Predigt

"Ich habe keinen Menschen …"

Kirche - ein Haus der Barmherzigkeit

PredigttextJohannes 5,1-16
Kirche / Ort:Lübeck-Travemünde
Datum:27.10.2019
Kirchenjahr:19. Sonntag nach Trinitatis
Autor:Pastor em. Hans-Dieter Krüger

Predigttext: Johannes 5,1-16(Übersetzung nach Martin Luther, Rev. 2017)

51 Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. 2 Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen; 3 in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte. 5 Es war aber dort ein Mensch, der war seit achtunddreißig Jahren krank. 6 Als Jesus ihn liegen sah und vernahm, dass er schon so lange krank war, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden? 7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein. 8 Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin! 9 Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin. Es war aber Sabbat an diesem Tag. 10 Da sprachen die Juden zu dem, der geheilt worden war: Heute ist Sabbat, es ist dir nicht erlaubt, dein Bett zu tragen. 11 Er aber antwortete ihnen: Der mich gesund gemacht hat, sprach zu mir: Nimm dein Bett und geh hin! 12 Sie fragten ihn: Wer ist der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm dein Bett und geh hin? 13 Der aber geheilt worden war, wusste nicht, wer es war; denn Jesus war fortgegangen, da so viel Volk an dem Ort war. 14 Danach fand ihn Jesus im Tempel und sprach zu ihm: Siehe, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre. 15 Der Mensch ging hin und berichtete den Juden, es sei Jesus, der ihn gesund gemacht habe. 16 Darum verfolgten die Juden Jesus, weil er dies am Sabbat getan hatte.

Vorbemerkung zum Predigttext

In dieser Erzählung prallen Welten aufeinander: Auf der einen Seite die strengen Gesetzeshüter, die darauf bestehen, dass das Sabbatgebot nicht verletzt wird, auf der anderen Seite Jesus in seiner Großzügigkeit, seiner Güte, seiner Menschenliebe, dem die Hilfe und Heilung eines schwer Kranken wichtiger ist als das starre Einhalten einer menschenunfreundlichen Vorschrift. Eine schöne Variante zum Thema Gesetz und Evangelium.

Hier ein Fest mit fröhlichen Menschen, dort ein Ort, an dem Krankheit und Verzweiflung zu Hause sind. Hier ein verbitterter, frustrierter Gelähmter, über den nichts gesagt wird, was seinen Glauben betrifft, der kein Wort des Dankes verlauten lässt, also jemand, der Heilung vielleicht gar nicht verdient hat und dort Jesus, der ihn gesund macht aus „lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn all sein (mein) Verdienst und Würdigkeit“ wie Luther es wunderbar in Worte gefasst hat. Eine schöne Erinnerung an die Jesus-Worte, dass Gott „seine Sonne aufgehen lässt über die Bösen und über die Guten und regnen lässt über Gerechte und Ungerechte“.

Auf der einen Seite Strafandrohung für beide, für den Geheilten, weil er immer noch seine Matratze trug und für Jesus, der am Sabbat jemanden gesund machte, auf der anderen Seite ein hilfreicher, freundschaftlicher Rat, um durch Vermeidung einer angedichteten Sünde aus der Gefahrenzone zu kommen und sich selbst eine Todesdrohung einhandelnd. Er tat es für einen „Sünder“. Eine Vorschattung des Kreuzesgeschehens.

„Sündige nicht mehr“. Kann es sein, dass hier versteckter Humor aufblitzt? Ulrich Tietze hat im letzten Pfarrerblatt (Heft 10/2019, S. 44 ff.) dazu einen Aufsatz geschrieben, der dieses Thema behandelt: „Glaube und Humor“. Dort macht er darauf aufmerksam, dass Jesus zum Teil mit absurden Behauptungen, mit abstrusen Zuspitzungen seine Reden würzt, und er bringt dazu auch ein paar Beispiele. Hier ist es ähnlich: Jemanden, der zur falschen Zeit eine Schlafmatte trägt, mit dem Begriff „Sünde“ in Verbindung zu bringen, ist wahrlich zum Lachen. Humor, wie man ihn im Judentum häufig findet, auch bei Jesus. In meiner Predigt will ich daraus kein großes Thema machen, sondern nur andeuten, dass es sich bei der Redewendung „sündige nicht mehr“ um eine humorvolle Kritik am damals gängigen Sündenbegriff handelt.

Der Predigttext endet mit der unschönen Bemerkung (V.16), dass man Jesus wegen seiner Heilungstat verfolgte, weil er sie am Sabbat vollzogen hatte. Mit so einem bedrückenden Gedanken sollte die Gemeinde nicht nach Hause gehen. Darum habe als Schluss der Predigt die Formulierung „im Geiste sehe ich Jesus mit dem Geheilten durch den Tempel gehen …“ und dann Verse aus dem 103. Psalm gewählt als Dank und Lobpreis des Geheilten, dem sich anzuschließen wir alle eingeladen sind.

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