Mammon

Gerissener Manager

Predigttext: Lukas 16,1-13 (mit exegetischen und homiletischen Hinweisen)
Kirche / Ort: Heiliggeistkirche / Heidelberg
Datum: 19.11.2017
Kirchenjahr: Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres
Autor/in: Pfarrer Dr. Vincenzo Petracca

Predigttext: Lukas 16 (Übersetzung nach Martin Luther)

1 Er sprach aber auch zu den Jüngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz.
2 Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein.
3 Der Verwalter sprach bei sich selbst: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln.
4 Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde.
5 Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich, und fragte den ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig?
6 Er sprach: Hundert Eimer Öl. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs fünfzig.
7 Danach fragte er den zweiten: Du aber, wie viel bist du schuldig? Er sprach: Hundert Sack Weizen. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig.
8 Und der Herr lobte den ungetreuen Verwalter, weil er klug gehandelt hatte; denn die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts.
9 Und ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit, wenn er zu h Ende geht, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten.
10 Wer im Geringsten treu ist, der ist auch im Großen treu; und wer im Geringsten ungerecht ist, der ist auch im Großen ungerecht.
11 Wenn ihr nun mit dem ungerechten Mammon nicht treu seid, wer wird euch das wahre Gut anvertrauen?
12 Und wenn ihr mit dem fremden Gut nicht treu seid, wer wird euch geben, was euer ist?
13 Kein Knecht kann zwei Herren dienen; entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

Exegetische und homiletische Vorüberlegungen

Gott und das Geld war zu biblischen Zeiten ein heikles Thema. Markant ist das berühmte Mammonwort im Lukasevangelium: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“ (16,13). Indes, wie passt dazu die Aufforderung, sich mit Geld „Freunde“ zu machen? Gibt es eine Art, gut mit Geld umzugehen? Oder muss man vom Lukasevangelium her Franz von Assisi recht geben, der Geld verdammte und in der Nicht-bullierten Regel seinen Mönchen ein Geldberührungsverbot vorschrieb? Diese divergierenden Aussagen über das Geld sind charakteristisch für Lukas, auffällig ist, dass diese widersprüchlich scheinenden Mammonworte innerhalb eines einzigen Textabschnittes stehen (16,8b-13). Sie sind Anwendung der Parabel vom gerissenen Manager (16,1-8a). Diese Parabel ist ein schwer faßbares Gleichnis, zugleich eines der schillerndsten der Bibel. Aus diesem Grund ist die Exegese im Folgenden ausführlicher als sonst üblich.

Das Gleichnis ist lk Sondergut. Die Bildebene umfasst VV 1b-8a, die Anwendung VV 8b-13. Die Bild- und Sachebene der Parabel vom gerissenen Manager gehen übergangslos ineinander über. Bereits das Ende der Parabel ist daher in der Exegese umstritten. Manche möchten V 9 zur Parabel zählen, andere fassen V 8a als Kommentar Jesu auf, denn sie stoßen sich am Lob des Großgrundbesitzers und lassen die Parabel mit V 7 enden. Diese Unsicherheit spiegelt sich auch im Vorschlag der liturgischen Kommission, die als Predigttext Lk 16,1-8(9) vorschlägt. Sachlich erscheint es mir indes richtig, die Parabel als Teil des Gesamtkapitels 16 zu predigen, wobei ich methodisch die Parabel mit der Anwendung als Texteinheit (16,1-13) auslegen werde.

Die Hauptakteure der Parabel sind der Herr und sein Manager. Die Bildebene lässt sich durch den Wechsel der handelnden Personen in vier Szenen gliedern. Hieraus resultiert für Lk 16,1-13 folgender Aufbau:

V 1a                                                    Einleitung

VV 1b-8a                                Bildhälfte

VV 1b-2                                              Szene 1: Entlassung (Herr und Manager)

VV 3-4                                    Szene 2: Monolog (Manager)

VV 5-7                                    Szene 3: Schuldenerlass (Manager und Schuldner)

V 8a                                                    Szene 4: Lob der Klugheit (Herr und Manager)

VV 8b-13                                Anwendung

Der erzählerische Schwerpunkt liegt auf Szene 3: Der Manager ruft die Schuldner seines Großgrundbesitzers zu sich und kraft seiner noch nicht erloschenen Vertretungsgewalt reduziert er ihre Schulden. Wie ist dieses Handeln zu interpretieren? Eine Auslegungstradition meint, dass der Manager illegal im Dienste und für die Kasse seines Herrn wuchere, indem er die Schulden in Naturalien umschreibe, um das Zinsverbot der Tora zu umgehen. Bei seiner Entlassung storniere er den Schuldbetrag um die Höhe der Zinsen und zahle somit die verdeckten Zinsen an die Schuldner zurück. Der Manager sei ein Held, der die Gültigkeit der Tora wiederherstelle. So viel Charme diese Deutung auch hat, sie entspricht leider nicht dem Wortlaut der Parabel. Der Schuldenerlass von 20-50% ist wesentlich höher als die üblichen Zinsen. Folgt man der Auslegung, dass der Manager die Gerechtigkeit der Tora wiederherstelle, dann müsste diese Tat als gerecht charakterisiert werden. Am Ende der Parabel wird der Manager indes als „ungerecht“ bezeichnet (V 8). Auch lobt die Parabel nicht seine Tat, sondern nur seine „Klugheit“ (V 8). Näher liegt daher die Deutung: Der Manager hintergeht seinen Herrn (V 1) und handelt einmal mehr betrügerisch, indem er die Schulden erlässt. Er bricht damit sowohl das römische als auch das jüdische Recht. Die Parabel zeichnet den Manager als skrupellosen Betrüger, der aus Eigennutz die finanziellen Ansprüche seines Herrn verschenkt. Die Parabel zielt auf die Paradoxie ihres Schlusses. Aus diesem Grund lautet die Pointe der Bildebene: Der Manager, der sich durch Betrügereien Freunde macht, um für die Zukunft zu sorgen, wird von seinem übervorteilten Herrn für seine Klugheit gelobt.

Die Anwendung (VV 8b-13) besteht aus einer Serie von Sondergutlogien, die sich auf die Bildebene zurückbeziehen, und gipfelt im Exklusivitätsausspruch, den Lk aus der Q-Tradition rezipiert: Der Dienst an Gott ist unvereinbar mit dem Mammondienst (Lk 16,13 par Mt 6,24).

Bei Lukas wird Reichtum und Eigentum generell kritisch gesehen (6,24; 8,14; 14,33). Der Mammon wird als „ungerecht“ charakterisiert (16,9.11). Doch der dualistische Gegensatz zwischen Gott und Mammon scheint nicht unüberbrückbar zu sein. Vom Mammon heißt es in V 12: Wer sich im Umgang mit diesem „Geringfügigen“ als zuverlässig erweist, dem wird das wahre Eigentum anvertraut werden. Das Geld wird demnach als anvertrautes Gut verstanden, über dessen Verwendung Rechenschaft abzulegen ist. Hintergrund ist die jüdische Auffassung, dass Gott der letztliche Eigentümer aller irdischen Dinge ist. Am Umgang mit Geld entscheidet sich letztlich die Zugehörigkeit zur Sphäre des „Lichts“ oder der „Finsternis“. Aus diesem Grund fordert Lukas in V 11 auf, im Umgang mit dem Mammon zuverlässig zu sein. Schon durch die Wortstellung von „Mammon“ zwischen „ungerecht“ und „treu“ signalisiert er, dass die Christinnen und Christen sich zwischen einer ungerechten und einer zuverlässigen Verwendung des Mammons entscheiden müssen. Explizit wird dies in V 10 ausgesprochen: Es gibt einen ungerechten und einen treuen Umgang mit dem nichtigen Mammon. Der Mammon ist für den Evangelisten nicht an sich ungerecht, sondern verführt zu Ungerechtigkeit im Erwerb und in der Verwendung. Er verdammt das Geld nicht, sondern ordnet ihm innerhalb „dieser Weltzeit“ eine ganz bestimmte Funktion zu: Es ist Mittel zur Bewährung. Ihre Eigentümer werden damit auf die Nagelprobe gestellt. Wer klug ist, verharmlost diese Prüfung nicht, denn die dämonische Seite des Geldes verleitet zu Ungerechtigkeit, Suchtverhalten und Götzendienst.

Um sich als „Kinder des Lichts“ zu erweisen, erwartet Lukas, dass die Christinnen und Christen mit dem Mammon klüger umgehen als der gerissene Manager in der Parabel. Der Manager „ist nicht der Held der Gerechtigkeit im Königtum Gottes, sondern der unfreiwillige Lehrmeister der christlichen Gemeinde für die Praxis der Gerechtigkeit“ (Luise Schottroff, Gleichnisse Jesu, S. 214). Wie sieht diese Praxis der Gerechtigkeit aus? Wie kann man sich mit dem ungerechten Mammon Freunde machen? Dies wird zunächst nicht näher expliziert, im Anschluss an die Parabel betont Lukas allerdings, dass der göttliche Wille in der Tora offenbart ist und diese auch für die christlichen Gemeinden Gültigkeit besitzt (16,14-18). Die anschließende Beispielerzählung von Lazarus, dem Armen, illustriert, dass die Tora von den Reichen Solidarität mit den Armen verlangt (V 19-31). Wer diese verweigert, stürzt ins Verderben, während die ausgleichende Gerechtigkeit Gottes die Armen erhöht.

Zusammenfassend gesagt: Den Götzen Mammon will Lk 16 zwar als ungerechten Mammon verstanden wissen, mit dem man sich gleichwohl Freunde machen soll, um sich so im Nichtigen als zuverlässig zu erweisen. Ein richtig verstandener Dienst an Gott gemäß dem Ersten Gebot impliziert, dass man das Geld entsprechend dem göttlichen Willen verwendet, der in der Tora offenbart ist: Solidarität mit den Armen ist die notwendige Konkretion des exklusiven Dienstes an Gott.

Die Predigt ist eine Homilie. Sie nutzt die Dramaturgie und Didaktik der Parabel. Als Bibeltext wird der Luthertext verwendet. Um die Überraschung der Pointe der Parabel nicht zu zerstören, wird der Text nicht zu Beginn der Predigt gelesen, sondern abschnittsweise in der Predigt.

Literatur:

Vincenzo Petracca, Gott oder das Geld - Die Besitzethik des Lukas, TANZ 39, Tübingen / Basel 2003, S. 163-203.

Luise Schottroff, Die Gleichnisse Jesu, Gütersloh 2005, S. 205-224.

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Eine bizarre Betrugsgeschichte! Ausgerechnet aus dem Munde Jesu! Das ist der für heute vorgesehene Predigttext. Es handelt sich dabei um die Parabel vom gerissenen Manager. Sie steht im 16. Kapitel des Lukasevangeliums. Das Gleichnis ist eines der schillerndsten der Bibel. Und zugleich eines der umstrittensten. Folgen wir einmal der merkwürdigen Gleichniserzählung Szene für Szene. Sie werden sehen: Sie ist hochaktuell.

Lesung Szene 1: Lukas 16,1-2

Er sprach aber auch zu den Jüngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz. Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein.

Die Geschichte spielt im agrarischen Milieu des römischen Imperiums. Die Hauptperson ist ein Verwalter, so übersetzt Martin Luther. Gemeint ist damit ein Manager eines Latifundiums, der mit weitreichenden Vertretungskompetenzen ausgestattet ist. Ein Latifundium war ein großes, von Sklaven bewirtschaftetes Landgut. Der Manager wird bei seinem Großgrundbesitzer verklagt, er veruntreue dessen Besitz. Sein Herr macht kurzen Prozess. Er ruft ihn zu sich und verkündet ohne Prüfung des Sachverhalts seine Entlassung. Arbeitsgerichte, die die Willkür der Arbeitgeber einschränkten, gab es damals nicht. Die Kündigung ist unanfechtbar. Der Großgrundbesitzer verlangt die Endabrechnung von seinem Manager.

Lesung Szene 2: Lukas 16,3-4

Der Verwalter sprach bei sich selbst: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln. Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde.

Die Ausgangssituation erzeugt Spannung, denn das weitere Schicksal des Suspendierten ist ungewiss. Ein Selbstgespräch, der Wendepunkt der Erzählung, bringt die existentielle Krise des Managers zum Ausdruck. Der Manager ist wegen der Betrugsanklage zunächst kein Sympathieträger. Doch er gewinnt durch das Selbstgespräch. Die Entlassung ist nicht nur finanziell, sondern auch sozial ein Debakel. Ihm droht harte Landarbeit oder Bettelei. Ein tiefer sozialer Absturz! Haben Sie Mitleid mit ihm? Können Sie seinem Wunsch nach einem Leben ohne zähe, beschwerliche Feldarbeit und erniedrigende Bettelei nachfühlen? Oder meinen Sie, das geschieht ihm gerade recht? Wie auch immer: Der Manager ist ein nüchterner Realist, der sich in der harten Welt behaupten möchte und sich zu helfen weiß. Um der Plagearbeit und der Bettelei zu entgehen, fasst er einen raffinierten Plan für eine sorgenfreie Zukunft.

Lesung Szene 3: Lukas 16,5-7

Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich, und fragte den ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig?
Er sprach: Hundert Eimer Öl. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs fünfzig. Danach fragte er den zweiten: Du aber, wie viel bist du schuldig? Er sprach: Hundert Sack Weizen. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig.

Auf der Ausführung des gerissenen Planes liegt der erzählerische Schwerpunkt. Der Manager ruft die Schuldner seines Großgrundbesitzers zu sich und nutzt, dass er noch nicht entlassen ist. Kraft seiner daher noch nicht erloschenen Vertretungsgewalt reduziert er die Schulden. Ein doppelter Betrüger! Der Manager hintergeht seinen Herrn zu Beginn der Geschichte anscheinend durch Veruntreuung und handelt einmal mehr betrügerisch, indem er die Schulden erlässt. Er mag einfallsreich sein, aber er bricht das Gesetz. Die Parabel zeichnet den Manager als skrupellosen Betrüger, der aus Eigennutz die finanziellen Ansprüche seines Herrn verschenkt. Durch den Betrug will der Manager sich Freunde machen. Er setzt dabei auf die im römischen Imperium übliche gegenseitige Begünstigung: Ich helfe dir, damit du hilfst mir. Da er den Schuldnern durch Schuldenerlasse hilft, werden sie sich später erkenntlich zeigen. So seine Berechnung.

Die Klugheit des Managers wird durch seine rechnerischen Fähigkeiten bei der Umrechnung des Schuldenerlasses unterstrichen. Im Gleichnis ist nämlich eine  kleine Rechenaufgabe versteckt: Martin Luther übersetzt „100 Eimer Öl“ und „100 Sack Weizen“, im griechischen Originaltext heißt es „100 Bat Öl“ und „100 Kor Weizen“. 100 Bat Öl war der Ertrag von 160 Olivenbäumen und entsprach etwa 1000 Denaren. 100 Kor Weizen ist der Ertrag von 40 Hektar und hatte einen Wert von etwa 2500 Denaren. Dem ersten werden 50% von 100 Bat Öl erlassen, also etwa 500 Denare. Dem zweiten werden 20% von 100 Kor Weizen erlassen, siehe da: auch etwa 500 Denare! Ein kluger Rechner ist der Manager.

Die unterschiedlichen Prozentraten des Erlasses sind nicht Willkür, sondern zielen darauf, den beiden Schuldnern die Schuld um denselben Betrag von 500 Denaren zu reduzieren. Eine immense Höhe, denn 1 Denar war der Tageslohn eines Tagelöhners und reichte gerade so, um eine Familie vor dem Hunger zu bewahren. Angesichts der beträchtlichen Höhe der Erlasse ist die Erwartung der Gegenleistung realistisch. Der Manager erwartet, dass die Schuldner ihm später Gastrecht und Schutz gewähren und helfen werden, eine angemessene Neubeschäftigung zu finden. Auch wenn der Erlass betrügerisch ist, so  ist er juristisch doch gültig, denn der Manager hat noch die nötige Vollmacht. Der Manager erscheint als ein zwar schlauer, aber betrügerischer Mann, der mit krimineller Raffinesse alles daran setzt, um Vorsorge zu treffen, solange ihm noch Zeit bleibt. Die Spannung hat den Höhepunkt erreicht, denn angesichts des Gaunerstücks mag uns das letztliche Gelingen des Planes fraglich erscheinen.

Und, wie geht es Ihnen: Haben Sie Gefallen an diesem einfallsreichen Gauner gefunden? Und hoffen Sie insgeheim, dass der Plan dieses klugen Anti-Held irgendwie aufgeht? Oder meinen Sie, er darf seiner gerechten Strafe nicht entgeht? Schließlich handelt es sich nicht um einen Sonntagabendkrimi, sondern die Geschichte steht in der Bibel und Jesus hat sie selbst erzählt: Da muss doch das Recht und die Moral siegen! Hören wir das Ende der Betrugsgeschichte.

Lesung Szene 4: Lk 16,8a

Und der Herr lobte den ungetreuen Verwalter, weil er klug gehandelt hatte; denn die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts.

Was für eine Überraschung! Obwohl der Großgrundbesitzer das Opfer der Betrügerei ist, bestraft er den Manager nicht. Im Gegenteil, er lobt ihn sogar. Freilich, die Geschichte lobt nicht den Betrug des Managers. Der Manager wird als „ungerecht“ bezeichnet, weil er „ungerecht“ handelt. Vielmehr imponiert dem Großgrundbesitzer die Gerissenheit seines Managers. Erkennt hier ein Gleicher einen Gleichen? Freilich, es mutet paradox an, dass in den Augen des Großgrundbesitzers die vorsorgende Klugheit wichtiger ist als das erlittene Unrecht und der finanzielle Verlust. Die Parabel zielt auf die Paradoxie ihres Schlusses: Der Manager, der sich durch Betrügereien Freunde macht, um für die Zukunft zu sorgen, wird von seinem übervorteilten Herrn für seine Klugheit gelobt.

Vielleicht verstehen Sie, weshalb das Gleichnis unzählige Auslegerinnen und Ausleger zur Verzweiflung treibt. Zugestanden, es ist eine Gleichniserzählung. Eine Erzählung ist zunächst nur eine mehr oder weniger nette Geschichte, und ein Gleichnis ist nur ein Vergleich. Und Jesus sagt auch nicht: Handelt so wie der ungerechte Manager! Er erzählt vielmehr einen römischen Krimi und will die Pointe auf irgendetwas anwenden. Aber, weshalb erzählt Jesus diese Gaunergeschichte? Was will er  nur  damit sagen? Hören wir, wie Jesus fortfährt, denn er gibt nach dem Lukasevangelium selbst eine Erklärung.

Lesung Lk 16,8b-13

… denn die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts.  Und ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit, wenn er zu Ende geht, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten. Wer im Geringsten treu ist, der ist auch im Großen treu; und wer im Geringsten ungerecht ist, der ist auch im Großen ungerecht. Wenn ihr nun mit dem ungerechten Mammon nicht treu seid, wer wird euch das wahre Gut anvertrauen? Und wenn ihr mit dem fremden Gut nicht treu seid, wer wird euch geben, was euer ist? Kein Knecht kann zwei Herren dienen; entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

Zugegeben, Jesu Erklärung ist nicht einfach zu verstehen. Aber vielleicht ahnen Sie angesichts von Paradise Papers und Dieselbetrug um des Profits willen, dass Jesu Worte über den Mammon brisant und aktuell sind. Schauen wir uns die Erklärung genauer an: Zunächst erläutert Jesus, inwiefern der Manager ein Vorbild ist: Er ist zwar ein „Kind dieser Weltzeit”, ist aber den „Kindern des Lichtes” an Klugheit überlegen. Mit den „Kindern des Lichtes“ sind die Christinnen und Christen gemeint. Der Manager selbst handelt nicht wie ein „Kind des Lichtes“, sondern nach den betrügerischen, eigennützigen Gesetzen „dieser Weltzeit“. Vielleicht denken Sie an die Gerissenheit mancher betrügerischer Wirtschaftsleute, die gleich unserem Manager  doch oft genug ungeschoren davon kommen! Da kann man nicht von Licht, sondern muss man wohl eher von Dunkelheit reden.

Indes, der Manager dient Jesus als provokatives Musterbeispiel. In der Geschichte begreift dieser Anti-Held den Ernst der Lage, der durch die Forderung nach der Endabrechnung entstanden ist. Er nutzt die ihm verbleibende Zeit, um klug zu handeln. Die „Kinder des Lichtes” sollen gleichfalls begreifen, welche Stunde geschlagen hat und sich an seiner Klugheit ein Vorbild nehmen. Wenn schon ein Gauner klug mit dem Geld umgeht, um wieviel mehr die ehrlichen Christinnen und Christen! Eigentlich müssten sie diesen Kriminellen, der freigiebig mit dem Geld eines anderen seinen Nächsten hilft, weit überstrahlen und übertreffen. Freilich, ihr Handeln soll im Gegensatz zum Gauner ehrlich und uneigennützig sein. Was heißt das aber genau? Der Text drückt es nur bildhaft aus: Sie sollen sich „Freunde mit dem ungerechten Mammon machen“.

Zunächst, was meint das Wort „Mammon“? Es ist ein aramäisches Fremdwort im griechisch geschriebenen Bibeltext. „Mammon“ ist eine allgemeine Bezeichnung für Geld und jegliche Vermögenswerte. Der ursprüngliche Wortsinn ist „das, worauf jemand vertraut” oder „das, was zuverlässig ist”. Der Wortstamm ist derselbe wie beim Wort „Amen“. Für Jesus freilich ist der Mammon weder zuverlässig noch vertrauenswürdig. Er charakterisiert ihn so: Der Mammon ist „ganz geringfügig“. Jesus wendet sich gegen Auffassungen, die dem Geld einen hohen Wert beimessen. Diese Hochschätzung ist auch heute noch weit verbreitet.

In der Antike gab es folgenden Witz: Wer ist der größte Habgierige? Jener, der sich selbst zum Alleinerben einsetzt. Ähnlich sagt Jesus: Der Mammon ist „vergänglich“. Im Tod kann niemand etwas mitnehmen. Alles Eigentum bleibt hier auf der Erde zurück. Gerade im Trauermonat November, da wir der Vergänglichkeit gedenken, ist auch die Nichtigkeit des Geldes zu bedenken. Es stellt sich uns damit die Frage: Wie gehen wir klug mit Geld um? Es zu horten, ist ein törrichter Umgang. Es ist vergänglich: Sei es eine Finanzkrise, die – wie wir erlebt haben – riesige Mengen an Geld vernichtet. Sei es der Tod, der das Gehortete umverteilt.

Für Jesus sind Geld und Besitz Leihgaben Gottes. Letztlicher Eigentümer sind nicht wir, sondern bleibt der Schöpfergott. Einmal werden wir Rechenschaft abgeben müssen, wie wir damit umgegangen sind. So Jesus in unserem Bibeltext. Berühmt ist, dass Jesus auf die dunkle Seite des Geldes hinweist: Man kann nicht Gott und den Mammon dienen! Jesus möchte mit dem Satz etwas entlarven: Das Geld erhebt wie Gott den Anspruch auf die völlige Hingabe des Menschen. Wenn Geld zum Selbstzweck wird, wird es zum Fetisch oder zum Götzen. Es gaukelt dem Menschen Sicherheit durch suchtartige Anhäufung vor. Wenn man Geld anhäuft um des Geldes und seiner Vermehrung willen, dann ist man unversehens in den Bannkreis der dämonischen Seite des Geldes geraten. Jesus entfaltet hier eine ausgeprägte Kapitalismuskritik: Geld ist nur scheinbar eine Sache, die man besitzt. In Wirklichkeit ist es etwas, das von Menschen, ja von ganzen Gesellschaften Besitz ergreifen will.

Jesu Worte klingen für viele Ohren unerhört. Erst seit der großen Finanzkrise vor zehn Jahren breitet sich auch in der westlichen Welt langsam die Erkenntnis aus: Das Geld hat eine dunkle Seite. Jesus geht soweit, den Mammon „ungerecht“ zu nennen. Wie meint er das? Ist Geld an und für sich etwas Schlechtes oder Böses? Ist Geld per se ungerecht? Das wäre ein Missverständnis. Jesus sagt auch, man kann „treu“ mit dem Mammon umgehen. Geld ist für ihn nicht an sich ungerecht. Auf der einen Seite weist er darauf hin: Geld verleitet zu Ungerechtigkeit. Sowohl in der Art, wie man Geld erwirbt. Als auch in der Art, wie man Geld verwendet. Auf der anderen Seite meint er: Man kann auch „zuverlässig“ mit Geld umgehen. Also, nochmals: Wie macht man sich mit dem Mammon Freunde, wie Jesus es ausdrückt? Wie können wir mit Geld klug und zuverlässig umgehen? Jesus drückt sich nicht um die Antwort, aber er beantwortet die Frage nur indirekt.  Mit einer weiteren Geschichte. Im Anschluss erzählt eine zweite Parabel. Hören wir seine erzählerische Antwort.

Lesung Lk 16,19-31

Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. Es war aber ein Armer mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voll von Geschwüren und begehrte sich zu sättigen mit dem, was von des Reichen Tisch fiel; dazu kamen auch die Hunde und leckten seine Geschwüre. Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben. Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. Und er rief:Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und mir die Zunge kühle; denn ich leide Pein in diesen Flammen. Abraham aber sprach:Gedenke, Sohn, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet und du wirst gepeinigt. Und überdies besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüberwill, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber. Da sprach er:So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus; denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual. Abraham sprach:Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören. Er aber sprach:Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. Er sprach zu ihm:Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.

Wie machen wir uns mit dem Mammon Freunde? Jesus antwortet darauf: Stell dir vor, du bist einer der fünf Brüder! Wie würdest du mit dem Geld umgehen? Selbstvergessen in Luxus prassen, ohne die Not um dich herum wahrzunehmen? Oder würdest du gerecht handeln und die Interessen der anderen mit in den Blick nehmen? Würdest du auf Kosten der Armen leben? Oder wärst du solidarisch mit ihnen? Die Antwort überlässt er uns …

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Ein Kommentar zu “Mammon

  1. Pastor i.R.Heinz Rußmann

    „Die Worte von Jesus sind nicht einfach zu verstehen“. sagt der Prediger zu diesem Text. Ja, sie ist „die skandalöseste Erzählung im ganzen Neuen Testament“, sagt E. Drewermann im Lk-Kommentar (S.259). Der angehängte zweite Teil der Predigt Vv 19-31 bringt m.E.keine Erklärung und ist für eine Predigt gewiss zu lang. Pfarrer Dr. Petracca hat ein Buch darüber verfasst. Ungewöhnlich gründlich und wissenschaftlich ist seine Exegese und seine homiletische Predigt, die ich hier nicht diskutieren kann. Der Lübecker Exegese – Kreis mit zehn Schrift-Gelehrten -Pastoren/innen hat heute heiß eineinhalb Stunden lang über obige Auslegung diskutiert. (Leider war Pfarrer Petracca nicht dabei.) Die Grundfrage ist, ob man den Text als Parabel Schritt für Schritt interpretieren kann oder ob es ein Gleichnis ist mit nur einem Skopus (was z.B. Drewermann so sieht)? Pharisäer verurteilen alle Mogelei. Jesus aber hat zentral Verständnis für Verzweiflung und die Infragestellung des gesamten Daseins und nahen Todes. Auch im zentralen Gleichnis von Jesus kann der verlorene Sohn nie das Erbe ersetzen und wird umarmt von Gott. In der lebenswichtigen Situation verzeiht Gott nach Jesus aus Liebe. Ich schlage vor durch weitere Kommentare hier alles zu klären nach alter Schriftgelehrten-Sitte.

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