Predigt

Wunden heilen

Fasten, das einem anderen Menschen hilft

PredigttextJesaja 58,1-9a (mit Exegese)
Kirche / Ort:Hamburg
Datum:14.02.2021
Kirchenjahr:Estomihi
Autor:Pastor Christoph Kühne

Predigttext: Jesaja 58,1-9 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 2017)

1Rufe laut, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden! 2Sie suchen mich täglich und wollen gerne meine Wege wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie wollen, dass Gott ihnen nahe sei. 3»Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst’s nicht wissen?« Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. 4Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. 5Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit oder seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der Herr Wohlgefallen hat? 6Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! 7Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! 8Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen. 9Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

(Eigene Übersetzung, Christoph Kühne)

1 Ruf mit lauter Kehle, halte nicht ein! Wie ein Schofar erheb deine Stimme, und zeige meinem Volk ihre Missetat an und dem Hause Jakob ihre Sünden! 2 Mich suchen sie täglich. Die Erkenntnis meiner Wege habt ihr gern - wie ein Volk, das gute Taten getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hat. Sie fordern von mir Satzungen der guten Taten; die Nähe Gottes haben sie gern. 3 „Warum fasten wir, und du beachtest es nicht, demütigen unsere Seelen, und du willst es nicht wissen?“ Seht - am Tag eures Fastens findet ihr Gefallen, doch alle eure Schulden treibt ihr ein. 4 Seht: Zu Streit und Gerauf fastet ihr und schlagt mit der Faust der Bosheit. Nicht fastet ihr heute, um in der Höhe eure Stimme hören zu lassen. 5 Ist dies ein Fasten, das ich erwähle, ein Tag, da ein Mensch seine Seele demütigt, dass er wie eine Binse sein Haupt niederbeugt und sich auf Trauergewand und Asche hinlegt? Nennst du dies ein Fasten und einen Tag des Wohlgefallens für Gott? 6 Also: Ist nicht das ein Fasten, das ich erwähle: Öffnen der ungerechten Fesseln, Sprengen der Banden eines Jochs und Loslassen der Geknickten als Freie. Und alle Jochstangen sollt ihr zertrümmern! 7 Also: Brich dem Hungrigen dein Brot, und herumgestoßene Heimatlose bring ins Haus! Siehst du einen Nackten, dann bedecke ihn, und vor deinem Fleisch verbirg dich nicht! 8 Dann bricht hervor wie die Morgenröte dein Licht, und deine Wunde wird schnell verheilen! Dann gehen vor dir her deine guten Taten. Die Herrlichkeit von IHVH sammelt dich ein. 9 Dann rufst du, und Gott wird dir antworten, du rufst um Hilfe, und er spricht: Ich bin hier.

Erste Gedanken beim Lesen des Predigttextes

Wer ist als Rufer gemeint? Ich, der Lesende? Ein alttestamentlicher Prophet? Kann ich mir anmaßen, meinen Mitmenschen Abtrünnigkeit von Gott vorzuwerfen? Das nächste ist kaum zu fassen: Menschen suchen Gott „täglich und begehren Meine Wege zu wissen“. Ich kenne niemanden, der so lebt. Geschweige denn, dass jemand Gott gefallen will - z.B. durch Fasten.

Ist es nicht anders: Menschen leben eine „doppelte Buchführung“: einerseits fasten sie und andererseits unterdrücken sie Andere. Und dann der Aufruf: Fasten heisst: Menschen befreien zum Leben: Miteinander essen; Obdachlose in die eigene Familie eingliedern; und Nackte einkleiden. Dann wird es licht - wie beim ersten Schöpfungstag. Dann wird ein Mensch gesund. Dann lebt der Mensch richtig, von Gott „gekrönt“.

Anmerkungen zum Predigttext

605 vor Chr - im 4. Regierungsjahr Jojakims von Juda - schlägt Babylons Kronprinz Nebukadnezar den ägyptischen Pharao Echo bei Karkemisch am Euphrat. Juda gerät unter babylonischen Einfluss. Die Gefahr, die Freiheit zu verlieren, ist groß. Die Judäer rufen einen Fasttag aus. Ein Jahr zuvor musste der Prophet Jeremia auf Gottes Geheiss alle seine Reden aufschreiben. Diese Prophetenrolle war nicht zur Erbauung sondern zur aufrüttelnden Mahnung bestimmt. Der Sekretär Jeremias liest dem königlichen Sekretär und später den Fürsten die Reden von Jr vor. Die Zuhörer sind erschüttert, weil sie merken, dass hier die Wahrheit verkündigt wird. Anders reagiert der König Jojakim. Er lässt sich die Prophetenrolle des Jeremia vorlesen. Wenn sich der König 3 oder 4 Kolumnen angehört hat, „greift er zum scharfen „Messer des Schreibers“, trennt den Text von der Rolle und wirft ihn ins Feuer, das - zur winterlichen Zeit, im 9. Monat (= Dezember) - im Kohlenbecken brennt“ (Gradwol 294).

Wer ist der Adressat von Js 58,1-9? Vermutlich ist die Mahnrede an die Jerusalemer Kultgemeinde gerichtet. Nach Js 58,12 liesse sich die Prophetie auf die Zeit zwischen der Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar und dem Wiederaufbau der Stadt durch Nehemia datieren.

Wer ist der Autor der Perikope? Tritojesaja (Js 56-66) ist keine Prophetenpersönlichkeit (im Unterschied zu Deuterojesaja), sondern eine Sammlung von Stücken aus verschiedenen Jahrhunderten: z.B. Sammlungen in der Art der Gottesknechtslieder (60-62), der Drohrede (56,9-57,21) oder auch der Bußliturgie (63,7-65,25).

Psalm 31 Evangelium: Mk 8,31-38

Lieder

"Brich mit dem Hungrigen dein Brot" (EG 420) "Gott ist gegenwärtig" (165)

Literatur

Roland Gradwol, Bibelauslegungen aus jüdischen Quellen, 3. Aufl. 2002.

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