Predigt

Gottes bleibende Treue

Wir sind zum Guten fähig

Predigttext1. Mose / Genesis 3,1-24 (mit Einführung)
Kirche / Ort:74834 Elztal- Dallau
Datum:22.02.2026
Kirchenjahr:Invokavit (1. Sonntag der Passionszeit)
Autor:Birgit Lallathin, Pfarrerin i. R.

Predigttext: 1. Mose / Genesis 3, 1 – 24 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 2017)

Die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?

Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten. Aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esst nicht davon, rührt sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbt.

Da sprach die Schlange zu der Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: An dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, und er aß.

Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.Und sie hörten Gott den Herrn, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des Herrn unter den Bäumen im Garten.

Und Gott der Herr rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich, denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du sollst nicht davon essen? Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß.

Da sprach Gott der Herr zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, so dass ich aß. Da sprach Gott der Herr zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauch sollst du kriechen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwischen deinen Nachkommen und ihren Nachkommen. Der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen. Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst. Unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein. Und zum Manne sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme de4iner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen -, verflucht sei der Acker um deinetwillen. Mit Mühsal sollst du dich nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du8 dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.

Und Adam nannte seine Frau Eva, denn sie wurde die Mutter aller, die da leben. Und Gott der Herr machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.

Und Gott der Herr sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und breche auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich! Da wies ihn Gott der Herr aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war. Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.

Überlegungen zum Predigttext

Eine uralte Frage, eine Menschheitsfrage, finden wir in 1. Mose / Gen 3,1 – 24: Warum ist der Mensch, der gut geschaffen wurde, zum Bösen fähig? Oder auch: Wie kam das Böse überhaupt in die Welt?

Die jüdische und christliche Adaption dieser in einen Mythos, als Erzählform gekleidete Geschichte, findet die Antwort zumeist in der Gestalt eines bösen Wesens, teils Teufel, teils Satan genannt. Interessanterweise tauchen diese Zuschreibungen aber im Text gar nicht auf. Vermutlich, weil die Figur des Antipoden Gottes, des Satanas, erst aus der iranischen oder indischen Vorstellungswelt in die biblischen Schriften eingedrungen ist, allerdings nicht im biblischen Text.

Die Schlange ist nicht der Antipode Gottes, sondern sie wird als „listiger als alle Tiere“ beschrieben. Also sollten auch wir bei heutiger Auslegung auf die Nennung teuflischer Mächte verzichten, weil sie vom Kern der Botschaft im Predigttext wegführt, auch wenn in alter kirchlicher Tradition als Wochenlied für den Sonntag Invokavit EG 362 zur Auswahl steht: „Ein feste Burg ist unser Gott“, in welchem zum Widerstand gegen den „altbösen Feind“ gemahnt wird.

Wäre den Erzählern von 1. Mose 3 / Genesis 3 an einem nahezu gleichberechtigten Gegner Gottes gelegen gewesen, hätte dies bedeutet, die Allmacht Gottes, des Schöpfers anzuzweifeln. So zu denken, führte in der Überlieferungsgeschichte – und so wurde vielfach und jahrhundertelang gepredigt – in eine dualistisch verstandene Theologie. Ein Dualismus von „geistigem“ Gott und Himmel gegen eine böse, weil materialistische Welt kann nicht biblisch sein!

Eindeutig soll in meiner Predigt herausgestellt sein, dass die Verantwortung für das „Böse in der Welt“ allein dem Menschen zukommt. Gott kann nicht verantwortlich gemacht werden, keine Theodizee! Der Mensch, gerade auch der moderne, der zivilisierte, der in seiner Entscheidung freie, der von den Werten der Aufklärung erfüllte Mensch ist zu Allem fähig. Nicht einmal Gott konnte oder wollte das verhindern. Der zentrale Begriff ist also die Freiheit des Menschen, über das eigene Tun zu entscheiden. Die Erkenntnis über die Folgen dieser Möglichkeit, lässt den Menschen sich nackt und inferiorempfinden.

Manche Irrwege der Theologiegeschichte wie z. B. die Entwicklung der Erbsündenlehre nach Augustin sind nach dieser Logik abzulehnen, ganz besonders die Vorstellung der leibfeindlichen Ablehnung des Sexuellen, was zur Abwertung von Frauen in der christlichen Geschichte führen musste. Aus diesen Gründen verzichte ich in meiner Predigt an dieser Stelle auch auf die Auslegung der Vv. 14-17. Hochproblematisch empfinde ich die agendarische Benennung des Sonntags Invokavit und damit die Auswahl dieser Perikope: „Die Vorbereitung des Heils“. Würde 1. Mose 3 / Genesis 3 ganz aus dem Kontext der jüdischen Überlieferung und Theologie gelöst und (proto)christologisch gedeutet, würde das Judentum sozusagen „enterbt“.

Natürlich ist 1. Mose 3 / Genesis 3 nicht aus der christlichen Theologie wegzudenken, inkl. EG 27,8, „Der Cherub steht nicht mehr dafür“, doch in der Predigtausarbeitung bleibe ich ganz beim Predigttext und seiner Auslegung, ohne Typologie oder Allegorisierung. Umso deutlicher kommen wir zur Kernfrage, dem Erschrecken über das Böse in der Welt, hervorgerufen durch den Menschen, dem Gott die Freiheit gab, Entscheidungen zu treffen, auch das Schlechte zu wählen. Gehen wir davon aus, dass allein der Mensch ein vernunftbegabtes Wesen ist. Allerdings ist er nicht allmächtig, Allmacht kommt allein Gott zu. Dass wir als Christinnen und Christen davon überzeugt sind, dass wir aus eigener Kraft nicht das Gute schaffen können, erscheint selbstverständlich. Aus diesem Grund wage ich, Jesus als Helfer und Beistand in den Predigttext einzutragen.

Wenn der Mensch zu Allem fähig ist, dann ist er auch zum Guten fähig. Diese Entscheidungsfähigkeit und die Möglichkeit zu scheitern mit menschlicher Aktivität sei an den positiv zu verstehenden Schluss gesetzt. Der Mensch ist zu Allem fähig, also auch zum Guten! Mit dem sogenannten „Sündenfall“ begann für die Welt das Unglück schlechthin. Ob man wie ich, assoziativ dazu die Bücher von Art Spiegelmann „Maus“, eine Graphic novel“ über das Jahrhundertverbrechen „Auschwitz“ als Beispiel für das Grundübel des modernen Menschen übernehmen möchte, sei jedem und jeder selbst überlassen. Mir war es schon aus stilistischen Gründen naheliegend.

Vielleicht noch eine kleine Anmerkung: Nach meinem Dafürhalten wurde 1. Mose 3 / Genesis 3 vermutlich vor der Verschriftlichung jahrhundertelang in Form eines Mythos spannend erzählt, sozusagen als Volkserziehung. Frühere Jahrhunderte, nicht nur in der östlich-arabischen Welt, auch in Westeuropa oder anderen tribalistischen Gesellschaften, liebten es, Weisheit in bildhafte Sprache zu kleiden. Dies macht auch den Reiz der biblischen Erzählung aus. Doch beachten wir heute: Es geht um den klaren Inhalt, nicht um bildhafte Einzelschilderung. Gott erhält, bewahrt und schützt seine gefallene Schöpfung. Trotz Schuld und Verhängnis in der Wahl der Freiheit bleibt Gott treu.

Lieder

EG 347 Ach bleib mit deiner Gnade EG 360 Die ganze Welt hast du uns überlassen NL91 Wir schauen der Wahrheit ins Auge NL178 Meine engen Grenzen

Literatur, Texte und Bilder

Art Spiegelmann, Maus I, Mein Vater kotzt Geschichte aus,1986; Ders: Maus II Und hier begann mein Unglück 1991; Timothy Snyder, Bloodlands, 2010;Jörg Erb (Hrsg): Schild des Glaubens, Ausgabe für den Religionsunterricht in Baden-Württemberg, 43. Aufl. 1967 (Illustration zu 1. Mose 3 / Genesis 3: Vertreibung aus dem Paradies von Ruth Jordan)-

Ein Fundstück,das mir nach Fertigstellung der Predigt eine Freundin schickte. Sie fand es bei einer Ausstellung (?) in einem Kulturzentrum in Bielefeld, (Ravensberger Spinnerei). Ich füge den Text zum Weiterdenken und evtl Gebrauch zum Thema „Freiheit“ bei:

Adam und Eva vor ihrer Vertreibung aus dem Paradies: Prächtige Bäume, Köstliche, süße, frische Früchte, Blumenduft. Vier Flüsse fließen, stark und kräftig um mich herum. Bringen Leben. Alles ist gut. Nichts tut weh. Keine Angst ist zu spüren.

Es gibt keine Vergangenheit, keine Zukunft. Es gibt nur das Jetzt. Ist das gut? Ist das schlecht? Ich kenne keine Höhen, keine Tiefen. Keine Erschöpfung, kein Leid, keine überraschende Freude, kein Ende. Ich kann meine Zukunft nicht selber gestalten. Das fühlt sich nicht gut an. Was ist, wenn ich es versuche? Was ist, wenn ich mich versuchen lasse? Es gibt nur diesen eine Ausweg, aus der tropfsüßen Unendlichkeit. Ich muss aktiv werden und Verantwortung übernehmen. Ich muss denken lernen, meinen Verstand kennenlernen. Ich muss vernünftig werden. Akteurin meines eigenen Lebens sein. Ich werde dem Paradies nicht nachtrauern, weil mein Paradies sein wird, einen Unterschied machen zu können. Ich hätte den „Apfel“ auch genommen. Almut Rademacher (ohne nähere Angabe)

Neuigkeiten

Weihnachtsgruß 2025

Gott spricht: Euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit und Heil unter ihren Flügeln...

Manfred Wussow, Rezension zum Buch von Heinz Janssen "Aus den Quellen schöpfen"

im Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt, Heft 12 / Dezember 2025: https://www.pfarrerverband.de/rezension-detailansicht/aus-den-quellen-schoepfen

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Heinz Janssen
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