Predigt

„… so ist Versöhnung“

Schuld und Vergebung

Predigttext1. Mose / Genesis 50,15-21 (mit exegetischen und homiletischen Hinweisen)
Kirche / Ort:66989 Nünschweiler
Datum:09.07.2017
Kirchenjahr:4. Sonntag nach Trinitatis
Autor:Pfarrerin Anke Andrea Rheinheimer

Predigttext: 1.Mose / Genesis 50,15-21 (Übersetzung nach Martin Luther)

15 Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. 16 Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: 17 So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte. 18 Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. 19 Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? 20 Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. 21 So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

Exegetische und homiletische Anmerkungen zum Predigttext

Die Predigt nimmt das zentrale Thema der Josephserzählung aus Gen 50 auf: die Frage von Schuld und Vergebung und die lebenswendende Kraft der Versöhnung. „Damit führt die Erzählung am Ende auf das zurück, was ja zwischen Joseph und seinen Brüdern noch nicht erledigt ist, nämlich die Schuldfrage; und sie zeigt, dass das Gewissen der Brüder all die Jahre hindurch nicht zur Ruhe gekommen ist.“ (von Rad, S. 377). Modellhaft, fast mit „lehrhafter Tendenz“ (von Rad, S. 378), führt sie vor Augen, wie ein produktiver Umgang mit einem zwischenmenschlich- innerfamiliären Konflikt möglich ist: durch Umkehrbereitschaft auf der einen und Vergebungsbereitschaft auf der anderen Seite.

Schuld wird nicht verschwiegen oder beschönigt, sondern benannt, sogar vom Geschädigten selbst, aber zusammen mit seinen Brüdern stellt sich Joseph ins Licht einer höheren Instanz als seinem eigenen „inneren Gerichtshof“, wo Vergeltung das naheliegende wäre. Und so kann er in den früheren Verwerfungen am Ende Gottes gnädigen Heilswillen erkennen, der alle und alles umfasst, der sogar aus dem abgrundtief Bösen noch Gutes machen kann. Alles läuft in der Josephserzählung auf diesen Schlussakkord zu, den Schlüsselsatz aus Gen 50,20: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist …“

So wird inmitten aller Schuldverstrickung Versöhnung möglich. Und sie setzt Selbsterkenntnis frei, denn auch Joseph erkennt sich selbst als Mensch, der nicht selbstherrlich richtet über seine Brüder, sondern der Vergebung und Gnade Gottes Raum gibt, auf die auch er angewiesen ist. Kongenial hat Thomas Mann diese Selbstreflexion Josephs in Worte gekleidet in seinem Josephsroman, einem großartigen Stück Weltliteratur: „Aber Brüder, ihr alten Brüder!“ antwortete er und beugte sich zu ihnen mit gebreiteten Armen. „Was sagt ihr da auf! Als ob ihr euch fürchtetet, ganz so redet ihr und wollt, dass ich euch vergebe! Bin ich denn wie Gott? … Unter seinem Schutz mußt‘ ich euch zum Bösen reizen in schreiende Unreife, und Gott hat’s freilich zum Guten gefügt, dass ich viel Volks ernährte und so noch etwas zur Reife kam.

Aber wenn es um Verzeihung geht unter uns Menschen, so bin ich’s, der euch darum bitten muß, denn ihr mußtet die Bösen spielen, damit es alles so käme. Und nun soll ich Pharaos‘ Macht, nur weil sie mein ist, brauchen, um mich zu rächen an euch für drei Tage Brunnenzucht, und wieder böse machen, was Gott gut gemacht? Das ich nicht lache!“ (Mann, S. 540f.). Dieses tiefe Vertrauen in Gottes schicksalswendenden Vergebungswillen begegnet uns auch bei Dietrich Bonhoeffer wieder in Form eines Glaubensbekenntnisses in seinem Rechenschaftsbericht „Nach zehn Jahren“ von 1943, zehn Jahre nach der Machtergreifung Hitlers, das mit den Worten beginnt: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. ... Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.“ (Bonhoeffer, S. 19)

Literatur: Bonhoeffer, D., Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, hg. von E. Bethge, München 14. Aufl. 1990. - Mann, T., Joseph und seine Brüder. Der vierte Roman: Joseph, der Ernährer, Frankfurt a.M. 1991. - von Rad, G., Das erste Buch Mose (ATD 4, Genesis Kapitel 25,19-50,26), Göttingen 1953.

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