Predigt

Gerechtigkeit

Hunger ist nicht von Gott gegeben - Jesus befähigt uns, Früchte der Gerechtigkeit zu bringen

PredigttextJesaja 5,1-7
Kirche / Ort:Heiliggeistkirche / Heidelberg
Datum:12.03.2017
Kirchenjahr:Reminiszere (2. Sonntag der Passionszeit)
Autor:Pfarrer Dr. Vincenzo Petracca

Predigttext: Jesaja 5,1-7 (Übersetzung nach Martin Luther)

Das Lied vom unfruchtbaren Weinberg

Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte? Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

Exegetisch-homiletische Vorüberlegungen

Das Weinberglied ist von seiner Umgebung eindeutig abgegrenzt. Es lässt sich folgendermaßen gliedern:

Vers 1 und Vers 2: 1. Strophe (Exposition, Situation) , Vers 3 und Vers 4: 2. Strophe (Verzögerung, Reflexion), Vers 5 und Vers 6: 3. Strophe (Konsequenz aus der Situation), Vers 7: 4. Strophe (Deutung).

In Vers 1a findet sich ein Introitus. Der erste Satz der 1., 2. und 3. Strophe endet im Hebräischen jeweils mit dem Wort „Weinberg“ (mit Suffix). Die 1. und 2. Strophe enden mit dem Kehrvers über das Warten auf gute Trauben, das enttäuscht wird. Auch die 4. Strophe endet mit dem Warten des Weinbergbesitzers. Doch statt — wie im zweimal verwendeten Refrain — auf Trauben zu warten, wird ein Verfremdungseffekt eingesetzt. Dieser Effekt dient der Verstärkung der Pointe. Sie lautet: Erwartet wird von JHWH soziale Gerechtigkeit. Diese Pointe wird dem Hörer durch ein Wortspiel eindrücklich nahe gebracht, welches mit polaren Begriffspaaren die Erwartung und Enttäuschung JHWHs ausdrückt. Hierbei wird die Enttäuschung durch die Redefigur „doch siehe da“ eingeleitet.

Auf verschiedene Arten wird versucht, dieses Wortspiel ins Deutsche zu übertragen: Statt „Recht“ war „Unrecht“, statt „Gerechtigkeit“ war „Schlechtigkeit“ (Luther 2017); oder: Statt „Guttat“ war „Bluttat“, statt „Rechtsspruch“ war" Rechtsbruch“ (Einheitsübersetzung). Die eigentlichen Wortsinne meinen „Recht“ und „Gerechtigkeit“ einerseits, andererseits das rechtswidrige Blutvergießen (oder die dem Rechtsschwachen vor Gericht angetane Gewalt) und das Wehgeschrei der politisch und sozial Vergewaltigten.

Im Lied gibt es einen unvermittelten Bruch von der Er-Form in die Ich-Form: Während in der Strophe 1 und 4 der Sänger spricht, vollzieht sich in Strophe 2 und 3 ein Sprecherwechsel. Nun spricht der Weinbergbesitzer (durch den Mund des Sängers) selbst, somit wird die Distanz zum Hörer aufgehoben. Diese Unmittelbarkeit wird in Strophe 2 dadurch verstärkt, dass die Zuhörer direkt aufgefordert werden, selbst ein Urteil zu sprechen. Das ist auch der Zweck der Doppelfrage in Vers 4. Die 3. Strophe gibt dann selbst die Antwort auf diese Fragen und schildert die sorgfältige Vernichtung des Weinberges.

Am Ende der 3. Strophe beginnt die Enthüllung der Metaphern, durch den Befehl, dass der Regen ausbleiben soll: Der Weinbergbesitzer kann also nur Gott sein. Die weiteren Metaphern werden dann in Strophe 4 aufgelöst: Der Weinberg ist das Volk Israel, und die Früchte sind Früchte des Rechts und der Gerechtigkeit. Um die Pointe des Liedes nicht an der Verstocktheit des Herzens und der Verbohrtheit des Verstandes abprallen zu lassen (Jes 6,10), verwendet das Weinberglied einen genialen Kunstgriff: Die Zuhörer werden aufgefordert, selbst ein Urteil zu sprechen. Wahrscheinlich haben sie gedanklich den Weinberg verurteilt.

Am Ende des Liedes erfahren sie dann, dass das Lied auf sie gemünzt ist. Eine persönliche Betroffenheit ist unvermeidlich, denn mit ihrem Urteil haben die Hörer sich selbst überführt! Im Weinberglied sind drei verschiedene Bedeutungsebenen miteinander verwoben: Das Verhältnis der Braut zum Bräutigam, das Verhältnis des Weinbergs zu seinem Besitzer und das Verhältnis Israels zu JHWH. Das Bildfeld „Brautleute“ ist mit dem Bildfeld „Weinberg“ durch das Hohelied verbunden (Hld 1,6; 2,15; 8,11f.):

Der Weinberg ist ein Bild für die Geliebte. Vordergründig handelt das Lied über den misslungenen Anbau eines Feldstückes, der israelitische Hörer konnte es aber auch als die Geschichte einer tragischen Liebe deuten. Einzelaussagen des Weinberglieds können jedoch nicht — wie im Hohen Lied — als erotische Anspielungen verstanden werden, sondern die Bildfelder sind nur im ganzen miteinander verbunden: Wie schon Hosea, Jesajas älterer Zeitgenosse, das Verhältnis JHWHs zu seinem Volk als das Verhältnis von Bräutigam und Braut beschreibt (Hos 1,3).

Es ist anzunehmen, dass die Zuhörer von Anfang an verstanden, dass der Weinberg im übertragenen Sinn gebraucht wird. Die wahre Bedeutung der Metapher „Weinberg“ haben sie aber wohl erst am Ende des Liedes erkannt. In älterer Zeit wurde der Weinberg vermutlich noch nicht als Metapher für Israel verwendet, vielmehr das verwandte Bild vom Weinstock. Zum einen symbolisiert der Weinstock die Fruchtbarkeit und den Segen Israels, der Israel als das auserwählte Volk ausweist (Gen 49,10f.; Dtn 33,28; Am 9,13ff.). Zum anderen meint er das Volk Israel selbst (Hos 10,1; Jer 2,21; Ez 15,1-6). In Ps 80,9-16 beinhaltet das Bild vom „Weinstock“ sowohl die Vorzugsstellung Israels gegenüber anderen Völkern als auch die Sorge JHWHs für sein Volk. Summa: Der Aufbau, die Verschränkung der Bedeutungsebenen, der Verfremdungseffekt mit dem Wortspiel in der letzten Strophe sowie der Kunstgriff, die Hörer ihr eigenes Urteil sprechen zu lassen, machen das Weinberglied zu einer literarischen Perle des Alten Testaments! Des öfteren wird sowohl die Einheitlichkeit des Textes als auch seine Echtheit in Zweifel gezogen. Obige ausführliche Analyse des textlichen Charakters des Weinberglieds, vor allem die komplizierten Klammerungen der Strophen, legen dennoch die Vermutung nahe, dass der Text einheitlich ist.

Das Lied stammt wohl aus der Frühzeit des (Proto-)Jesaja (um 740 v. Chr.), einer langen Periode des Wohlstands des Nord- und Südreiches. Es hat die Form eines paradigmatischen Rechtsentscheids (Berger, Formgeschichte des NT, S. 51f.) Ein paradigmatischer Rechtsentscheid ist ein Gleichnis, das ein einmaliges Geschehen schildert.

Der Hörer wird mit einer rhetorischen oder direkten Frage aufgefordert, selbst zu urteilen. Ein Beispiel für eine paradigmatische Rechtsentscheidung ist das Gleichnis Nathans (2 Sam 12,1-14); dort fällt David ein Urteil im Streitfall des Lammraubes (2 Sam 12,5f.). Ähnlich wie im Gleichnis Nathans müssen im Weinberglied die Angesprochenen erkennen, dass das Urteil ihnen gilt: „Du selbst bist der Mann!“ (2 Sam 12,7). Die Formbestimmung des Liedes als Gleichnis verbietet es, die Bildhälfte allegorisch auszudeuten.

Die Eigenart des Gleichnisses besteht darin, dass es eine selbständige Bildhälfte mit einer Pointe besitzt. Diese Pointe allein ist die Zielaussage der Erzählung (= Skopus der ganzen Erzählung). Die Pointe des Liedes ist, dass JHWH Gerechtigkeit erwartet und enttäuscht wird, worauf der Entzug seiner Fürsorge ankündigt wird.

Worin bestand aber konkret das Vergehen des Volkes? Der Endredaktor antwortet auf diese Frage, indem er die Weherufe (Jes 5,8ff.) anhängt: Weh euch, die ihr Haus an Haus reiht und Feld an Feld fügt, bis kein Platz mehr da ist und ihr allein im Lande ansässig seid ... Die Zielaussage des Weinberglieds ist somit, dass JHWH auf der Seite der politisch und sozial Vergewaltigten zu finden ist. Am Umgang mit ihnen entscheidet sich das Gottesverhältnis sowie das Wohl des gesamten Volkes.

In der Perikopenrevision ist das Weinberglied aus der Reihe 4 nach vorne in die Reihe 3 gewandert. Der erste Teil der Predigt ist als Erzählpredigt gestaltet und soll die Predigthörenden die Form des paradigmatischen Rechtsentscheids nachempfinden lassen. Aus diesem Grund wird der Predigttext nicht vor der Predigt gelesen, da sonst die Pointe schon verraten wäre. Der Predigttext ist abschnittsweise in die Erzählung eingebettet. Er folgt der Guten Nachricht in VV 1-6. Der Schlussvers ist hingegen eine eigene Übertragung.

Literatur: K. Berger, Formgeschichte des Neuen Testaments, Heidelberg 1984. - G. Fohrer, Das Buch Jesaja, Bd. 1, Züricher Bibelkommentare, 2. Aufl., Zürich-Stuttgart 1966, S. 74-78. - P. Höffken, Probleme in Jesaja 5,1-7, ZThk 79 (1982), S. 392-410. - O. Kaiser, Das Buch des Propheten Jesaja Kap. 1-12, (ATD 17), 5. Aufl.,,Göttingen 1981, S. 96-100. - W. Schottroff, Das Weinberglied Jesajas (Jes 5,1-7). Ein Beitrag zur Geschichte der Parabel, ZAW 82 (1970), S. 68-91. - H. Wildberger: Jesaja I: 1-12, (BK X/1), Neukirchen 1972, S. 163-174.

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