Predigt

Türen neu öffnen

Wieso Jesus schon im Advent in die Herzen einzieht

PredigttextMatthäus 21,1-11 (mit exegetischen Impulsen)
Kirche / Ort:Trinitatiskirche / Berlin-Charlottenburg
Datum:02.12.2018
Kirchenjahr:1. Sonntag im Advent
Autor:Pfarrer Mag. theol. Ulrich Hutter-Wolandt

Predigttext: Matthäus 21,1-11 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 2017)

1 Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus 2 und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt. Und sogleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir! 3 Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen. 4 Das geschah aber, auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9): 5 »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.« 6 Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, 7 und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf. 8 Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. 9 Das Volk aber, das ihm voranging und nachfolgte, schrie und sprach: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe! 10 Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und sprach: Wer ist der? 11 Das Volk aber sprach: Das ist der Prophet Jesus aus Nazareth in Galiläa.

Exegetische Impulse

In allen vier Evangelien leitet der Einzug Jesu in Jerusalem die letzte Phase seines öffentlichen Wirkens ein, die schließlich mit der Passion zu ihrem Ende kommt. In allen Evangelien erlebt der Leser den Kontrast zwischen dem Lob des „Hosanna“ und der vernichtenden Botschaft des „Kreuzige ihn“. Hier geht es nicht darum, die Wankelmütigkeit des jüdischen Volkes anzusprechen, sondern es geht darum, den Gegensatz einer Messiaserwartung und der christologischen Erfüllung des Kreuzesgeschehens deutlich zu machen. Bei den Synoptikern ist der Einzug Jesu mit der Tempelaustreibung verbunden, anders stellt sich die Geschichte im Johannesevangelium dar. Bei Markus (Lukas schließt sich der Vorlage des Markus an) verlässt Jesus nach dem Einzug (Mk 11.1-10) Jerusalem wieder, um in Bethanien zu übernachten (Mk 11,11).

Am nächsten Morgen verflucht Jesus auf dem Weg zum Tempel einen Feigenbaum (vgl. Mk 11,12ff.), den er nach der Vertreibung der Händler aus dem Tempel (Mk 11,15-19) vertrocknet vorfindet (Mk 11,20). Bei Matthäus zieht Jesus unmittelbar in den Tempel ein, so dass die Aktion mit der Tempelaustreibung der Händler eine Einheit mit dem Einzug bildet, während die Szene mit dem vertrockneten Feigenbaum nachgestellt wird (Mt 21,18-22). Dem entspricht, dass die Tempelszene eine neue Wendung nimmt, in der das Hosianna nachhallt und die Frage, wer zu Jesus und zu wem Jesus steht, neu erörtert wird.

Matthäus folgt beim Einzug nach Jerusalem im wesentlichen Markus, setzt aber zwei eigene Akzente: zum einen durch die Einfügung des Reflexionszitates, das Sach 9,9 mit Jes 62,11 verknüpft und an das er das Bild des Reittieres Jesu anpasst, und zum anderen durch die Einfügung einer Szene, die als Summarium den positiven Widerhall Jesu beim Volk festhalten möchte (Mt 21,10f.). Beides entspricht der Grundkonzeption seiner Jesusdarstellung: Jesus erfüllt die Thora, macht sie nicht überflüssig und bestreitet auch nicht das Existenzrecht Israels. Für Matthäus ist Jesus derjenige, der die Verheißungsgeschichte Gottes mit dem Volk Israel verbindet. Somit ist Jesus als Prophet messianischer Lehrer, der beim Volk während seiner Verkündigung auf interessierte Zuhörer trifft und auch viel Zustimmung erfährt. Erst gegen Ende seines Lebens, auf dem Weg zum Kreuz, wird Jesus vom Volk abgelehnt. Durch Redaktion entsteht bei Matthäus folgender Aufbau der Einzugsgeschichte:

Mt 21,1-6 Jesu Auftrag, das Reittier zu finden - Reflexionszitat: Sach 9.9 mit Jes 62,11 Mt 21,7-9 Jesu Einzug in Jerusalem - Volksjubel: Ps 118,25 Mt 21,10f. Die Volksmeinung über Jesus

Die Aussendung zweier Jünger (V1f.) weist zurück auf die Aussendungsrede Mt 10, wo gleichfalls Jüngerpaare ausgesandt wurden, und auch auf die spätere Geschichte von der Suche nach dem Abendmahlssaal Mt 26,17f. (par. Mk 14,12-16). Matthäus betont wie Markus die Souveränität Jesu. Jesus stellt sich nach Mt 21,3 (par. Mk 11,3) als „Kyrios“ vor. Das will zum einen deutlich machen, welche Rolle Jesus einnimmt, d.h. er hat Jünger (Anhänger), denen er befehlen kann, zum anderen ist der Begriff „kyrios“ offen für weitere Deutungen.

Matthäus reflektiert den Einzug Jesu unter Verwendung des Zitates aus Sach 9,9, indem er die Einleitung von Jes 62,11 (vgl. Stichwort Tochter Zion) übernimmt. Durch das Schriftzitat werden die Adressaten dieses Ereignisses in besonderer Weise angesprochen: Tochter Zion, die Identität Jesu als König, die Art seiner Herrschaft, die sich in Demut zeigt – Jesus kommt nicht mit einem Pferd in die Stadt geritten und die Reittiere, eine Eselin und ein Füllen. Jes 62,11 gilt als Teil der Heilsverheißung für Jerusalem, die Matthäus wohl wegen der direkten Anrede gewählt hat. Sie passt zur Sendung Jesu „zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“ (Mt 15,24; vgl. 10,6).

Sach 9,9 ist Teil der messianischen Szene: Der König zieht nicht auf einem Schlachtross, sondern auf einem Esel in Jerusalem ein (vgl. auch Gen 49,11 auf David hin vorhergesagt), um von Jerusalem aus ein universales Friedensreich zu begründen. Der König ist „demütig“, weil er Gott fürchtet und keine Gewalt ausübt. Beides ist für die matthäische Christologie entscheidend (vgl. Jes 42,1-4 in Mt 12,15-21). Auf den Hinweis, dass bei Sacharja auch von der Gerechtigkeit und dem Rettungswerk des Königs gesprochen wird, geht Matthäus nicht ein. Das hat nichts damit zu tun, dass es ihm unwichtig wäre, sondern damit, dass es für Matthäus klar ist. Das Volk ruft mit Worten aus Ps 118,25f. 39. „Hosanna“ – (hilf doch!) richtet sich an Gott, hier an den Davidssohn (vgl. Mt 20,29-34 (par. Mk 10,46-52).

Von der Davidsohnschaft leitet sich das Königsmotiv ab, das in Ps 118 inhaltlich steckt, aber nicht eigens ausgeführt wird. „In Namen des Herrn kommt“, der um das Kommen der Gottesherrschaft beten lässt und der die Erfüllung der Bitten zusagt (vgl. Mt 6,9-13). Weil Jesus „im Namen des Herrn“ kommt, kann sich das Hosanna auf ihn beziehen. Wie in Ps 118 der Priester am Tempel den nach Jerusalem kommenden Pilger begrüßt, so wird hier der – gewissermaßen im Rollentausch – pilgernde Priester, der in den Tempel eilen wird, von der Menge begrüßt, die ihn als Friedensbringer ansieht. Das Volk, das dem Propheten Jesus zuruft und zujubelt, bestätigt das Hosanna des Einzugs, auch wenn bei Matthäus weder ein Hoheitstitel verwandt wird noch der bestimmte Artikel die Einzigartigkeit der Prophetie Jesu bezeugt.

Gebet

Advent vielleicht Das wäre schön auf etwas hoffen zu können Was das Leben lichter macht und leichter das Herz Das gebrochene ängstliche Und dann den Mut haben die Türen weit aufzumachen Und die Ohren und die Augen und auch den Mund Nicht länger verschliessen Das wäre schön Wenn am Horizont Schiffe auftauchten Eins nach dem anderen Beladen mit Hoffnungsbrot bis an den Rand Das mehr wird immer mehr Durch Teilen Das wäre schön Wenn Gott nicht aufhörte zu träumen in uns Vom vollen Leben einer Zukunft für alle Und wenn dann der Himmel aufreissen würde ganz plötzlich Neue Wege sich auftun hinter dem Horizont Das wäre schön

In: Carola Moosbach, Lobet die Eine, Schweige- und Schreigebete, Mainz, 2000.

Segen

Sehender Gott, segne uns, damit unsere Augen dich erkennen. Hörender Gott, segne uns, damit unsere Ohren deine Stimme wahrnehmen. Begleitender Gott, segne uns, damit wir auf deinem Weg bleiben. Liebender Gott, segne uns, damit viele Menschen deine Liebe spüren. Naher Gott, segne uns und schenke uns Frieden und Freude. So segne uns der gute und gnädige Gott: der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Literatur

Günther Bornkamm, Studien zum Matthäus-Evangelium. Hg. von Werner Zager, Neukirchen-Vluyn, 2009; Peter Fiedler, Das Matthäusevangelium (ThKNT 1), Stuttgart 2006; Hubert Frankemölle, Matthäus. Kommentar 2, Düsseldorf 1997; Marlies Gielen, Das Matthäusevangelium. Blick zurück nach vorn. Die Verflechtung des Geschicks Jesu und Jerusalem in ihrer Bedeutung für die matthäische Gemeinde, in: BiKi (2007), 152-159; Joachim Gnilka, Das Matthäusevangelium 2. Teil: Mt 14,1 – 28,20 (HThK I/2), Freiburg 1988; Norbert Lohfink, Der Messiaskönig und seine Armen kommen zum Zion. Beobachtungen zu Mt 21, 1-17, in: Ludger Schenke (Hg.), Studien zum Matthäusevangelium. Festschrift für Wilhelm Pech, Stuttgart 1988, 179-200; U. Luz, Das Evangelium nach Matthäus, Mt 18 - 25 (EKK I/3), Zürich/Neukirchen-Vluyn 1997 (Lit.!); William Manson, Bist du, der da kommen soll? Das Zeugnis der drei ersten Evangelien von der Offenbarung Gottes in Christo unter Berücksichtigung der Formgeschichte, Zürich 1952; Wolfgang Trilling, Der Einzug in Jerusalem. Mt 21, 1-17, in: Josef Blinzler, Otto Kuss, Franz Mußner (Hg.), Neutestamentliche Aufsätze. Festschrift für Prof. Josef Schmid zum 70. Geburtstag, Regensburg 1963, 303-309; Wolfgang Wiefel, Das Evangelium nach Matthäus (ThHKNT 1), Leipzig 1998.

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