Hilferuf
Ein Mensch ruft – und er findet Gehör
Predigttext | Apostelgeschichte 16,9-15 (mit Einführung) |
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Kirche / Ort: | Aachen |
Datum: | 23.02.2025 |
Kirchenjahr: | Sexagesimae (60 Tage vor Ostern) |
Autor: | Pfarrer Manfred Wussow |
Predigttext: Apostelgeschichte 16,9-15 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 2017)
Der Ruf nach Makedonien
9Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: Ein Mann aus Makedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Makedonien und hilf uns! 10Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Makedonien zu reisen, gewiss, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen.
In Philippi
11 Da fuhren wir von Troas ab und kamen geradewegs nach Samothrake, am nächsten Tag nach Neapolis 12 und von da nach Philippi, das ist eine Stadt des ersten Bezirks von Makedonien, eine römische Kolonie. Wir blieben aber einige Tage in dieser Stadt. 13 Am Sabbattag gingen wir hinaus vor das Stadttor an den Fluss, wo wir dachten, dass man zu beten pflegte, und wir setzten uns und redeten mit den Frauen, die dort zusammenkamen.
Die Bekehrung der Lydia
14 Und eine Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, eine Gottesfürchtige, hörte zu; der tat der Herr das Herz auf, so dass sie darauf achthatte, was von Paulus geredet wurde. 15 Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns.
Vorüberlegungen
Ich verweise auf https://www.die-bibel.de/ressourcen/efp/reihe1/sexagesimae-apostelgeschichte-16
Es ist eine Hörgeschichte mit drei Figuren: Ein uns unbekannter Mann aus Mazedonien bittet – Paulus hört. In Philippi reden Paulus (und Lukas als Begleiter) mit den Frauen – sie hören. Dann redet Paulus – und Lydia hört. Was es zu hören gibt? Das Evangelium. Es sind Hörgeschichten auf dem Weg nach Westen, nach Rom. Eine neue Welt wird auch geografisch aufgeschlossen, das Evangelium breitet sich einfach „weltweit“ aus. Es sind Riesenschritte durch viele Orte. Der Wochenspruch (Hebr 3,15) gibt den Ton vor: „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, so verstockt eure Herzen nicht.“
Am 23. Februar ist in Deutschland Wahlsonntag. Der Ausgang wird mit Spannung erwartet. Große Herausforderungen sind zu schultern. Durch die Gesellschaft(en) gehen Risse. An vielen Stellen ist das Vertrauen in Politik schon erodiert – oder wird als erodierend beschworen. Nach der Münchener Sicherheitskonferenz ist überdies Europa in einer schwierigen Situation, sich nach innen und außenneu „aufzustellen“. Fragen drängen sich auf, wie mit den alten und neuen Krisen (auch im transatlantischen Verhältnis) umgegangen werden kann. Was gefährdet unsere Zukunft? Was trägt uns? Schließlich muss das sog. christliche Abendland (Jüdisch-christliches Abendland o.ä.) die Frage nach den Wurzeln stellen. Was hat uns einmal ausgemacht? Was mussten wir verändern? Wo können wir hin?
Auffällig ist, dass bei den vielen Fragen, die an uns und von uns gestellt werden, das „Hören“ eine besondere Bedeutung bekommt. Hören, Zuhören, ist so etwas wie ein Schweigen, das sich öffnet. Ein Warten auf das, was ein anderer sagt. Eine Ein-Fühlung in einen, mir vielleicht fremden, Gedanken.
In vielen Netzen und an vielen Stellen wollen Menschen nur reden, andere mit Redeschwallen einschüchtern und zuschütten, auf nichts und auf niemanden hören – außer auf sich selbst. Hören wird als Schwäche gesehen, die „wir“ uns nicht leisten können. Viele Menschen wollen nur etwas „zu sagen“ haben. Darin mag sich ausdrücken, dass viele Menschen sich nicht mehr gesehen, gehört, verstanden wissen. Dass viele Menschen sich selbst nicht mehr „hören“ können, steckt wohl auch darin.
Der Sonntag Sexagesimä hat mit dem Thema „Hören“ in Verbindung mit dem Evangelium, das sich die Welt erobert, die Chance des Tages: Komm herüber und hilf uns. Der Predigttext lässt sich (auch) mit dem Lied „Go West“ illustrieren: Die Sehnsucht nach dem „goldenen“ Westen, hier gleichlautend mit Freiheit und Weite: Komm schon, komm schon, komm schon, komm schon (Gemeinsam) Werden wir unseren Weg gehen (Gemeinsam) Wir werden eines Tages gehen (Gemeinsam) Deine Hand in meiner Hand (Gemeinsam) Wir werden unsere Pläne verwirklichen (Gemeinsam) werden wir so hoch fliegen (Gemeinsam) Sagen allen unseren Freunden "Auf Wiedersehen" (Gemeinsam) Werden wir ein neues Leben beginnen (Gemeinsam) Das ist was wir machen werden… https://www.songtexte.com/uebersetzung/pet-shop-boys/go-west-mark-stent-7-deutsch-13d66149.html Ein computeranimiertes Musikvideo stellt „Go West“ in einen historischen Zusammenhang. Verschiedene an die Sowjetunion angelehnte Bildelemente und eine Gruppe Uniformierter, die eine lange Treppe hochmarschiert, an deren Ende die Freiheitsstatue wartet, lassen das Stück als Ausdruck der Sehnsucht nach dem „Goldenen Westen“ erscheinen, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Osteuropa verbreitet war. Eine Erinnerung, die neuer Brutalität und Abgrenzung weichen muss. https://www.youtube.com/watch?v=LNBjMRvOB5M Wer die Möglichkeit hat, in einem Gottesdienst Medien einzusetzen, könnte das Video „Go West“ in der Predigt einsetzen.