"Atme in mir, du Heiliger Geist..."
Mit jedem Atemzug neu belebt
| Predigttext | Johannes 20,19-23 |
|---|---|
| Kirche / Ort: | Am Grillplatz in Witterschlick |
| Datum: | 25.05.2026 |
| Kirchenjahr: | Pfingstmontag |
| Autor: | Pfarrerin Dagmar Gruß |
Predigttext: Johannes 20,19-23 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 2017)
19 Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! 20 Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen. 21 Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. 22 Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist! 23 Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.
Nach der vielleicht anstrengenden Fahrradtour oder Wanderung hierher hattet ihr nun im Eingangsteil des Gottesdienstes ein wenig Zeit, euch zu entspannen. Kein Keuchen mehr, ihr seid nicht mehr aus der Puste, atmet ruhig ein und aus. Nur die Bläsergruppe muss noch Atem holen, um Trompete und Tuba Töne zu entlocken.
Wer schon einmal eine Panikattacke hatte, weiß, dass einem auch ohne Bewegung die Luft wegbleiben kann: Du stehst vor einem riesigen Auditorium und musst vor vielen Leuten sprechen. Du begegnest deinem Chef, der wieder nicht mit deiner Arbeitsleistung zufrieden ist. Oder du liegst im Krankenzimmer und weißt nicht, wie du mit dieser Diagnose nun weiterleben sollst. Du stehst am Grab, und da wurde der Mensch hineingelegt, in den du einmal sehr verliebt warst, mit dem du dir jahrzehntelang dein Leben eingerichtet hast. Dir stockt der Atem – wie kann es weitergehen?
Jetzt habe ich so ungefähr die Situation der Jüngerschar getroffen, die nach dem Begräbnis Jesu da steht mit ihrer Angst vor einer ungewissen Zukunft. ‚Angst essen Seele auf‘, vielleicht sollten wir uns diesen Faßbinder-Film von 1974 gerade in diesen Tagen nochmal ansehen. Aber das ist ein anderes Thema, bei dem einem die Luft wegbleibt. Ja, es gibt viele Möglichkeiten, wie Menschen sich gegenseitig die Luft zum Atmen nehmen können.
Der Jüngerkreis, in dem das Johannesevangelium entstand, steht vor dem Auseinanderbrechen. Wir erinnern uns: Da waren Leute, die alles auf Jesus gesetzt haben. Die ihre Familien, ihr Zuhause, ihre bisherigen Freunde hinter sich ließen, um mit ihm ein unstetes Leben einzutauchen, auf Wanderschaft zu sein, offen für jede neue Begegnung. Solange er da ist, ist alles gut. Sie fühlen sich geborgen und beschützt von diesem Menschen, der ihnen einen ganz neuen Horizont eröffnet, sie zuschauen lässt, wenn er Menschen heilt, die sich von ihm in ihrer Situation genau getroffen fühlen. Seine Begleiter_innen staunen über das, was möglich ist, fühlen sich angenommen und befreit von ihren Dämonen, die ihnen die Luft abschneiden. Alles ist irgendwie besonders und ihr Leben mit neuem Sinn erfüllt.
Dann aber haben die wichtigen Leute am Tempel und die römischen Besatzer gemeinsame Sache gemacht. Die einen reden von Gotteslästerung, die anderen von politischem Aufruhr, und schon haben sie viele Gründe, Jesus zu verurteilen. Jesus, ihr Freund, ihr Vorbild, ihr Gotteszeuge, ihr Heiland und Prediger auf dem Berge, ist in Gefahr und spricht schon dunkle Ahnungen aus. Als er gekreuzigt wird, sind sie schon weggelaufen. Tod. Aus der Traum. Jetzt folgen nur noch Trauer und Totenklage, das Schluchzen der Frauen, Einhergehen in Sack und Asche.
Heute Morgen kam Maria aus dem Garten, redete irgendetwas von Wiedersehen und Weitersagen. Die Frau hat auch schon von ihren Dämonen erzählt (Lk 8,2)[1]. Wer weiß, was man ihr glauben kann. Da hört man nicht so genau hin. Die Jünger werden ihre Beklemmungsgefühle nicht los, ziehen sich zurück, schließen die Türe ab. Es ist Abend geworden.
Lesung: Johannes 20,1
Hier stockt mir der Atem: Furcht vor den Juden. Wie werdet ihr das heute Morgen hören im Zeitalter dieser antisemitischen Massenpsychose, die gerade umgeht? Furcht vor den Juden haben die Palästinenser in Palästina – die Furcht der Juden hat weltweit zugenommen und ist nicht unbegründet. Einige steile Sätze im Johannesevangelium gehören zur Wurzel der Judenfeindschaft, die wir heute im Netz und auf der Straße hören. Aber nur, weil alles andere überlesen wurde: Jesus ist Jude, wie die Samaritanerin unwidersprochen feststellt (Joh 4,9), seine Jünger waren Juden und das Heil kommt von den Juden, wie Jesus selber sagt (Joh 4,22). Juden wie Nikodemus gehören zu Jesu Sympathisantenkreis. Und doch sind wohl spätere Probleme mit den Synagogenleitungen so erzählt, als ob sie zur Zeit Jesu gemacht worden wären. Wer um solche Hintergründe nicht weiß, hört nur: Vor den Juden muss man wohl Angst haben.
Die Angst der Jünger ist noch da, als Jesus bei ihnen eintrifft. Jesus kommt auch durch verschlossene Türen. Friede sei mit euch! sagt er sofort. Das gewöhnliche ‚Schalom‘ hat hier Tiefenwirkung. Wo Furcht ist, soll Frieden einkehren. An den Wundmalen sollen sie ihn erkennen. Und sie tun es auch. Sie atmen auf. Aus Furcht wird Freude.
Die Frommen wussten es immer: Ohne eine persönliche Jesusbegegnung ist es schwierig, an eine Auferstehung zu glauben. Man muss das Göttliche, das Auferstehen, das Geistwehen eben spüren im eigenen Leben. Thomas tut sich damit am schwersten. Er vertraut nur den Sinnen – wer nicht hören will, muss eben fühlen.
Der Glaube wächst nicht aus dem Hörensagen, sondern aus der eigenen Tiefe. ‚Keine Panik!‘ zu sagen, stoppt keine Panikattacke. Aber viele haben schon gute Erfahrungen damit gemacht, sich an die Schöpfungsgeschichte zu erinnern:
Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Oden des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. (Genesis 2,7) Und hatte Jesus nicht gesagt: Ich lebe, und ihr sollt auch leben? (Johannes 14,19) Und hatte er nicht gesagt: Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich? (Johannes 14,1) Und hatte er nicht den Geist der Wahrheit als Tröster versprochen? (Johannes 14,26) Da ist er wieder, der Geist Jesu! Der Geist des Friedens und der Güte, der Zuwendung und der Heilung. Im Friedensgruß erkennen sie ihn. Wer müsste da noch in seinen Wunden bohren? Seine Jünger erkennen ihn und hören ein zweites Mal: Friede sei mit euch! Sie atmen auf. Sie atmen durch. Sie holen tief Luft und ziehen die Geistkraft in sich hinein, bis sie wirkt. Mit jedem Atemzug mehr von Gottes belebender Schöpfungskraft. Und das versuchen wir jetzt auch einmal hier draußen in frischer Luft, wo die Geistkraft große Chancen hat, zu uns vorzudringen.
4 Sek. einatmen – 7 Sek. halten – 8 Sek. lang ausatmen - Immer durch die Nase und mit der Hand auf dem Bauch, damit wir nicht nur flach atmen, sondern den Geist, die Windstärke Gottes, ganz tief in uns ankommen lassen.
Atem ist ein Ereignis, das uns widerfährt, einfach so, und das wir uns bewusst machen können durch gezieltes Ein- und Ausatmen. Pneuma bei den alten Griechen, Ruach im Hebräischen, Qi als Lebensenergie im Buddhismus.
Was hatte Paulus geschrieben? Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch den Geist, der in euch wohnt. (Römer 8,11) Da haben wir’s! Gottes Geist wohnt in uns. Wir müssen nicht an allen Enden der Erde gewesen sein, um dieser Geistkraft, ich weiß nicht wohin, nachzujagen. Geist in uns, das ist die Mystik der Stunde -biblisch verbürgt.
Lesung: Johannes 20,20-22
Nehmt ihr nun hin den Heiligen Geist! Es ist der gute Geist Gottes, die Geistkraft des Lebens, die euch lebendig macht.
Gewaltige Dämonen werden weggeblasen und Kraft wird den Jüngern eingehaucht: Und … er blies sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten. (Johannes 20,22f.)
Schlüsselgewalt, Absolutionsgewalt für die Jünger_innen – eingehauchte Vollmacht nun für uns. Damit seid ihr fähig, das fortzusetzen, was Jesus angefangen hat: Vergebung zu gewähren, damit nicht Untat auf Untat folgt und der Friedensgruß ernstgemeint ist. Vergebung, d.h. doch, die Menschen auszuhalten, wie sie sind. Freunden zu verzeihen, dass sie in der entscheidenden Stunde nicht zu dir gehalten haben. Da verließen ihn alle Jünger und flohen, heißt es im Matthäusevangelium (26,56). Sie kannten nicht nur die Angst um Jesus, sondern auch die um das eigene Leben. Im Johannesevangelium hören wir einen Jesus, der das schon ahnt: Siehe, es kommt die Stunde und ist schon gekommen, dass ihr zerstreut werdet, ein jeder in das Seine, und mich allein lasst. (Johannes 16,32) Es gibt also viel zu vergeben, zuallererst sollten sie es schaffen, sollten wir uns selbst vergeben, damit die Enge aus ihrem Brustkorb weicht. Sie brauchen lange, bis sie ihre Tür wieder öffnen, nach draußen treten und alle Angst hinter sich lassen.
Es ist gut, sich aus den Verhältnissen herauszulösen, die einem die Luft nehmen, meinte Paula Modersohn-Becker (1876-1907). Maria ist schon unterwegs. Auch die Jünger werden es schaffen, ihre Füße wieder auf weiten Raum stellen zu lassen. Die Geschichte der Kirche bezeugt dauernd, wie Menschen aus der Enge durchatmend ins Freie finden. Wer’s nicht glaubt, wird die Finger nicht mehr in Jesu Wunden legen können, aber mit jedem Atemzug neu belebt: Atme in mir, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges denke, betete Augustinus. Mein Atem ist mein Gebet, sagte Hildegard von Bingen, ließ die engen Klostermauern hinter sich und nahm draußen die Grünkraft wahr. ___________________________________
[1] Luzia Sutter Rehmann (Dämonen und unreine Geister. Die Evangelien, gelesen auf dem Hintergrund von Krieg, Vertreibung und Trauma, S.404ff.) weist darauf hin, dass sich bei Maria - die ausdrücklich einen Ortsbeinamen, nämlich ‚Magdalenerin‘, trägt, was sonst nicht üblich ist, also den Namen eines Ortes von Widerständigen gegen die Römer – hinter dem Dämonenthema reale Gewalterfahrungen oder die Angst davor verbergen könnten.