Himmelsbrücke
Die Architektur der Menschenfreundlichkeit Gottes
Predigttext | Hebräer 4,14-16 |
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Kirche / Ort: | Karlsruhe |
Datum: | 09.03.2025 |
Kirchenjahr: | Invokavit (1. Sonntag der Passionszeit) |
Autor: | Pfarrer Professor Dr. Wolfgang Vögele |
Predigttext: Hebräer 4,14-16 (Übersetzung nach Martin Luther)
Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis. Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde. Darum lasst uns freimütig hinzutreten zu dem Thron der Gnade, auf dass wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden und so Hilfe erfahren zur rechten Zeit.
Diese Predigt habe ich vor drei Tagen bei schlechtem Wetter in den Computer getippt. Trüb, bedeckt, grau und niedrig gab sich der Himmel. Nichts zu sehen von den blauen Weiten des Weltalls. In unseren aufgeklärten Zeiten ist der Himmel aus dem Glauben in die Wetterkarten ausgewandert. Aus heiterem Himmel entstehen Sturmtiefs, Inversionswetterlagen, Starkregenereignisse, und in der Nacht geht alle paar Monate ein Sternschnuppenschauer nieder. Wo früher Gott wohnte, drohen nur noch Regenschauer, schweben Schneeflocken oder pladdern Hagelkörner. Die theologischen Besserwisser sagen: Man muß wie im Englischen ‚sky‘ und ‚heaven‘ auseinanderhalten. ‚Sky‘ meint die sichtbare Unendlichkeit des Weltalls und ‚heaven‘ den Wohnort Gottes im Glauben. Aber mit Sprachregelungen läßt sich das gestörte Verhältnis zwischen Glauben und Naturwissenschaften nicht richtig reparieren.
Im seinem berühmten Lied singt Reinhard Mey: „Über den Wolken muß die Freiheit wohl grenzenlos sein./ Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man,/ Blieben darunter verborgen und dann / Würde, was uns groß und wichtig erscheint, / Plötzlich nichtig und klein.“ Beim Chansonsänger Mey ist der Himmel weder Leuchtmittel (für Sonnenschein) noch Gießkanne (für Regenschauer), sondern nur mit dem Flugzeug erreichbarer Sehnsuchtsort. Von unten erscheint der Himmel als Ort der Freiheit, der den Blickwinkel verändert. Aus zweitausend Meter Höhe erscheinen Menschen, Sorgen und Schwierigkeiten in großer Verkleinerung. Mir gefällt an diesem Chanson, daß die Fliegerei Himmel und Erde miteinander verbindet. Wer in den Himmel aufsteigt, wechselt die Perspektive, Piloten und Passagiere können sich frei und unbeschwert fühlen. Aber sie kehren auch wieder zur Erde zurück, manchmal bei starkem Seitenwind und mit hartem Aufprall. Der Sänger im Chanson beneidet von der Startbahn aus die Menschen, die fliegen dürfen.
Der anonyme Schreiber des Hebräerbriefs beschreibt Jesus als einen Hohepriester, der seine Runde im Himmel dreht. Denn, was Jesus angeht, so wird er im Hebräerbrief zum Piloten. Wenn wir uns für einen Augenblick zu Jesu glaubenden Flugbegleitern machen, dann fällt auf: Jesus durchschreitet, wo moderne Piloten fliegen. Und das Wort Himmel steht in der Mehrzahl. Der Himmel im Hebräerbrief hat offensichtlich mehrere Schichten oder Sphären. Dieses Himmelsmodell entstammt offensichtlich einer anderen Tradition als die Mischung aus transparenter blauer Farbe, Schäfchen- und Gewitterwolken, endlosem Horizont, Kaskaden von Sternschnuppen und dem Glänzen der Milchstraße bei Nacht.
Der italienische Dichter Dante Alighieri hat im 14.Jahrhundert in seinem Werk „Die göttliche Komödie“ ebenfalls ein Modell des Himmels erstellt, das an den Hebräerbrief mindenstens erinnert. Für Dante liegt das Paradies im Himmel. Dem widmet er den gesamten letzten Teil seines großen Werks. Der Himmel ist in sieben, um ein Zentrum geordnete Sphären aufgeteilt. Im Zentrum befindet sich Gott, von Dante als gleißende Lichtquelle wie die Sonne beschrieben. In sie kann niemand schauen.
Jesus Christus, der Copilot und Hohepriester, durchschreitet die Sphären des Himmels. Er kommt von Gott, er lebt auf der Erde unter den Menschen, und er kehrt schließlich zu Gott zurück. Jesus wird zum Vermittler zwischen Gott und den Menschen. Und diese Vermittlungstätigkeit benennt der Hebräerbrief in Anlehnung an die hebräische Bibel: Jesus arbeitet, wirkt, lebt als Hohepriester des lebendigen biblischen Gottes.
Priester dienen Göttern, fragt sich nur: welchen? Schon die Bibel ist sehr kritisch darin, für die Menschen die Gefahr zu beschreiben, daß sie sich ihre Götter selbst herstellen. Sie brauchen dafür weder Tempel, Altäre noch liturgische Kleidung. Moderne Priester tragen ihre Götter in Gedanken, im Portemonnaie oder in der Handtasche mit sich herum. Sie erträumen sich ihren privaten Dachzimmerhimmel, den Himmel von Einfamilienhäusern, Beförderungen, Followern und Likes in den sozialen Medien, den Himmel von Ansehen und Anerkennung. Menschen machen sich zu Priestern ihrer Wunschvorstellungen und Träume, denen sie harte Arbeit und große Anstrengungen opfern. Auch Gesellschaften als Ganze pflegen ihre Hausgötter: Wachstum, Wohlstand, Sicherheit, die Einzelheiten können Sie in jedem Wahlprogramm nachlesen.
An diesem Punkt wird der Hebräerbrief erstaunlich aktuell. Der unbekannte Christ schrieb an eine angefochtene, in eine Krise geratene Gemeinde, über die wir leider wenig Kenntnisse haben. Er fordert nun energisch, daß die Christen aufhören, die Priester ihrer eigenen kleinen Träume zu sein. Hausaltäre sollen abgebaut, die Tempel unserer Träume umgenutzt werden.
Nun denken Sie: Der da oben, auf der Kanzel, bekleidet mit Talar und Beffchen, der ist doch selbst ein Priester. Aber der Talar ist historisch kein liturgisches Gewand. Er kommt aus der Universität, was vergessen wurde, seit die Studenten den Muff unter den Talaren beseitigt haben. Der Talar ist entstaubt worden. Prediger tragen ihn wie Rechtsanwälte und Richter ihn tragen. Er ist kein Zeichen von Heiligkeit oder von besonderer Würde – nie gewesen.
Pfarrer sind auch keine Priester. Wie alle anderen Glaubenden sind Pfarrer von ihrer Priesteraufgabe entbunden und befreit worden. Der Hebräerbrief sagt: Jesus Christus ist unser Hohepriester. Darin steckt für glaubende Christen alle Befreiung, alle Hoffnung und alle Zuversicht. Wieso? Wer hört: Christus unser Hohepriester, der hört gleichzeitig: Lege dein Priestergewand ab! Jage nicht mehr deinen Wunschvorstellungen nach, denn sie tragen dich höchstens bis in den Tod! Opfere dich selbst nicht auf! Höre auf, dich zu rechtfertigen! Halte ein!
Du musst nicht für dich selbst eintreten, ein anderer tritt für dich ein. Du musst dich nicht verteidigen, denn ein anderer verteidigt dich. Du musst dein Leben nicht rechtfertigen, denn ein anderer rechtfertigt dein Leben. Du musst dir nicht selbst helfen, ein anderer hilft dir!
Jesus Christus ist unser Hohepriester. Laßt uns festhalten an dem Bekenntnis! So sagt es der Hebräerbrief. Wenn der Hebräerbrief von einem Hohepriester spricht, dann steht im Hintergrund der Hohepriester im Tempel von Jerusalem. Dem Hohepriester war es als einzigem erlaubt, das ein einziges Mal im Jahr Allerheiligste des Tempels zu betreten. Der Hohepriester war derjenige, der Gott am nächsten war. Im Lateinischen heißt der Priester „pontifex“. Wenn man das wörtlich ins Deutsche überträgt, so meint das „Brückenbauer“. Der Priester baut eine Brücke von der Erde in den Himmel, vom Weltlichen zum Heiligen, von den Menschen zu Gott. Der Priester, der Brückenbauer nähert sich Gott auf seinen schmalen, zerbrechlichen, gefährlichen selbst gebauten Brücken.
Im Hebräerbrief ist es genau umgekehrt: In Jesus Christus baut Gott eine Brücke zu den Menschen, vom Heiligen zum Weltlichen, vom Himmel auf die Erde. Gott kommt den Menschen nahe, ja Gott wird selbst Mensch in Jesus Christus. Das ist die Architektur der Menschenfreundlichkeit Gottes.
Der menschliche Priester, der sich Gott nähern will, muß zuvor rein werden. Er muß alles Weltliche ablegen und sich einer rituellen Waschung unterziehen. Jesus als Hohepriester, der sich den Menschen nähert, er wird unrein und schwach. Er verzichtet auf göttliche Allmacht. Er grenzt sich nicht ab, vielmehr geht er auf die Menschen zu. Er hat keine Berührungsängste. Er ißt mit Huren und Zöllner, er umarmt die Leprakranken und er heilt die Kranken. Jesus geht auf die Menschen zu, er baut ihnen Brücken zu Gott.
Niemand muß sich selbst stark, berühmt, großartig und glanzvoll gestalten, um zu ihm kommen. Niemand muß das Priester-und-Opfer-Spiel spielen, um an den Vater Jesu Christi zu glauben. Das kann alles wegfallen und liegen bleiben. Wir können aufhören, Priester zu sein, weil Gott die Menschen, uns Menschen annimmt wie wir sind: in allen Schwächen und Fehlern, in aller Eitelkeit und in aller Lieblosigkeit und in aller Gedankenlosigkeit, in allem Hochmut, in aller Schwermut, in allem Übermut.
Weil Jesus unser Hohepriester ist, muß niemand sich zum Priester machen. Wir müssen Gott nicht suchen, denn Gott sucht uns. Nein, er hat uns schon längst gefunden. Wir müssen Gott keine Brücke bauen, denn Gott selbst hat diese Brücke schon längst gebaut. Das ist eine ungeheure Befreiung und Entlastung! Wir werden vom Priester- und Opferdienst befreit. Das Allerheiligste steht offen, es ist nicht mehr nur dem Hohepriester vorbehalten. Darum schreibt der Hebräerbrief von Gnade, Barmherzigkeit und Hilfe. Die Glaubenden treten vor einen Thron, empfangen Barmherzigkeit, finden Gnade. Alte Sprache - und trotzdem ist in dieser Sprache eine ganz besondere Erfahrung aufgehoben, die seit 2000 Jahren das Christentum am Leben erhält: Gott ist in Jesus Christus den Menschen nahe gekommen. Gott befreit uns aus unseren Zwängen, Gott schenkt uns Gnade, weil er uns herauslöst aus dem Kreislauf von Opfer- und Priestersein.
Was bedeutet diese Befreiung? Diese Befreiung ist zunächst eine Erleichterung, denn sie nimmt uns Lasten ab: Wir müssen nicht mehr nach eigenen Göttern suchen, wenn der wahre Gott uns schon längst gefunden hat. Und weiter: Diese Befreiung öffnet uns die Augen. Sie lenkt den Blick weg von den eigenen Göttern auf Mitmenschen und Mitgeschöpfe. Wir sehen die Nöte und die Hilfsbedürftigkeit der Mitmenschen. Wir können Verantwortung wahrnehmen, wo auch immer, in der Kirchengemeinde, in der politischen Gemeinde, wir können uns für andere einsetzen. Wir können, um es in ein Wort zu fassen, Gottes Liebe weitergeben.
Niemand, der glaubt, ist ein Priester, denn Christus ist unser Hohepriester. Er hat das Priester-und-Opfer-Spiel beendet. Denn Jesus war selbst Priester und Opfer gleichzeitig. Auch davon spricht der Hebräerbrief. Jesus ist Opfer. Am Kreuz wurde Jesus das Opfer menschlicher Macht und menschlicher Willkür. Darüber wäre noch viel zu sagen, aber das soll jetzt nicht Thema der Predigt sein. Heute, mit diesem Sonntag beginnt die Passionszeit, und in den kommenden Gottesdiensten wird davon noch die Rede sein.
Heute will ich damit schließen: Wir sind keine Priester mehr, denn Christus ist unser Hohepriester. Wir sind ehemalige Priester. Ohne das Priestergewand, ohne falsche Opferbereitschaft werden wir zu den freien Menschen, die Gott gewollt hat. Die Brücke betreten wir, die Jesus für uns gebaut hat. Die Brücke führt in einen neuen Himmel, den noch niemand gesehen hat. Es ist ein Weg in die Freiheit.