Wir haben schon zu Beginn dieses Gottesdienstes im Wochenspruch gehört, dass unser Gott genau hinschaut, mit welcher Haltung wir unseren Glauben leben. „Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber gibt er Gnade,“ sagt der Schreiber des 1. Petrusbriefes. Gott nimmt menschliche Haltungen ernst. Er widerspricht dem Hochmut, während er den Demütigen Gnade zusagt. Hochmut und Demut sind zwei altdeutsche Worte, aber wohl jeder von uns kennt die dahinterliegenden Haltungen und mindestens einen Menschen, der so ist.
In unserer Zeit scheint Hochmut Konjunktur zu haben, auch wenn wir es beschreiben würden als Arroganz, als Überheblichkeit und Stolz. Der Volksmund warnt nicht ohne Grund, dass diese Selbstsicht die Gefahr in sich hat, die Realität aus den Augen zu verlieren. „Hochmut kommt vor dem Fall“, warnt er. Demut ist ein genauso altes Wort wie Hochmut. Wir verbinden damit einen Menschen, der seine Erfolge und auch sich selbst nicht an die große Glocke hängt. Menschen, die sich selbst nicht so wichtig nehmen. Unser Predigttext gibt uns heute die Gelegenheit dazu, darüber nachdenken, warum Gott so unterschiedlich mit Hoch- und Demut umgeht und was das für unser eigenes geistliches Leben und für das Leben unserer Gemeinde bedeutet. Denn es hat offensichtlich zu allen Zeiten Menschen gegeben, die stolz und überheblich davon berichteten, dass sie die richtige Überzeugung haben und deshalb nicht so sind wie andere. Auf solche Menschen ist Jesus schon getroffen und wir hören heute einmal hinein in eine Geschichte, die Jesus diesen Menschen damals erzählt hat. Wir finden diese Geschichte im 18. Kapitel des Evangeliums nach Lukas.
(Lesung des Predigttextes Lukas 18,9-14)
Wir lernen hier zwei Menschen kennen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Auf der einen Seite haben wir den Pharisäer, einen Schriftgelehrten, einen Menschen, der in der israelitischen Gesellschaft hoch anerkannt war, weil er seinen Glauben auf eine Art und Weise lebte, die vorbildlich war, auch für andere. Selbstbewusst teilt er Gott und auch uns mit, weshalb er stolz darauf ist, diese Lebensweise so zu haben. Er betet regelmäßig, er fastet zweimal in der Woche, nicht um Gewicht abzunehmen, sondern um sich besser auf das Wort Gottes konzentrieren zu können. Er unterstützt die Gemeinde finanziell, so wie es in der Tora, der Grundlage des israelitischen Glaubens, vorgesehen ist. Er ist stolz darauf, dieses Leben so führen zu können und wer wollte es ihm verdenken? Er bewegt sich in seinem Milieu und versucht alles, was die Lebensweise dieses Glaubens stören könnte, von sich zu halten. Moralische Schwierigkeiten, Menschen, die Verwerfliches tun, gehören nicht zu seinem Umfeld. Er schaut auf diese Menschen herab und dankt Gott, dass er nicht so ist wie sie.
Von dem Selbstbewusstsein des Pharisäers könnten wir uns in unseren Zeiten eine Scheibe abschneiden. Wir können genauso selbstbewusst wie er sagen: „Ich bin mit Gott in einer guten Verbindung, denn ich besuche regelmäßig den Gottesdienst, ich zahle meine Kirchensteuern und ich bete regelmäßig.” Das sind gute Gründe, stolz und selbstbewusst zu sein. Denn diese Lebensweise hält uns mit Gott in Verbindung, uns und auch den Pharisäer. Das ist kein Hochmut oder Überheblichkeit, sondern der gesunde Stolz darauf, dass man Gott in seinem Leben ernst nimmt und spürt: Das tut mir gut. So wie ich meinen Glauben lebe, tut es mir gut.
Ganz anders der Zöllner. Er steht nicht ganz vorne im Tempel, wo ihn alle sehen, sondern ziemlich hinten. Er traut sich auch nicht, die Augen aufzuheben und Gott ins Gesicht zu sehen. Die Geschichte erzählt nicht, was ihn konkret belastet. Aber seine Haltung zeigt: Er kommt ohne Selbstrechtfertigung zu Gott. Seine Aufgabe war, den Menschen den Zoll abzunehmen, den er für die Regierung vereinnahmte. Gleichzeitig war er genötigt, von diesem Beruf zu leben und stand deshalb in dem Verdacht, korrupt zu sein. Stolz ist er jedenfalls nicht auf das, was er da tut. Er hat eine ganz andere Sicht auf sich selbst, ist selbstkritisch und dabei ehrlich und weiß, dass er eigentlich nichts vorweisen kann. Zugleich steht auch er im Tempel und betet, ist also mit Gott in Verbindung.
Allerdings auf eine ganz andere Weise als der Pharisäer. Seine Beziehung besteht darin, dass er kommt, wie er ist und hofft, dass Gott ihn annimmt. „Gott sei mir Sünder gnädig", ist in anderen Worten die Bitte, ihn mit allen seinen Fehlern und Schwächen anzunehmen, wie er ist. Was denken Sie? Wem von beiden ist Gott näher? Dem selbstbewusst betenden, im besten Sinne frommen Menschen? Oder dem ehrlichen Beter, der auf Gottes Erbarmen hofft? (Hier kann Zeit zum Nachdenken gelassen und mögliche Antworten aufgenommen werden.)
Die Menschen um Jesus herum in unserem Predigttext haben sich sicher für den Pharisäer entschieden. Denn er entspricht auch ihrer Denkweise. Jesus sieht die Sache anders. Er verurteilt weder den einen noch den anderen. Er sieht beide mit ihrer Haltung und ihrer Überzeugung ihren Glauben leben. Er respektiert beide. Und dennoch erklärt er deutlich, welcher der beiden von Gott angenommen wurde und welcher der beiden sich von Gott entfernt hat. Jesus konfrontiert sein Publikum damit, dass der Zöllner, derjenige ist, der von Gott angenommen wird. Der Pharisäer, der so selbstbewusst auftritt und selbstsicher ist, dass er durch seine Lebensweise Gott sehr nahekommt, bleibt in Wirklichkeit ohne diese Nähe.
Jesus stellt nicht die religiöse Praxis des Pharisäers infrage, wohl aber seine Haltung gegenüber dem Zöllner. Obwohl die Worte Hochmut und Demut in dieser Geschichte nicht fallen, sind sie kennzeichnend für die Haltungen der beiden. Der Pharisäer ist nicht deshalb schon hochmütig, weil er eine fromme und glaubensgerechte Lebensweise führt. Sondern weil er diese Lebensweise für eine Lebensweise hält, die ihn von anderen unterscheidet und zu etwas Besserem macht.
Wenn wir Jesu Kritik an Verachtung und Selbstgerechtigkeit heute weiterdenken, müssen wir auch fragen, wo Menschen gegenwärtig abgewertet werden. „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute." So lautet sinngemäß die Überschrift über manchen Social-Media-Posts. Das, was der Pharisäer dort in Gedanken vor Gott bringt, lesen wir heute in den sozialen Medien.
„Ich danke dir, Gott, dass ich nicht so bin wie die anderen Leute. „Ich bin der bessere Vater, ich treibe effektiver Sport als andere, ich ernähre mich besser als andere, ich reise an interessantere Orte als du, lieber Follower. Deshalb lass doch einen Like da und folge mir. Denn mit meinen Ratschlägen wird dein Leben auf jeden Fall besser." So lese ich die Nachrichten, die mich über Facebook, Instagram und TikTok erreichen. Immer vermittelt man mir das Gefühl, nicht ganz ausreichend zu sein, ein Defizit zu haben, nicht genau genug hinzuschauen, nicht sauber genug zu arbeiten. Aber es gibt ja Gott sei Dank die vielen im Netz, die es besser wissen und es mich auch wissen lassen.
„Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute." In den sozialen Medien zeigt sich diese Haltung etwa dort, wo Menschen wegen ihrer Herkunft, ihrer sexuellen Identität, einer Behinderung oder Armut abgewertet werden. Im Netz sind die anderen heute Menschen mit Migrationshintergrund, die aus guten Gründen zu uns gekommen sind, weil sie hier Schutz suchen.
Das sind queere Menschen, die so leben möchten, wie sie empfinden und dabei dauernd Widerspruch und Verachtung erfahren. Das sind Menschen, deren Leben anders verlaufen ist, als sie es sich gewünscht haben. Menschen, die in Obdachlosigkeit gelandet sind oder sonst auf Hilfe angewiesen sind, weil ihre Seele nicht mehr alles aushält, was ihr zugemutet wird. Menschen, deren Leben so verlaufen ist, dass sie eben keine großartige Glaubenspraxis mehr vorweisen können. Die auch keine schlauen und klugen Worte mehr im Gebet finden, außer die Bitte, so angenommen zu werden, wie sie sind. Über sie darf man sich inzwischen öffentlich lustig machen, Hassgeschichten weitergeben und Worte aussprechen, die man früher noch nicht einmal im Gebet gegenüber Gott gebraucht hätte.
Vielleicht ahnen wir jetzt, warum Gott so anders reagiert auf Menschen, die überheblich und hochmütig und arrogant zu anderen sind. Warum er ihnen mit Widerstand begegnet, während er gnädig auf die Menschen schaut, denen außer der Bitte darum, angenommen zu werden, wie sie sind, nicht mehr viel einfällt. Wer überheblich und hochmütig auf den Glauben und die Lebensweise anderer herabschaut, der spaltet die Gemeinde. Wer die eigene Weise zu glauben für die einzig richtige hält und andere deshalb abwertet, gefährdet die Gemeinschaft der Gemeinde. Jesus erinnert noch einmal mit eigenen Worten daran, was der Wochenspruch schon sagte: „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“.
Die Gemeinde Jesu Christi ist ein Ort, an dem jeder willkommen ist, so wie er ist, mit seinen Stärken und seinen Schwächen. Das galt schon damals in der jungen christlichen Gemeinde für Menschen mit Migrationshintergrund und das sollte in unseren Gemeinden erst recht für alle gelten, die anders sind. Für queere Menschen genauso wie für den, der seine Kirchensteuern zahlt und nur einmal im Jahr am Heiligen Abend in den Gottesdienst geht. Der Mensch mit Behinderung und der seelisch angegriffene Mensch, sie alle sind Gott willkommen — mit ihrer Verschiedenheit, ihren Stärken und ihren Schwächen. Es gilt für uns, die wir regelmäßig den Gottesdienst besuchen, beten und uns so stärken. Denn auch wir sind – aus der Sicht der meisten Gemeindemitglieder – anders. Es ist ganz im Sinne Jesu, wenn sich unsere Gemeinden und unsere Kirche heute für Inklusion und Respekt einsetzen. Wer Menschen widerspricht, die andere aus Überheblichkeit ausgrenzen, ist mit Jesus auf dem Weg. Denn er tut das in unserer heutigen Geschichte ja auch.
Die gute Botschaft für den Zöllner und alle, die es im Leben schwer haben und zweifeln, ob sie wertvoll sind, ist: Gott nimmt dich so an, wie du bist. Mit allen Stärken und Schwächen. Die gute Botschaft für den Pharisäer und alle, die stolz und selbstbewusst so leben, dass der Glaube ihnen guttut, ist: Gott traut dir zu, die Balance zu finden zwischen einem selbstbewussten Glauben und der Offenheit dafür, dass andere anders leben und glauben. So bleibt nach dieser kleinen Geschichte aus dem Lukasevangelium eine Erkenntnis: Gott nimmt uns nicht wegen unserer Leistungen an, sondern aus Gnade. Es bleibt eine Aufgabe: Wir dürfen selbstbewusst glauben, ohne auf andere herabzusehen, und einander mit derselben Barmherzigkeit begegnen. Gott schenke uns einen Glauben, der uns trägt, ohne andere kleinzumachen – und ein Herz, das jedem Menschen mit derselben Gnade begegnet, die auch uns selbst gilt.