Frage nach Gott
Gott gibt den Demütigen Gnade. Der Wochenspruch weist uns den Weg. Heute am 11. Sonntag nach Trinitatis soll es um die Haltung der Demut gehen. Mit der neuen Ordnung der Predigttexte vor 7 Jahren ist uns dazu ein besonderer Predigtabschnitt beschert worden, ein Stück aus dem Hiobbuch. Da scheint allerdings erst einmal wenig von Demut die Rede zu sein. Hiob spricht mit seinem Freund Elifas und fragt nach Gott.
(Lesung des Predigttextes, Hiob 23,1-17)
Hiob fragt nach Gott. Nach einem Gottesdienst hat mich auch jemand nach Gott gefragt, wegen eines Liedes, in dem es von Jesus heißt: "Er schrie am Kreuz nach seinem Gott, der sich verbirgt in Not und Tod." (Glaubenslied von Gerhard Bauer) Der mich fragte, erinnerte sich zugleich an das überlieferte Jesuswort: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen".
Geht Gott also weg? Versteckt er sich? Lässt er allein? Was ist das für ein Gott, was ist das für ein Gottesbild? Muss man dergleichen einpreisen in den Glauben? Wie aber soll man dann Vertrauen aufbauen? Zu einem Gott, der sich entfernt? Ich erinnerte mich an die Beerdigung eines hochgeschätzten Lehrers. Er hatte sich selbst das Leben genommen. Auf dem Friedhof sprachen wir den Psalm: Aus der Tiefe, Herr, rufe ich zu dir. Der Priester nahm das in der Ansprache auf. Wohltuend. Er bestätigte: Ja, manchmal gerät man in solche Tiefe, dass man die Antwort nicht mehr hört, nicht hören kann. Das ließ mich damals zugleich verstehen: Sie ist trotzdem da!
Auf die Frage, wie Gott denn verborgen sein könne, habe ich zuerst so geantwortet: Ich will dieses furchtbare Gefühl, das Empfinden, sogar von Gott allein gelassen zu sein, ganz, ganz ernst nehmen. Ich will solch ein Gefühl auf keinen Fall jemandem ausreden. Gut, dass es biblische Worte gibt wie den Psalmvers von der Tiefe, oder den, den Jesus am Kreuz betet: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen". Oder Worte wie die im Lied: Da schreit jemand nach Gott, und Gott scheint weit weg, unerreichbar. Weil das zeigt: Du bist mit deiner Gottverlassenheit nicht allein. Es gibt sogar biblische Worte, Schreie, Gebete, die schon einmal gesprochen wurden, die du dir nehmen, sie mitsprechen, aufnehmen kannst.
Grundloses Elend
Der Liederdichter mit dem Satz vom verborgenen Gott Jesu hat bewusst oder unbewusst die Hiobstradition aufgenommen. Hiob, ein gottesfürchtiger, rechtschaffener Mensch, dem widerfährt großes, grauenhaftes persönliches Unglück. Sein Reichtum zerfällt ins Nichts, seine Kinder sterben, er selbst wird schwer krank, die Beziehung zu seiner Frau ist schwer belastet. Am Ende ist er am Boden zerstört. Doch Hiob besteht darauf: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen seinem Elend und irgendeinem Tun in seinem Leben, das dieses Elend hätte nach sich ziehen können. Tun-Ergehens-Zusammenhang hat man das in der Auslegung der Bibel genannt. Wir kennen das auch.
Wir verbrennen fossile Energie, gespeicherte Kohlenstoffe von Millionen Jahre in wenigen Jahrzehnten – ja, dann ändert sich was in der Zusammensetzung der Luft, in den Temperaturen des Wassers. Am Ende ändert sich sogar das Klima. Wir nutzen Plastik, etwa in reißfesten Feuchttüchern, und, ja, dann ändert sich was, wenn die Kleinstteile davon ins Wasser geraten. Welche Auswirkungen das hat, ist noch gar nicht richtig erforscht.
Tun-Ergehens-Zusammenhänge
Hiob aber wehrt sich mit Händen und Füßen: Es mag diesen Zusammenhang grundsätzlich geben, aber jetzt, bei ihm, in seinem Leben, in seinem Elend liegt er nicht vor. Woher kommt das Übel, wo ist Gott im unverschuldeten Elend? Viel später, Jahrhunderte nach dem Hiobbuch, wird man in der europäischen Philosophie dies die Theodizee-Frage nennen; sie wurde ganz besonders bedrängend, als an Allerheiligen im Jahr 1755 die Stadt Lissabon in einem Erdbeben versank. Ganz Europa war aufgerührt und bewegt. Doch nicht nur der Glaube sah sich infrage gestellt. Auch die Aufklärung.
Widerspruch zählt
Hiobs Freunde, darunter Elifas, reagieren ähnlich, auch wenn sie sich erst einmal zurückhalten. Sie setzen sich nach all den schrecklichen Unglücken zunächst eine Woche wortlos zu ihm. Sie begleiten anteilnehmend sein Leiden. Dann aber halten sie es offenbar nicht mehr aus. Sie fragen nach irgendwelchen Verfehlungen, um sich Hiobs Zustand zu erklären. Um eine Erklärung zu finden. Hiob widerspricht. Das trifft es nicht. Er hat nichts getan. Es gibt für ihn an dieser Stelle, so zutreffend es sonst ist, keinen Tun-Ergehens-Zusammenhang. Nicht jetzt. Nicht hinsichtlich seines Elends. Hiob erfährt Elend ohne Grund. Wie verhält es sich dann mit Gott? Das haben wir in unserem Bibelabschnitt gehört.
Ich muss zugeben: Nicht einmal das Ende des Hiobbuches gibt eine logisch vollumfassende Antwort. Gott verweist auf seine Größe, die Wunder seine Schöpfung. Im biblischen Buch ist Hiob bereit, das zu akzeptieren. Gott bestätigt Hiob mit neuen Gaben, neuem Reichtum. Das Wichtigste aber ist dies: Gott verbietet Hiob nicht den Mund.
Gott hört auf Hiob. Hiobs Widerspruch gegen Gott ist so recht und richtig wie zuvor sein ganzes Leben war. Ganz dem entsprechend übersetzt jemand den letzten, schwer verständlichen Vers (Witte, ATD 13 2021, gefunden bei Vahrenhorst, siehe Literatur) auch anders als M. Luther. Dass Hiob nämlich sagt: Und ich verstummte dennoch nicht … vor seinem, Gottes, Angesicht, das Dunkelheit bedeckt“. In der Gemeinde eines Kollegen gab es vor Jahren Taufkurse für Flüchtlinge, Iraner, Afghanen. Einer von denen hatte gesagt, er lasse sich taufen wegen Hiob. Dass solche Fragen, solcher Widerspruch, möglich sind, das hat ihn überzeugt.
Gottes Demut!
Ich setze noch einmal an. Wieso hören wir von Hiob ausgerechnet an einem Sonntag, wo es um Demut geht? Wirkt Hiob doch gerade nicht besonders demütig! Wenn man die deutsche Sprache betrachtet, dann ist Demut die Gesinnung eines, der zu Diensten steht. Ein bisschen anders im Lateinischen, wo von Humilitas die Rede ist, das deutet Niedrigkeit an, Bodennähe im wörtlichen Sinne. Nicht nur Gartenfreunde kennen Humus. Johannes Paul I. hat Humilitas sogar zu seinem Wahlspruch erklärt. Doch an vielen Stellen, wo wir „demütig“ in der Bibel lesen, steht im Hebräischen ein Wort, das eher „arm“ und „elend“ meint, eher „gedemütigt“ als „demütig“.
Wenn Gott sich zu den Demütigen hält, dann sind das viel weniger solche, die eine moralisch richtige, demütige oder gar sich selbst klein machende Haltung einnehmen, sondern solche, die in einem schlechten Zustand sind. So gesehen würde der Wochenspruch „Gott gibt den Demütigen Gnade“, bedeuten, dass der biblische Gott bei denen ist, die im Elend sind, unabhängig von deren moralischen Qualität.
„Er erhebt die Niedrigen“, so singt Maria im sogenannten „Magnificat“. Sie sagt nicht: Er erhebt Erniedrigte, die sich immer anständig verhalten haben. Gott erträgt offenbar, dass seine Wohltaten auch solchen zugutekommen, die nicht unschuldig, nicht lupenrein sind. Auch das ist ein Widerspruch, ein Widerspruch Gottes zum Tun-Ergehens-Zusammenhang. Wir kennen das aus dem Jesus-Gleichnis vom barmherzigen Vater und den beiden schwierigen Söhnen. Der Vater – doch wohl ein Bild für Gott - demütigt sich. Der Vater und läuft seinem Sohn entgegen, umarmt ihn, gibt seine ganze Stellung dran, seine Haltung, seine Autorität, nur um seinem Kind nahe zu sein.
Beim Propheten Micha gibt es eine Stelle (6,8), wo es heißt: Es ist dir gesagt, was gut ist: … Du sollst demütig wandeln mit (!) deinem Gott! Man kann das verstehen als: „diensteifrig unterwegs sein“. Man kann es auch verstehen: mitgehen mit einem Gott, der sich selbst schon gedemütigt hat, der sich aufgemacht hat zu den Gedemütigten, den Erniedrigten, denen am Boden. Gott, den wir nicht nur in der Höhe, sondern vor allem in der Tiefe zu suchen haben. Nicht nur im himmlischen Hofstaat, umgeben von Seraphim und Cherubim, sondern mitten unter den Armen und Elenden. Also auch bei Hiob. Für alle, alle!, ist zu hoffen, nicht ins Elend zu geraten. Die Schrift bezeugt uns: Gott ist schon dort!