Predigt

Die Weihnachtspredigt von Johannes, Jesu Lieblingsjünger

Das Zeugnis des Johannes

PredigttextJohannes 20, 20-25 (mit Exegese)
Kirche / Ort:Engen / Hegau
Datum:27.12.2020
Kirchenjahr:1. Sonntag nach dem Christfest
Autor:Pfarrer em. Dr. theol. Hans-Rudolf Bek (* 1930)

Predigttext: Johannes 21, 20-25 (Übersetzung nach Martin Luther) 20Petrus aber wandte sich um und sah den Jünger folgen, den Jesus lieb hatte, der auch beim Abendessen an seiner Brust gelegen und gesagt hatte: Herr, wer ist’s, der dich verrät? 21Als Petrus diesen sah, spricht er zu Jesus: Herr, was wird aber mit diesem? 22Jesus spricht zu ihm: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht es dich an? Folge du mir nach! 23Da kam unter den Brüdern die Rede auf: Dieser Jünger stirbt nicht. Aber Jesus hatte nicht zu ihm gesagt: Er stirbt nicht, sondern: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht es dich an? 24Dies ist der Jünger, der das bezeugt und aufgeschrieben hat, und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist. 25Es sind noch viele andere Dinge, die Jesus getan hat. Wenn aber eins nach dem andern aufgeschrieben werden sollte, so würde, meine ich, die Welt die Bücher nicht fassen, die zu schreiben wären.

Tag des Evangelisten Johannes - Zum Predigttext

Der dritte Weihnachtstag fällt in diesem Jahr auf einen Sonntag. Dadurch bietet es sich an, das vierte Evangelium in seiner Bedeutung der Gemeinde vorzustellen – und das heißt, sie wenigstens in Umrissen mit der "Johanneischen Frage" vertraut zu machen, die von den Theologen schon lange kontrovers diskutiert wird. Ohnehin gehört zum Christfest nicht nur Luk.2,1-20, sondern ebenso Joh.1,1-16.

Für Martin Luther war das Johannesevangelium „das eine rechte Hauptevangelium“. Friedrich Schleiermacher hielt es für das ursprüngliche und älteste Evangelium. Für die moderne kritische Exegese ist es dagegen das späteste wegen seiner hohen dogmatischen (?) Christologie. Rudolf Bultmann sieht in ihm eine Antwort auf frühe gnostische und doketische Anschauungen.

Aber inzwischen hat sich die Johannes-Forschung um 180 Grad gedreht, die judenchristliche Prägung sowie genaue palästinensische Ortskenntnis führen zu einer ganz anderen Sicht, wie sie z.B. von dem kürzlich verstorbenen Neutestamentler Klaus Berger in seinem Buch „Im Anfang war Johannes“ entfaltet und mit differenzierten Argumenten begründet wird. Dazu gehört auch die Verfasserfrage: Hat der „Lieblingsjünger“ das vierte Evangelium geschrieben – oder ist er eine symbolische Idealgestalt, die zu allen Zeiten in der christlichen Kirche präsent sein wird?

Diese Frage steht im Zentrum des Abschnittes Joh. 21, 20-24. Der Text schließt an den dramatischen Dialog des Auferstandenen mit Petrus an, dem trotz der dreimaligen Verleugnung das Leitungsamt des Hirten in der Nachfolge des guten Hirten anvertraut wird, worauf die Ankündigung seines Martyriums erfolgt.

Wie aber geht es nach dem Tod des Petrus mit der Kirche und deren Leitung weiter? Der Lieblingsjünger wird Petrus überleben, er wird „bleiben“, er soll sehr alt geworden sein. In der Situation der urchristlichen Naherwartung heißt das: Er wird nicht vor der Parusie Christi sterben, er wird von ihr als irdischer Mensch angetroffen werden. So kommt es zu dem Wort, das in der Gemeinde umgeht: „Dieser Jünger stirbt nicht“. Er ist aber dann doch gestorben. Wie wird danach die eschatologische Erwartung durchgehalten bzw. umgeprägt? Der Verfasser von Joh 21 sagt es so: „Aber Jesus hatte nicht zu ihm gesagt: Er stirbt nicht, sondern: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht es dich an“.

Das ging in Erfüllung und betrifft auch uns bis heute. Jesus Christus ist noch nicht wiedergekommen, aber er kommt gewiss. Und der Jünger, der mit ihm in besonderer Liebe verbunden ist – der „Lieblingsjünger“ – er bleibt in der Kirche präsent, nicht nur als eine symbolische Idealgestalt, wie die Exegeten sagen, sondern es wird zu allen Zeiten Menschen geben, die zur Leitung fähig sind, weil sie in der Liebe des Auferstandenen brennen.

Dennoch verbindet unser Text die Gestalt des Lieblingsjüngers mit der Verfasserfrage. Die Aussage lautet: „Dies ist der Jünger, der dies alles bezeugt und aufgeschrieben hat, und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist.“ Der Zeuge ist ein Augenzeuge, er steht mit Jesu Mutter unter dem Kreuz, während die anderen Jünger alle geflohen sind. Als mit dem Speer des Soldaten die Seite des Gekreuzigten geöffnet wurde und Blut und Wasser herausfloss, heißt es: „Und der das "gesehen" hat, der hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr, und er weiß, dass er die Wahrheit sagt, damit auch ihr glaubt“(Joh.19,35).

Die Person des Verfassers und die Schriftlichkeit ist um der Weitergabe willen wichtig, allein wegen der Wahrheit seines Zeugnisses. Petrus und der Lieblingsjünger stehen sich in unserem Text als Kontrastfiguren gegenüber – sollen wir also von zwei Kirchentypen sprechen, dem petrinischen, der im römischen Papstamt zum Ziel kam, und einem johanneischen, der in der Mystik der Ostkirche erschienen ist? Wohl lieber nicht, heute konvergieren die Konfessionen und erstreben mehr und mehr das gemeinsame Zeugnis. Wir kennen nur den einen Jesus Christus, den Gekreuzigten, der auferstanden ist und uns in seinem Licht verklärt.

Der leuchtende Johannesprolog gehört zu Weihnachten, die heilige Christnacht empfängt ihr Licht von der Osternacht des Auferstandenen. Es tut gut, den dritten Weihnachtstag zu feiern als den „Tag des Evangelisten Johannes“, dessen Zeugnis uns froh und stark macht – denn in Jesus, dem Fleisch gewordenen Wort, sahen wir seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit, und von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. (Joh.1,14 und 16).

Dies ist der wunderbare Weihnachtsklang des vierten Evangeliums, und in den Chorälen und Hymnen der ganzen Christenheit klingt er weiter: „Das ewig Licht geht da herein…“

Auch im Ausklang des Nachtragskapitels Johannes 21 ist er zu hören. Sein Schlusswort wird darum hier zitiert, im vollen Wortlaut, einschließlich der rhetorischen Übertreibung, die in der Antike bei solchen Schlussworten zum Stil gehörte (Text nach der Lutherbibel 1984):

„Petrus aber wandte sich um und sah den Jünger folgen, den Jesus lieb hatte, der auch beim Abendessen an seiner Brust gelegen und gesagt hatte: Herr, wer ist`s, der dich verrät? Als Petrus diesen sah, spricht er zu Jesus: Herr, was wird aber aus diesem? Jesus spricht zu ihm: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht es dich an? Folge du mir nach! Da kam unter den Brüdern die Rede auf: Dieser Jünger stirbt nicht. Aber Jesus hatte nicht zu ihm gesagt: Er stirbt nicht, sondern: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht es dich an? Dies ist der Jünger, der dies alles bezeugt und aufgeschrieben hat, und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist. Es sind noch viele andere Dinge, die Jesus getan hat. Wenn aber eins nach dem anderen aufgeschrieben werden sollte, so würde, meine ich, die Welt die Bücher nicht fassen, die zu schreiben wären.“

Nach den nur für Theologen geschriebenen Ausführungen stellt sich die Frage; Wie kann heute der „Tag des Evangelisten und Apostels Johannes“ angemessen begangen und gepredigt werden? Ich habe die Idee, im Schatten der Corona-Pandemie eine kursorische Lektüre des vierten Evangeliums vorzuschlagen – als Hilfe, getröstet durch diese Krise zu kommen. Dabei können nur einige Hauptlinien angedeutet und Wendepunkte markiert werden, mehr ist bei dem an sich unmöglichen Unterfangen nicht möglich.

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Heinz Janssen
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