Unbequeme Botschaft
Schwer zu verdauen
| Predigttext | Hesekiel 2,1-5.8-10 und 3,1-3 |
|---|---|
| Kirche / Ort: | Karlsruhe |
| Datum: | 08.02.2026 |
| Kirchenjahr: | Sexagesimae (60 Tage vor Ostern) |
| Autor: | Pfarrer Dr. Uwe Hauser |
Gott sucht sucht hörende Herzen
Predigt zu Hesekiel 2,1-5.8-10 und 3,1-3 – Sonntag Sexagesimae – 08.02.2026
2,1 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden. 2 Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete. 3 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich zu den abtrünnigen Israeliten und zu den Völkern, die von mir abtrünnig geworden sind. Sie und ihre Väter haben sich bis auf diesen heutigen Tag gegen mich aufgelehnt. 4 Und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen. Zu denen sollst du sagen: »So spricht Gott der HERR!« 5 Sie gehorchen oder lassen es – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –, dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist. .. 8 Aber du, Menschenkind, höre, was ich dir sage, und widersprich nicht wie das Haus des Widerspruchs. Tu deinen Mund auf und iss, was ich dir geben werde. 9 Und ich sah, und siehe, da war eine Hand gegen mich ausgestreckt, die hielt eine Schriftrolle. 10 Die breitete sie aus vor mir, und sie war außen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh.
3, 1 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel! 2 Da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen 3 und sprach zu mir: Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.
Liebe Gemeinde,
Der Prophet Hesekiel gehört zu den unbequemen Gestalten der Bibel. Seine Bilder sind drastisch, seine Berufung ist hart, seine Botschaft schwer zu verdauen, im wahrsten Sinne des Wortes. Der Predigttext aus dem Hesekielbuch ist eine der eindrücklichsten Berufungsgeschichten der Heiligen Schrift. Hesekiels Ergehen zeigt uns, was es heißt, von Gott angesprochen, aufgerichtet und gesandt zu werden, mitten hinein in eine widerspenstige Wirklichkeit.
I
Alles beginnt mit einem Befehl Gottes: „Menschenkind, stell dich auf deine Füße, ich will mit dir reden“. Hesekiel liegt am Boden. Er ist überwältigt von der Herrlichkeit Gottes, sprachlos, kraftlos, und genau in seiner Schwäche beginnt Gottes Handeln. Der Geist Gottes kommt in ihn hinein und „stellt ihn auf die Füße“. Gott beruft keine Übermenschen, er erwartet nicht, dass Hesekiel aus eigener Kraft aufsteht. Gott richtet ihn auf. Berufung beginnt nicht mit Leistung, sondern mit Gnade. Bevor Hesekiel etwas sagen oder tun soll, bekommt er erst einmal den aufrechten Gang geschenkt, das Rückgrat gestärkt, den Geist, der ihn aufrichtet. Wir dürfen ihm ins Angesicht schauen. Vielleicht ist das schon die erste tröstliche Botschaft für uns: Wo Gott uns anspricht, da richtet er uns auch auf. Er verlangt nichts, wozu er uns nicht vorher befähigt.
Dann kommt der Auftrag, und der ist alles andere als leicht: „Ich sende dich zu den Israeliten und zu den Völkern, die von mir abgefallen sind“. Hesekiel wird nicht zu offenen Ohren geschickt, nicht zu dankbaren Zuhörern, nicht zur eigenen „Blase“, nicht zu den Gleichgesinnten, bei denen von vorneherein Zustimmung und Ermutigung zu erwarten ist. Er wird zu Menschen gesandt, die „halsstarrig“ und „verstockt“ sind, die nichts von Gottes Botschaft wissen, sie noch nie gehört haben, sie vielleicht sogar ablehnen. Hesekiel weiß: Manchmal gilt, „dass der Prophet nichts im Heimatland gilt“, wir aber überraschenderweise auf einen „Glauben stoßen, den wir in ganz Israel nicht gefunden haben“. Aber wie auch immer die Sendung ausgehen wird, ob sie auf offene Ohren oder verstopfte Herzen stößt, Hesekiel soll gehen. Nicht, weil Erfolg garantiert ist, sondern weil Gott will, dass seine Botschaft zu den Menschen kommt. Der Maßstab für Hesekiels Dienst ist demnach nicht die Reaktion der Menschen, sondern seine Treue gegenüber Gottes Wort. Ob die Menschen hören oder nicht, entscheidend ist Gottes Wort kommt an die Leute. Was aber ist der Inhalt des Wortes Gottes? Was ist die Botschaft, die so viel Widerstand auslöst? Es ist das Wort vom Kreuz, vom gekreuzigten Christus.
II
Die beherrschende Bildwelt unserer Gegenwart zeigt uns den makellosen Menschen. Die Oberflächen stimmen, notfalls haben Botox und Schönheitschirurgen nachgeholfen. Verbreitet über die sogenannten sozialen Netzwerke breitet sich ein Idealbild des angeblich schönen Menschen aus, an dem sich viele orientieren. Jung und hübsch in einer schönen, glatten Welt, so die Botschaft der Bilder, leben alle, und wenn sie nicht so leben, dann sollen sie sich bemühen, so zu werden. Diese Menschen sind erfolgreich, leben in schönen Häusern und können sich alles leisten. Aber die Predigt vom Kreuz verkündet nicht den Menschen als glatte Projektionsfläche für die Instagram, Accounts und ästhetisierten Bildwelten der Gegenwart, sondern den Gekreuzigten, in dem wir die Menschen sehen, die nicht oberflächlich und äußerlich schön sind, sondern vielleicht äußerlich hässlich unansehnlich, aber in Gottes Augen wertvoll und schön sind. Wir verkünden die Gegenwart Christi angesichs des schwerkranken Menschen, die Gegenwart Gottes, im versehrten Schwachen und Bedürftigen. Wir verkündigen Gottes Gegenwart an den Rändern, in den Krankenhäusern, Altersheimen und bei all denen, die sterben müssen. Wir verkünden die Gegenwart Gottes bei den Kindern, die mit Einschränkungen und Krankheiten zur Welt kommen. Wir verkünden Gottes Gegenwart bei den Armen und Bedürftigen. Das ist die Botschaft des Kreuzes Christi: Sie steht quer zu dem, was in dieser Welt gilt, sie löst Widerspruch aus, weil sie nicht die Glatten, Sicheren, Schönen, Reichen, Mächtigen und Erfolgreichen bedient.
Wir verkündigen den Gekreuzigten, der am Kreuz nicht von Sieg zu Sieg eilte, sondern Leid und Tod bis zum Ende ausgehalten hat, der von allen verstoßen und verspottet wurde. Wir sprechen nicht von den Glattgebügelten und erfolgreichen Siegern und Siegerinnen dieser Welt, die immer die richtigen Entscheidungen treffen und finanziell ausgesorgt haben, sondern von dem Gott, der die Witwen und Waisen, die Armen und die Bedürftigen sieht und ihnen beisteht. Wir verkündigen eben Christus als Gekreuzigten.
Auch wir leben in einer Zeit, in der Gottes Wort oft auf Widerstand stößt, auf Gleichgültigkeit oder Spott. Der Predigttext nimmt uns jede Illusion, dass der Glaube immer Zustimmung findet. Bisweilen scheitert kirchliche Verkündigung an Ermäßigung und an der immer weiteren Anpassung. Vielleicht daran, dass wir uns zu sehr einlullen lassen von den schönen Bildern und all dem, was so ästhetisch ansprechend daherkommt. Vielleicht auch daran, dass die Verkündigung „anschlussfähig“ sein soll, möglichst ohne Zumutung. Die Kirche Jesu Christis hat aber Zeugnis über die innerste Kraft abzulegen, aus der sie lebt: dem Worte Gottes, wie es in Jesus Christus seine sichtbare Gestalt gefunden hat. Es ist eine Zumutung, dieses Wort zu hören und ihm Glauben zu schenken. Dem Wort Gottes, das äußerlich betrachtet bitter und herb daherkommt, so wie der Tod Jesu eine äußerlich bittere und harte Wirklichkeit ist, aber wenn wir dieses Wort recht verstehen, Gottes heilsame Zuwendung zur Welt ist. Denn es macht uns frei von dem Druck, etwas zu gelten, schön zu sein und immer alles richtig zu machen. Das Wort Gottes lehrt uns vielmehr die Liebe zum Geringen und Schwachen, zu Krippe und Kreuz, zu den Scheiternden und Bedürftigen.
III
Hesekiel ist Vorbild einer selbstlosen Verkündigung, die nicht sich selbst und das Eigene nach vorne schiebt, sondern sich als Bote der guten Botschaft Gottes versteht. Er selbst tritt ganz hinter die Botschaft zurück: Nur mit „Menschenkind!“ spricht ihn Gott an. Nicht einmal einen Namen hat er. Darin kommt zur Sprache, dass er seinen Auftrag ohne Rücksicht auf Widerspruch und Ablehnung, ohne ängstliche Sorge um „positives menschliches Feedback“ und eine „gute Evaluation“ auszurichten. Er selbst ist nicht wichtig. Wichtig ist, was er zu sagen hat. Aber damit nimmt Gott ihm auch die Last des Erfolgs von den Schultern. Unsere Aufgabe ist nicht, Menschen zu überzeugen, sondern Zeugnis abzulegen. Unser Maßstab dabei ist auch nicht der Erfolg, denn „Erfolg“ ist kein Name Gottes, sondern die Treue gegenüber dem Wort, das wir auszurichten haben. Das ist bemerkenswert. Die größte Gefahr für den Propheten kommt nicht von außen, sondern von innen: dass er sich anpasst, dass er schweigt, wo er reden müsste, dass er Gottes Wort entschärft, um es erträglicher zu machen. Wie aktuell ist das! Auch wir stehen in der Gefahr, unser Christsein so zu gestalten, dass es niemanden stört, auch uns selbst nicht. Der Predigttext ruft uns zur Wachsamkeit: Gottes Wort bleibt Gottes Wort. Es darf uns verändern, herausfordern, manchmal auch unbequem sein.
Dann kommt das wohl stärkste Bild dieser Berufung: Hesekiel soll eine Buchrolle essen. Auf ihr stehen „Klage, Ach und Weh“. Und doch, als er sie isst, schmeckt sie süß wie Honig. Was für ein Widerspruch! Ein Wort des Gerichts, eine schwere Botschaft – und doch süß. Das zeigt uns: Gottes Wort ist nicht zuerst Information, sondern Nahrung. Es soll nicht nur gesprochen, sondern aufgenommen, verinnerlicht, „verdaut“ werden. Hesekiel soll nicht über Gottes Wort reden, ohne es zuvor selbst in sich aufgenommen zu haben. Was von Gott kommt, kann bitter klingen – aber es ist heilsam. Es ist süß, weil es wahr ist. Süß, weil es Leben schenkt. Süß, weil es aus Gottes Liebe kommt, selbst wenn es Gericht ankündigt.
Der Predigttext fragt uns ganz persönlich: Wo richtet Gott mich gerade auf, obwohl ich mich schwach fühle? Wo ruft er mich, sein Wort zu bezeugen, vielleicht nicht laut, aber klar? Und bin ich bereit, Gottes Wort wirklich „zu essen“, es an mich heranzulassen, auch wenn es unbequem ist? Gott sucht keine perfekten Boten. Er sucht hörende Herzen. Menschen, die sich von ihm aufrichten lassen, die sein Wort aufnehmen und weitergeben, treu, nicht angepasst; mutig, nicht verbittert. Am Ende steht nicht unser Erfolg, sondern Gottes Treue. Das Wort, das wir aufnehmen, wird auch uns stärken, manchmal überraschend süß, mitten in einer widersprechenden Welt.