Ihr kennt vielleicht den Satz: „Sine ira et studio“. Ohne Zorn und Parteilichkeit. So beschreibt der römische Geschichtsschreiber Tacitus zu Beginn seiner Annalen, wie er Geschichte schreiben will. So soll man Geschichte erzählen. So soll man urteilen: sachlich, unvoreingenommen, ohne dass Zorn, persönliche Verletzung oder Sympathie darüber entscheiden, wie ich die Dinge sehe. Von einer Journalistin, einem Geschichtsschreiber oder einer Richterin erwarten wir genau das. Sine ira. Ohne Zorn. Sine studio. Ohne Parteinahme.
Der Zorn hat ja grundsätzlich keinen besonders guten Ruf. Gerade in der christlichen Tradition nicht. Ira, der Zorn, gehört zu den sieben Hauptlastern, die wir meist als die sieben Todsünden kennen. Und natürlich gibt es Zorn, der außer Kontrolle gerät. Zorn kann verletzen. Er kann maßlos werden. Er kann sich festbeißen und auf Rache pochen. Zorn kann uns blind machen und sich blind und planlos gegen alles und jeden richten.
Also lieber ohne Zorn? Wäre die Welt besser dran, wenn es keinen Zorn gäbe? Stellen wir uns das einmal vor. Eine Welt, in der niemand mehr zornig wird. Niemand regt sich mehr darüber auf, dass ein Mensch gedemütigt wird. Niemand empört sich über Korruption oder Machtmissbrauch. Niemand sagt etwas, wenn ein anderer übergangen wird. Niemand wird wütend darüber, dass Menschen ausgebeutet werden oder dass einer seine Macht ausnützt, weil der andere sich nicht wehren kann. Alle bleiben ganz ruhig. Sine ira.
Eine Welt ohne Zorn wäre eine erschreckend gleichgültige Welt. Denn es gibt Dinge, an die sollen wir uns nicht gewöhnen. Es gibt Situationen, in denen Zorn die angemessene Reaktion ist. Zorn kann heißen: Ich habe mich noch nicht abgefunden. Und ausgerechnet der Epheserbrief sagt das mit erstaunlicher Deutlichkeit: „Zürnt – und sündigt nicht.“ Da steht nicht: Regt euch nicht auf. Als gute Christinnen und Christen steht ihr über solchen Dingen. Da steht: Zürnt.
Zorn ist ein Seismograf. Er schlägt aus, wenn etwas ins Wanken geraten ist. Manchmal wissen wir noch gar nicht genau, was uns so aufbringt. Wir spüren nur: Da stimmt etwas nicht. Eine Grenze wurde überschritten, jemand wird ungerecht behandelt, Macht wird ausgespielt. In mir regt sich Widerstand: Nein. So nicht. Wenn wir das Bild vom Gericht aufnehmen: Der Zorn ist der Staatsanwalt des Lebens. Er erhebt Anklage. Er sagt: Schau hin. Das hier darf nicht einfach unter den Tisch fallen. Das ist seine Aufgabe.
Und die Bibel kennt diesen Zorn sehr gut. Auch Gott zürnt. Als das Volk Israel sich am Sinai das goldene Kalb macht, heißt es, Gottes Zorn entbrenne. Dieser Gott ist nicht unberührt von dem, was Menschen tun. Treue und Untreue, Recht und Unrecht sind ihm nicht gleichgültig. Auch Jesus kennen wir nicht nur sanft und mild. Im Tempel stößt er die Tische der Geldwechsler um und treibt die Händler hinaus. Der jüdische Religionsphilosoph Abraham Joshua Heschel hat über den Zorn Gottes einen Gedanken formuliert, den ich sehr treffend finde: Das Geheimnis des Zorns ist das Sich-Kümmern. Ich werde zornig, weil mir etwas nicht egal ist.
Darum sprechen wir auch vom gerechten Zorn. Von einem Zorn, der sich gegen Unrecht richtet. Der nicht sagt: Mir passt etwas nicht. Sondern: Hier geschieht etwas, das nicht sein darf. Und trotzdem schreibt Paulus nicht einfach: Zürnt. Er schreibt: „Zürnt – und sündigt nicht“. Denn der Zorn hat ein Problem. Er verwechselt leicht seine Rolle. Er ist der Staatsanwalt. Aber er ist nicht der Richter.
Stellen Sie sich vor, in einem Prozess hält der Staatsanwalt sein Plädoyer, zieht danach die Richterrobe an und spricht selbst das Urteil. Niemand würde das für gerecht halten. Der Staatsanwalt ist Partei. Er soll benennen, was geschehen ist. Er soll die Anklage vertreten. Aber das Urteil braucht mehr. Es braucht Abstand. Es braucht das ganze Bild. Der Zorn hat etwas wahrgenommen, das wichtig sein kann. Aber er beginnt leicht, aus diesem Ausschnitt das Ganze zu machen.
Deshalb schreibt Paulus gleich danach: „Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen“. Gefühle lassen sich nicht nach der Uhr abstellen. Der Satz kann nicht bedeuten: Bis zum Abend müsst ihr euren Zorn los sein. Aber er sagt sehr wohl: Haltet ihn nicht fest. Lasst ihn nicht in euch wohnen. Macht ihn nicht zu etwas, das ihr pflegt und nährt. Der Zorn darf etwas anzeigen, aber er darf nicht bestimmen, wie es weitergeht.
Wenn die Sonne untergeht, kommt irgendwann der Mond. Matthias Claudius hat über diesen Mond einen Satz geschrieben, den viele von uns seit ihrer Kindheit kennen: „Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön“. Eigentlich wissen wir das natürlich. Niemand schaut auf einen Halbmond und denkt: Schade, die andere Hälfte ist weg. Wir wissen: Sie ist da. Ich sehe sie nur nicht.
Was für ein kluger Satz für einen Streit. Und was für ein kluger Satz über den Zorn. Denn der Zorn lügt nicht unbedingt. Das ist mir wichtig. Wenn ich verletzt worden bin, dann bin ich verletzt worden. Wenn jemand mich übergangen hat, dann ist das geschehen. Wenn ich Unrecht sehe, soll ich es nicht kleinreden. Der halbe Mond ist wirklich da.
Das Problem beginnt dort, wo ich glaube: Was ich sehe, ist alles. Plötzlich habe ich nicht nur eine Handlung gesehen, sondern einen ganzen Menschen durchschaut. Ich weiß nicht nur, was er getan hat. Ich weiß auch, warum. „Das macht der immer.“ „Der wollte mich doch nur bloßstellen.“ „Typisch.“ Und schon ist aus einer Beobachtung ein Urteil geworden. Der Staatsanwalt hat die Richterrobe angezogen.
Der Mond ist nur halb zu sehen. Das heißt nicht: Der andere hat wahrscheinlich recht. Es heißt auch nicht: Reg dich nicht so auf. Es heißt: Halte für möglich, dass es noch etwas gibt, das du gerade nicht siehst. Mein Zorn kann mir etwas Wahres zeigen. Aber er zeigt mir nie die ganze Wahrheit über einen Menschen.
Und damit bekommt auch der Satz vom Sonnenuntergang noch einmal ein anderes Gewicht: „Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen“. Haltet den Zorn nicht fest. Richtet euch nicht in ihm ein. Denn so wichtig sein Einspruch ist: Er kann nicht das letzte Wort sein. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Warum bin ich zornig? Sondern: Was soll aus diesem Zorn werden?
Genau darum geht es Paulus in diesem ganzen Abschnitt. Um Verwandlung. Wer gelogen hat, soll nicht einfach nur aufhören zu lügen. Er soll die Wahrheit sagen. Wer gestohlen hat, soll nicht bloß nicht mehr stehlen. Er soll arbeiten, damit er etwas hat, das er einem Bedürftigen geben kann. Wer mit Worten Schaden angerichtet hat, soll nicht einfach schweigen. Er soll so sprechen, dass seine Worte aufbauen. Paulus begnügt sich nicht mit: Hör auf damit. Das Alte soll verwandelt werden. Aus Lüge wird Wahrheit. Aus Nehmen wird Geben. Aus Worten, die verletzen, werden Worte, die aufrichten.
Und was wird aus dem Zorn? Dorothee Sölle nennt Zorn und Mut die beiden Töchter der Hoffnung. Der Zorn sagt: So nicht. Der Mut fragt: Wie dann? Der Zorn nimmt wahr, dass etwas nicht stimmt. Der Mut sucht nach dem, was sich ändern lässt. Aus dem Einspruch soll eine Bewegung werden. Aus dem Nein ein Schritt auf etwas anderes zu. Aus Zorn werden Mut und Verantwortung. Darin liegt die Metamorphose des Zorns.
Darum noch einmal Paulus: „Zürnt – und sündigt nicht“. Regt euch auf! Aber bleibt nicht beim Aufregen stehen. Macht etwas aus eurem Zorn. Schreibt den Brief, den es zu schreiben gilt. Sucht das Gespräch, vor dem ihr euch schon lange drückt. Widersprecht, wenn Widerspruch nötig ist. Zieht eine Grenze, wo eine Grenze überschritten wurde. Und habt den Mut, den ersten Schritt zu tun, wenn ihr selbst etwas schuldig geblieben seid.
Und vergesst dabei den Mond nicht. Und die Tatsache, dass mehr da ist, mehr möglich ist, als ich momentan sehe. Und dass nichts so bleiben muss, wie es momentan ist.