Das Geheimnis des ersten Satzes
Das ist schon ein dicker Brief. Ein Brief zum Blättern. Seite 1, Seite 2, Seite 3 … Aber vorne macht sich ein gewichtiger erster Satz dann doch ganz gut! Ein Blickfänger?
„Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus.“
Ach, Paulus, warum ein solcher Satz? Gerecht durch Glauben – Frieden mit Gott. Reicht es nicht, ein guter Mensch zu sein? Reicht es nicht, sich für Frieden einzusetzen? Die großen Worte sind doch längst alle verblassst und klein geworden. Wir sind sehr bescheiden geworden. Von Glauben wagen wir oft nicht einmal mehr zu reden.
Schauen wir genauer hin, tut sich uns dann doch eine andere Welt auf. Paulus schreibt, dass Gott uns nahe ist. Er ist immer schon da, wenn wir kommen – und wenn wir gehen, ist er auch da. Wir bleiben in seinem Frieden. Sein Frieden: er macht heil, was zerbricht. Er fügt zusammen, was sich trennt. Er hebt auf, was auf die Erde geworfen wurde. Friede ist mehr als Abwesenheit von Krieg, Streit und Hass. Friede- das sind Gemeinschaft, Glück und Vertrauen.
Paulus schreibt den Christen in Rom, der Hauptstadt der antiken Welt, dass wir gerecht geworden sind. Wir! Ich lebe nicht in Rom. Die Stadt ist weit weg. Doch gerecht geworden - ich? Ich könnte mir ein Denkmal bauen! Eine Laudatio halten! Ein Verdienstkreuz verleihen! Manchmal möchte ich das gerne können, wo ich doch so gut, so klug – und so unerkannt, so verkannt bin. Da tut es richtig gut, einfach als geliebter Mensch angenommen zu sein. Nicht immer von Menschen, aber immer von Gott.
Gerecht geworden! Ihm, Gott, recht! Hinter dieser wuchtigen Tür, die das Paradies öffnet, sind auch meine Schattenseiten zu Hause, die Zweifel und Selbstzweifel, die Ängste, die Sehnsüchte, das nicht gelebte Leben, die verlorenen Träume, der bittere Geschmack auf der Zunge, die versteckten Tränen, schmerzende Worte, der mühsam unterdrückte Hass…
Manchmal habe ich das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen, manchmal sehe ich mich dazu aufgefordert, manchmal frisst es in mir. Paulus weiß sehr viel von Anklagen und Selbstanklagen. Gelegentlich schreibt er sich von der Seele, was ihn umtreibt – oder was ihn attackiert. Gerade deswegen muss das in den ersten Satz: „Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben.“ Und es muss geschrieben sein! Festgehalten! Verbrieft!
Was Glauben heißt? Glauben heißt sehen, die Augen aufmachen, den Himmel trinken. Glauben heißt, glücklich zu sein – und Gott zu sehen. Seine Liebe und Treue haben ein Gesicht. Das Gesicht Jesu. Frieden mit Gott haben wir durch ihn. Wenn wir ihn anschauen! Wenn wir ihm in die Augen sehen! Wenn wir ihm die Worte vom Mund abnehmen! Ein Gesicht! Eine Geschichte! Eine Liebesgeschichte!
An einem Brunnen
Was halten Sie davon, wenn wir uns jetzt ein wenig an einem Brunnen ausruhen? Paulus ist es zu verdanken, dass mir dieses Bild in den Sinn kommt! Obwohl er einen solchen Ort nirgendwo erwähnt – ich sehe den Brunnen sprudeln! Er hat Stufen, über die das Wasser rinnen kann. Glitzernd. Im Sonnenlicht glänzend. Oben ist der Brunnen schmal, fast schon zerbrechlich – je weiter er nach unten geht, desto breiter wird er. Ich kann mich hinsetzen. Das Wasser läuft von oben, springend, tänzelnd. Und doch immer im Gleichmaß. Im Plätschern nistet die Ruhe. Wir sind oft müde. Wir bringen mit, was uns bedrängt. Über viele Ängste reden wir nicht. Bedrängnis ist die Summe des Drängenden, des Bedrängenden. Es ist die Attacke auf unser Leben, die Attacke auf die Welt.
Sie wissen, was Sie bedrängt! Sie könnten jetzt auch Geschichten dazu erzählen. Vielleicht besteht nach dem Gottesdienst die Möglichkeit, bei einer Tasse Kaffee Gedanken aufzugreifen und zu verbinden. Gedanken, die Sie beschäftigen, vielleicht auch umtreiben. Das muss nicht mit dem eigenen Leben zu tun haben, das vielleicht im Gleichmaß ist – oder auch im Trott. Aber wir sehen, wie die Welt in die Zange genommen wird. Nein, wie Menschen die Welt in die Zange nehmen, sie ausbeuten, sie ihrem Profit opfern. Paulus hat ebenso für das Stöhnen der Natur, für das Seufzen der Geschöpfe Worte gefunden. Apokalyptische Szenarien kannte er bestens. Nichts Neues unter Sonne, sagte der Prediger einst und wusste doch, dass nichts verborgen bleiben kann. Auch nicht, was uns bedrängt.
Es gibt einen neuen Kriegsschauplatz. Iran. Naher – so ferner Osten! Der Krieg in der Ukraine, der nicht so heißen darf, geht ins fünfte Jahr. Ich lese die Zeitung, ich schaue die Nachrichten. Alles huscht an mir vorbei. Das Gefühl, nicht mitzukommen, begleitet mich in den Schlaf. Viele Menschen sind auf der Flucht vor Gewalt. Sie verstehen nicht, was sich hinter ihren Rücken abspielt. Über ihren Köpfen wird große Politik gemacht, Krieg geführt – es wird zerstört, was das Zeug hergibt. Und die Waffengeschäfte gehen gut. Sie müssen, sagen Wirtschaftsfachleute, sogar noch besser werden! Mit Autos und Heizungen sei kein Staat mehr zu machen.
Doch die einen haben keine andere Hoffnung als die Flucht – die anderen hoffen, dass jemand eine Idee hat, wie Menschen draußen bleiben. In Europa wird seit Jahr und Tag um das Problem herumgeredet. Es bleiben nicht nur Menschen auf der Strecke – es sind Hoffnungen, die untergehen, Vertrauen, das sich verliert, Gewalt, die sich breitmacht. Sie wird mal kunstvoll, mal verloren, mal verlogen gerechtfertigt. Die Welt ist voller Rechtfertigungen – des nicht zu Rechtfertigenden.
Ich lese ein Buch. Kübra Gümüsay, eine Türkin, die in Hamburg lebt, hat ihr Buch veröffentlichen können: „Sprache und Sein“. So gewichtig und akademisch der Titel daherkommt, es ist stellenweise ein fast schon zärtliches Buch. Die junge Autorin, schon weit herumgekommen in der Welt, enthüllt, wie unser Denken durch Worte geprägt wird und unsere Politik auch. Worte verletzen, sie sind wie Steine, sie machen aus Menschen ein Ding – dabei können sie doch Beziehungen knüpfen, Erfahrungen verzaubern und einen Menschen mit seinen Namen nennen.
Die Sehnsucht nach einer Sprache, die jeden Menschen wahrnimmt und niemanden abqualifiziert, auch keinen Menschen in eine Schublade sperrt, ist ungebrochen, auch in einer Zeit der immer härteren, hasserfüllten Sprechweisen, die nicht einmal mehr die Öffentlichkeit scheuen. Um Worte und Sätze werden Stacheldrähte gezogen, die Zungen reden sich blutig und Münder werden zu Gefängnissen. Paulus weiß um die Bedrängnisse. Plural. Die einzelnen Bedrängnisse haben alle einen Namen. Sie lassen sich identifizieren. Sie lassen sich auch auseinanderhalten. Aber in Summe erdrücken sie Menschen und ihre Welt, erdrücken sie die Natur, erdrücken sie die Hoffnung.
Ich schaue auf den Brunnen. Aber dann sehe ich auch, wie von Stufe zu Stufe Geduld quillt, wie sich Bewährung einstellt und Hoffnung zu sprudeln anfängt. Da, wo sich die Kaskaden auflösen. Das Wasser zur Ruhe kommt. Noch einmal neu in den Kreislauf zurückfindet. Es hat etwas Bezwingendes: Geduld, Bewährung und Hoffnung.
Wer Bedrängnisse hinnimmt, braucht keine Geduld, er lässt einfach alles laufen. Wer Bedrängnisse hinnimmt, muss sich nicht bewähren. es läuft alles ohne ihn. Wer Bedrängnisse hinnimmt, wird nichts hoffen, es bleibt alles beim Alten. Hat Gott nicht dem Tohuwabohu, dem Chaos, nicht schon am ersten Tag der Schöpfung alle Macht genommen? Einfach, indem er das Licht geschaffen hat? Paulus weiß, dass die Bedrängnisse einer vergehenden Welt zugehören, die neue ist voller Geduld, Bewährung und Hoffnung. Nichts bleibt beim Alten.
Ich schaue auf den Brunnen. In den sprudelnden, leuchtenden Wassern, die ihren Weg nach unten finden, sehe ich Menschen, die mit viel Geduld und großem Einsatz für Frieden kämpfen, die wahrheitsgemäß berichten, die sich mit Hetze und Hass nicht abfinden. Im Lauf des Wassers sehe ich auch Hoffnungen wachsen, die klein und behutsam sprießen, aber aufgehen und nicht zu übersehen sind. Paulus spricht von der Liebe Gottes, die in unsere Herzen ausgegossen ist. Paulus spricht von dem heiligen Geist, der uns gegeben ist.
Der krönende Schluss
Paulus hat seinen Brief, bevor er zu uns kommt, nach Rom geschrieben. Weltstadt! Imperium! Von der ziemlich kleinen christlichen Gemeinde wissen wir zwar Einiges, das Meiste aber wohl nicht. Von der Liebe Gottes zu reden, von seinem Frieden, hat gleichwohl immer schon einen eigenen Reiz gehabt und Wirkungen hervorgerufen in Rom und anderswo. Wirkungen, die die Zeiten überdauern. Gott fängt immer neu an mit Menschen! Seine Geschichte ist die Geschichte von Fortsetzungen. Er hat Geduld. Er bewährt seine Treue. Wo er ist, blüht die Hoffnung.
Das größte Geheimnis seiner Liebe, seines Friedens ist, dass er selbst die Risse heilt, die es zwischen uns und ihm gibt. Zwischen ihm und der Welt. Wie er das macht, sehen wir am Kreuz: Er geht in unseren Tod, um uns sein Leben zu schenken. Unseren Tod! Sein Leben! Paulus weiß dafür kein besseres Wort als das große Wort „Versöhnung“. Paulus formuliert das schlicht: Wir sind keine Feinde mehr, keine Feinde mehr bei Gott. Das ist der krönende Schluss dieses Briefes. Von ihm geliebt und befreit sind wir mutig, alle Feindbilder aus ihren Rahmen fallenzulassen, Brücken über Gräben zu bauen und den alten Geschichte ihre Sprengkraft zu nehmen. Versöhnung ist übrigens immer der krönende Schluss!
Das ist schon ein dicker Brief. Ein Brief zum Blättern. Seite 1, Seite 2, Seite 3 … Aber mittendrin macht sich der letzte Satz dann doch ganz gut! „Wir rühmen uns Gottes durch unseren Herrn Jesus Christus, durch den wir jetzt die Versöhnung empfangen haben“. Der Lobpreis soll das letzte Wortbekommen. Die großen Worte fangen noch einmal an, hell und schön, glänzend und befreiend zu werden: Gerecht durch Glauben – im Frieden mit Gott.