Opfer

Es muss doch mal jemand was machen ein für alle mal …

Predigttext: Hebräer 9,15.26b-28
Kirche / Ort: St.-Andreas-Gemeinde / Hildesheim
Datum: 30.03.2018
Kirchenjahr: Karfreitag
Autor/in: Pastorin PD Dr. Martina Janßen

Predigttext: Hebräer 9,15.26b-28 (Übersetzung nach Martin Luther)

Und darum ist er auch der Mittler des neuen Bundes, auf dass durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen. […] Nun aber, am Ende der Zeiten, ist er ein für alle Mal erschienen, um durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben. Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal erscheint er nicht der Sünde wegen, sondern zur Rettung derer, die ihn erwarten.

 

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I.
Es ist wie immer. Er hört die Worte schon, bevor sie ausgesprochen sind. „Ey, du Opfer!“ Nico kauert an der Hauswand. Allein. Die anderen sind zu viert. Sie erwischen ihn ja doch. Es wird wieder wehtun. Nico presst seinen Rucksack an die Brust. Er wird wieder was einstecken. Oder auch nicht. Das passiert auch manchmal. Dann haben sie nur mit seiner Angst gespielt. Das tut auch weh, aber anders. Das ist fast noch schlimmer. Dann kommt er sich total bescheuert vor. „Ey, du Opfer!“ Sie kommen näher. Nico presst die Lippen aufeinander, Rotz läuft ihm aus der Nase. Nur nicht heulen! Es geht ja vorbei. Er kennt das schon, irgendwie gehörte er nie dazu. Bald sind Ferien, da braucht er keine Angst mehr vor dem Schulweg zu haben. Aber dann im neuen Schuljahr geht es wieder los. „Ey, du Opfer!“ Er wird immer der sein, der allein steht. Da wird sich nichts ändern, die Hoffnung hat er aufgegeben. Vielleicht ist da noch ein Rest Sehnsucht, es könnte alles ganz anders sein.

Einmal Opfer, immer Opfer. Nico ist ein Opfer, bildet Schutzmechanismen heraus, die ihm überleben helfen. Vielleicht schlägt er irgendwann auch mal zurück und wird zum Täter. Ein ewiger Kreislauf. Nico ist einer von vielen, ein Schwacher. Ein Opfer wie so viele andere. Einige opfern sich auf in Beziehungen, fallen immer wieder in die gleichen Muster und Rollen, machen sich schwach, damit andere stark sein können. Wieder andere werden geopfert – für Gott und Vaterland. Die wirken ganz stark, in ihren Uniformen, mit ihrer Siegesgewissheit, aber am Ende sind sie wie Schafe, die zur Schlachtbank geführt werden, am Ende ist es ihr Blut, das fließt. Oder es ist das Blut anderer, das an ihren Händen klebt. Dann werden die Bilder der Gewalt stärker sein als sie selbst. Am Ende sind sie immer Opfer – traumatisierte Täter oder tot.

Opfer gibt es viele. Bauernopfer, Sündenböcke, solche, die sich selbst als Opfer inszenieren. Wer und was wird nicht alles geopfert auf den Altären von Macht und Effizienz, Gewalt und Geld! Wir alle opfern etwas, opfern unsere Gesundheit für die Karriere oder auch nur, um den ganz normalen Druck auszuhalten und mitzuhalten, wir opfern unsere Träume, opfern andere Menschen der Sache wegen oder weil uns der Gruppendruck dazu bringt. Und manchmal weiß man nicht, wer Opfer und wer Täter ist, wo es angefangen hat mit dieser Spirale  aus Gewalt und Gegengewalt, mit all den Sackgassen, diesem ewigen Kreislauf des Opferns und Geopfert-Werdens. Das alles muss doch mal ein Ende haben! Da muss doch mal einer was machen, da muss doch mal was passieren, ein für alle Mal!

II.
Ist es doch längst. Es ist vollbracht. Jesus hat es gemacht.

(Lesung des Predigttextes)

Alte Sprache und fremde Welt. Christus als der Hohepriester, der durch sein Selbstopfer den Menschen Versöhnung mit Gott bringt. Der Mittler, mit dem der neue Bund anbricht, den die Menschen nötig haben wegen ihrer Sünde. Alte Sprache und fremde Welt – und etwas, das mich auch heute anrührt. Es muss doch mal jemand was machen ein für alle mal. Das muss doch anders werden in unserer kaputten, ja sündigen Welt. Sünde ist umfassender als die heimliche Tafel Schokolade, falsch Parken oder Handys-Abziehen. Sünde meint Absonderung von dem, was heil ist und heil macht. Sünde macht kaputt, weil der Mensch sich trennt von Gott und seinen Brüdern, weil der Mensch nicht Mensch unter Menschen, sondern Gott sein will –  und sei auf Kosten anderer.

Damit beginnt diese Spirale aus Gewalt und Gegengewalt, da nehmen sie den Anfang, all die Sackgassen, dieser ewige Kreislauf des Opfern und Geopfert-Werdens. Sünde, d.h. nicht Mensch unter Menschen, sondern Gott sein zu wollen, das steckt in jedem von uns. Sind wir stark, werden wir Täter, sind wir schwach, sind wir die Opfer. Wechseln kann das täglich und oft sind wir beides zugleich. Nicht immer ist die Trennlinie scharf gezogen. Es gibt sie – die Opfer, die davon träumen, Täter zu sein, und die Täter, die um ihre Opfer weinen. Es gibt Rache und es gibt Reue und den ewigen Kreislauf.

Weil der Mensch ist, wie er ist, ist die Welt, wie sie ist: Opfer und Täter, Starke und Schwache und zahllose Altäre, auf denen allezeit fröhlich und munter geopfert wird. Da braucht es einen Starken, der vermittelt, da braucht es starke Worte und noch stärkere Taten, damit wieder Heilung kommen kann. Ein für alle mal. Erst dann wird es anders sein. Dann kann es aufhören mit den Opfern und selbsternannten Göttern. Und darum ist er auch der Mittler des neuen Bundes, auf dass durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen. Mehr geht nicht. Weniger hätte nicht gereicht.

III.
Aber – so mag man nun einwenden – es gibt sie doch noch, die Sünde, den Menschen, so wie er ist, es gibt sie doch, die Opfer, die zerbrochenen Leben, die zerstörten Kinder in den Kriegen dieser Welt, die zerstreuten Träume. Daran ändert doch dieser alte Bibeltext nichts, daran ändert das Kreuz auf unserem Altar doch nichts, daran hat doch Jesu Tod auf Golgatha nichts geändert. Es hat doch nicht aufgehört seit damals. Es gibt sie doch, die Schwachen wie Nico und die, die sich selbst schwach machen, es gibt sie doch, die vermeintlich Starken, die auf den Altären von Ideologie und Macht überall auf der Welt geopfert werden. Und es gibt die, die opfern – jeden und alles und am Ende sich selbst. All das geht doch weiter – die Spirale aus Sünde und Gewalt, all die Sackgassen, der ewige Kreislauf…

Auf den ersten Blick ja, aber all das wird nicht das letzte sein, was wir sehen werden. Zum zweiten Mal erscheint er nicht der Sünde wegen, sondern zur Rettung derer, die ihn erwarten. Jesus wird wiederkommen. Dann wird alles anders sein und neu. Sünde und Tod haben keine Macht. Aus Opfern und Tätern werden Menschen. Die Berufenen werden das verheißene ewige Erbe empfangen. Und es wird unvorstellbar, es wird ein Wunder sein, wie Gott die zerbrochenen Leben heil macht. Das ist die Verheißung: Die Täter in uns und an uns haben nicht das letzte Wort, da kommt etwas Neues, die Macht der Sünde ist gebrochen, mitten in unserer Zeit schlummert eine neue Zukunft. Manchmal merkt man, dass sie wahr ist. Wenn einer sich nicht opfern lässt und „Nein!“ sagt. Wenn Menschen die Altäre der Macht leerfegen. Wenn eine aus der Opferrolle ausbricht und aufrecht geht. In diesen Momenten wird sichtbar, was sein wird.

Wenn der Täter im Opfer den Menschen erkennt und beide neu beginnen. Wenn man die Opfer nicht allein lässt, wenn man den Menschen hinter der Tat sieht. Dann bricht sie für alle an, die Zukunft, der neue Bund, schon jetzt. Es liegt an uns, Kreisläufe zu durchbrechen, aus Rollen auszubrechen, einander als Menschen zu sehen und Gott die Ehre zu geben. Doch selbst wenn wir versagen – es ist vollbracht. Seit Golgatha ist der, der sich geopfert hat, bei allen Opfern dieser Welt. Ein für alle mal. Kein Opfer ist allein. In jedem stillen Weinen, in jeder dunklen Nacht, in jedem Schrei, in jeder Ohnmacht ist Gott da und mit ihm jene Zukunft, die kommen wir mit aller Macht. Allein das verändert alles.

(Aus: Elie Wiesel, Die Nacht zu begraben, Elischa, 1962, 76f:) „Als wir eines Tages von der Arbeit zurückkamen, sahen wir auf dem Appellplatz drei Galgen. Antreten. Ringsum die SS mit drohenden Maschinenpistolen, die übliche Zeremonie. Drei gefesselte Todeskandidaten, darunter der kleine Pipel, der Engel mit den traurigen Augen. Die SS schien besorgter, beunruhigter als gewöhnlich. Ein Kind vor Tausenden von Zuschauern zu hängen, war keine Kleinigkeit. Der Lagerchef verlas das Urteil. Alle Augen waren auf das Kind gerichtet. Es war aschfahl, aber fast ruhig und biss sich auf die Lippen. Der Schatten des Galgens bedeckte es ganz. Diesmal weigerte sich der Lagerkapo, als Henker zu dienen. Drei SS-Männer traten an seine Stelle. Die drei Verurteilten stiegen zusammen auf ihre Stühle. Drei Hälse wurden zu gleichen Zeit in die Schlingen eingeführt. „Es lebe die Freiheit!“ riefen beide Erwachsenen. Das Kind schwieg. „Wo ist Gott, wo ist er?“ fragte jemand hinter mir. Auf ein Zeichen des Lagerchefs kippten die Stühle um. Absolutes Schweigen im ganzen Lager. Am Horizont ging die Sonne unter. „Mützen ab!“ brüllte der Lagerchef. Seine Stimme klang heiser. Wir weinten. „Mützen auf!“ Dann begann der Vorbeimarsch. Die beiden Erwachsenen lebten nicht mehr. Ihre geschwollenen Zungen hingen bläulich heraus. Aber der dritte Strick hing nicht reglos: der leichte Knabe lebte noch … Mehr als eine halbe Stunde hing er so und kämpfte vor unseren Augen zwischen Leben und Sterben seinen Todeskampf. Und wir mussten ihm ins Gesicht sehen. Er lebte noch als ich an ihm vorüberschritt. Seine Zunge war noch rot, seine Augen noch nicht erloschen. Hinter mir hörte ich denselben Mann fragen: „Wo ist Gott?“ Und ich hörte eine Stimme in mir antworten: „Wo er ist? Dort – dort hängt er, am Galgen.“

IV.
Nichts ist mehr wie war. Es wird ganz anders sein. Da werden neue Worte zu hören sein. „Seht, der Mensch! Gottes Kind! Dein Bruder!“ Nico wird aufrecht stehen in Würde, Gottes Glanz über wird über Pipels Haupt leuchten. Sie stehen mit all den anderen, Hand in Hand, Mensch neben Mensch, einander zugewandt, Gott mitten unter ihnen. Die Altäre sind leergeräumt, die Lämmer frei und die Böcke springen umher. Es wird gut sein, endlich, ein für alle mal.

 

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