Unser tägliches Brot gib uns heute
Vor wenigen Wochen haben wir Erntedank gefeiert. Neben dem Altar stand eine Vase mit prächtigen Getreidehalmen. Auch eine Schale war da, gefüllt mit Weizenkörnern. Ein frisches Brot, duftend, schön auf einem Holzteller angerichtet. Alles Zeichen für das, was wir zum Leben brauchen.
Als Menschen haben wir Bedürfnisse, die wir stillen wollen: Hunger, Durst, Sehnsucht nach Anerkennung und Gemeinschaft und vieles mehr. Wir sind
darauf angewiesen, dass wir in einem Umfeld leben, wo das für uns
einigermaßen möglich ist, die Rahmenbedingungen stimmen, wir sicher und in Frieden leben können und andere Menschen für uns da sind. Das ist wichtig für unsere Zufriedenheit, unser Glück und unsere Gesundheit. „Unser tägliches Brot gib uns heute“, beten wir und meinen so viel mehr.
Die Dekoration war schön und passend zum Erntedankfest. Doch ich muss zugeben: Eigentlich habe ich mit Getreide nicht viel zu tun, außer in Form von Mehl und Gebäck und als zubereitetes Essen auf dem Teller. Das war schon immer so. Ich bin in der Stadt aufgewachsen. Bei Spaziergängen und Fahrradtouren im Handschuhsheimer Feld konnte ich zwar Kohlköpfe und Tomaten und Bohnen und Erdbeeren beim Wachsen bestaunen, aber nur selten Getreide. Bei meinem Mann war das ganz anders. Er ist in Norddeutschland auf einem landwirtschaftlichen Betrieb groß geworden. In unserer Studienzeit hat er noch manchmal bei der Weizenernte geholfen. Ab und zu bin ich dann ein Stündchen auf dem Mähdrescher mitgefahren über weite Flächen mit reifen Ähren. Eine unglaublich laute, staubige und schweißtreibende Angelegenheit! Ich habe die großen Anhänger gesehen voll mit Getreidekörnern, in denen man hätte baden können wie Dagobert Duck in seinem Goldspeicher, bevor sie zur Sammelstelle und zum Großmarkt gebracht wurden. Welch eine Fülle, und welch eine Arbeit, die hinter der Ernte steckt!
Nur wenige Körner
In der Geschichte, die der Predigt heute zu Grunde liegt, geht es nur um wenige Körner. Die Jünger Jesu reißen unterwegs Ähren von dem von den Halmen. Ihr Weg führt sie durch ein Getreidefeld oder an einem solchen vorbei. Es wird Gerste gewesen sein, das Hauptbrotgetreide dieser Zeit. Sie kauen unterwegs auf den Körnern herum. Satt werden sie davon nicht geworden sein. Es ist eher ein Snack für zwischendurch – wie ein antikes Kaugummi vielleicht. Hören Sie selbst!
(Lesung des Predigttextes, Markus 2,23-27)
Das Verhalten der Jünger ruft die Pharisäer auf dem Plan. Es ist Sabbat. Sie
sagen: Das, was die Jünger da tun, ist keine Kleinigkeit! Es ist Erntearbeit – und die ist am Sabbat verboten! Jesus soll Stellung beziehen. Steht er zum Gesetz Gottes oder stellt er sich dagegen?
Wir sind noch ganz am Anfang des Evangeliums. Aber schon hier bahnt sich der Konflikt an, der Jesus ans Kreuz bringen wird. Seine Gegner sind schon gegen ihn aktiv. Jesus antwortet klug: Gottes Gesetz ist gut. Es ist für die Menschen da. Aber Gottes Gesetz ist nicht gemacht für Prinzipienreiterei. Es atmet doch Freiheit! Auch mit dem Sabbatgebot will Gott die Menschen in die Freiheit führen. Da wird es nicht verboten sein, ein wenig seinen Hunger zu stillen.
Wie die Vögel unter dem Himmel
Wenn ich auf die Jünger in dieser Geschichte schaue – noch bevor der Streit losgeht –, ahne ich etwas von dieser Freiheit: Sie erinnern mich an das, was Jesus in der Bergpredigt sagt: „Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie?“ (Matthäus 6,26) Ich glaube: Das erleben die Jünger, die mit Jesus unterwegs sind. Sie haben nicht gesät und stillen doch ihren Hunger. Sie erfahren die Fülle, die mit Jesus in ihr Leben gekommen ist. Die paar Körner sind nur ein Zeichen für so viel mehr.
Die Anwesenheit Jesu bedeutet eine besondere Zeit, eine Festzeit, nicht eine Zeit zu fasten. (Markus 2,18-20) Jesus heilt, Jesus lehrt, Jesus ruft Menschen in ein neues Leben, all das passiert schon in den ersten Kapiteln des Evangeliums. In allem, was er tut, zeigt er die Menschenfreundlichkeit Gottes. Die Jünger erleben, dass sie selbst kostbar und wertvoll sind, angesehen von Gott, dass sie ihre Bedürfnisse stillen dürfen. Sie sind in diesem Moment ganz sorglos wie die Vögel und genießen die Freiheit der Kinder Gottes.
Was gut ist
Man darf die Widerrede Jesu gegen die Pharisäer nicht so missverstehen, als würde Jesus das Gesetz ablehnen. Man darf auch nicht die Enge und
Kleinlichkeit der Pharisäer mit dem Gesetz verwechseln. Was die Pharisäer
auszeichnet, ist ihr leidenschaftlicher Eifer für Gottes gutes Gesetz. Da sind sie Jesus eigentlich ganz nah. Doch hier sind sie seine Gegner, sie wollen ihm eine Falle stellen. Es geht um Deutungsmacht: Wer kann das Gesetz Gottes verbindlich auslegen? Du oder wir?
Beim Propheten Micha klingt das ja zunächst noch einfach: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ (Micha 6,8) Doch im Einzelfall ist es manchmal schwer zu entscheiden, welches Verhalten der Liebe und der Demut gegenüber Gott dienlich ist. Da steckt auch eine Aufgabe in diesen Worten, herauszufinden, was jetzt gut ist und guttut. So wie bei Jesus und den Jüngern, die die Ähren abreißen. Der Maßstab ist die Menschlichkeit.
Das Sabbatgebot ist ein gutes Beispiel. Im Ersten Testament gibt es zwei
theologische Begründungen für dieses Gebot, das wir aus den Zehn Geboten gut kennen: Du sollst den Feiertag heilig halten! Die erste Begründung lautet: Als Gott Himmel und Erde geschaffen hatte, ruhte er sich am siebten Tag aus. Genauso sollen die Menschen wöchentlich einen Tag Pause einlegen, sich dem göttlichen Rhythmus anpassen und Gott damit loben und ihm die Ehre geben.
Die andere Begründung lautet: Als Gott das Volk Israel aus der Knechtschaft in Ägypten geführt hat, wurden sie aus Sklaven zu freien Menschen. Deshalb schützt das Gebot Menschen und auch Nutztiere vor Überlastung und Ausbeutung. Menschen sind nicht dazu gemacht, immerzu zu arbeiten und Leistung zu bringen. Sie dürfen sich erholen, ihre Bedürfnisse nach Ruhe und Nahrung und Freude stillen.
Auch heute halten fromme Juden den Schabbat. Sie kochen vor und räumen die Wohnung auf, sie richten alles so ein, dass man einen Tag lang gut zurecht kommen kann ohne Hausarbeit und ohne technische Geräte. Die Kinder machen keine Hausaufgaben, man geht zu Fuß, man legt das Handy in die Schublade. Ein Tag ohne Pflichten und Erreichbarkeit – digital detox inbegriffen. Ein Tag der Achtsamkeit, der es ermöglicht, Abstand zu gewinnen, zur Ruhe zu kommen, aufzuatmen und Gemeinschaft zu erleben, sich dem Gottesdienst zu widmen. Ein Tag der Freiheit und der Menschlichkeit.
Samen säen
„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“
Und doch sind das ja nicht nur Fragen der persönlichen Einstellung und
Wochengestaltung. Darum ist es gut, wenn wir darüber diskutieren, wie viele verkaufsoffene Sonntag denn nun wirklich nötig sind, wie viel Freiheit wir als Kosumierende brauchen und wie viel uns der Schutz der Angestellten im Einzelhandel wert ist. Wenn ich über Getreidekörner nachdenke, komme ich auch nicht drumherum, an die zu denken, denen wirklich das „tägliche Brot“ zum Leben fehlt.
In der vergangenen Woche hat die Welthungerhilfe um Spenden geworben. Wo der Klimawandel traditionelle Feldfrüchte verdorren lässt, brauchen die
Menschen angepasstes Saatgut, um Familien ernähren zu können. Es ist gut und menschlich, wenn sie dabei Unterstützung erhalten aus den weniger betroffenen Regionen der Welt. Der Maßstab ist die Menschlichkeit. Das heißt: Wie menschlich gehe ich mit mir selbst und mit den anderen um? Prüfe ich mein Tun daran, was den anderen und der Liebe dient? Vergesse ich nicht daran zu denken, dass auch ich Grenzen und Bedürfnisse habe, die es zu achten gilt? Ich will nicht vergessen: Gott hat den Sabbat für den Menschen gemacht.