“Sehnsucht nach Heil und Heilung …”

Buchhinweise von Gerhard Maier und Thomas Maier :

Matthias Pöhlmann (Hg.), Sehnsucht nach Heil und Heilung. Wunderglaube als Herausforderung (EZW-Texte 262), Berlin 2019, Broschüre, 62 S., 5€.

In ihrem Gedicht “Die schwersten Wege” spricht Hilde Domin davon, dass “das  Wunder nicht ausbleibt” und dass “das Wunder immer geschieht” – “wenn du lange gegangen bist” und “weil wir ohne die Gnade nicht leben können”. Wunder sind demnach im Bereich des Möglichen und Teil menschlicher Wirklichkeit. Theologisch jedoch war die Wunderfrage in der Neuzeit, besonders im Gefolge der Bultmann´schen Theologie, scheinbar vom Tisch, nichts mehr als ein Geschehnis des Glaubens, das es zu entmythologisieren galt. Nicht so aber für die Allgemeinheit! Laut einer Allensbach-Umfrage stieg der Wunderglaube von 1986 (33 %) auf 51 % (2017).

Mit der letzten Information beginnt das kurze, zweiseitige Vorwort dieser Schrift, die auf eine gleich lautende Tagung im November 2018 zurück geht; hg. ist sie vom bayrischen Sekten- und Weltanschauungsbeauftragten, der von 1999 bis 2011 wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Evang. Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) in Berlin war. Enthalten sind vier dort gehaltene Vorträge.

Der erste stammt von Reinhard Hempelmann (er leitete bis April 2019 die EZW) und widmet sich – so der Untertitel – dem “Wunder im Kontext pfingstlerisch-charismatischer Bewegungen”, der zweite (von der Soziologin  Lisa Klotz) “richtet den Blick auf das Verhältnis von Quantenphysik und moderner Esoterik” (S. 4), der dritte (von dem Schweizer Weltanschauungysbeauftragten Christian Ruch) “fragt am Beispiel von an Krebs Erkrankten nach den weltanschaulichen und religiösen Implikationen unheilbarer Krankheit” (ebd.) und der vierte (von dem Mainzer Neutestamentler Ruben Zimmermann) beschreibt, dass und wie die nt.lichen Wundererzählungen das Wirklichkeitsverständnis der Hörer*innen und Leser*innen in Frage und auf die Probe stellt. Zimmermann war es, der mit dem von ihm 2013 und 2017 hg. zweibändigen “Kompendium der frühchristlichen Wundererzählungen” die Exegese der Wundererzählungen auf neue Beine stellte.

Auf der letzten Seite dieses kleinen, sehr informativen und preiswerten Bändchens wird darauf hingewiesen, dass es “in Studienkreisen, bei Seminaren, Tagungen und dergleichen verwendet werden kann.” Zuallererst jedoch sei es allen Leser*innen dieses newsletters empfohlen.

Tobias Faix / Tobias Künkler, Generation Lobpreis und die Zukunft der Kirche. Das Buch zurempirica Jugendstudie 2018, Neukirchen-Vluyn 2018, ²2019, gebunden 285 S. 30 €. ISBN 9783761565421

Zu Beginn dieses Buchhinweises sei – das jedoch gleich dreifach – der grundsätzliche Tatbestand festgehalten, dass die Fragen nachdem sich wandelnden christlichen Glauben und deshalb auch und damit zusammenhängend nach neuen Liedern uralt ist (vgl. Ps 98,1). Aktuelle Indizes sind die EKD-Synode vom November. Die Frage lautete: „Woran glauben junge Menschen zwischen 18 und 26 Jahren? Wie stehen sie zur Kirche und wie sollte diese sich ihrer Meinung nach weiterentwickeln?“ Parallel dazu fragten sich bei einer Konsultationstagung ungefähr 70 Fachleute: „Was singen wir morgen? – Überlegungen zu einem neuen Evangelischen Gesangbuch”. Außerdem untersucht laut einer Meldung in der Septemberausgabe 2019 von zeitzeichen Katharina Herrmann in ihrer Dissertation “Glanz und Elend des Neuen Geistlichen Liedes”. Zu diesen Fragenkreisen äußert sich dezidiert die hier anzuzeigende Studie. Der 1969 geborene Hauptautor (https://de.wikipedia.org/wiki/Tobias_Faix) ist kein newcomer, sondern wohl informiert und mit dem weiten Feld empirischer Arbeit sehr gut vertraut. Mit seinem Kollegen veröffentlichte er nach vierjährigen Vorarbeiten diese Studie, die eine große mediale Aufmerksamkeit (s. https://www.google.com/search? client=firefox-b-d&q=empirica+jugendstudie) erregte und die innerhalb eines Jahres bereits in 2.Aufl. erschien. Die folgenden fünf Punkte sind mir bei bzw. nach der Lektüre aufgefallen bzw. (sehr) wichtig geworden:

Etwas sehr Äußerliches, jedoch nicht unwichtig ist das Druckbild; dieses ist etwas undeutlich, deshalb besonders in den grau hinterlegten Blöcken schwer/er zu lesen. Ähnlich ging es mir mit den vielen Grafiken. Ziemlich befremdlich wirkten auf mich die drei Seiten mit Endorsemnts vor dem Inhaltsverzeichnis. In so gut wie allen vorliegenden empirischen Untersuchungen zur Altersgruppe der 16- bis 29-jährigen spielte die Frage des Glaubens gar keine bzw. nur eine eher untergeordnete Rolle. Auch um diese Lücke zu füllen, interviewten Faix und Künkler Jugendliche, die sich der evangelischen Kirche oder aber einer Freikirche zugehörig fühlen und dort auch (sehr) aktiv sind. Den jungen, digital und global geprägten Leuten sind im Gegensatz zu früheren Generationen Bibel und Bekenntnis weniger wichtig; obenan steht der Lobpreis Gottes (s. den Buchtitel). Hervorgehoben stehen drei Äußerungen auf der deckblattartigen S. 5. Die erste ist: „Also, ich finde Lobpreis sehr, sehr wichtig, das ist ja auch gleichzeitig beten.“ Mit am interessantesten finde ich, wie bunt gemischt die ethischen Einstellungen sind, etwa zu dem Brennpunktthema ´Homosexualität´. Die ältere Frage nach einem Ja oder Nein zu vorehelichem Geschlechtsverkehr ist sehr viel tiefer gehängt. Wer sich nicht in das ganze Buch vertiefen will oder gerade wenig Zeit hat, der / die lese zumindest auf den S. 268-271 die 15 Thesen zu „Generation Lobpreis und die Zukunft der Kirche“.

In einem Satz zusammengefasst: Diese Studie verdient alle Aufmerksamkeit und ist ein unentbehrliches Grundlagenwerk für alle diejenigen vor, die mit der “Generation Lobpreis” arbeiten und die Kirche von morgen gestalten möchten

Franz Alt / Helfried Weyer, Unsere einzige Erde. Eine Liebeserklärung an die Zukunft. Patmos Verlag Ostfildern 2019, gebunden 144 S. 28 €, ISBN 9783843611404

Die beiden Autoren dieses sehr schönen und nachdenkenswerten Buches sind (sehr) bekannt, der eine (Alt) als ehemaliger Fernsehjournalist und sehr erfolgreicher Buchautor und weltweit gefragter Redner, der andere (Weyer) als erstklassiger Natur- und Landschaftsfotograf; genauere Informationen zu den beiden finden sich auf S. 143. Das Buch ist dreigeteilt. I handelt von den „Herausforderungen der Gegenwart“, II von den „Lehren der Vergangenheit“ und III entspricht dem Untertitel: „Liebeserklärung an die Zukunft“.

Durch das ganze Buch hindurch ziehen sich wunderschöne, tolle Panoramafotos, z.B. auf S. 10f eine sechsstündige Langzeitbelichtung von Sternenbahnen über der Sahara. Da sieht man nicht einmal die kleinste Spur einer Lichtverschmutzung. Liest man den Text des Buches genau/er, dann melden sich – nicht nur, aber auch! – leichte und schwerwiegende Bedenken. Erstens, weil die zeitliche Einteilung in Vergangenheit (II), Gegenwart (I) und Zukunft (III) zwar logisch ist, dieser Logik aber nicht gefolgt wird. Das mag man noch verzeihen. Zweitens aber wird – scharf geurteilt – mit den biblischen Texten unredlich umgegangen. So wird Ps 52,10 nur im ersten Teil zitiert („Ich aber werde bleiben wie ein grünender Ölbaum im Hause Gottes“), der zweite Teil („ich verlasse mich auf Gottes Güte immer und ewig“) jedoch unterschlagen.

Alt hört nicht wirklich auf die biblischen Texte, sondern verwendet sie ideologisch und legt sie zuzeiten moralinsauer aus. So wird zwar Gen 1,1- Gen 2,3.5 in neun Sequenzen in den Text eingebaut, aber unverbunden! Und Gen 2,15 – die ökologischste Bibelstelle, die es gibt – wird zwar sogar vor dem Inhaltsverzeichnis, also sehr hervorgehoben, zitiert, aber ganz ohne Erklärung – und mit einer falschen Stellenangabe („Genesis/1.Mose 2,5“)! Des weiteren heißt es S. 84 katechismusartig: „Das elfte Gebot: ´Du sollst den Kern nicht spalten!´“ Und dann wie eine Erklärung: „Atomkraftwerde sind schöpfungswidrig.“ So ist Alts Text m.E. ein guter, kritisch zu verwendender Begleittext zum ersten Glaubensartikel de creatione, die beiden anderen Artikel werden jedoch sträflich vernachlässigt bzw. nur schöpfungstheologisch ausgelegt (s. die neue Schöpfungsgeschichte S. 54f).

Trotzdem – kurz und zusammenfassend gesagt: ein Buchmit faszinierenden Fotos, zur kritischen Lektüre – und zum Verschenken.

Buchhinweis von Pfarrer Thomas Maier, Direktor Evang. Missionsschule Unterweissach:

Johann Boumann, Augustinus. Die Theologie seiner Predigten über die Psalmen, hg. v. Sven Grosse, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2019, Paperback, 358 Seiten, 69,– €. ISBN 978-3-506-78668-5

Im Vorwort erläutert der Hg., warum dieses umfangreiche Buch auch noch 20 Jahre nach dem Tod des Verfassers veröffentlicht wird: Boumann hatte zuvor schon zwei Werke zu Augustin veröffentlicht, und außerdem sei das hier zu besprechende Buch thematisch sehr breit angelegt. Gemäß des enzyklopädischen Charakters der Enarrationes in Psalmos biete es „eine Darstellung der gesamten Theologie Augustins in den meisten ihrer Hauptstücke“ (S. 9), und zwar durchaus als alternativen Entwurf zur Darstellung von Kurt Flasch aus dem Jahre 1980.

Im 1. Kapitel, „Augustins Predigtamt“ (S. 11-34), wird aspektreich geschildert, wo und wie Augustin gepredigt hat: in den multikulturellen Städten Hippo Regius und Carthago, und zwar als Bischof und bezogen auf die damaligen Problemstellungen, etwa die manichäischen, donatistischen und pelagianischen Herausforderungen – immer mit dem Ziel, die Hauptinhalte des christlichen Glaubens zu vermitteln, aber nicht abstrakt, sondern ausgerichtet auf „die Gestaltung eines gemeinsamen Lebens in der Liebe Christi“ (S. 15) und um Glauben zu wecken und zu festigen.

Glaubenslehre und Glaubenspraxis gehören bei Augustin unzertrennlich zusammen. Um des innigen Kontakts zu seinen Zuhörern willen habe der Rhetor Augustin bewusst einfach und verständlich geredet. Von sich selbst habe er als Sünder ehrlich und demütig gesprochen. Die Enarrationes entstanden aber nicht nur aus Predigten, sondern etwas weniger als die Hälfte hat Augustinus (nur) diktiert und nicht gepredigt. Das schmälert ihre Qualität jedoch nicht, hat doch Augustin sein gesamtes Christenleben über mit den Psalmen gelebt und über sie nachgedacht. Theologisch war ihm wichtig, dass beim Predigen die Bibel ausgelegt wird, und zwar in christologischer Zentrierung und dass die Bibel durch die Bibel erklärt wird – allerdings in der damals gängigen Weise der Typologie und vor allem der Allegorie, immer ausgerichtet an der regula fidei. Es ging ihm neben dem historischen Sinn der Texte vor allem um deren geistlichen Sinn. Augustin konnte auf diese Weise das ganze AT ernst nehmen, auch indem er bei der Bestimmung des Verhältnisses von AT  und NT dem hermeneutischen Leitsatz folgte: „Es gibt keine unterschiedliche Lehre, wohl aber eine unterschiedliche Zeit.“ (S. 28) Die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium bekam diesbezüglich eine überragende Bedeutung: das Gesetz des AT sei im NT nicht aufgehoben, aber das Verhältnis zum Gesetz sei im NT ein völlig anderes – im AT kulminiere alles in Furcht und Unerfüllbarkeit, im NT aber in Liebe und Erfüllbarkeit.

Im ersten wie auch in allen anderen Kapiteln zeichnet Boumann Augustin wohlwollend und verstehend nach. Er bietet in sechs Kapiteln eine gute Übersicht zu Augustins Theologie, wie er sie in seinen Enarrationes als Prediger, Exeget und Seelsorger der Gemeinde vollzieht: Der trinitarische Gott (S. 39-67), Gott und Mensch (S. 69-117), die Erlösung in Christus (S. 118-187), der Christ und die Kirche in der Welt (S. 188-291), die Endzeit (S. 292-319) und mit Laudate Dominum (S. 321-323) einen Schlusskapitel von Ps 150 her mit dem Ausblick auf das ewige Leben und mit einer Zusammenfassung von Augustins ganzer Theologie. Er greift Augustins Liebe zur Zahlensymbolik auf: Ps 50 handle von der Buße, Ps 100 von der Barmherzigkeit und vom Gericht und Ps 150 vom Lob Gottes. Dabei gehe es unter Rückgriff auf Röm 8,30 um den entscheidenden Dreischritt des christlichen Glaubens, nämlich um Berufung, Rechtfertigung und Verherrlichung.

Boumann bringt im letzten Abschnitt seine Hauptthese noch einmal zusammengefasst auf den Punkt: „Das Herz und das Nervensystem der Enarrationes ist Gottes Erlösung durch Christus. Darauf weisen die Psalmen prophetisch hin und reden deshalb über Christus als Haupt der Kirche, mit seinen Gliedern vereinigt. Endzweck dieser Heilsgeschichte ist das Lob Gottes in der himmlischen Vollendung zusammen mit den Engeln.“ (S. 323)

In der wohlwollenden und zuweilen erhellenden Nachzeichnung von Augustins Theologie besteht offensichtlich das Anliegen Boumanns. Dabei kommt aber eine kritische Verarbeitung, die auch auf biblische und theologische Fragestellungen der Alten Kirche und unserer Gegenwart einginge, leider viel zu kurz. Um es an einem Beispiel aus einem der Hauptteile zu verdeutlichen: In der Christologie wird u.a. der Christus medicus entfaltet (S. 133-139). Augustin habe sich auf die damalige ärztliche Heilpraxis bezogen, Christus mit menschlichen Ärzten verglichen und seine Besonderheit herausgestellt und seine Zuhörer dazu ermutigt, den Schmerz der Heilung von der zukünftigen Heilung herauszuhalten.

Boumann zeigt dann, dass bei Augustin die eigentliche Krankheit in der Sünde, etwa dem Hochmut, und der Verlorenheit und nicht in der des Körpers bestehe. Darum bezöge sich Augustin auch nie auf die Heilungsgeschichten Jesu. Heilung durch Christus ist darum immer fokussiert auf die Vergebung der Sünden und auf die Rechtfertigung des Gottlosen. Boumann referiert nur, ohne etwa von der Bibel her Augustins Engführung zu kritisieren – was er m.E. schon deshalb leisten müsste, weil Augustins Selbstanspruch ja gerade darin besteht, die Bibel durch die Bibel zu erklären (S. 14 u.ö.). Die Bibel jedoch nimmt im Ganzen den Leib viel ernster als Augustin, der eben doch den Leib im Verhältnis zur Seele abwertet, in einer Einseitigkeit, die gerade auch die Christologie in dieser Hinsicht in eine Schieflage geraten lässt. Trotz der wiederholt herausgestellten soteriologischen Zentrierung bei Augustin hätte das kritisch benannt werden müssen.

Natürlich steht das Heil über dem Wohl, aber beides hat viel miteinander zu tun, in den Psalmen wie auch im NT. Und auch bei der Entfaltung der Zweinaturenlehre betont Boumann von Augustin her nur, dass dieser die göttliche Natur immer gewahrt habe, die Naturen Christi voneinander unterschieden, aber nie voneinander getrennt habe, dass bereits die Inkarnation auf die Soteriologie und die Ekklesiologie ziele usw. Allerdings stellt er keine kritischen Fragen an Augustin, ob dieser wirklich von der Personeinheit, wie sie in Chalcedon 451 dann klassisch formuliert wurde, her denke und ob nicht die Erklärung vieler Bibelstellen bei Augustin gerade daran leidet, dass er ständig aufteilt zwischen dem, was im Blick auf die menschliche Natur gelte, und dem, was sich auf die göttliche Natur beziehe. Das findet sich so in den biblischen Texten ja gerade nicht. Letztlich bleibt es bei einem Nebeneinander von göttlicher und menschlicher Natur, und es wird nicht danach gefragt, was die Menschwerdung für eine Bedeutung für das Gottsein haben könnte.

 

 

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