Buchempfehlung

Raphaela J. Meyer zu Hörste-Bührer: Zeitsensible theologische Ethik

Raphaela J. Meyer zu Hörste-Bührer: Zeitsensible theologische Ethik. Eine Untersuchung zur Zeitgebundenheit und Zeitbezogenheit ethischer Fragen Evang. Verlagsanstalt Leipzig 2025kartoniert 480 S.88,-- €

Als erstes einige Informationen zu Werk und Autorin. Das Buch ist nicht ihr erstes. Ein nur kurzer Blick ins Internet oder das sehr umfängliche, fast 25seitige Literaturverzeichnis zeugt von ihrer literarisch-wissenschaftlichenProduktivität. Ihr hier anzuzeigendes Werk weist sage und schreibe 1890 Anmerkungen auf. Derzeit ist sie – so erfährt man vor dem Vorwort -„Professorin für Systematische Theologie in der Abteilung Theologie und Diakoniewissenschaft der Fakultätfür Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie der Universität Bielefeld.“ Auf der Basis der hier anzuzeigenden Studie wurde RJM zu Hörste-Bührer(abgekürzt RJM) in 2022 in Mainz habilitiert. Auf der ganzen zweiten Seite ihres Vorwortes listet sie nach den Gutachtern ihrer Arbeitsehr viele Menschen auf, die sie bis dahin begleiteten und für deren Hilfe sie dankbar ist.

Auf der ersten Seite des Vorwortes nennt RJM gleich in den ersten Sätzen den Anlass und den Rahmen ihrer fundamental-ethischen Studie: „Bereits in den biblischen Texten finden sich Diskurse, die ethische Orientierungen betreffen.“ Will am Ende für uns, hier und heute, heißen: Wie sind die biblischen Traditionen in der Wahrnehmung einer „irreduziblen Pluralität … sinnvoll im gesellschaftlichen Diskurs um die Gestaltung von Leben und Handeln ein(zu)bringen“? (S. 5) In der traditionellen Nomenklatur gesagt geht es auch um ein normengeprägtes oder situativ orientiertes Handeln, also um die beiden Pole (komplexe) Gegenwart und einfach(er) klingende ewige, zeitlos gültige Gebote beziehungsweise Werte wie beispielsweise das Liebesgebot. Wie aber sieht dies konkret aus?

Nach grundsätzlichen Überlegungen zur theologischen Ethik in der Zeit und für eine bestimmte Zeit stellt RJM drei aktuelle Ethiken vor und diskutiert diese hinsichtlichder eingangs genannten Problemstellung. Es sind dies die ethischen Entwürfe von Jürgen Moltmann, Trutz Rendtorff und Hans G. Ulrich. Bei ihnen untersucht RJMdie Möglichkeit einer Universalisierbarkeit und ihre Orientierungskraft in konkreten zeitlichen Kontexten. Sodann zeichnet RJM die Konturen einer zeitsensiblen christlichen Ethik nach, die die eigene Zeitgebundenheit und Zeitbezogenheit einerseits nicht bestreitet und andererseits die reflexive Distanz zu ihren Fragestellungen wahren kann.

Am Ende macht RJM vier Vorschläge „Zur Gestaltung zeitsensibler Ethik“. Um die Grenzen ihrer Systematisierbarkeit und um die „Pluralität der Situationen, Kontexte, Geschichten, Erfahrungen und Deutungen“ (S. 425) wissend, muss das Ethikverständnis einer zeitsensiblen Ethik weit sein und sollte kompatibel zu verschiedenen theologischen Positionen und konfessionellen Prägungen sein.

Mit den drei folgenden Bemerkungen sei diese Vorstellung abgeschlossen:Dagmar Fenner schließt ihre Ethik-Einführung²2020 – wie an diesem Punkt RJM vorwegnehmend - mit der Grundposition, dass es „keine endgültige und logisch zwingende Ethik“ geben könne (S. 255). Die ethische Grundfrage erfordert – so ganz am Schluss -„in der Praxis neben geschulter Reflexions- und Argumentationskompetenzen ein hohes Maß an Empathie und Kontextsensibilität.“ (S.263)

Im Ethikartikel der RGG⁴ II, Sp. 1616 liest man: „Jede Ethik impliziert zumindest Metaphysik.“ (Eilert Herms) Damit ist der große Bereich der Dogmatik berührt. Wer wie beispielsweise Barth die Ethik in der Dogmatik inkludiert sieht, beschreitet - bildlich gesprochen - einen Denkweg von oben nach unten. Fenner, RJM und wohl die Mehrheit moderner Ethiken denkt umgekehrt.

Ethisch brisante Themen gab und gibt es zuhauf (Abtreibung, Sterbehilfe, Krieg und Frieden). Jüngstes Beispiel ist die Frage der Leihmutterschaft. Dazu äußerten sich beziehungsweise werden sich äußern der Ethikrat der Bundesregierung und Kammern der EKD, nachdem oder bevor Gesetze beschlossen wurden. Bei allen Überlegungen könnte es hilfreich sein, RJM im Hinterkopf zu haben.

Gerhard Maier

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