.) hat bei ihr keinen Platz.

Der Verfasser (abgek. T.) des hier anzuzeigenden passim gottesdienstkritischen Buches ist emeritierter Pfarrer und Professor für Ostkirchenkunde an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (s. Reinhard Thöle – Wikipedia). T. geht nicht wie Luther vom 3.Gebot aus, sondern von einer zentralen Vaterunserbitte. Er sieht die christlichen Gottesdienste protestantischer, katholischer und orthodoxer Provenienz zuhöchst gefährdet, ja – burschikos gesagt – wie ein Kind schon in den Brunnen gefallen.

In seinem ganzen Buch stellt er in zehn Kap. „in einer nicht streng systematisierten Abfolge einige Beobachtungen und Informationen zum Thema Gottesdienst zusammen und kommentiert sie“ (S. 3, grammatikalisch angepasst). Auf der darauf folgenden S. heißt es dann, dass die Äußerungen „zwangsläufig sehr subjektiv und damit angriffig bleiben.“ Mit Verweis auf Mircea Eliade  und Hans Joas pointiert er seine Kritik im letzten Kap. in folgenden Sätzen: „Eine christliche Liturgik, die das Phänomen der Macht des Heiligen , die hiero- und theophanische Dimension des Gottesdienstes übersieht, macht sich selbst zu einer tragischen … Variante einer religiösen Veranstaltung.“ Und auf der allerletzten Textseite (170) sieht T. – so die letzten sieben Worte – unsere Zeit mit Eugène Ionescu „vor der Entscheidung ´zwischen Anbetung und Selbstmord´“ .

Mein Fazit lautet so: T. schärft die Augen für den christlichen Gottesdienst. Und man ist dankbar für die ausführliche Literaturliste. Aber T. bietet so gut wie nichts positives. Schade. Mit zwei Bildern gesagt: er kommt mir vor wie Knecht Ruprecht, der die Rute schwingt, passagenweise gar – horribile dictu – wie ein wenig liebevoller, kalter Analyst, fast gar Berserker.

 

 

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