Glauben und Verstehen
Einer trage des anderen Glauben
| Predigttext | Matthäus 1,18-25 |
|---|---|
| Kirche / Ort: | Karlsruhe |
| Datum: | 26.12.2025 |
| Kirchenjahr: | Christfest (2) |
| Autor: | Pfarrer Dr. Uwe Hauser |
Predigttext: Matthäus 1, 18 ‑ 25 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 2017)
18 Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut[1] war, fand es sich, ehe sie zusammenkamen, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist. 19 Josef aber, ihr Mann, der fromm und gerecht war und sie nicht in Schande bringen wollte, gedachte, sie heimlich zu verlassen. 20 Als er noch so dachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist. 21 Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden. 22 Das ist aber alles geschehen, auf dass erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht: 23 »Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben«, das heißt übersetzt: Gott mit uns. 24 Als nun Josef vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich. 25 Und er erkannte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar; und er gab ihm den Namen Jesus.
Jeden Sonntag sprechen wir es im Glaubensbekenntnis: „Empfangen durch den heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria“. Wir sagen es, bis uns jemand darauf stößt und fragt, ob wir eigentlich daran glauben.
I
Wir kommen ins Nachdenken. Denn dergleichen Aussagen gibt es nur an zwei Stellen im Neuen Testament, nämlich in den Kindheitsgeschichten bei Matthäus und Lukas. Eine Ausflucht ist es zu sagen, das sei nicht wichtig, schließlich komme es nicht oft vor und im Übrigen, sei das auch nicht so wichtig. Warum lässt man dann nicht mit gleichem Recht den Auferstehungsglauben weg? Auch er begegnet keineswegs in allen Schriften des Neuen Testaments, und er ist genauso schwer verständlich. Wir können auch nicht sagen, von Jesu Auferstehung hänge eben mehr ab als von seiner Erzeugung durch den Heiligen Geist. In Wirklichkeit ist das eine nicht verständlicher als das andere, und unsere Behauptung, Auferstehung sei wichtiger, beruht nur auf Gewohnheit. Denn der Glaube an Jesu Auferstehung und die Annahme seiner Erzeugung durch den Heiligen Geist stehen nahe beieinander. In beiden Fällen geht es darum, dass Gott der Schöpfer an Jesus unmittelbar und leibhaftig greifbar wird. Eben das ist es in Wirklichkeit, was wir nicht verstehen.
Die Evangelisten sagen, dass wir es in Jesus mit Gott zu tun haben. Aber das sagen sie nicht nur so allgemein und unverbindlich, sondern sehr leibhaftig. Das Merkwürdigste ist, dass es in den Evangelien, selbst im Stammbaum bei Matthäus, ganz unbefangene Aussagen über Josef als Vater Jesu gibt. Die Menschen wussten damals auch schon, wie kleine Kinder entstehen. Aber wie in aller Welt kamen sie dann auf die Aussage, Jesus sei durch den Heiligen Geist entstanden? Das ist die entscheidende Frage: Wir sollten uns bemühen, sorgfältig nachfragen, wie Menschen zu diesen Aussagen kamen. Das ist etwas anderes, als wenn wir etwas nur deshalb glauben, weil es in der Bibel steht.
Das Erste, was wir bedenken müssen: Für die Menschen damals ist Geist die größte und stärkste Macht überhaupt. Wir heute sehen Geist zumeist als etwas Schwaches an, als ein Lüftchen. Für die Menschen damals war es klar, dass die Welt von einer Geistmacht, von einem Gott, erschaffen sein konnte und von Geistermächten, etwa von Engeln, die über den verschiedenen Bereichen der Schöpfung standen, verwaltet und gelenkt wurde. Hier geht es aber nicht um Glauben, sondern um Sicht der Welt, die wir verstehen können; hier geht es nicht um ein Geheimnis, sondern einen anderen Blick. Dazu kommt: Gottes Geist ist daher eine wirkliche Kraft, nicht ein Gedanke. Kraft zum Leben. Ist nicht unsere Trennung zwischen Leib und Seele auch problematisch und Ursache vieler Missverständnisse?
Das Zweite, was wir bedenken sollten: Dass Gott zur Welt kommt, stellen sich die Evangelisten sehr leibhaftig vor. Erst in den Körpern der Menschen kommt Gottes Wort zum Ziel. Jesus verkündet nicht nur die zeitliche Nähe Gottes, sondern ebenso die räumliche, leibhaftige. Wir haben das noch in der Handauflegung oder wenn wir die Kirche, unsere leibhaftige Gemeinschaft, den Leib Christi nennen. Ebendeshalb gibt es auch leibhaftige Auferstehung, daher auch Jesu leibhaftige Erschaffung durch Gott in Maria. Wenn eine Frau, die zwölf Jahre lang blutet, Jesus berührt und geheilt wird und wenn Jesus diese Berührung als Glaube annimmt, ist das dieselbe Handschrift. Wieder mit einer Frau gibt es die Geschichte, dass eine einschlägig bekannte Frau Jesus auf ihre Weise liebt, indem sie seine Füße salbt, auch diese Liebe nimmt Jesus an und zwar ohne Glaubensbekenntnis der Frau.
Bei uns gibt es immer zuviel Theorie, auch Theorie des Glaubens. Doch Gott ist viel dinglicher, viel sachlicher in jeder Hinsicht. Ist nicht unser Christentum viel zu sehr nur Gedankengebilde, nur eine Sammlung schöner Ideen geworden? Ist das nicht der Grund, weshalb wir weder Auferstehung noch Jesu Erzeugung durch Gottes Geist verstehen? Für die Bibel ist Gottes Geist keine Idee, sondern leibhaftige Macht.
Das Dritte: Jesus kommt zur Welt. Darin zeigt sich die Macht Gottes, die Gott als den Stifter des Lebens versteht. Der Geist ist die größte Macht, das alles bleibt jetzt nicht mehr „hinter“ den Dingen, bleibt nicht weit weg und nur erahnbar, sondern diese Macht tritt sozusagen an diesem einen Punkt in den Vordergrund, in Jesus Christus. Sie wird hier direkt greifbar, die Schöpfermacht, die sonst die Welt regiert, tritt hier in dieser einen Speerspitze in die Alltagswelt ein. Das ist die Auffassung nicht nur über Jesus als Gottes Wort, sondern auch über seine Wunder, auch über Jesu Erzeugung und Auferstehung.
Das ist eigentlich Offenbarung: Das absolute, sonst verborgene Geheimnis Gott wird hier greifbar in Wort und Tat. Das ist nichts anderes als Schöpfungswort und Schöpfertat. So denkt das Neue Testament: Gott, der Regisseur, tritt hinter den Kulissen hervor und agiert in Jesus Christus selbst auf offener Bühne. Gott wird ganz nah greifbar. Wenn das Neue Testament so denkt, ist es auch nicht verwunderlich, dass man sagt: Der so greifbar nahe Gott hat Jesus auch selbst und direkt durch seinen Geist werden lassen. Dieses und nicht ein Tatbestand der Frauenheilkunde ist die Aussage über Jesu Entstehung in Maria.
II
Die entscheidende Frage an uns ist, ob wir es bei Jesus mit diesem Gott zu tun haben. Denn Gott ist das wirkliche und wahrhaftige Leben. Wenn einer diesem Leben ganz nahe steht, wie man es aus Jesu Worten und Taten ersah, wirkt sich dieses Leben angesichts der Frage der Entstehung leibhaftigen Lebens und angesichts des Todes sich ganz konkret aus. Wenn Jesus Gott nahe stand, war er auch dem Zentrum des Lebens nahe. Gott fern sein bedeutet den Tod. Gott ist das wirklichste, leibhaftigste Leben. Wenn Gott den Menschen in Jesus so nahe kommt, bedeutet das: Er hat die Welt nicht nur als Schöpfer „hergestellt“ und sie sich selbst überlassen, sondern er hat alle Kreatur wieder in seine Nähe heimgeholt. So denkt das Neue Testament. Die Frage ist, ob wir von dieser Art zu fragen uns etwas abgucken können. Zum Teil sind es doch sehr hilfreiche Korrekturen an unserem Verständnis von Wirklichkeit, die von einem Denken ausgehen, in dem auch die Auffassung von der Entstehung Jesu durch Gottes Geist möglich war.
Ich meine, dass man vor allem fragen sollte und zu fragen lernen könnte, ob unsere Sicht über die Welt die allein gültige ist. Ist es wirklich so ausgemacht, dass der Geist so machtlos ist? Steht es wirklich fest, dass der Mensch aus Leib und Seele besteht und dass das eine mit dem anderen nicht viel zu tun hat? Ist es wirklich richtig, sich Gott als das Leben oder auch „ewiges Leben“ so abstrakt und rein geistig vorzustellen, wie wir es zu tun pflegen? Haben wir nicht das Christentum vor allem deshalb zu einer geistigen Sache gemacht, die von des Gedankens Blässe angekränkelt ist, weil wir uns um die konkreten Konsequenzen drücken wollten?
In der Tat: Ein mehr physisches Verständnis von Gottes Wirklichkeit hätte auch in höherem Maße physische Konsequenzen. Aber Sie werden insistieren: Ist Jesus nun durch den Heiligen Geist entstanden oder durch Josef? Gab es Jungfrauengeburt oder gab es sie nicht? Denn das Wörtchen „ist“ ist trügerisch eindeutig. Für das Markusevangelium ist es gar kein Problem, dass Josef der Vater Jesu ist. Doch in demselben Neuen Testament steht daneben eine andere Denkweise, die wir eben zu verstehen suchten, für die es einfach eine ganz tiefe Einsicht, eine tiefe Konsequenz ist aus allem, was Jesus war, Gott auch schon bei seiner Entstehung konkret und leibhaftig wirken zu lassen.
Die eigentliche Kühnheit beginnt doch viel früher: Sie liegt darin, anzunehmen, dass der Schöpfergott überhaupt in Jesus mit seiner Schöpfermacht „präsent“ und greifbar ist. So greifbar, dass alle übrige leibliche Schwere darüber ins Wanken gerät. Ja, das ist es, glaube ich: Gott ist hier so leibhaftig einfach da, dass die Regeln leiblicher Vorgänge, dass Kranke krank zu sein haben und Tote tot, dass diese Regeln einfach überspielt werden. Dass die Schwere und eherne Gesetzmäßigkeit aller körperlichen Vorgänge ganz leicht wird, wie Spielmaterial des Schöpfergottes. Freiheit von der Last aller dieser Notwendigkeit, von der Last jeder Notwendigkeit und jeder Grenze, das ist christliche Botschaft.
III
Wir gehen in unserem modernen Denken oft davon aus, dass alle Geschöpfe gleich nah und gleich weit entfernt zu Gott stehen. Im Denken der Bibel ist das anders. Da gibt es Kreaturen, die nah bei Gott stehen, und solche, die ihm ferner sind. Das gilt nicht nur für Jesu Nähe zum schöpferischen Gott, es gilt auch für alle Rede von Erwählung. Das erwählte Israel ist Gott näher als andere, daher kennen wir diese Denkweise. Nein, nichts liegt mir ferner, als mich oder Sie zum Glauben an die „Jungfrauengeburt“ zu bekehren. Mir liegt nur daran, dass Sie diesen Ansatz verstehen. Dass Sie sagen können: Eine Konsequenz ist dies, die gar nicht verrückter ist als das Ganze sonst auch. Auf diese Verrücktheit komme ich gleich noch.
Vorerst möchte ich Ihnen sagen: Wenn Sie jetzt nicht daran glauben können, Sie können diese Sätze jetzt vielleicht besser verstehen. Denken Sie: Christentum ist eine weltweite Sache und eine Sache von 2000 Jahren. Da gibt es nicht nur unsere Weltsicht und nicht nur unsere Ehrlichkeit, es gibt genug Menschen, denen diese Sätze viel bedeuten. Wir sollten da gelassener sein und nicht nur an unsere Möglichkeit denken. Kann nicht auch einer dem anderen seinen Glauben vorsprechen? Würden Sie nicht, auch wenn Sie selbst gar nichts mehr glauben könnten, einem Sterbenden das Vaterunser vorsprechen, wenn er es hören möchte? So denke ich mir das: Einer trage des anderen Glauben.
Was aber die Verrücktheit betrifft, die das Christentum kennzeichnet in allem, so meine ich damit eine besondere Art von Unverhältnismäßigkeit, die uns immer wieder begegnet: dass der Schöpfergott alles auf diese eine Karte, auf Jesus von Nazaret, gesetzt habe; dass Jesus nicht über Gott redet, sondern dass Gott gerade hier und sonst nirgends auf diese extreme und letztgültige Weise präsent sei; dass das scheinbar Schwächste, der Geist, das Stärkste ist; dass Frauen die Osterbotschaft anvertraut wird; dass der Zimmermannssohn aus Nazaret vom Schöpfergeist Gottes gezeugt sein soll; dass der gekreuzigte Wanderprediger auferstanden ist. Alles dieses scheint mir auf dieses eine wirkliche Geheimnis zuzulaufen, das dann auch für unser Handeln ganz wichtig wird: dass Gott selbst hier sehr nahe ist.
Wo immer wir es mit Jesus oder mit Christentum im Namen Jesu zu tun haben, geht es nicht um den fernen Gott und Weltenlenker, sondern um Hautnähe Gottes. Jesus sagt das so: Wer einen kleinen, unscheinbaren Christen aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt Gott auf (Markus 9,37). Oder: Wer euch hört, der hört mich, und der hört eigentlich Gott. Dasselbe gilt von alltäglichen Handlungen, wie wenn man einem Menschen einen Becher Wasser reicht. Schließlich kann Jesus sagen: Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan (Matthäus 25, 49).
Überall dasselbe Bild: Mit Gott hat man es nicht erst im Gericht zu tun, sondern mitten in der Alltäglichkeit, er ist jetzt sehr nahe. Mit Jesus ist das Tabu, der Heilige, der Gott aller Welt, so nahe gekommen, dass er hinter dem nächsten Bettler greifbar, im Verhalten zu ihm direkt berührt wird. Schon das geringste Tun berührt ihn selbst, wirklich ihn selbst. Das ist das Verrückte. Wenn es Christen gibt, die über Jesus sagen: „Empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria“, ist das eine Möglichkeit zu bekennen, was wir auch glauben nennen: Dass uns hier Gott begegnet, lebendig konkret, leibhaftig und immer noch geheimnisvoll.