„Fair und mit Respekt…”

Die 10 Gebote - "Goldene Regel" für Christen und Juden

Predigttext: 2. Mose 20,1-17
Kirche / Ort: 78727 Oberndorf
Datum: 08.10.2023
Kirchenjahr: 18. Sonntag nach Trinitatis
Autor/in: Pfarrerin Dr. Marlene Schwöbel-Hug

Predigttext: 2. Mose 20,1-17 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 2017)

 

zurück zum Textanfang

„Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu“, so lautet ein altes Sprichwort, das sich an die Goldene Regel aus der Bergpredigt anlehnt.

I.

Ich möchte nicht ungerecht behandelt werden, ich möchte nicht angeschrien werden, ich möchte nicht abgelehnt werden, ich möchte nicht übersehen werden, ich möchte nicht angegriffen werden. Das alles sind Wünsche, die jeder von uns unterschreiben kann. Vielfach wird diskutiert, dass unsere Gesellschaft aggressiver geworden ist, dass Menschen keine Rücksicht nehmen auf das, was andere Menschen erschrickt, kränkt oder aber auch freut. Grenzen von sprachlicher und körperlicher Gewalt werden überschritten. Die Freiheiten anderer werden eingeschränkt, und das wird vielfach als gerechtfertigt gesehen. Denken wir nur an Demonstrationen, wo Ziele mit Gewalt durchgesetzt werden sollen oder daran, wie schnell ein Ruf verletzt werden kann durch falsche oder verdrehte Nachrichten und Informationen. Dabei übersehen wir gelegentlich, dass unsere Freiheit ihre Grenzen bei der Freiheit des Gegenübers hat. Wo lernen wir das? Wie lernen wir das. „Und willste nicht mein Bruder sein, dann schlag ich dir den Schädel ein“. Diese Maxime scheint sich viel eher durchzusetzen als die Goldene Regel.

Handelt es sich bei all diesen beklagenswerten Zuständen um Tatsachen oder beschreibt es eher ein Gefühl, was zweifellos viele Menschen umtreibt? So viel negative Wellen, so viel Pessimismus und so viel Angst und Sorge beherrschen unsere Gesellschaft, dass es ungemein schwer ist, sich dieses Eindrucks zu erwehren. Ohne diese oft sehr berechtigten Fragen und Sorgen beiseite wischen zu wollen, ist es doch an der Zeit, auch Lichter in dunklen Räumen zu erkennen und sich an ihnen zu orientieren.

Interessant ist, dass die Goldene Regel im Evangelium nach Matthäus heißt: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun, das tut ihnen auch“. Hier ist die Goldene Regel positiv gefasst nach dem Motto: „Überlegt einmal, was ihr gern möchtet, wie ihr gern behandelt werden möchtet, und dann übertragt das auch auf andere“. Positives wird ins Zentrum gestellt, nicht das Negative, von dem ich mich abgrenzen soll. Diese Aufforderung zur Wertschätzung macht mich aufmerksam und hilft mir zum positiv zu handeln. Mein kleiner Enkel ist ein großer Fußballnarr. Er spielt selbst in einem Verein und hat einen wahren Wissensschatz über Fußballer und ihre Vereine angesammelt. Vor ein paar Wochen konnte ich in Berlin zum ersten Mal ein Spiel anschauen, in dem er auf dem Platz war. Als ich ihn fragte: „Wie spielst du?“ antwortete er nicht „links außen“ oder „Mittelfeld“, sondern „fair und mit Respekt. Das sagt uns unser Trainer vor jedem Spiel“.

II.

Fair und mit Respekt. Das ist ein Wert, der uns alle miteinander verbinden könnte. Heute sind es die 10 Gebote, über die wir im Gottesdienst nachdenken. Diese 10 Gebote sind für Christen und Juden „die goldene Regel“. Sie fassen das zusammen, was menschliches Miteinander respektvoll und fair sein lässt. Die Gebote 4-10 sind nicht eindeutig religiös, sondern geben knappe, allgemein gültige Richtlinien für ein gutes, faires, respektvolles Miteinander. Sie leuchten sofort ein, über die Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg. In fast allen Religionen und Kulturen gelten sie. Das Gebot, die Eltern zu ehren, ist vielleicht das, was seit zwei oder drei Generationen am wenigsten noch als allgemein gültig gesehen wird. Viel Kritik üben wir an dem, was unsere Eltern falsch gemacht haben, politisch, wirtschaftlich, die Ausbeutung der Umwelt betreffend. Sie haben Fehler gemacht, im Rückblick auf jeden Fall. Aber werden nicht auch unsere jeweiligen Generationen Fehler machen oder haben sie schon gemacht? Vielleicht heißt hier das „ehren“, dass man sich zusammen setzt mit Eltern und Großeltern und ins Gespräch kommt. Ehren heißt dann auch, dass die Eltern ernstnehmen, was die Kinder umtreibt. So könnten beide Seiten erkennen, dass die Goldene Regel über die Generationen zurück und nach vorn Möglichkeiten des Lernens und der Einsicht erschließt.

Die folgenden Gebote wollen das Zusammenleben von Menschen stärken und die Würde jedes einzelnen. Dazu gehört das Tötungsverbot, wobei es sich dabei nicht nur um das Töten mit Waffen handelt, sondern auch um das Zerstören mit Worten. Dass Ehebruch oft sehr viel Leid mit sich bringt, kann nicht schöngeredet werden, auch wenn Liebe sterben kann. Aber wichtig ist auch dort, so klar wie möglich darüber zu sprechen und die Heimlichkeit zu vermeiden. Dass wir das Eigentum der anderen so würdigen, dass wir sie nicht bestehlen, lernen schon kleine Kinder. Stehlen ist mit gutem Grund strafwürdig. Das achte Gebot „du sollst nicht falsch Zeugnis reden gegen deinen Nächsten“ hat seit Menschengedenken seine Wichtigkeit bewiesen und gewinnt durch heutige „fake news“ erneut eine große Aktualität. Wie schnell kann ein guter Ruf zerstört werden durch falsche Anschuldigungen. Auch das ist, wenn es aufgedeckt wird, strafwürdig. Die beiden letzten Gebote warnen vor Neid und Hintergehen von anderen aus Gier oder Habgier. Neid ist ein großer Kriegstreiber.

III.

All diese fast allgemeingültigen Gebote stehen für Christen und Juden unter dem Dach der ersten drei. Diese drei Gebote führen alles, was danach als Warnung, Angebot zu gutem Zusammenleben gegeben wird, zurück auf Gott. Gott ist derjenige, dem gegenüber sind wir verantwortlich, wenn wir die Gebote übertreten. Er ist für uns als Christen Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist, der durch die Schriften der Bibel immer wieder zeigen lässt, wie die Gebote einzuhalten sind und wie zerstörerisch es ist, sie nicht ernst zu nehmen. Gott stellt sich vor als der, der aus Knechtschaft geführt hat und immer wieder führen möchte. Als der, der für Freiheit steht, für eine Freiheit, die Menschen in Verantwortung füreinander nimmt. Er ist ein Gott, von dem wir uns kein Bildnis machen sollen, den wir weder festlegen sollen auf ein Geschlecht, noch ein Alter oder eine Hautfarbe. Er ist ein Gott, dessen Handeln wir oft nicht erfassen können, und der uns trotz allem, was wir nicht verstehen, seine Barmherzigkeit zusagt. Er ist ein Gott, den wir nicht in Gebäuden einsperren sollen, sondern der das ganze Leben begleiten will.

Darum weiß Gott, dass Menschen sich ausruhen müssen. Darum gibt es das Gebot, den Feiertag zu heiligen. Jeder Mensch braucht Freizeiten, um zu sich selbst zu kommen, Zeit mit den Menschen zu verbringen, die ihr/ihm wichtig sind. Auch das ist eine allgemein gültige Wahrheit, die aber immer wieder ausgesprochen werden muss, auch heute in unserer Zeit.

In den 10 Geboten werden allgemeine kulturelle Regeln in Verantwortung vor Gott und anderen Menschen verpflichtend gemacht. Die goldene Regel ist dadurch für Christen an Gott gebunden und wird mit ihm in Verbindung gebracht. Es ist an uns, diesen Zusammenhang zu erkennen und weiterzugeben, auch heute. In unseren Familien, in den Kindergärten, Schulen und in der Gesellschaft insgesamt. Denn „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun, das tut ihnen auch“.

 

 

 

zurück zum Textanfang

Ihr Kommentar zur Predigt

Ihre Emailadresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert.