Mit bescheidenem Bündel
Bedürfnis nach Reinigung und Erneuerung
| Predigttext | Matthäus 3,13-17 |
|---|---|
| Kirche / Ort: | Geestland. |
| Datum: | 11.01.2026 |
| Kirchenjahr: | 1. Sonntag nach Epiphanias |
| Autor: | Dipl. Theol. Pastorin i.R. Christiane Borches |
Predigttext: Matthäus 3,13-17 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 2017)
13 Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe. 14 Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir? 15 Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt zu! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er’s ihm zu. 16 Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. 17 Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.
Johannes packt sein bescheidenes Bündel, streift seinen Kamelhaargewand über, befestigt ihn mit einem ledernen Gürtel und macht sich auf den Weg zum Jordan.
I
Johannes ist ein Asket, er braucht nicht viel. Unterwegs wird er wilden Honig finden. Der wilde Honig ist nahrhaft und schmeckt. Manchmal findet er Heuschrecken, die er isst. Das ist nicht jedermanns Sache, aber Johannes mag sie, wird davon satt.
Johannes zieht los. Sein Weg führt ihn durch ein trockenes Tal. Der Boden ist salzig, nur wenig Pflanzen, die hier wachsen. Johannes durchquert die karge Landschaft. Bald erscheinen die Felsen, die hoch aus der Steppe emporsteigen. Hier muss er noch dran vorbei, dann dauert es nicht mehr lange, bist der tiefgelegene Jordan in Sicht kommt. Er schlängelt sich durch die Landschaft, die sich inzwischen verändert hat. Schilf und Palmen säumen die Ufer des Wassers. Johannes sucht sich eine ruhige Stelle im Jordan, durch die das Wasser langsam fließt und er und die Menschen, die sich taufen lassen wollen, stehen können.
Das ist hier seine Stelle, Johannes kommt hier jeden Tag her. Das hat sich herumgesprochen. Bevor er tauft, müssen die Leute sich seine Predigt anhören. Er spricht vom Himmelreich, das nahe herbeigekommen ist. Johannes ist ein Bußprediger, der sich nicht scheut, unliebsame Themen anzusprechen. Die Menschen kommen trotzdem, sie merken, es geht so nicht weiter. Sie haben das Bedürfnis nach Reinigung und Erneuerung.
Manche kommen mit Fragen. Sie sind Abrahams Nachkommen und von daher gesegnet. Gott hat den Erzvater Abraham aus seinem Zelt herausgeführt, ihm dem Sternenhimmel gezeigt und ihn mit einer Verheißung verknüpft. So zahlreich wie die Sterne am Himmel, so zahlreich sollte seine Nachkommenschaft sein. Durch ihn, Abraham, würden alle gesegnet sein. Sollten Gottes Verheißungen nicht mehr gelten? Müssten sie denn noch extra getauft werden?
Es gibt auch noch eine andere Gruppe von Leuten, die vortäuschen, dass sie den Wunsch haben, sich taufen zu lassen. Sie meinen es nicht ehrlich. Sie stellen Fangfragen. Johannes, weiß, dass ihm nicht alle wohlgesonnen sind. Auf solche Leute ist er vorbereitet. Die meisten haben aber den aufrichtigen Wunsch nach der Taufe. Es ist noch früh, er möchte rechtzeitig am Jordan sein, bevor die Mittagssonne scheint. Als Johannes den Jordan erreicht, legt er sein Bündel am Ufer ab und steigt ins kühle Wasser. Das Wasser umspült seine Beine. Er taucht unter und erfrischt sich selbst, bevor die Arbeit beginnt.
Die ersten Menschen kommen, lagern sich am Ufer, haben Proviant mitgebracht. Als eine gewisse Menge zusammen kommen ist, beginnt Johannes zu predigen. Er ermahnt sie, sich nicht leichtfertig taufen zu lassen, redet ihnen ins Gewissen, fordert Umkehr. Johannes steht im Wasser und fängt an zu taufen.
Viele haben den Wunsch nach Erneuerung. „Mein Leben ist festgefahren“, gesteht Andreas seinem Nachbarn. Er fühlt sich nicht gut, nicht, dass er körperlich krank wäre, nein, er hat einen anderen Schmerz. Er möchte so nicht weiterleben. Er möchte einen Sinn in seinem Leben entdecken. Ob Johannes ihm helfen kann? Gibt die Taufe ihm das, wonach er sucht? Er will es versuchen, steigt ins Wasser und bittet Johannes um die Taufe. Andere tun es ihm gleich.
Johannes unterbricht immer wieder seine Taufe, predigt in der Zwischenzeit: „Nach mir wird einer kommen, der ist größer als ich. Der ist der Sohn Gottes, ich bereite ihm den Weg. Kommt, tut Buße, lasst euch taufen, damit ihr ins Himmelreich kommt. Johannes predigt und tauft den ganzen Morgen.
II
Jesus ist von Galiläa aufgebrochen. Er hat zuvor seinem Vater in der Zimmerei geholfen. Er hat den Hammer weggelegt, sein Vater schafft den Rest ohne seine Hilfe. Ein paar Handgriffe, dann ist die Krippe für den Ochsen und den Esel, die der Nachbar gekauft hat, fertig.
Jetzt ist Jesus für sich. Er sucht die Abgeschiedenheit, um sich über sein weiteres Leben Klarheit zu verschaffen. Er ist in die Stiefel des Vaters getreten, hat die Zimmerei gelernt, er soll die Werkstatt seines Vaters übernehmen, so ist es geplant. Er fühlt sich nicht wohl damit. Hat Gott diesen Weg für ihn vorgesehen? Jesus weiß es nicht. Er hat das Gefühl, dass er eine andere Aufgabe hat. Die anderen merken das. Sie lassen ihn spüren, dass er anders ist als sie.
Unter seinen Geschwisten hat Jesus eine Sonderrolle, das liegt nicht allein daran, dass er der erstgeborene Sohn ist. Auch von anderen in seinem Alter fühlt er sich manchmal ausgeschlossen. Die meisten in seinem Freundeskreis haben geheiratet, Kinder bekommen. Das kommt für ihn nicht in Frage, bisher jedenfalls nicht.
Jesus geht zum Jordan. Das Wasser und die Natur haben ihm stets gut getan. Der ausgetretene Weg führt vorbei an niedrigem Buschwerk und Gestrüpp, Jesus folgt dem Jordan, blickt auf das Wasser, sieht, wie es fließt, beobachtet, wie es sanft Steine, die im Flussbett liegen, umschifft. Die Gedanken schwimmen mit dem Rhythmus des Wassers davon, Jesus genießt die Natur, die Stille und das sanfte Plätschern. Das Wasser glitzert in der milden Nachmittagssonne. Versonnen lässt Jesus seine Augen schweifen. In der Ferne entdeckt er eine Ansammlung von Menschen.
Jesus legt die Hand über die Augen, prüft, ob er besser erkennen kann, was da los ist. Jesus geht näher heran, schaut auf die Menge. Jetzt sieht er, dass ein Mann im Jordan tauft. Er erkennt Johannes. Johannes der Täufer, murmelt er kopfnickend vor sich hin. Johannes, ein besonderer Mann. Als er selbst noch im Bauch seiner Mutter war, hat Johannes im Bauch seiner Mutter gehüpft. Das hat seine Mutter ihm früher erzählt. Elisabeth, die Mutter des Johannes, hat das als Zeichen Gottes gedeutet. Sie hat vor Freude in die Hände geklatscht, mich im Mutterleib als ihren Herrn bezeichnet. Ich habe damals nicht viel darauf gegeben, aber im Nachhinein hat es mich tief berührt. Johannes also steht da im Jordan und tauft. Ich werde zu ihm gehen und mich auch von ihm taufen lassen. Johannes ist mein Freund, wir habenzusammen gespielt, in späteren Jahren haben wir uns aus den Augen verloren. Dass ich ihn hier treffe, wo ich mir Gedanken mache über mich und meinen Weg?
III
Jesus kommt zum Täufer und steigt in den Jordan. Die Leute stehen Schlange, er reiht sich ein. Gleich ist er dran, nur noch drei Leute vor ihm. Wann Johannes mich wohl bemerkt, fragt er sich, und ist gespannt auf seinen Gesichtsausdruck.
Jesus steht vor Johannes, Johannes blickt auf, will ihn taufen. „Du, Jesus“, ruft er überrascht, als er Jesus vor sich stehen sieht. Seine Freude ist übergroß, Jesus, sein Freund seit frühester Kindheit, steht vor ihm im Wasser. Vor Überraschung gerät er ins Straucheln, findet aber wieder Halt. „Ich möchte mich von dir taufen lassen“, sagt Jesus zu ihm und nimmt ihn in den Arm. Die Wiedersehensfreude überwältigt ihn. Als er sich fängt, stellt er die Frage: Du bittest mich um die Taufe!? Du bist der Größere von uns, das habe ich von Kind auf an gewusst. Meine Mutter hat es mir erzählt und mich darauf vorbereitet. Ich bin der Vorläufer, der dir den Weg bereitet. Ich muss abnehmen, so prophezeien es die Schriften, und du musst zunehmen. Ich bitte dich, taufe du mich“.
Jesus löst die Arme von ihm, hält ihm ein wenig von sich ab, schaut ihn an. Soll ich doch nicht Zimmermann bleiben, denkt er im Stillen bei sich und lässt es geschehen, das Johannes ihn tauft. Der taucht ihn dreimal im Jordan unter.
Einige, die direkt bei den beiden Männer stehen, haben die Taufe Jesu hautnah verfolgt. Als Jesus das dritte Mal aus dem Wasser aufsteigt, reißt der Himmel auf. Der Himmel öffnet sich, die Umstehenden erheben ihre Häupter und schauen gebannt nach oben. Jesus spürt wie Gottes Geist wie eine Taube vom Himmel herabkommt und sich auf ihn legt. Es ertönt eine Stimme vom Himmel, die spricht: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.
Der Himmel schließt sich wieder, sieht aus wie zuvor. So schnell wie das Ereignis gekommen ist, so schnell ist es wieder vorbei. Die umstehenden Menschen, die das miterlebt haben, halten den Atem an. Was war das? Ist es Wirklichkeit, was sie gesehen und gehört haben? - Jesus selbst ist eingehüllt von dem, was geschehen ist. Wo die Seele berührt wird, existiert nur der Moment.
Die Umstehenden drehen sich zueinander, kommen vom Staunen ins Reden. Auf einmal reden alle durcheinander. Johannes hört Wortfetzen vom Heiland, von den Hirten auf den Feldern, denen sich der Himmel öffnete und die Engel die Botschaft verkündeten.
Nicht alle haben dieses wunderbare Ereignis miterlebt. Manche feierten ihre Taufe, waren mit der Familie zusammen, aßen die mitgebrachten Fladenbrote mit dem leckeren Schafskäse. Andere hatten sich bereits wieder auf dem Heimweg gemacht.
Jesus ist sich darüber klar geworden, das er eine besondere Berufung hat. Er ist Gottes Sohn. Was das bedeutet, wird die Zukunft zeigen. Er verabschiedet sich von Johannes und geht den Weg zurück. Auch Johannes steigt aus dem Jordan, nimmt sein Bündel und geht überwältigt, von dem, was er erlebt hat, zurück nach Haus. Das Ereignis wird ihn noch lange begleiten.