Zurück auf Anfang

Gott hat viel Geduld mit uns Menschen

Predigttext: Jona 3,1-10
Kirche / Ort: Kloster Volkenroda
Datum: 26.06.2022
Kirchenjahr: 2. Sonntag nach Trinitatis
Autor/in: Pastor Dr. Albrecht Schödl

Predigttext: Jona 3,1-10 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 2017)

Jonas Predigt und Ninives Buße1 Und es geschah das Wort des HERRN zum zweiten Mal zu Jona: 2 Mach dich auf, geh in die große Stadt Ninive und predige ihr, was ich dir sage! 3 Da machte sich Jona auf und ging hin nach Ninive, wie der HERR gesagt hatte. Ninive aber war eine große Stadt vor Gott, drei Tagereisen groß. 4 Und als Jona anfing, in die Stadt hineinzugehen, und eine Tagereise weit gekommen war, predigte er und sprach: Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen. 5 Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und riefen ein Fasten aus und zogen alle, Groß und Klein, den Sack zur Buße an. 6 Und als das vor den König von Ninive kam, stand er auf von seinem Thron und legte seinen Purpur ab und hüllte sich in den Sack und setzte sich in die Asche 7 und ließ ausrufen und sagen in Ninive als Befehl des Königs und seiner Gewaltigen: Es sollen weder Mensch noch Vieh, weder Rinder noch Schafe etwas zu sich nehmen, und man soll sie nicht weiden noch Wasser trinken lassen; 8 und sie sollen sich in den Sack hüllen, Menschen und Vieh, und heftig zu Gott rufen. Und ein jeder kehre um von seinem bösen Wege und vom Frevel seiner Hände! 9 Wer weiß, ob Gott nicht umkehrt und es ihn reut und er sich abwendet von seinem grimmigen Zorn, dass wir nicht verderben. 10 Als aber Gott ihr Tun sah, wie sie umkehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat's nicht.

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Zurück auf Anfang

Kennen Sie das? Noch einmal ganz von vorne anzufangen? Je nach Situation kann sich das sehr verschieden anfühlen:

  • Es kann frustrierend sein, „zurück auf Anfang“ zu MÜSSEN.

Ein Beispiel aus der Arbeitswelt: Ich hatte ein Dokument am Computer zu erstellen und musste viele Stunden rumprobieren, ohne die gewünschte Form zu erreichen. Irgendwann kam der Punkt, wo ich mir sagte: „Es nützt nichts. Ich komme so nicht weiter. Ich ziehe die Reißleine. Ich fange noch einmal von vorne an.“ Das war nicht schön, aber am Ende erfolgreich. Ein Reset hatte mir letztlich geholfen, zum gewünschten Ziel zu kommen.

  • Zurück auf Anfang – Wenn wir einen Fehler gemacht haben, kann es eine große Befreiung sein, noch einmal anfangen zu DÜRFEN und eine zweite Chance zu bekommen. „Aus Fehlern lernt man“, weiß der Volksmund. Vieles begreifen wir ja erst im Rückblick, wenn wir uns bereits verrannt haben.

Steigen – auch bei Ihnen – Jugenderinnerungen auf, wo Sie so richtig was „verbockt“ haben? Wie befreiend, wenn wir da wieder rauskamen und neu durchstarten konnten! Gut, wenn wir in einer fehlerfreundlichen Umgebung leben und auf verständnisvolle Gegenüber treffen! Diese Erfahrungen helfen uns, neu aufzubrechen.

  • Heute begeben wir uns in die Welt des Alten Testaments. Wir folgen den Spuren des Propheten Jona. Ihm ist in der Bibel ein Buch mit vier Kapiteln gewidmet. Sein Leben und seine Botschaft könnte man mit diesen Worten zusammenfassen „Zurück auf Anfang“.

Gleich im ersten Vers des Jonabuches heißt es, dass Gott dem Propheten beauftragt: „Mache dich auf und geh zum Erzfeind nach Ninive. Dort sollst du in meinem Auftrag predigen.“

Wie die Geschichte mit Jona weitergeht, wissen wir. Der Prophet macht sich zwar auf den Weg, aber genau in die entgegengesetzte Richtung. Er sucht das Weite und will vor Gott fliehen. Er drückt sich und will den Auftrag Gottes nicht annehmen. Schließlich findet er sich auf stürmischer See wieder, wo ihn die Seeleute der Flut – und eigentlich dem sicheren Tod – übergeben. Wenn da nicht der große Fisch wäre, von Gott geschickt! In seinem Bauch erfährt Jona einen Sinneswandel: Dieser Gott, vor dem er weggelaufen ist, errettet aus dem „Rachen des Todes“ und gibt ihm eine zweite Chance. Zurück an Land muss – oder sollte man besser sagen darf? – Jona zurück auf Anfang. Wie es ihm damit ging, erzählt die Bibel nicht. Ob Jona darüber frustriert oder froh war, noch einmal zu beginnen. Kurz und knapp heißt es in unserem Textabschnitt: „Und es geschah das Wort des HERRN zum zweiten Mal zu Jona: Mach dich auf, geh in die große Stadt Ninive und predige ihr, was ich dir sage!“ (3,1f.).

Wo nimmt alles seinen Anfang? Beim Wort des HERRN. Der am Anfang Himmel und Erde gemacht hat. Der die Menschen nach seinem Bilde geschaffen hat. Und der jeden Menschen ruft, ihm auf sein Wort hin Antwort mit seinem Leben zu geben. Auch Jona, der (wie bereits am Anfang seiner Geschichte) nun ein zweites Mal von Gott gerufen wird. Ob wir daraus eine Regel ableiten können? Dass Gott nicht nur einmal ruft und danach den Menschen aufgibt? Sondern mindestens auch ein zweites Mal sein Wort an die Menschen richtet wie beim Propheten Jona geschehen und eine zweite Chance einräumt? – Ich meine, ja.

Wie wir in der Jonageschichte noch sehen werden, hat Gott viel Geduld und „Langmut“ mit uns Menschen. Er will, dass Menschen umkehren und wieder zum Anfang mit ihm zurückfinden. Seine Menschenfreundlichkeit zeigt sich darin, dass er in diesem Bemühen nicht so schnell locker lässt. Zurück zu Jona: Dieses Mal gehorcht der Prophet dem Wort des HERRN und begibt sich auf den Weg in die große Stadt Ninive.

Das ganze Leben als Umkehr zu Gott

Jona zieht in die Stadt ein und predigt: „Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen“ (3,4). Nun, eine Predigt, die diesen Namen wirklich verdient, hätte ich mir schon anders vorgestellt! Immerhin hat Gott doch Himmel und Erde in Bewegung versetzt, um seinen Propheten Jona erst einmal in die gottlose Stadt Ninive zu bekommen! Lustlos und in liebloser Kürze verkündet Jona dem assyrischen Erzfeind das göttliche Gerichtswort. Es wird keine Begründung für die Drohbotschaft gegeben, nicht einmal Gott wird darin erwähnt, nur die Zeitspanne, die noch bis zum Untergang bleibt. Ein hochmotivierter Prediger kommt anders daher, oder?

Offenbar kommt Jona bei diesem zweiten Anlauf nur notgedrungen und gezwungenermaßen seinem göttlichen Auftrag nach. Freilich wird am Ende nur zählen, ob er dem Wort des HERRN zur Verfügung stand und im Auftrag des Herrn unterwegs war. Das tat Jona, wie wir gleich sehen werden, offensichtlich. Nach menschlichem Ermessen ist die Chance zwar verschwindend gering, bei diesem widerwilligen Auftreten überhaupt Gehör zu finden. Dennoch reagieren die heidnischen Bewohner Ninives überraschend einsichtig und in großer Geschlossenheit auf die „Predigt“ Jonas. Eine regelrechte Bußbewegung setzt ein, die ALLE erfasst: „Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und riefen ein Fasten aus und zogen alle, Groß und Klein, den Sack zur Buße an“ (3,5).

Kaum zu fassen – die für fromme Juden „gottlosen“ Bewohner Ninives glauben an Gott! Sie gehorchen dem Wort des HERRN, das ihnen in Jonas Gerichtspredigt zu Ohren kommt. Zum sichtbaren Zeichen ihres inneren Sinneswandels treten äußere Zeichen. Die Bewohner Ninives hüllen sich in „Sack und Asche“, um ihre Reue zu unterstreichen. Dazu kommt eine umfassende Fastenaktion, die radikalen Nahrungsverzicht anordnet.

Beeindruckend bei dieser großen Bußaktion: Mit dem König und den Tieren ist alle Schöpfung einbezogen – das ganze Leben wird auf Gott neu ausgerichtet. Auf königliche Anordnung hin heißt es nämlich: „Es sollen weder Mensch noch Vieh, weder Rinder noch Schafe etwas zu sich nehmen, und man soll sie nicht weiden noch Wasser trinken lassen; und sie sollen sich in den Sack hüllen, Menschen und Vieh, und heftig zu Gott rufen“ (3,7f.)

Auch wenn es meine Vorstellungskraft übersteigt, wie ich mir betende Tiere im Büßergewand vorstellen soll – gemeint ist doch wohl dies, was später der Apostel Paulus ausführen wird: Die ganze Schöpfung soll einmal erlöst werden (Röm 8,19ff.) Deshalb geht das Seufzen und Beten aller Kreatur mit der Bitte um Erlösung zu Gott. Nicht weniger erstaunlich ist es, dass ausgerechnet Jona diese umfassende Bußbewegung der Menschen und Tiere auslöst. Die besondere Beauftragung Gottes erfolgt nicht aufgrund besonderer Leistungen oder vorbildlicher Charaktereigenschaften des Propheten. Sprachrohr Gottes soll er sein, unterwegs im Auftrag des Herrn! Auch ein beschränkter Botschafter kann so Menschen neu zu Gott rufen.

Wie tröstlich auch für uns! Gott braucht menschliche Botschafter für das Wort des HERRN. In seinen allzu menschlichen Grenzen ist Jona mir sympathisch und nahe. Und trotzdem, zwar widerwillig und vielleicht missmutig vorgetragen – Gottes Worte kommen am Ende zum Ziel! Das größte Wunder ist freilich, dass nicht nur Jona selbst, sondern ein heidnisches Volk zurück auf den ersten Anfang mit Gott geht. Umkehr zu Gott heißt Leben! Und damit sind wir bei einer zentralen Botschaft der ganzen Bibel.

Das Jona-Buch nimmt nämlich viel von Jesus vorweg: Jesus nimmt ausdrücklich auf das „Zeichen des Jona“ und seine wirkmächtige Predigt in Ninive Bezug (Mt 12,39-41). Auch Jesu Botschaft ruft Menschen zur Umkehr: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ (Mt 4,17). Die erste These Martin Luthers greift später diesen Umkehrruf Jesu programmatisch auf und betont, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sei. Was Jona Ninive zu sagen hat, gilt allen Christen, und zwar nicht nur punktuell, sondern als eine umfassende Lebenshaltung. Wir sind gerufen, zu Gott umzukehren, also „zurück auf Anfang“ zu gehen – damit wir leben können!

Diese Aussage passt zum Evangelium des Sonntags vom Großen Abendmahl (Lk 14,16-24). Wenn Gott einlädt zum Leben, sollte man das nicht verpassen. Der Ruf zur Umkehr und die Einladung an seinen Tisch zeigen: Auch den Außenstehenden gilt Gottes Ruf. Er will alle! Diesen Ruf zum Leben dürfen wir als Gottes Wort an uns hören und annehmen. Aber auch mit Jona lernen: Die Einladung gilt über die eigenen Leute hinaus. Gott ist größer als die Grenzen, die wir ziehen.

Die Reue Gottes

Der Abschluss des Textes richtet den Blick auf Gott: „Als aber Gott ihr Tun sah, wie sie umkehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat’s nicht“ (3,10). Reue und Umkehr begründen zwar keinen menschlichen Anspruch auf Verschonung vor dem göttlichen Gericht. Dennoch wird hier ein typischer Zug Gottes deutlich, wenn Menschen mit ihrem ganzen Leben zu ihm umkehren. Er zeigt an Ninive seine große Güte und verschont die Stadt vor seinem Gericht. Ihm geht es nicht darum, recht zu behalten, sondern dass die Menschen am Leben bleiben. Aber, Moment mal, steht das wirklich in der Bibel, dass Gott etwas bereut??? Bei fehlerhaften Menschen wie Jona, den Bewohnern Ninives, uns selbst … verstehen wir schon, wie notwendig und heilsam es sein kann, zurück auf Anfang zu gehen. Aber bei Gott selbst, der doch die Dinge überblickt?

An eben dieser Stelle „da reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat’s nicht“ (3,10) wird eine atemberaubende, für manche anstößige „Bewegung“ Gottes beschrieben – die Reue Gottes. Sie begegnet an Schlüsselstellen des Alten Testament wiederholt: Die Bewohner Ninives, die Umkehr und Reue zeigen, lösen bei Gott selbst Reue und Umkehr aus!

In diesem Sinneswandel zeigt Gott seine tiefe Leidenschaft für die Menschen. Er ist kein liebloser Prinzipienreiter, der von einem vorgefassten Plan nicht mehr abrücken kann. Seine Liebe ist immer größer als seine Enttäuschungen mit den Menschen. Sein Wort will alle erreichen: Dich. Und mich. Die Menschen, die vor ihm weglaufen. Und alle, die noch draußen und fern von ihm sind. Gott selbst geht deshalb in seiner Reue „zurück auf Anfang“ und lässt seiner großen Güte weiten Raum.

 

 

 

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