Württembergische Kirchengeschichte
Hermann Ehmer, Württembergische Kirchengeschichte. Von der Christianisierung bis zur Gegenwart, Calwer VerlagStuttgart 2025, gebunden, 897 S., 89,-- €
„In Verbindung mit dem Verein für württembergische Kirchengeschichte“ war Hermann Ehmer (zu Person, beruflicher Laufbahn und aus seinen Werken s. Hermann Ehmer – Wikipedia) einer der Herausgeber von „Gott und Welt in Württemberg“; in 2000 erschien es, 2008 dann Ehmers „Kleine Geschichte der Evangelischen Kirche in Württemberg“. Und jetzt, als Krönung, das hier anzuzeigende opus magnum.
Wollte man 2000 und 2008 mit dem Frühling und den ersten Früchten eines Vegetationsjahres vergleichen, so wurde in 2025 eine satte, ausgereifte Ernte eingebracht. Ausdruck dessen ist die immense Seitenzahl, die Detailgenauigkeit und die viel umfänglicheren Register, die den gezielten Zugriff auf einzelne Themen, Orte und Personen ermöglichen. Zahlreiche Abbildungen und Ehmers konzentrierte Sprache machen sein Werk gut lesbar. Damit machte Ehmer seiner Landeskirche und allen Leser/innen ein großes, großartiges Geschenk.
Ehmer beginnt mit der Christianisierung der Alamannen und Franken ab 450 n.Chr. und durchschreitet dann die lange Geschichte der württembergischen Landeskirche. Wollte man dafür nur ein einziges Wort gebrauchen, so wäre es das Wort Dank. Sehr lang ist auch die Dankesliste Ehmers auf der allerletzten Seite. Über diese ersten, mehr einführenden und allgemeinen Bemerkungen hinaus, möchte ich die folgenden acht Punkte festhalten.
- In seinem „Vorwort“ fasst Oberkirchenrat i. R. Prof. Dr. Heckel die württembergische Kirchengeschichte gerafft zusammen. Ehmers „Einleitung“ nennt die vielen Vorgängerwerke und setzt als erste Marksteine diese beiden Thesen: Erstens ist Kirchengeschichte Landesgeschichte. Beide Größen sind wechselseitig eng verbunden. Und zweitens: theologisch-historisch bilden Reformation und Pietismus die Kernpunkte bzw, - um es mit anderen Bildern zu sagen - die Meilensteine / das Grundgerüst württembergischer Kirchengeschichte. Dies bekräftigten die Reformationsjubiläen und das erneuerte Pietistenreskript (vgl. https://suche.web.de/web/result?origin=mc_splugin_ff&enc=UTF-8&q=pietistenreskript) von 1743. Dass es nicht immer und überall friedfertig zuging und zugeht dürfte selbstverständlich sein, auch dass die vier reformatorischen soli nicht immer mit evangeliumsgemäßem Leben gefüllt wurden.
- Im letzten Teil „Rückblick und Ausblick“ erinnert der Verfasser an Bibel, Reformation, Pietismus, die Erweckungsbewegung und die Diakonie. Denn „Aufgabe der evangelischen Kirche“ ist auch „die Verbesserung der Welt“.
-Natürlich enthält ein Buch dieses Umfangs sehr sehr viele Namen. Unnötig sind mMn beispielsweise Jutta Voss und Hermann Schäufele (letzterer sogar mit einem nicht sehr gut gelungenen Foto). Angemessen finde ich das Problem der kirchlichen Entnazifizierung behandelt. Das dicke, über zwei Kilogramm schwere Buch muss pfleglichst behandelt werden. Trotz vorsichtiger Handhabung löste sich bei meinem Exemplar schon nach wenigen Wochen die Bindung. Die zweite Auflage erscheine vielleicht besser zweibändig.
- Im Inhaltsverzeichnis ist „Schmalkaldischer“versehentlich fett gedruckt.
- Insgesamt erscheint Ehmer als Wissenschaftler sine ira et studio; diese Grundhaltung dürfte kritischer gesonnenen Leser/innen öfter nicht gefallen. Trotzdem ist sein Werk mMn very well done und konkurrenzlos.
- Wer in Württemberg unterwegs ist oderUrlaub macht, studiere vorher Ehmer – als Reiseführer und Informant besonderer Art.
- Für die EKD-Ebene wären ähnliche landeskirchliche Geschichten auch insofern interessant, als solche – synoptisch gelesen – einen realistischeren und zukunftsträchtigeren Umgang mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Landeskirchen ermöglichen, als Schreibtischprojektionen von Glaube und Kirche.
Gerhard Maier