Was tun, wenn so vieles „aus den Fugen geraten ist“? Dieser Gedanke begegnet mir in Gesprächen gerade immer wieder. „Was ist nur los?“, fragen Menschen, und sie fügen hinzu: „Nie hätte ich gedacht, dass ich so etwas (noch einmal) erleben würde“. Dann stehe ich da mit meinen Gedanken und habe Hesekiel an meiner Seite: Den Propheten, der zu Juden im Exil reden soll. Unglücklich sind viele Menschen damals. Verunsichert. Entwurzelt. In der Fremde. Und der überlieferte Glaube passt nicht in die neue Welt.
I
Die neue Weltordnung: Machtspiele, Flucht, Migration,Deportation, Neuanfänge sind nötig
Gott beschreibt sein Volk, als er zu Hesekiel spricht: „Ich sende dich zu den Männern Israels, zu einem unzufriedenen Volk, das sich über mich aufregt. Sie und ihre Vorfahren sind mir untreu geworden bis auf den heutigen Tag! Harte Gesichter haben diese Söhne und sture Herzen“. Diese alten, pauschalen Worte zeichnen mir nicht nur historische Szenen in mein Denken; nicht nur Exil; Zweifel; Armut; Verunsicherung.Unzufriedenheit erlebe ich laufend: Die Kirche müsse anders sein, müsse sich mehr kümmern.Die Politiker seien nicht vertrauenswürdig und interessierten sich nur für die Reichen, die Macht oder ihren eigenen Vorteil.Die Menschen wären immer egoistischer und man kümmere sich viel zu wenig umeinander.Das Klima in der Gesellschaft wird rauer und die Auseinandersetzungen unbarmherziger.Schon bei Hesekiel finden wir den Begriff dafür: Aufregung.
Das Leben scheint unsicherer geworden. Die Debatten über gute Entscheidungen scheinen weniger von Vernunft als von Emotionen geprägt zu sein. Harte Gesichter und sture Herzen hat mein Volk, hört Hesekiel aus Gottes Mund sagen. Was also bleibt? Und was muss geschehen. Es ist wieder einmal Zeit zu reden und zu hören. Nehmen wir Hesekiel noch mehr in unsere Runde und hören, was er zu berichten hat.
II
Hören
„Da sagte Gott zu mir: »Du Menschensohn, stell dich auf deine (beiden) Füße! Ich spreche mit dir.« 2 Und es kam Geist in mich, als er zum mir sprach; und der Geist stellte mich auf die Füße. Dann hörte ich ihn zu mir sprechen.“
Ratlos lag Hesekiel vor Gott, fürchtete ihn anzusehen. Denn den direkten Blick auf das strahlende Licht Gottes hält kein Mensch aus. Gott ganz nah zu sein, das hatte etwas Beängstigendes. Groß war Gott. Unfassbar groß. Und der Mensch wird klein. Hesekiel begreift: Gott will mit mir reden. Dabei hat Hesekiel keine Worte; weiß nicht, was er tun und reden soll. Aber das macht nichts. Denn es geht erst einmal ums Hören. „Stell dich auf deine Füße. Aber dazu fehlt die Kraft und der Mut.“ – „Steh auf!“ Diesen Satz kenne ich. Ein Satz gegen meine Müdigkeit. Gegen meine Unsicherheit. Gegen meine Bedenken. Wir brauchen diesen Satz immer wieder im Leben.Hesekiel spürt den Geist in sich, die Kraft zu leben. Er steht auf. Und hört.
III
Gemeinschaft
Stur ist mein Volk, sagt Gott. Unsicher und aggressiv, sind sie; und gottvergessen. Harte Gesichter. Harte Herzen. Genau da sollst du hin. Und wenn du keinen Erfolg hast: Dann haben sie wenigstens gesehen, dass ein Prophet unter ihnen lebt. Ein Prophet, der Gottes Wort hört und sagt: Du bist nicht allein. Gott vergisst nicht. Was Hesekiel da wohl denkt? Er spürt den Geist, der ihn aufrecht stehen lässt. Er hört Gott: »Du bist nicht so trotzig wie dieses sture Volk! Mach deinen Mund auf und iss, was ich dir gebe!«
Schritt für Schritt begreift Hesekiel, wie Gott ihn fähig macht, Unmögliches zu wagen. Er spürt den Geist und seine Lebenskraft. Er ahnt die Klarheit Gottes. Er sieht, wie Gott und die Welt zusammengehen. Keine Weltflucht. Keine Ideologie. Kein Machtspiel. Es geht ums Leben: „Da schaute ich auf. Und ich sah vor mir eine ausgestreckte Hand, die die Schriftrolle eines Buches hielt. Und er breitete sie vor mir aus; und sie war beschrieben auf der Vorder- und der Rückseite; und ich las Klagerufe, Seufzer und Schmerz“.
Es geht ums Leben. Was Hesekiel zu lesen bekommt, das kannte er schon. Das hat er gesehen. Nicht in Worten. In Bildern. Er hat es „vor Augen“. Er hat für all die Klagen keine Lösung; sieht das Leid; die Erschöpfung. Wir kennen solche Bilder. Aus Kiew. Aus Afghanistan. Aus dem Iran. Aus dem Sudan. Und immer noch und immer wieder: Aus Gaza. Aus Galiläa. Der Nahe Osten kommt nicht zur Ruhe. Das sieht und liest Hesekiel. Das ist alles nicht schön. So etwas sieht und liest man nicht gern.
IV
Auftrag: Du bist wichtig
Gottes weiß Rat. Und wieder einmal überrascht er: „Und er sprach zu mir: »Was du hier findest an Worten, iss sie! Iss diese Rolle da; und dann geh und sprich zu den Leuten von Israel!« Da öffnete ich meinen Mund und er brachte mich dazu, die Rolle zu essen. Und wieder sagte er: »Du Mensch, iss diese Buchrolle und fülle deinen Bauch damit!«“
Wie merkwürdig. Eine Buchrolle essen? Und dann auch noch eine mit so bitteren Worten? Hesekiel aß die Worte. Ein überaus starkes Bild, das uns etwas Wichtiges zeigt: Worte sind Nahrung. Sie wollen aufgenommen werden, damit sie Kraft geben können. Man kann sie nicht mit den Augen sehen, aber mit dem Herzen. Worten können beflügeln. Worte geben Mut. Worte können zerstören und brechen. Sie sind stark. Sie wirken.
In der deutschen Sprache machen wir einen merkwürdigen Unterschied: Wir sagen über wichtige Worte, dass wir sie „auswendig“ lernen. In England und Frankreich nennt man das anders: „Learn by heart“ und „apprendre par cœur“, d. h. zu Herzen nehmen; verinnerlichen. Das Bild des Hesekiel zeigt uns, dass Worte nur dann eine Kraft entwickeln, wenn wir sie nicht nur lesen oder hören oder für richtig halten, sondern wenn wir sie uns zu Herzen nehmen, sie verinnerlichen und uns zu-eigen machen. Hesekiel folgt Gottes Auftrag und isst; isst die bitteren Worte; isst die trockene, spröde Buchrolle.
V
Dolce Vita
Die Folgen sind phantastisch: „Da aß ich die Rolle; und in meinem Mund war sie wie süßer Honig“. Wie seltsam und befremdlich, dachte ich beim ersten Lesen. Und konnte es nicht verstehen. Aber im Aufnehmen, Nach-denken, Wieder-Käuen und mit Leib und Seele aufnehmen – da entsteht ein starkes Bild:Aus bitteren Worten kommt Kraft, wenn wir sie annehmen. Aus einer Begegnung mit Gottes Wort verliert die Welt ihren faden Geschmack. Selbst der abstoßende Gestank des Krieges wird durch Gott verändert: Du kannst etwas tun. Denn du bist verbunden mit Gott; verbunden mit Menschen im Glauben. Du weißt, dass die Welt kein gottverlassenes, aufgegebenes Land ist, sondern zum Blühen geschaffen.So geht Hesekiel los. Zu dem sturen Volk. Mit Gottes Verheißung.
Was tun, wenn „die Welt aus den Fugen geraten“ ist?
Still werden. Hören.
Gott schweigt nicht.
Er macht die Welt genießbar. Liebenswert.
„Iss!“ Der Appetit kommt mit dem Essen.
Und führt – in all der Bitterkeit – zur Süße des gemeinsamen Lebens.
Mit Gott. Miteinander.
Lieder
EG 295 Wohl denen, die da wandeln
NL 121 Die Himmel erzählen die Ehre Gottes