Füße
„Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden.“ Das ist ein grandioser Anfang! „Hör doch endlich zu“ – das würde gefühlt eher passen. Oder einfach „ich will mir dir reden“ – oder: „ich muss dir etwas sagen“. Was die Füße hier zu suchen haben, wo es doch um die Ohren geht? Aber das ist eben ein grandioser Anfang! Steh doch auf! Stell dich hin! Sei – ganz Ohr! Eigentlich können Menschen in so ziemlich jeder Haltung hören – oder schweigen – oder reden. Ich kann sitzen, schlendern, rennen. Doch die einfachste Übung ist tatsächlich: Ich stelle mich hin. Gesprächsbereit. Offen. Zugänglich. Wir könnten es jetzt ausprobieren: Wir stellen uns einfach einmal hin. Wir sehen einander an. Wir wenden unsere Ohren einander zu. Es ist doch die Haltung, die Geste, die mehr sagt als tausend Worte.
Ezechiel, der uns heute in seine Geschichte mitnimmt, in seine Berufungsgeschichte, weiß sogar zu erzählen, dass ein besonderer Geist zu ihm kommt: „Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete.“
Harte Köpfe und verstockte Herzen
Ezechiel gehört zu den vier großen Propheten in der hebräischen Bibel. Das Buch, das mit seinem Namen verbunden ist, ist ziemlich dick und umfangreich. Martin Luther hat ihn Hesekiel genannt. Doch viele Menschen kennen ihn schon lange nicht mehr. Es ist, als ob er in Vergessenheit geraten ist. Heute hören wir aus seinem Mund, wie es war, als er zum Propheten berufen wurde. Er wurde von Gott angesprochen. Mit vielen anderen seines Volkes ist er in Babylon. Freiwillig waren die Menschen nicht dort. Sie konnten eine Vertreibungsgeschichte erzählen.
Wenn ich auf einem Atlas nachsehe, wie weit die Entfernungen waren, die die Deportieren zurücklegen mussten, wird mir ganz anders. Die Entfernung ist freilich nicht nur auf der Karte nachzusehen – die Entfernung zwischen Jerusalem und Babylon drückt auch die Verlorenheit aus, in die die Menschen geraten sind – oder gezwungen wurden. Eigentlich eine moderne Geschichte. Wer sind wir in der Fremde? Was können, was müssten wir bewahren? Was wird unwiderbringlich verloren gehen?
Ezechiel soll sich jetzt auf seine Füße stellen! Nur, wer auf seinen Füßen steht, kann weit schauen! Nur, wer auf seinen Füßen steht, kommt dem Himmel nahe! Nur, wer auf seinen Füßen steht, kann ganz Ohr werden. Gekrochen wird nicht länger! Schauen wir uns den Auftrag dann näher an, den Ezechiel hört, möchten wir uns am liebsten ducken: „Du Menschenkind, ich sende dich zu den abtrünnigen Israeliten und zu den Völkern, die von mir abtrünnig geworden sind. Sie und ihre Väter haben sich bis auf diesen heutigen Tag gegen mich aufgelehnt. Und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen. Zu denen sollst du sagen: »So spricht Gott der Herr!«
Brauchen Menschen in schwierigen Lebensphasen und Situationen nicht eher Trost? Ermutigung? Da kommt mir doch gleich ein anderer Prophet in den Sinn. Auch Babylon. Auch Fremde. Auch – was weiß ich. Der beginnt seine große Rede so: „Tröstet, tröstet mein Volk! Spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist…“ (Jesaja 40,1f.) Ob Ezechiel und Jesaja sich gekannt haben? Jesaja freundlich – Ezechiel unerbittlich? Die Vielfalt, die wir in der Bibel finden, ist bemerkenswert. Situationen können unterschiedlich erzählt und gedeutet werden, ohne dass es ein richtig und falsch gibt. Gott stellt sich doch immer auf die Seite seines Volkes. Im Bild gesprochen: Er stellt sich selbst auf die Füße!
Was sind eigentlich harte Köpfe und verstockte Herzen? Was konkret Ezechiel sagen soll, wird ihm in seiner eigenen Berufung noch nicht gesagt. Nur, dass Gott spricht. War es das? Die Menschen, denen sich Ezechiel zuwendet, haben verlernt, auf Gott zu hören, seine Stimme zu suchen, sich auf seine Weisung einzulassen. Sie sind von ihm, aus vielerlei Gründen, abgewichen. Aus Enttäuschung? Aus Trotz? Aus Unsicherheit? Das ist in den vielen Einzelfällen und Schicksalen nur schwer zu rekonstruieren. Aber ich nicke: Wenn Hoffnungen sich nicht erfüllen, greift der Alltag alles ab. Wenn der Glaube austrocknet, verlieren die größten Worte ihren Glanz. Wenn nur noch zählt, sich in seiner Welt einzurichten, rückt die Zukunft weit weg. Auch die Zukunft Gottes.
Sind das harte Köpfe und verstockte Herzen? Mit Ezechiel möchte ich gerne darüber reden oder auch ein Streitgespräch führen. Zum Anwalt der Menschen möchte ich mich machen: Werden Köpfe nicht hart, wenn sich scheinbar alles gegen einen Menschen verschwört? Müssen Menschen dann nicht hart werden, um in ihrem Leben nicht unterzugehen? Werden Herzen sich nicht verstocken, wenn sie an Worten zerbrechen, die ins Leere gehen? Müssen Menschen ihre Herzen nicht schützen, um nicht irre zu werden?
Ezechiel wird selbst getröstet. „Und du, Menschenkind, sollst dich vor ihnen nicht fürchten noch vor ihren Worten fürchten. Es sind wohl widerspenstige und stachlige Dornen um dich, und du wohnst unter Skorpionen; aber du sollst dich nicht fürchten vor ihren Worten und dich vor ihrem Angesicht nicht entsetzen – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs.“
Lese ich, höre ich, was Ezechiel zu hören bekommt, ist die Richtung klar: Die Menschen sollen Gottes Wort hören. Denke ich darüber nach, ist das tatsächlich ein Weg, der Zukunft hat. Fragen stelle ich oft in einem Kreis, ich komme nicht einmal mehr heraus. Aus dem Haus des Widerspruchs, von dem Ezechiel spricht, wird ein Gefängnis. So wächst keine Hoffnung, kein neues Leben, kein neuer Anfang.
Langsam schält sich heraus, was Ezechiel tun wird. In vielen Predigten, Erzählungen, Begegnungen wird er Gottes Geschichte für Menschen öffnen, wird er Gott in ihren Fragen und Enttäuschungen bezeugen. Aus einer Predigt:
„Und ich will ihnen ein anderes Herz geben
und einen neuen Geist in sie geben und
will das steinerne Herz wegnehmen aus ihrem Leibe
und ihnen ein fleischliches Herz geben,
damit sie in meinen Geboten wandeln
und meine Ordnungen halten und danach tun.
Und sie sollen mein Volk sein,
und ich will ihr Gott sein.“ (Ezechiel 17,19f.)
Harte Köpfe und verstockte Herzen werden über das Ohr erreicht! Dann werden Köpfe weich und Herzen offen. Gott spricht die Sprache der Liebe.
Die Schrift – einverleibt
Ezechiel, der so vieles gehört hat, heute auch von Gott seine Berufung empfangen hat, bekommt Gottes Wort doch tatsächlich zu essen. Wobei „essen“ heißt: sich einverleiben. Es auf der Zunge zergehen lassen. Satt werden. Kann ein Mensch sich Gottes Wort einverleiben? Hören wir Ezechiel:
Es ist eine Gottesrede:
„Aber du, Menschenkind, höre, was ich dir sage, und widersprich nicht wie das Haus des Widerspruchs. Tu deinen Mund auf und iss, was ich dir geben werde. Und ich sah, und siehe, da war eine Hand gegen mich ausgestreckt, die hielt eine Schriftrolle. Die breitete sie aus vor mir, und sie war außen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel! Da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen und sprach zu mir: Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.“
Die Schriftrolle – heute würden wir Buch sagen – trägt als Titel: Klage, Ach und Weh. Also, ziemlich bitter. Was „Ach“ und „Weh“ ist, wird aber nicht gesagt. Auch das Inhaltsverzeichnis fehlt. Ist es Gottes Ach und Weh, seine Klage – über Menschen? Ist es unsere Klage, unser Ach und Weh? Vielleicht – beides? Wenn Gottes Ach und Weh auch mein Ach und Weh ist, das wäre die Schriftrolle, die die ganze Welt in Worte fasst. Aber Ezechiel erzählt, dass die Worte, so sollen wir wohl lesen, süß schmecken wir Honig. Das ist eine Aussage, auf der Zunge erprobt: Süß. Nicht bitter. Süß, nicht sauer. In dieser Schriftrolle, die Ezechiel verzehrt, muss also mehr stehen als Ach und Weh. In ihr steht: Gott. In ihr ist seine Geschichte mit uns Menschen – Wort für Wort – wahr. Hören wir noch einmal in eine Predigt Ezechiels hinein:
„Ich will das Verlorene wieder suchen
und das Verirrte zurückbringen
und das Verwundete verbinden
und das Schwache stärken…
Ich will ihnen einen einzigen Hirten erwecken,
der sie weiden soll…“ (Ezechiel 34,16, 23)
Berufungen
Wir haben heute die Berufung Ezechiels aus seinem Mund gehört. Dass er sich auf seine Füße stellen soll, gefällt uns gut. Dass er eine Schriftrolle essen soll (und isst), klingt noch besser: Das, was ihn hält, das, was er zu sagen hat, das hat er sich einverleibt. Das ist ein Stück von ihm und mehr noch: Gott selbst hat sich in ihm eingenistet. Mir gefällt die Vorstellung: Gott kann aus dem Bauch heraus die Worte sagen (und mit Leben füllen), die harte Köpfe glücklich und verstockte Herzen wundersam frei machen.
„Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden.“ Das ist ein grandioser Anfang! „Hör doch endlich zu“ –Oder einfach „ich will mir dir reden“ – oder noch besser: „ich muss dir etwas sagen“. Es ist jetzt nicht das Schlechteste, an die Schmetterlinge im Bauch zu denken.