Predigt

Ungeteilter Gottes-Dienst

Das Wichtigste im Leben

Predigttext1. Korinther 7,29-31(32-35)
Kirche / Ort:Magdeburg
Datum:21.10.2012
Kirchenjahr:20. Sonntag nach Trinitatis
Autor:Pastor Dr. habil. Günter Scholz

Predigttext: 1. Korinther 7,29-31(32-35), Übersetzung nach Martin Luther, Revision 1984

29 Das sage ich aber, liebe Brüder: Die Zeit ist kurz. Fortan sollen auch die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht; 30 und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht; 31 und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht. (32 Ich möchte aber, dass ihr ohne Sorge seid. Wer ledig ist, der sorgt sich um die Sache des Herrn, wie er dem Herrn gefalle; 33 wer aber verheiratet ist, der sorgt sich um die Dinge der Welt, wie er der Frau gefalle, und so ist er geteilten Herzens. 34 Und die Frau, die keinen Mann hat, und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, dass sie heilig seien am Leib und auch am Geist; aber die verheiratete Frau sorgt sich um die Dinge der Welt, wie sie dem Mann gefalle. 35 Das sage ich zu eurem eigenen Nutzen; nicht um euch einen Strick um den Hals zu werfen, sondern damit es recht zugehe und ihr stets und ungehindert dem Herrn dienen könnt.)

Exegetische (I.) und homiletische (II.) Bemerkungen

I. Die vv 29-31 beschreiben die Haltung, die ein Christ (3,23: „Ihr aber seid Christi“) nach Paulus der Welt gegenüber einnehmen soll: in allem Genuss und Gebrauch nicht Verstrickung (vgl. 6,12), sondern die Distanz eines, der so lebt, als hätte er dies alles nicht (seit Bultmann die Haltung des hōs mä /„als ob nicht“ genannt: Theologie des NT, S.153; Exegetica, S.220). Die vorgeschlagene Haltung der „Entweltlichung“ (Exegetica, S.367) hat ihren Grund in Jesus Christus (3,11), genauer: in der Befreiung durch Jesus Christus von den Gesetzmäßigkeiten dieser Welt. Darum ist v 23 ein Scharniervers zwischen den beiden Teilen der „Standespredigt“. Er beschließt 7,17-22, und er eröffnet 7,24-40. „Ihr seid teuer erkauft; werdet nicht Sklaven der Menschen“, so verkündigt Paulus das Evangelium der Freiheit. Im Lichte dieses Evangeliums steht die gebotene („… sollen …“) bzw. vorgeschlagene („Ich aber möchte …“) Haltung. Sie hat in Jesus Christus nicht nur ihren Grund, sondern auch ihr Ziel („… damit es recht zugehe und ihr stets und ungehindert dem Herrn dienen könnt“).

Das Evangelium der Freiheit ist das zentrale Thema des Paulus. Es ist hier eschatologisch begründet: „Die Zeit ist kurz.“ Die Freiheit von der vergehenden Welt gibt Freiheit zum Dienst am Herrn. Die christologische Begründung findet sich in Gal 5,1ff: Die Freiheit vom Gesetz schenkt Freiheit zur Liebe, und in Röm 7,7-25 greift Paulus auf das urgeschichtliche Thema von Bestimmung und Bestimmtheit zurück, freilich christologisch eingebunden.

II. Was für diesen Sonntag als Predigttext und Evangelientext vorgeschlagen ist, setzt insgesamt einen falschen Akzent. Der (offizielle) Predigttext ist zu kurz. Er fordert für sich genommen zur Weltflucht auf, weil die Welt sowieso bald untergeht. Wem soll das vermittelt werden? Zusammen mit Mk 10,2-9 gewinnt man den Eindruck, es gehe darum, was besser sei: Ehe oder Ehelosigkeit. Wem soll ich das predigen? Da kommt die Epistellesung 1.Thess 4,1-8 dem Predigttext inhaltlich schon näher, auch Gen 8,18-22 setzt einen guten Akzent. Als Evangelienlesung schlage ich Lk 12,22-31 vor. Den Predigttext selbst verlängere ich bis v 35, damit der Hintergrund für die „Als-ob-nicht“-Haltung deutlich wird (Naherwartung, Dienst am Herrn statt Verstricktsein in die Sorgen der Welt). Die Naherwartung transponiere ich in unseren Denkhorizont mit der Frage: Was ist das Wichtigste in meinem Leben? Das ist legitim; denn das Wichtigste wird dann hervortreten, wenn „die Zeit kurz“ ist. Ich lese existentiell grundlegende Gedanken aus dem Text heraus, die richtungweisend für eine noch gründlichere Exegese sind und die ich auf jeden Fall auch homiletisch fruchtbar machen möchte. Ich zitiere – quasi als Kontexte – zwei philosophische „Brocken“:

„Wenn Haben die Basis meines Identitätsgefühls ist, weil ‚ich bin, was ich habe‘, dann muß der Wunsch zu haben zum Verlangen führen, viel, mehr, am meisten zu haben. Mit anderen Worten, Habgier ist die natürliche Folge der Habenorientierung. Es kann die Habgier des Geizigen, die Habgier des Profitjägers, die Habgier des Schürzenjägers oder mannstoller Frauen sein. Was auch immer seine Gier entfacht, er wird nie genug haben, er wird niemals ‚zu-frieden‘ sein“ (Erich Fromm, Haben oder Sein, München 1979).

„Dieses Seiende hat den ‚Ursprung‘ seines Seins in der Sorge … Das Seiende wird von diesem Ursprung nicht entlassen, sondern festgehalten, weil von ihm durchherrscht, solange dieses Seiende ‚in der Welt ist‘. Das ‚In-der-Welt-sein‘ hat die seinsmäßige Prägung der ‚Sorge‘ (Martin Heidegger, Sein und Zeit, Tübingen 111967, § 42, S.198 in Auslegung der „Sorge“-Fabel des Hyginus).

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