„Was suchst Du?“

Suchen und Fragen bestimmen unser Leben

Predigttext: Johannes 1,35-42
Kirche / Ort: Emden
Datum: 16.07.2017
Kirchenjahr: 5. Sonntag nach Trinitatis
Autor/in: Dipl.-Theol. Pfarrerin Christiane Borchers

Predigttext: Johannes 1,35-42 (Übersetzung nach Martin Luther)

Am nächsten Tag stand Johannes abermals da und zwei seiner Jünger; und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er:Siehe, das ist Gottes Lamm! Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach. Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen:Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm:Rabbi – das heißt übersetzt:Meister –, wo ist deine Herberge? Er sprach zu ihnen:Kommt und seht! Sie kamen und sahen's und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde. Einer von den zweien, die Johannes gehört hatten und Jesus nachgefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus. Der findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm:Wir haben den Messias gefunden, das heißt übersetzt:der Gesalbte. Und er führte ihn zu Jesus. Als Jesus ihn sah, sprach er:Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kephas heißen, das heißt übersetzt: Fels.

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„Was suchst du?“, fragt Heike bei ihrer Freundin Gisela nach. „Ich suche die Flugtickets“, ruft Gisela verzweifelt aus dem Wohnzimmer, „ich habe sie heute Morgen noch gehabt.“ Sie kramt in ihrer Handtasche, findet die Tickets für den Rückflug nicht, legt die Handtasche beiseite, rührt zwischen den Papieren auf dem großen Wohnzimmertisch. Nichts zu finden. Ihr Blick fliegt über das Sideboard, sie sucht mit ihren Augen das ganze Wohnzimmer ab. „Das kann nicht wahr sein“, jammert sie. Gleich kommt das bestellte Taxi, das die beiden Frauen zum Flughafen bringen soll. Eine Woche haben die beiden miteinander Urlaub an der Küste am Mittelmeer verbracht. Es ist ein erholsamer Urlaub gewesen, sie haben gute Gespräche gehabt, die milde Sommerluft abends auf der Terrasse genossen. Jeden Tag sind sie schwimmen gewesen in einer kleinen Bucht mit Sandstrand, umrandet von bizarren Felsen. Und nun dieser hektische Abschluss. „Die Ruhe bewahren und nachdenken“, ermuntert Heike die Suchende. Gisela versucht sich zu erinnern, zwecklos, das Flugticket bleibt verschwunden. Heike muss ihre Freundin allein zum Flughafen fahren lassen.

„Was suchst ihr?“, fragt Jesus zwei Jünger, die bisher zwei Jünger des Johannes des Täufers gewesen sind und nun zu Jesus wollen. Die Jünger haben eine klare Vorstellung von dem, was sie suchen. Ihr Meister, Johannes der Täufer, hat immer auf einen Menschen hingewiesen, der kommen größer sein würde als er. Er selbst taufe mit Wasser, jener aber mit dem Heiligen Geist. Johannes steht im Jordan und tauft. Da kommt Jesus vorbei. Als der Täufer Jesus sieht, sagt er vor allen Leuten, die zu ihm gekommen sind, um sich taufen zu lassen: „Dieser ist Gottes Sohn“, und zeigt auf Jesus. Spontan entscheiden sich zwei seiner Jünger, sich Jesus anzuschließen. Der Messias ist da. Die Prophezeiung des Täufers hat sich erfüllt. Die beiden Jünger ziehen ihre Konsequenzen daraus und folgen fortan nicht mehr Johannes, sondern Jesus. Die beiden Jünger hören Jesus zu, wie er redet. Da dreht Jesus sich um und spricht zu ihnen:

„Was sucht ihr?“ Sie antworten ihm: „Rabbi, wo ist deine Herberge?“ Die Antwort scheint nicht auf die Frage zu passen. Aber mit ihrer Antwort drücken die Jünger ihren Wunsch aus, von Jesus in Glaubensfragen unterrichtet zu werden. „Rabbi“, so redet ein Schüler seinen Lehrer an, der im jüdischem Glauben unterwiesen werden will. Ein Rabbi unterrichtet in der Madrassa, einem jüdischen Schulgebäude. „Wo ist deine Herberge“, heißt: „Wo liegt deine Schule?“ Die Jünger wollen wissen, wo sie ihn finden, damit er sie unterrichten kann. Jesus antwortet: „Kommt und seht.“ Ich stelle mir vor, wie Jesus aufmunternd mit der Hand gewinkt hat und sie ihm gefolgt sind. „Sie kommen und sehen es und bleiben den ganzen Tag“, heißt es im Bibeltext. Der Ort, wohin sie gehen, wird nicht genannt, und was sie sehen, wird auch nicht verraten. Auf jeden Fall muss das, was sie gehört und gesehen haben, für die Jünger von großer Bedeutung gewesen sein. Was sie erlebt haben, geschieht um die zehnte Stunde. Die zehnte Stunde weist in einer jüdischen Tradition auf Gottes Gebot hin, als er Frau und Mann geschaffen hat und zu ihnen spricht. So wie Gott, der Schöpfer, zu den Menschen spricht, so spricht Jesus als messianischer Lehrer zu seinen Schülern. Gott und Jesus werden durch den Hinweis auf die zehnte Stunde eng miteinander in Beziehung gesetzt.

Einer der beiden Jünger, die Jesus gefolgt sind, ist Andreas. Den Namen des anderen Jüngers erfahren wir nicht. Die beiden Jünger haben Jesus den ganzen Tag zugehört. Andreas macht sich am Abend auf den Heimweg. Sein Bruder Simon Petrus ist schon zu Hause. Erfüllt von seinem Erlebnis erzählt er ihm aufgeregt: „Du, Simon Petrus, ich muss dir sagen, was ich heute erlebt habe“ , und verhaspelt sich fast dabei. „Nun mal langsam“, beruhigt ihn sein Bruder. „Was hast du denn erlebt? Du bist ja ganz aus dem Häuschen.“ „Ich habe den Messias gefunden“, platzt es aus Andreas heraus. „Den Messias!?“, fragt Simon Petrus überrascht, „wie kommst du darauf, dass du dem Messias begegnet bist?“ „Komm mit“, sagt Andreas und zerrt ihn zur Tür hinaus, „sieh selbst!“ Andreas bringt Simon Petrus zu Jesus. Die beiden betreten die Madrassa, wo Jesus lehrt. Als Jesus sie sieht, unterbricht er seinen Unterricht für einen Moment und wendet sich Simon Petrus zu: „Du bist Simon, der Sohn des Johannes. Du sollst von jetzt an Kephas heißen, das heißt Fels.“ Simon ist irritiert, er begreift nicht so recht, was los ist. Jesus kümmert sich nicht darum, widmet sich wieder seinen Schülern. „Wer ist dieser Mann, der mir einen neuen Namen gibt?“, fragt Simon sich, „und woher kennt er überhaupt meinen Namen?“ Nachdenklich und verwirrt bleibt er an der Säule stehen. Nach einer Weile zieht Andreas ihn am Arm und bringt ihn nach Hause.

„Was sucht ihr?“, hat Jesus die beiden Jünger gefragt, die ihm gefolgt sind. Bei beiden ist die Sache klar. Sie haben Johannes verlassen, weil sie in Jesus den Messias gefunden haben. Sie warten wie alle frommen Juden auf den Messias. Andreas legt ein Bekenntnis ab, spricht es ausdrücklich aus: „Wir haben den Messias gefunden.“ Auch sein Bruder, Simon Petrus, hat sich Jesus angeschlossen. Die Begegnung mit Jesus hat sein Leben verändert. Jesus hat ihm einen neuen Namen gegeben, ihn in eine neue Existenz gerufen. Aus seiner weiteren Geschichte mit Jesus wissen wir, dass Petrus trotz seines Bekenntnisses zu Jesus als Gottes Sohn oft gezweifelt und um Glaubensgewissheit gekämpft hat. Er ist ein Suchender.

„Was suchst du?“, lautet die Schlüsselfrage. Jesus sieht die Jünger als Suchende. Er nimmt sie als Menschen wahr, die auf der Suche sind. Unser ganzes Leben sind wir auf der Suche. Wir suchen ganz praktisch im Alltag nach Dingen, die uns abhanden gekommen sind, so wie Gisela, die ihr Flugticket verlegt hat. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, die wir verlieren. Dann ist es nicht weiter schlimm, höchstens ärgerlich, wenn das Verlorene nicht wieder auftaucht. Manchmal suchen wir aber auch nach Dingen, die uns am Herzen liegen. Ein Schmuckstück, das mich an meine Mutter erinnert und unersetzbar ist, ein Fotoalbum aus Kindertagen. Suchen und Finden gehören existentiell zum Leben dazu. Wir suchen uns einen Beruf, wir suchen einen Partner, eine Partnerin, wir suchen eine Aufgabe, die uns ausfüllt. Wir suchen Liebe und Anerkennung. Wir suchen Menschen, die in Lebens-umbrüchen zu uns halten.

Wir suchen nach neuen Lebenskonzepten, wenn die alten sich aufgebraucht haben. Wir suchen nach dem Leben und Glück. Wir sind auf der Suche nach uns selbst, letztlich auf der Suche nach Gott, der für das Leben steht. Viele biblische Geschichten erzählen vom Suchen und Finden: vom guten Hirten, der das verlorene Schaf sucht; von der fleißigen Hausfrau, die nicht eher ruht, bis sie ihre verlorene Drachme wiedergefunden hat; vom verlorenen Sohn, der in seinem Elternhaus wieder aufgenommen wird. Die Frauen gehen am Ostermorgen zum Grab und suchen den Leichnam Jesu, um ihn zu salben. „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten“ , spricht ein Engel die Frauen an, „er ist nicht hier, er ist auferstanden.“

„Was suchst du“, fragt Heike ihre Freundin Gisela, die ihr Flugticket vermisst. „Was sucht ihr?“, fragt Jesus die beiden Jünger, die ihm nachgefolgt sind. „Was suchst du?“, frage ich Sie, liebe Gemeindeglieder. Die beiden Jünger haben gefunden, was sie gesucht haben, ebenso wie Simon Petrus, den Jesus Kephas nennt, auch wenn ihn das nicht von seinen Zweifeln und Krisen befreit. Hast du gefunden, was du suchst? Hast du dich wie die Jünger davon in Bewegung setzen lassen, deine Freude darüber mit anderen Menschen geteilt und sie wissen lassen, wovon du erfüllt bist, was du gehört und gesehen oder was du erlebt hast? Fragst du mit den Jüngern: Wo ist deine Herberge? Damit ich dorthin gehen kann zur Quelle meiner Kraft und dem Ziel meiner Sehnsucht. „Suchet, so werdet ihr finden“, hat Jesus einmal gesagt, „klopfet an, so wird euch aufgetan.“ Suchen und Finden bestimmen unser Leben. Und wenn wir uns selbst verloren haben, vertrauen wir darauf, dass Gott sich auf die Suche macht und uns findet.

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