Glauben kann Schwimmen, Rudern und Fische fangen. Es lohnt sich darum, Fischer und Angler zu vergleichen. Angeln gilt ja als eher meditative Beschäftigung. Viele Angler hocken einsam auf ihrem Campingstuhl, dessen Beine sich im Sand vergraben. Schweigend beobachten sie, wie der Schwimmer auf der Wasseroberfläche tanzt. Die Angelrute haben sie in den Schoß gelegt. Die Augen sind halb geschlossen. Sie lauschen dem morgendlichen Zwitschern der Vögel. Aufmerksam warten sie auf das plötzliche Untertauchen des Schwimmers. So kann ein ganzer Angelsporttag vergehen. Die meisten Angler stören sich nicht daran, wenn sie nichts gefangen haben. Sie kommen durch Geduld und Warten zum Erfolg.
Die Fischer, gerade die am See Genezareth, müssen beim Fangen und Verkaufen sprechen, schreien, flüstern. Für die Netze sind Teams verantwortlich. Alle müssen zusammen arbeiten, und sie verständigen sich mit ihren Nebenleuten durch Gesten und Zurufe. Netzfischer reden mehr als einsame Angler, übrigens auch nach dem Fang, wenn sie entschuppte Fische und kleine Gewinne aufteilen. Sie können Enttäuschungen über ausbleibenden Fang bejammern. Sie können lautstark und emotional Fangerfolge feiern. Vielleicht findet sich in dieser Fähigkeit, unbefangen mit Nachbarn und Kollegen zu reden, der besondere Grund, weshalb Jesus Fischer bevorzugt, wenn er Menschen zur Nachfolge einlädt.
Besonders gefragt ist solche Kommunikationsfähigkeit, wenn Fischer überrascht und erschrocken Gott begegnen. Davon handelt die Predigtgeschichte, die mit einer Rede beginnt. Sprecher am nassen Rednerpult ist der Mann aus Nazareth. Er zieht so viele Menschen an, daß er sich auf dem Boot ein paar Meter vom Ufer wegrudern läßt. Die müden Fischer helfen gerne. Was Jesus sagt, darüber schweigt sich Lukas an dieser Stelle aus. Es wird diese tröstende, helfende, aufmunternde Rede gewesen sein, mit der der Prophet aus Nazareth über die Nähe Gottes zu sprechen pflegte. Niemand denke dabei an eine wissenschaftliche Vorlesung. Jesus konnte so von Gott reden, daß jeder Zuhörer seine Nähe spürte. Jesus konnte die Herzen der Menschenmenge bewegen. Sprechen fängt mit Zuhören an. Die Menschenmenge am Ufer des Sees, viele Fischer darunter, wollte hören, was Jesus zu sagen hatte.
Die Fischer sind zwar skeptisch, als Jesus sie nach der Veranstaltung auffordert, noch einmal hinauszufahren auf den See. Aber sie tun, was er sagt. Mal sehen, was passiert. Fische lassen sich eigentlich eher in der Nacht oder am Morgen als in der prallen Mittagssonne fangen.
Das prall gefüllte Netz, das die Fischer eine Stunde später in ihre Boote ziehen, löst bei allen zuerst Staunen und in der Folge ein großes Umdenken aus. Junge Leute aus der Großstadt würden heute als erstes ihr Smartphone zücken und Videos von prall gefüllten Netzen auf Tiktok stellen. Petrus interessiert sich nicht für Selfies oder für die Größe des Fangs. Zuerst staunt er, dann kommt er ins Nachdenken. Und er erkennt zweierlei.
Das Erste: Die Rede von der Nähe Gottes war nicht Rhetorik und eine ergreifende Predigt. Hier zeigt jemand mit Vollmacht Gottes Nähe. Das Zeichen sind die vollen Netze. Und Petrus redet Jesus ab diesem Zeitpunkt nicht mehr als ‚Meister‘, sondern als ‚Herr‘ an, die damals übliche Bezeichnung für Gott. Predigtwort verwandelt sich in Zeichen, Vertrauen bei den Zuhörern verwandelt sich in Gewißheit. Die Bibel schreibt solche Kraft zuallererst Jesus selbst zu. Lukas, der Evangelist veröffentlicht hier keine Gebrauchsanweisung für göttliche Wunder, die man beliebig wiederholen könnte. Christliche Fischer sind bis heute mit gewaltigem Frust konfrontiert, wenn sie von der nächtlichen Ausfahrt mit leeren Händen zurückkehren.
Das Zweite: Petrus erkennt die Gegenwart Gottes. Mit Jesus von Nazareth steht die göttliche Kraft in einer besonderen Beziehung. Und gleichzeitig damit lernt Petrus etwas über sich selbst. Er erkennt, wieso er mit seinem eigenen Leben und seiner Lebensgeschichte der Gegenwart Gott überhaupt nicht entspricht. Barmherzigkeit gegen Härte. Trost gegen Verachtung. Gnade gegen Rechthaberei. Nähe gegen Entfernung von Gott. Die Bibel faßt das alles in dem Wort Sünde zusammen. Wie die anderen Jünger ist Petrus erschrocken. Die Nähe Gottes und die Sünde der Menschen passen nicht zusammen.
Die Geschichte geht nun nicht in der Aneinanderreihung von statischen Zuständen auf. Hier wirkt die Nähe von Gottes Gegenwart. Diese Glaubenskräfte überwiegen das Wunder des großen Fischfangs. Im Gespräch zwischen Petrus und Jesus entsteht bahnbrechend Neues. Denn Jesus weiß um die Sünde der Menschen, um ihre Rechthaberei und Gottesferne. Und er läßt sich davon nicht beirren. Das ist seine Praxis der Gnade, daß er die Sünde der vor ihm stehenden Fischer sofort verwandelt. Diese Veränderung von Erkenntnis und Glauben in Handeln und Sprechen betrifft jeden einzelnen Christen. Darauf lohnt ein genauerer Blick.
Evangelischer Glaube bringt Menschen, Amtsträger wie einfache Gläubige, hinein in ein Geflecht, das sie als Sünder und Gerechte zugleich anspricht. Was bedeutet das? Es bedeutet dreierlei.
Zuerst: Jeder Mensch ist ausgezeichnet durch seine Würde, die ihm nicht genommen werden darf. Zu dieser Würde gehört auch Verletzlichkeit. Zu dieser Würde gehört auch Fehlbarkeit, so etwas wie die Anlage dafür, stets so zu handeln, wie es den Interessen des eigenen Egos entspricht. Sünde ist Denken und Handeln in Gottesferne. Wichtig ist aber: Evangelischer Glaube sieht Menschen nicht nur als Sünder. Das wäre simpler Pessimismus, wäre im letzten Menschenverachtung.
Dann: Evangelischer Glaube spricht auch von der Gnade, die den Glaubenden zuteil wird. Dem Petrus kommt Gott in Jesus Christus nahe. Heute nähert sich Gott den Menschen im Gottesdienst, im Gebet, im gesungenen Choral, im Abendmahl, in allen Zeichen, in denen die Liebe Gottes zu den Menschen sichtbar wird. Choräle, Gebete, Gottesdienste finden ihren entscheidenden Zweck darin, daß sie zurückverweisen auf die Geschichten und Predigten des Jesus von Nazareth. Wer Gnade und Liebe in ihm erkennt, der fängt mit dem Glauben neu an. Der erkennt auch seine Sünde. Genau wie jedes Licht Schatten erzeugt. Aber diese Sünde kann eben überwunden werden.
Zuletzt: Evangelischer Glaube sieht in der Begegnung mit den Worten und Geschichten Jesu den überwältigenden Neuanfang, der zwischen den Polen von Sünde und Gnade stattfindet. Glaube ist eine Kraft, eine Dynamik, eine enthusiastische Bewegung. Sie erzeugt andere Überzeugungen, ein neues Denken und neues Handeln. Glaube macht Fischer wie Petrus zu Menschenfischern. Glaube verwandelt Sünde in Angenommensein.
In den letzten Jahren haben einige Menschen neben ihrem Bett im Schlafzimmer so genannte Traumfänger aufgestellt, kleine Holzgebilde mit einer Art Spinnennetz. Sie sollen die Träume der Nacht einfangen, so daß die aufgewachten Schläfer gute Träume erinnern und Alpträume sofort vergessen. Mir gefällt der Gedanke, Christen als Hoffnungsfänger zu bezeichnen. Hoffnungsfänger werfen ein Netz aus wie die Fischer damals am See Genezareth. Glaubende heute werfen ebenfalls ein Netz aus, aber sie fangen nicht Barsche und Karpfen, sondern Hoffnungssplitter, kleine Zeichen, die ihnen die Gegenwart Gottes nahebringen.
Hoffnungsfänger werfen ihre Netze nicht nur für den eigenen Gebrauch aus. Hoffnungssplitter wachsen mit jedem Mal, da sie weitergegeben werden. Glaube und Hoffnung, die Geschichten des Jesus von Nazareth - das braucht das Gespräch, das nach Vertrauen sucht. Es braucht – in allen Situationen der Verzweiflung, des Haderns und Zauderns – die Zuversicht, daß Gott den Menschen, denen er seine Gnade zeigen will, einen guten Fang der Hoffnung auf den Kahn spült.
Der Friede Gottes, der sich anfühlt wie ein überquellendes Netz von Hoffnung, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.