Ostern ist das ganz große Fest des Lebens. Wir feiern die Auferstehung Christi. Umso mehr verwundert es, dass heute ein Predigttext aus dem ersten Testament vorgesehen ist. Ostern ist ein Fest, das wir mit dem zweiten Testament verbinden. Die Frauen waren am Morgen in der Frühe zum Grab gegangen und fanden das Grab leer. Maria Magdalena war dem Auferstandenen im Garten begegnet, sie hat ihn erkannt, als er ihren Namen rief, den Jüngern von Emmaus brach er das Brot, da wussten die beiden: Der Tod hat nicht das letzte Wort über Jesus gesprochen. Das Leben ist stärker gewesen.
„Gott wird den Tod verschlingen auf ewig“, spricht Jesaja dem gebeutelten Volk Israel zu. Er entwirft eine Heilsvision, die alles Bisherige in den Schatten stellt. Am Ende der Zeit wird Gott ein großes Freuden- und Festmahl veranstalten, seine universale Königsherrschaft wird sich endgültig offenbaren. Alle Völker werden sehen: Das ist unser Gott, er bringt der Welt Heil und Segen. Die endgültige Königsherrschaft Gottes bricht auf dem heiligen Berg Zion an. In Jerusalem auf dem Tempelberg zeigt sich Gottes Heil. Der Prophet Jesaja hat an anderer Stelle Visionen entwickelt (vgl. Jes 60,1ff), wie alle Völker zu dem Berg ziehen werden. Aus allen Enden der Erden werden sie kommen, aus Süden und Norden, aus Osten und Westen, sie führen Geschenke mit, huldigen Gott in seinem Lichterglanz. Sie ziehen dem Lichterglanz entgegen, werden selbst in den göttlichen Lichterglanz eingehüllt, werden selbst licht. Alle Enden der Erde erkennen den Gott Israels an und bringen ihm allein die Ehre. Bringen die Völker, die zum heiligen Berg Zion wallfahren in diesen Visionen Gaben und Geschenke mit, um Gott zu huldigen, so ist in unserem Bibeltext Gott allein der Gebende.
Er richtet ein Freudenmahl aus, ist der Gastgeber, der seine Gäste, alle Nationen und Völker, überschwänglich bewirtet und es an nichts mangeln lässt. Bei diesem reichen Freudenmahl wird ein erlesener reiner Wein eingeschenkt. Bilder vom Freudenmahl sind Bilder vom endzeitlichen Heil. Das zweite Testament erzählt in Gleichnissen davon: Der Evangelist Lukas berichtet vom großen Gastmahl, wozu der Hausherr einlädt, auf der Hochzeit zu Kana verwandelt Jesus Wasser in Wein. Das große Gastmahl, die Hochzeit, der kostbare funkelnde Wein, sind Abbild für das Fest im Reich Gottes. Bevor das ganz große Fest des Lebens gefeiert wird, nimmt Jesaja die Gäste, die daran teilnehmen werden, in den Blick. Gott wird die Hülle wegnehmen, mit der alle Stämme Israels (hebr. ´am) verhüllt und die Decke, mit der alle Völker (hebr. gojim) zugedeckt sind. Bevor das Fest gefeiert wird, findet eine Enthüllung, eine Offenbarung statt. Was verbirgt sich hinter der Hülle, die Gott wegnehmen will? Was befindet sich unter der Decke, mit der die Völker, also auch wir, zugedeckt sind?
Jeder Mensch spielt eine und seine Rolle im Leben, jedes Volk spielt eine bestimmte Rolle in der Weltgeschichte in Beziehung zu den anderen Völkern, insbesondere zu den Völkern, die in unmittelbarer Nachbarschaft sind. Unser Leben gleicht einer Bühne, in der wir unsere Rolle spielen, perfekt, mittelmäßig, stümperhaft. Die Rolle bleibt nicht immer gleich, sie wechselt. Ich bin die Hauptperson, in einem andern Stück spiele ich eine Nebenrolle, ich bin Statistin/Statist oder sitze im Zuschauerraum. Das Leben verändert sich, bewegt sich, dreht sich. Wir füllen unsere Rollen mehr oder weniger gut, befriedigend und an manchen Stellen auch ungenügend aus. Wir fühlen uns wohl in unseren Glanzrollen, gelangen zu Höchstleistungen, fallen ab, stehen im Schatten, haben einen Randplatz, fühlen uns gar deplatziert. Was tritt zu Tage, wenn wir unsere Rolle ablegen? Was kommt zum Vorschein, wenn die Hülle verschwindet? Was ist hinter der Maske, die mein Ich verdeckt? Es kann sein, dass erst einmal ein Zusammenbruch kommt. Die Rolle hat mir Halt gegeben, ein festes Muster, eine Struktur, die mir Sicherheit und Orientierung bot. Ich wusste, wie ich mich zu verhalten hatte, war auf die Reaktionen der anderen eingestellt. Mit einer sicheren Rolle im Gepäck kann uns niemand so schnell überraschen und aus der Fassung bringen. Bei der Enthüllung fällt nun alles weg. Schonungslos zeigt sich, wer ich bin. Das Bild, das ich von mir habe, fällt ein wie ein Kartenhaus, wenn es sich nicht mit der Wirklichkeit deckt. Es kann aber auch sein, dass Juwelen zu Tage treten, die zuvor nicht sichtbar wurden. Sie waren zugedeckt, nicht gewünscht und gewollt, sie lagen brach, mussten entdeckt werden. Enthüllungen können vielerlei zu Tage fördern: Leichtes und Schweres, Fröhliches und Trauriges, Gutes und Böses. Gott wird die Decke wegnehmen, mit der alle Völker, also auch wir, zugedeckt sind. Unter einer Decke ist es gemütlich, warm und kuschelig, wenig Grund, sie von selber zu lüften. Es wirkt fast brutal, wenn Gott die Decke entreißt.
Gott enthüllt, deckt auf, nimmt weg. Gottes Enthüllungen bringen letztlich das Leben. Die Schmach, die sein Volk erlitten hat, wird aufgehoben. Tränen werden von ihren Gesichtern abgewischt, er wird den Tod verschlingen auf ewig. Diese Heilsworte erinnern an Worte aus dem zweiten Testament: Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein, weder Leid noch Schmerz (Off 21,4). Paulus schreibt an die Korinther (1. Kor15,55): Der Tod ist verschlungen…. Tod, wo ist dein Stachel, Tod, wo ist dein Sieg? Das Leben ist stärker als der Tod, der Tod wird aufgesogen, einverleibt, verwandelt in neues Leben. Die österliche Botschaft tritt leuchtend klar zu Tage. Der Tod ist vergangen, das Leben hat den Tod überwunden. Gott hat Jesus dem Tode entrissen, weil der Gott der beiden Testamente ein Gott des Lebens ist, weil Auferstehung im ersten Testament längst vorbereitet ist. Gott wird den Tod verschlingen auf ewig. Gott ist in der Vision des Jesaja ein Gott, der verschlingt. Auf uns wirkt diese Vorstellung fremd, vielleicht auch abstoßend. Im alten Israel hingegen war die Vorstellung von einem verschlingenden Gott nicht ungewöhnlich. Der kanaanäische Himmelsgott Baal kämpft mit Mot, dem Gott des Todes und der Unterwelt, verschlingt und verzehrt ihn. Der Ausdruck „verschlingen“ und „verzehren“ (hebr. blh) beschreibt den Kampf. Oder es ist die Erde, die sich auftut und Menschen samt ihrer Habe verschlingt, weil sie Gott verachtet haben (Num 16,30-34, Dtn 11,6). Jona wird verschlungen von einem Fischrachen (Jon 2,1). In der Bibel wird von „verschlingen“ geredet, wenn Menschen überwältigt und gewaltsam in den Bereich des Todes gezogen werden.
Verschlingen und Verschlungenwerden ist ein Bild für existentiell bedrohliche Erfahrungen. Das lässt sich nachvollziehen, in bestimmten Redewendungen und Wörtern drücken sich diese Erfahrungen aus. Bei schlimmen Beschämungen möchten wir am liebsten „in den Erdboden versinken“. Ein Mensch leidet an einer Krankheit, die ihn „verzehrt“, Sorgen „fressen“ einen Menschen auf. Schwere Verluste und schlimme Sorgen verursachen eine große Leere. Wer von großer Schwermut, Angstzuständen und Einsamkeit überwältigt wird, dem tut sich ein Schlund auf, der in tiefste Tiefen hinabzieht. Die Lebenskraft verschwindet, sie wird geradezu verschluckt und von dem Schlund der Hölle verzehrt. Mittelalterliche Bilder vom Weltgericht nehmen die bedrohliche Vorstellung vom Höllenrachen auf. Ein schlangen- oder drachenartiges Ungeheuer sperrt sein Maul weit auf, um die Verdammten zu verschlingen. In unserem Predigttext ist es nun Gott selbst, der verschlingt. Jesaja überträgt die kanaanäische Vorstellung von einem Gott, der verschlingt. Der Gott Israels verschluckt nun allerdings den Tod selbst. Der Tod wird vom seinem Körper aufgenommen und zersetzt wie ein Mensch Nahrung zersetzt, die von seinem Körper aufgenommen worden ist. Dadurch, dass Gott – im Bild gesprochen – den Tod verschlingt, verwandelt er ihn und beraubt ihn seiner Existenz, der Tod ist nicht mehr vorhanden. Gott wird den Tod verschlingen auf ewig. Das Bild vom verschlingenden Gott wurde von den alten Israelitinnen und Israeliten verstanden, sie kannten es aus ihrer Umwelt von den kanaanäischen Gott Baal, der den Tod besiegt und verschlingt. Für uns moderne Menschen ist dieses Bild von einem verschlingenden Gott erklärungsbedürftig.
Der Tod verschwindet, das Leben bleibt. Es bricht eine Zeit des Jubels und der Freude an. Gott bereitet ein großes Festmahl, an dem alle Völker und Nationen teilnehmen. Alle werden kommen und das ganz große Fest des Lebens feiern. Traurigkeit und Angst werden abgeschüttelt, Einsamkeit und Verlust gehören der Vergangenheit an. „Seht, das ist unser Gott, auf den haben wir unsere Hoffnung gesetzt“ jubeln die Erlösten. Das heißt doch: Gott hat uns nicht enttäuscht, er hat alle seine Verheißungen wahr gemacht. Jesaja malt das Bild einer wunderbaren Vision, die das zweite Testament aufnimmt und weiter verfolgt. In der Emmausgeschichte hält der auferstandene Jesus mit zwei Jüngern das Abendmahl. Die Emmausjünger schöpfen neue Lebenskraft aus den Schriften des Mose und der Propheten, die der Auferstandene ihnen zuvor ausgelegt hatte: „Brannte nicht unser Herz, als er mit uns redete auf dem Weg und uns die Schrift öffnete?“, stellen sie im Nachhinein fest, nachdem sie ihn erkannt hatten. Wenn Jesus ihnen die Schriften der Propheten auslegt, so gehören dazu vor allen Dingen die Visionen des Jesaja. Die Stelle, dass der Tod verschlungen ist und dass Gott alle Tränen abwischen, wird tröstet auch sie. Das betrifft ganz direkt ihre eigene Situation. Ihre Tränen, den sie um den Tod Jesu geweint haben, werden abgewischt werden, weil er nicht mehr im Tode ist, sondern weil er lebt. Es dauert, bis die Worte von der Auferstehung ihr Herz erreichen.
Es wird alles offenbar und enthüllt werden am Ende der Tage. Mag sein, es kommt erst das Gericht; mag sein, wir müssen uns verantworten für alles, was wir getan haben, mag sein, dass da einiges zu Tage kommt, was wir lieber verdeckt gehalten hätten, am Ende wird es uns Befreiung bringen. Gottes Enthüllungen bringen das Leben. Wir werden einst sehen, was wir jetzt glauben. „Wir sehen jetzt wie durch einen Spiegel, ein dunkles Bild, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise“, so der Apostel Paulus (1 Kor 13,12), „dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“ Gottes Enthüllungen führen ins Himmelreich. Gott offenbart sich selbst in seiner Gnade und Barmherzigkeit. Visionen vom Himmelreich, vom gedeckten Tisch im Reich Gottes, von Gemeinschaft, Jubel und Freude lassen Juden wie Christen nicht los. Sie beflügeln und geben neue Kraft in Tagen, an denen Trauer herrscht und Dunkelheit sich über unser Herz legt. Das erste und das zweite Testament bestärken uns darin, die Hoffnung auf Leben zu bewahren. Todbringende Mächte haben nicht das letzte Wort. Das letzte Wort behält Gott, der sein Volk und auch Jesus nicht in der Finsternis gelassen hat. Er wird auch uns nicht der Finsternis preisgeben. Wir feiern das Osterfest, jedes Jahr wieder, jedes Jahr neu. Jedes Jahr feiern wir die erneuernde Kraft, die den Tod überwindet. In den ersten christlichen Gemeinden rief der Priester der versammelten Gemeinde am Osterfest zu: „Christus ist auferstanden!“ Die Gemeinde bekräftigte den Ostergruß und antwortete: „Er ist wahrhaftig auferstanden!“ Auch wir stimmen in den Osterruf ein: „Christus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!“