Wer ist denn mein Nächster, war Jesus gefragt worden. Und er hatte mit einer Geschichte geantwortet, die am Ende in die Gegenfrage hinauslief: Wer ist dem, der unter die Räuber fiel, zum Nächsten geworden?
Jesus wandelt die Haltung: „O, ich muss …“ in eine „oh, ich kann …“-Haltung. Nicht: ich muss mich um einen Nächsten kümmern. Sondern: ich kann zum Nächsten werden. Ich bin dazu fähig. Ich bin dazu in der Lage. Und kann darüber entscheiden. Das ist ein Aspekt, der bei der Samaritergeschichte oft übersehen wird. Der Samariter hat sich dafür entschieden, obwohl einiges dagegen stand: der Umstand und Aufwand mit dem Verletzten, die Hitze, die Animositäten zwischen samaritanischer und jüdischer Bevölkerung. So weit, so gut. Und der, der Jesus gefragt hat, konnte sich überlegen: Wie hätte ich mich entschieden?
Nun wissen wir, dass es oft immer dieselben Leute sind, die sich angesprochen sein lassen. Es sind oft immer dieselben, die bereit sind, die Dinge zu stemmen: in der Pfarrei, im Verein, im Freundeskreis. Es sind die, denen man die Geschichte vom barmherzigen Samariter nicht zu oft erzählen sollte, weil man damit Eulen nach Athen trüge. Und weil Jesu Frage nach dem, der zum Nächsten wird, grade diejenigen erwischen würde, die sich solches ohnehin zu Herzen genommen haben.
Der Evangelist Lukas ist ein weiser Mann. Er hängt gleich an die Geschichte vom barmherzigen Samariter genau eine solche an, die auch die zweite Seite berücksichtigt. Die, wo es schwierig und falsch werden könnte, zu tätiger Nächstenliebe aufzurufen. Leider werden die beiden Geschichten, die Lukas in einen Zusammenhang stellt, vom Kindergottesdienst bis zur liturgisch hoch sensiblen Perikopenordnung auseinandergerissen. Beim Evangelisten Lukas folgt auf die Samaritergeschichte mit den beiden Männern eine Geschichte mit zwei Frauen. Lukas erzählt von Maria und Marta.
(Lesung des Predigttextes Lukas 10, 38-42)
Marta macht alles richtig. Sie nimmt Jesus auf. Sie gibt ihm – und vermutlich der ganzen Mischpoche mit ihm – zu essen. Genau das, was Matthäus, der Kollege des Lukas, in einem Jesus-Gleichnis nach vorn spielt, wenn der Richter der Welt zwischen denen unterscheidet, die ihm zu essen gaben und denen, dies eben nicht tun. Marta ist diakonisch tätig (denn das, was wir im Deutschen als „dienen“ lesen, lautet im Griechischen des Evangeliums: diakonein). Was also soll man noch von ihr wollen können. Wieder wandelt Jesus im Lukasevangelium eine „du musst ….“ - Geschichte weiter in eine „du kannst -“, „du darfst - Geschichte“. In diesem Sinne nämlich:
Liebe Marta, du hast Sorge und Mühe. Du bist eine, die anspringt, wenn es darum geht, anderen in hilfreicher Weise nahe zu kommen, Nächste zu werden. Dir muss man die Geschichte vom barmherzigen Samariter nicht nochmal erzählen. Ja, man darf das nicht mal. Liebe Marta, dir muss man sagen: Und jetzt ist Schluss mit Arbeit. Jetzt ist Anderes dran. Vielleicht hat man dir zu oft gesagt: Wunderbar, da ist Marta, die Haushalt und Wirtschaft schmeißt. Die das alles kann. Reibungslos. Und du bist darin eine Einser-Schülerin geworden. Aber ich weiß: Du bist auch klug genug fürs Lernen. Du bist fähig zum Thorastudium. Im Sitzen. Mit jemand anderem zusammen. Wie es die Leute auch in der Synagoge tun. Aus einem guten Thorastudium geht dann am Ende immer auch wieder das Handeln hervor. Es ist nicht vergessen. Du, Marta, bist aufmerksam auch fürs gemeinsame Lernen. So, wie du im Haus und im Wirtschaftsleben schnell erkennst, was angesagt ist, so kannst du das beim Lernen genauso. Richtig gut. Wie gesagt, auch das führt zum guten Wirken: das Hören und Lernen und Bedenken. Du, Marta, fehlst mir, Jesus, wenn ich die Schrift auslege und die Gebote und über Gott nachdenke. Du fehlst mir als Schülerin. Damit ich, Jesus, ein noch besserer Lehrer sein kann. Weil auch ein guter Lehrer immer abhängig ist von seinen Schülern. Und Schülerinnen.
Ich hoffe, es ist weniger geworden, dass man an Geschwistern so schnell die Etiketten heftet, wie man es zu meiner Kinderzeit tat. „Die Große“, „die Kleine“. „Die Kluge“, „die Praktische“. „Die Sportliche“, „die Steife“. „Die Schüchterne“, „die „Quirlige“. Dick und Doof. Schwarz und Weiß. So ließen sich Geschwister einfach, kurz und schnell unterscheiden. Und vorstellen. Und deren Zukunft entwerfen. Schrecklich. Ich hoffe, es ist weniger geworden, weil es hemmt. Es hemmt Menschen in ihrer Entwicklung, in ihren Möglichkeiten. Wenn solche Etikettierung in der Kirche geschieht, dann hemmt das auch geistliche Entwicklung.
Zum Glück findet sich im Evangelium nach Johannes die Bestätigung, dass gerade Marta noch ganz andere Möglichkeiten in sich trägt. Bei Johannes sagt sie (Kapitel 11): „Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommt“. Ein Glaubensbekenntnis! Ein Christusbekenntnis! Wie gut, dass Marta das nicht nur zwischen Hauptgang und Nachtisch vor sich hingemurmelt hat. Dort vielleicht auch. Aber eben auch laut und deutlich und vernehmbar im Gespräch mit Jesus, der aus dem Tod herausholt. Gott sei Dank. Das Eine tun. Das Andere nicht lassen. Und Menschen nicht festlegen. Sondern Unerhörtes erwarten. Das Eine tun. Das Andere immer im Blick behalten. Sich selbst und anderen neue Möglichkeiten eröffnen. Bei Marta hat Jesus das auch erwartet.