Aus den Quellen schöpfen

Welchen Weg wollen wir gehen?

Predigttext: Jesaja 12.1-6
Kirche / Ort: Peterskirche / Universitätskirche Heidelberg
Datum: 18.09.2022
Kirchenjahr: 14. Sonntag nach Trinitatis
Autor/in: Kirchenrat Pfarrer Dr. theol. Heinz Janssen

Predigttext: Jesaja 12,1-6

Übersetzung nach Martin Luther, Revision 2017:

Das Danklied der Erlösten

1 Zu der Zeit wirst du sagen: Ich danke dir, HERR! Du bist zornig gewesen über mich. Möge dein Zorn sich abkehren, dass du mich tröstest.
2 Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil.
3 Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Brunnen des Heils.
4 Und ihr werdet sagen zu der Zeit: Danket dem HERRN, rufet an seinen Namen! Machet kund unter den Völkern sein Tun, verkündiget, wie sein Name so hoch ist!
5 Lobsinget dem HERRN, denn er hat sich herrlich bewiesen. Solches sei kund in allen Landen!
6 Jauchze und rühme, die du wohnst auf Zion; denn der Heilige Israels ist groß bei dir!

Jesaja 12,1-6 Übersetzung nach dem hebräischen  Text

1 Und du wirst sagen an jenem Tag:Ich will dir danken, JHWH.
Ja, du hast mir gezürnt. Möge dein Zorn sich wenden, dass du mich tröstest.
2 Siehe, Gott ist meine Hilfe / mein Heil, ich werde vertrauen und werde nicht erschrecken. Ja, JHWH ist meine Zuflucht und mein Loblied, und er wurde mir zur Hilfe / zum Heil.
3 Und mit Freuden werdet ihr Wasser schöpfen aus den Quellen der Hilfe / des Heils.
4 Und ihr werdet sagen an jenem Tag: Dankt JHWH, ruft seinen Namen an / aus, macht seine Taten in den Völkern bekannt, erinnert, dass sein Name hoch ist!
5 Singt / preist  JHWH, denn Großes hat er getan, dieses soll auf der ganzen Erde kundgetan werden.
6 Jauchze und juble, du Bewohnerin Zions, denn groß in deiner Mitte ist der Heilige Israels.

 

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Eine kleine Szene, die ich vor dem hießigen Theologischen Seminar miterlebte: Eine junge Mutter  mit ihrem vielleicht 5jährigen Kind. Die Mutter wollte in die eine Richtung gehen, das Kind zog an ihrer Hand in eine andere, nicht eindeutige, Richtung und bekräftigte seinen Willen unüberhörbar. Daraufhin, nach einigem Hin und her, die Mutter, auf ihr Kind eingehend: „Okay, welchen Weg wollen wir gehen?“ – Womit wir beim heutigen Predigttext wären: Ich höre darin die Frage nach dem Weg, in welche Richtung gehen wir, woran orientieren wir uns, woraufhin, auf welche Zukunft hin? Eine persönliche Frage und eine Frage an Gesellschaft und Kirche.

Unser Leben ist ein Kommen und Gehen, auf verschiedensten Wegen, nicht selten ein Zerren in die eine oder andere Richtung, oder ein Losreißen von einer begleitenden Hand. Was geben wir einander weiter an „Lebens- und Glaubensdienlichem“ für die Etappen und Lebensphasen unserer und unserer Kinder? Wir kennen gute Wege, auch Sackgassen und Irrwege. Wir müssen uns entscheiden und ahnen oft nicht, wohin uns der Weg führt. Hochrechnungen, Modellierungen und Prognosen wollen Planungssicherheit geben, können aber auch verunsichern. Gut, wenn wir die Quellen finden, die uns weiterhelfen. Solche will  uns der heutige Predigttext zeigen. Mit diesem beginnt nicht nur eine neue Phase in der umfangreichen Jesajaschriftrolle (ihr über 7m langes vollständig erhaltenes hebräisches Original auf Pergament ist im Israel-Museum zu Jerusalem verwahrt), sondern auch eine neue Zeitphase, ein neuer Weg in der Geschichte des biblischen Israel.

I.

Seit der Prophet Jesaja in der zweiten Hälfte des 8. vorchristlichen Jahrhunderts auftrat (s. Jesaja-Siegel), waren über zweihundert notvolle Jahre mit vernichtenden Kriegen vergangen, die zuletzt die damalige Staatlichkeit des Gottesvolkes auslöschten und große Teile der Bevölkerung deportiert wurden. Für die Einen wie für die Anderen galt es, sich neu zurecht zu finden, einzurichten und dabei die eigene Idendität zu bewahren. Aktuelle Situationen (in diesen Monaten) muss ich nicht bennen.

„Und du wirst sagen: Ich danke dir, GOTT!“ (V. 1)

„An jenem Tag“ – Unser psalmähnliche Predigttext ist inspiriert von der ursprünglichen Botschaft Jesajas. Den Überlebenden der Katastrophe stellt eine Stimme in Aussicht, zu gegebener Zeit in ein ungetrübtes „Danklied“ einstimmen und „mit Freuden Wasser aus den Quellen des Heils schöpfen“ zu können. Ein Weg zu „jenem Tag“ hin.

Ich stelle mir vor, dass diese Ansage der damaligen Gemeinde galt. Der Prophet sollte den nach einem Neuanfang und einer guten Zukunft Dürstenden eine verlässliche Perspektive geben.

Jesaja war zu Lebzeiten als Prophet unbequem, meist abgelehnt, aber auch helfend und tröstend denen, die seine Botschaft hören wollten – die Warnung „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht“ (Jes 7,9), die das Vertrauen auf Gott und seine Macht und nicht auf Menschenmacht anmahnt, ebenso wie der jetzt so nötige Zuspruch „Es wird nicht dunkel bleiben über denen, die in Angst sind“ (Jesaja 8,23). Es ist die Zuversicht, die den Propheten auf seinem schweren Weg getragen hat, wenn er bekennt: „Siehe, hier bin ich und die Kinder, die mir Gott gegeben hat als Zeichen einer hoffnungsvollen Zukunft“ (Jesaja 8,18).

 „Und mit Freuden werdet ihr Wasser schöpfen aus den Quellen des Heils.“ (V. 3)

Die Geschichte vom Wasser spendenden Felsen am Horeb auf dem Weg des Gottesvolkes durch die Wüste klingt in diesem Bild an. Außerdem der Brauch beim Laubhüttenfest, wenn aus einer Quelle vor dem Tempel Wasser geschöpft und auf den Altar gegossen wird als Zeichen dafür, zu Gott, der bleibenden Quelle des Lebens zurückzukehren. Viele, die damals aus Exil und Gefangenschaft in ihre Heimat zurückkehren konnten, schöpften daraus beim Aufbau ihrer Existenz neuen Lebensmut. Ich denke an die ukrainischen Geflüchteten, die sich nach der Rückkehr in ihre Heimat und zu ihren Familien sehnen.

„Mit Freuden werdet ihr Wasser schöpfen aus den Quellen des Heils.“

Dreimal begegnet im Predigttext das Wort Hilfe bzw. Heil, im Hebräiscen spielt es auf den Namen des Propheten Jesaja an, er bedeutet „Gott hilft / heilt“ und war vielleicht für die Autorengemeinschaft unseres Predigttextes wie eine Zusammenfassung der Botschaft Jesajas: Gottes Wege zielen auf Hilfe und Heil und Trost.

II.

„Und du wirst sagen an jenem Tag: Ich danke dir, GOTT!“ (V. 1)

Ob ich mich mit diesem „Du“ auch heute identifizieren kann und darf?  Ich versuche zu verstehen und stelle mir eine Stimme vor, die mich anspricht: Du bist hin- und hergerissen, mit dir selbst und deinem Weg uneins, unsicher auch in deinem Glauben. Du kannst deine Vorstellung von Gott mit deinen Lebenserfahrungen schwer zusammenbringen, und es ist dir zum Danken nicht zu Mute. Gib jetzt nicht auf:
Es kommt die Zeit, dass du ein Danklied anstimmen und mit Anderen einstimmen, den Mund voll nehmen wirst,
dein Stimmungsumschwung
dringt von innen nach außen, in die persönlichen und gesellschaftlichen Lebensverhältnisse, zu den Völkern, weltweit.

Das hebräische Wort für „Danken“ erinnert an der Brauch der sog. „Toda“ des Gottesvolkes. Da erzählt und bekennt jemand vor versammelter Gemeinde, dass er Gottes Hilfe erfahren hat:

„Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin voller Vertrauen und erschrecke nicht; denn Gott ist meine Zuflucht und mein Loblied; er ist mir zum Heil geworden“ (V. 2).
Freut euch mit mir, stimmt in mein Danklied mit ein, auch für Euch wird die Hilfe Gottes nicht ausbleiben:

 „Mit Freuden werdet ihr Wasser schöpfen aus den Quellen des Heils“ (V. 3).

Kommt, feiert mit mir, lasst uns essen und trinken – „schmecket uns sehet, wie freundlich Gott ist…“, gelobt sei sein Name.

„Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist“ (Psalm 42f.).

Was ermöglicht solche auf Danken gestimmte Lebenseinstellung? Es ist der Rückblick auf Wegphasen mit offenen Augen und Realitätssinn: „Ja, du bist zornig über mich gewesen“, das so übersetzte hebräische Wort bedeutet „schnauben“. Ich habe das Schnauben des Ewigen in mir und gegen mich gespürt, es hat mich ins Wanken gebracht, in Todesangst gestürzt, auch meine Vorstellung von Gott in Frage gestellt und in Abgründe geführt. Dass der biblische Gott zornig über mich sein kann, ist schwer zu ertragen, wir sprechen doch lieber von seiner Liebe. Aber hat uns nicht Ludwig Feuerbach – anlässlich seines 150. Todesjahres (er starb am 13. September 1872) möchte ich an ihn erinnern – hat er uns nicht die Augen geöffnet dafür, dass wir Gott nicht auf die bequeme „Projektion“ eigener Bedürfnisse und Wünsche reduzieren und ihn nach unseren menschlichen Maßstäben zurechtmodeln dürfen?

III.

„An jenem Tag…“ – Die Stimme, die sich zu Wort meldet, weiß: Noch ist nicht alle Welt vom Dank erfüllt, noch gibt Böses und Zerstörerisches, Menschen und Gottes Schöpfung verachtendes Handeln. Darum die Bitte:

„Möge dein Zorn sich wenden, dass du mich tröstest“.
Noch ist nicht die Zeit des vollen Dankes. Aber es gibt sie schon jetzt die Töne des Dankes, in der Musik z.B., die uns in wunderbare Klangräume führt und unser „Herz singen und springen“ lässt – wie überhaupt die Welt der Kunst. Und es gibt schöne Zeichen menschlichen Miteinanders.

Heute morgen wird in unserer katholischen Nachbarkirche, der Jesuitenkirche, ein Festgottesdienst gefeiert, Anlass: „400 Jahre gegeneinander, nebeneinander, miteinander „Gemeinsam glauben in Heidelberg“. Tillys Brandschatzung, ein große Katastrophe für Heidelberg, konnte die Feindschaft zwischen den Konfessionen nicht zementieren. Wir haben Grund zur Freude über die unkomplizierte und freundschaftlich zugewandte Nachbarschaft. Erwähnt sei auch:

Als in der Corona-Zeit hier in der Peterskirche das Mittags- und Abendgeläut eingeführt wurde, ist die Jesuitenkirche von „ihrem“ angestammten Ton abgewichen, damit unsere beiden Türme gut miteinander klingen, ansonsten wäre fis gegen f [Orgel lässt die Töne erklingen] dissonant über die Altstadt gelegt. Jetzt läuten wohltuend fis und es [Orgel lässt die Töne erklingen]. Ein klingendes ökumenisches Zeichen!

Auch ein hoffnungsvolles Zeichen: In Karlsruhe tagte vor kurzem (28.08. bis 8.09.2022) die 11. Vollversammlung des weltweiten Ökumenischen Rates der Kirche (ÖRK). Wichtig, in einer Universitätsstadt zu hören, ist, dass die geschichtlichen Wurzeln des ÖKR in christlichen Studentenbewegungen des 19. Jahrhunderts liegen.

Aus dem Du ist ein Wir, ein gemeinsamer Weg geworden, hier in Heidelberg und vielen Orten. Um miteinander den Namen des „Heiligen Israels“ anzurufen, diesen Gottesnamen hinein zu rufen in die Welt der Völker. Von der „Tora“, der Weg-Weisung des Ewigen, möchte ich mit Ihnen / mit Euch lernen und mich einstimmen lassen auf die „Toda“, den erlösten, befreiten und vollen Lobpreis auf  Gottes Wege, weil sie  auf Hilfe und Heil und Trost zielen.

„Okay, welchen Weg wollen wir gehen?“ – Orientieren wir uns „an jenem Tag“ der Botschaft Jesajas, sie bietet uns im Jesajabuch „etwas Vorliegendes, Verfügbares“, heilsame Quellen, aus denen wir schöpfen können! „Hilfe“ / „Heil“ klingen wie im Namen Jesajas so auch im Namen Jesu an, von dem es heißt, dass aus ihm „Ströme lebendigen Wassers fließen“. Auf unseren Wegen begleite uns der Zuspruch des Apostels Paulus: „Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren“.

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