Johannes, der Seher, ist verbannt auf die Insel Patmos. Er ist isoliert, abgeschnitten von seinen Gemeinden, die auf dem Festland wenige Kilometer entfernt in Kleinasien sich befinden. Johannes ist Christ. Deswegen wird er politisch-religiös verfolgt durch den römischen Staat. Denn im römischen Staat gilt nur eine Stimme: die des Princeps, des Ersten, des Kaisers. Wer nicht signalisiert, dass er sich dieser Stimme unterordnet, ja unterwirft, muss mit Folgen rechnen. Verlust der Bürgerrechte, Verbannung, Verhaftung, im schlimmsten Falle Einkerkerung und Hinrichtung. Denn nichts hassen die Herren, die das Kapitol und den Senat regieren mehr als Widerspruch. Gott mehr gehorchen als den Menschen? Das ist nicht erwünscht. Joahnnes muss seine politische Ohnmacht erfahren. Verbannt nach Patmos, scheinbar ruhiggestellt. Die Weltmacht zeigt isch großzügig. Und gerade dort, in dieser äußersten Schwäche, geschieht etwas, das alles verändert: Christus selbst begegnet ihm.
Johannes sitzt nicht im Tempel, nicht in einem feierlichen Gottesdienst, sondern in der Verbannung. Er ist allein, doch nicht verlassen. Die Offenbarung an ihn beginnt nicht mit einem Triumph, sondern mit einem Menschen, der leidet. Das ist eine tiefe evangelische Wahrheit: Gott ist nicht erst da, wenn wir stark sind. Er kommt zu uns in den Momenten, in denen wir uns ohnmächtig fühlen. In Krankheit, in Angst, in Erschöpfung, in den Fragen, die wir nicht beantworten können. In der letzten Ohnmacht ist Gottes Gegenwart umso mächtiger.
Johannes schreibt: „Ich war im Geist am Tag des Herrn“. Er hält fest am Glauben, auch wenn die äußeren Umstände dagegen sprechen. Und genau dort öffnet sich der Himmel am Auferstehungstag, am Tag des Herrn. Dieser Tag bekommt hier eine eigene Bedeutung. War im Alten Testament der „Tag des Herrn“ der Tag des Gerichtes Gottes, so ist er in unserem Text der Tag der Gegenwart Gottes. Der Auferstehungstag.
Die Erscheinung Christi ist überwältigend: Augen wie Feuerflammen, eine Stimme wie großes Wasserrauschen, ein Angesicht wie die Sonne. Das ist kein sanftes Bild. Es ist ein Bild der Macht, der Heiligkeit, der Wahrheit. Und doch ist es nicht dazu da, Johannes zu zerstören. Im Gegenteil: Es richtet ihn auf. Johannes fällt zu Boden, verständlich angesichts dieser Herrlichkeit. Aber Christus legt seine Hand auf ihn und sagt: „Fürchte dich nicht“. Dieser Satz ist der Schlüssel zur ganzen Vision. Die Macht Christi ist keine Macht der Einschüchterung, sondern der Befreiung. Er kommt nicht, um zu drohen, sondern um zu trösten. „Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig.“ Mitten in dieser gewaltigen Erscheinung steht der Kern des Evangeliums: Christus ist der, der den Tod durchschritten hat. Er sagt nicht: „Ich bin unsterblich und unangreifbar“. Er sagt: „Ich war tot“. Das bedeutet: Er kennt unsere Endlichkeit. Er kennt Angst, Schmerz, Verlassenheit. Und gerade deshalb kann er sagen: "Ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit".
Die Auferstehung ist nicht nur ein Ereignis der Vergangenheit. Sie ist eine Kraft, die in unsere Gegenwart hineinwirkt. Christus hält „die Schlüssel des Todes und der Hölle“, das heißt: Nichts, wirklich nichts, kann uns endgültig von ihm trennen. Nichts ist stärker. Auch wenn es im Augenblick so aussieht, also ob die römischen Kaiser, Cäsaren und Barbaren sich den Erdball unterwerfen wollen, auch wenn es so aussieht, dass sie dazu die Machtmittel haben, Soldaten, Waffen, Gerichte, die Presse, die Öffentlichkeit, die Wähler, die Gefolgsleute, am Ende werden sie nicht siegen. Was bedeutet das für uns heute?
Johannes sieht Christus nicht als den fernen Richter, sondern als den gegenwärtigen Herrn seiner Gemeinde. Dieser Christus spricht auch zu uns: "Fürchte dich nicht!", auch wenn die Welt unübersichtlich ist. Fürchte dich nicht, vor dem, was auf dich zukommt, was dein Leben, deine Zukunft bedroht. Gottes Macht ist größer. Gezählt sind die Tage des Bösen, gezählt sind die Tage der Bösen.
"Ich bin der Erste und der Letzte", sagt Christus. Dein Leben steht nicht im Chaos, sondern in Gottes Händen. Als wir noch nicht da waren, da musste Christus die Welt erhalten, seine Kirche stützen und stärken. Wenn wir einmal nicht mehr sein werden, wird er es wieder tun müssen. Denn er ist Anfang und Ende auch unseres Lebens.
"Ich war tot und bin lebendig", sagt Christus. Es gibt keine Dunkelheit, in die Christus nicht hineingehen könnte. Denn er hat diese Dunkelheit selbst durchdrungen. Wir bekennen: "hinabgestiegen in das Reich des Todes", und wir sagen damit: Es gibt keinen Raum und keine Zeit, die nicht der lebendig machenden Wirklichkeit Christi unterstellt ist. Auch wenn die Leute sich in „darkrooms“ treffen, im „darknet“ unterwegs sind und die meisten Verbrechen in der Dunkelheit geschehen. Alles ist offenbar vor seinen Augen.
"Ich habe die Schlüssel." Du bist nicht ausgeliefert, nicht verloren, nicht vergessen. Wer die Schlüssel hat, hat die Macht. Er kann aufschließen und niemand schließt zu. Er kann zuschließen und niemand schließt auf. Der Tod wird am Ende nicht das letzte Wort behalten. Die Tyrannen werden am Ende nicht siegen. Sie halten nur den Schlüssel des Todes in der Hand. Sie können nichts außer vernichten und zerstören. Aber Christus bringt Leben. Daran können wir immer sein Wirken erkennen, dass Menschen wieder zum Leben kommen. Diese Worte sind nicht nur Trost, sondern Auftrag. Denn wer von Christus gehalten wird, kann anderen Halt geben. Wer von ihm getröstet wird, kann trösten. Wer von ihm aufgerichtet wird, kann aufrichten.
Johannes sieht Christus mitten unter den Leuchtern — ein Bild für die Gemeinden. Christus steht nicht außerhalb, nicht über ihnen, sondern in ihrer Mitte. Das gilt auch für uns: Christus ist nicht nur im Himmel, sondern mitten in unserer Gemeinde und unseren Fragen. Er ist der Lebendige, der uns begleitet, stärkt und sendet.
Die Worte aus der Offenbarung des Johannes sind keine Worte der Angst, sondern Worte der Hoffnung. Sie zeigen uns Christus als den, der größer ist als unsere Sorgen und näher als unsere Zweifel. Als den, der uns berührt und sagt: „Fürchte dich nicht“. Möge dieses Wort uns tragen, heute und in der kommenden Woche.