Robert Seethaler: Die Straße
Robert Seethaler: Die Straße Ullstein Berlin 2026, gebunden 232 S., 25,-- €
Zum 1.Juli dieses Jahres (2026) trat Peter Müller in den Ruhestand. Annähernd 25 Jahre leitete erdas Staatsarchiv in Ludwigsburg. Unter den 42 km Aktenkilometernbefinden sich unter anderem RAF-Tonbänder, vor allem aber alles, was von NS-Straftätern und NS-Opfern aktenkundigwurde. Er hatte darüber zu wachen, dass nichts verloren ging und mit dem, was da akribisch gesammelt und archiviert wurde, nach Recht und Gesetz umgegangen wird.
Einen ganz anderen Zugang zur Wirklichkeit haben (Roman-)Schriftsteller. Sind Historiker und Archive zur Objektivität verpflichtet, so können Schriftsteller ihrer Fantasie freien Lauf lassen. Sehr eindrucksvoll tat dies Robert Seethaler mit seinem Roman „Ein ganzes Leben“. Darin schildert er höchst eindrücklich und einfühlsam das Lebensschicksal des 79 Jahre alt gewordenen Andreas Eggert vor, im und nach dem Zweiten Weltkrieg.
In dem hier anzuzeigenden neuesten Roman geht es dem Bestseller-Autor Seethaler nicht um ein einziges Leben mit seiner Geschichte und seiner Tiefe. Sondern er beschreibt – auf eine andere Art genauso eindrücklich, aber eben mehr in Augenblicksaufnahmen und mehr flächig – das vielfältige Leben der seit 1839 bestehenden Heidestraße, am Rande einer Stadt und das Leben der vielen Menschen, die darin wohnen. Ein Jahr lang dauert der Erzählzeitraum.
Kein Besucher würde sich in die Heidestraße verirren. Denn sie birgt kein historisches oder touristisches Highlight. Und doch passiert in ihr (fast) alles, was Menschen passieren kann. Ein Junge wird vom Jagdfieber gepackt. Ein anderer weiß nicht, wohin mit seiner Wut. Eine Blumenhändlerin lebt für einen Mann, der sie nicht würdigt. Eine Heimleiterin wacht über ihre Schützlinge und ist selbst die Einsamste von allen. Ein Geistlicher verschwindet aus seiner Gemeinde. Sorge rüttelt an den Bewohnern, Sehnsucht treibt sie nachts auf die Straße, die Liebe bringt sie um den Verstand. Sie haben Träume und Geheimnisse. Ihre Wege kreuzen sich, doch was wissen sie voneinander?
„Die Straße'“ zeigt, dass es nicht die großen Fragen sind, die das Leben bestimmen, sondern das, was oft vergessen wird. Zwischen Erben und Zwangsräumen, Ein-, Um- und Ausziehen, sind es die Bewegungen des mehr oder weniger normalenLebens, die Seethaler beschreibt.
Gerhard Maier