Ein neues Kirchenjahr beginnt in der dunkelsten Zeit. Ein neues Kirchenjahr, in dem sich unsere Gemeinde mit dem Kalenderwechsel stark verändern wird. Fusion liegt in der Luft. Gemeinden rücken zusammen, um den Stürmen der Zeit, der Abkehr vieler von Kirche und Glaube zu begegnen. In unsern Gemeinden wird viel Gutes getan. Aber die Schatten der Vergangenheit wirken noch nach und ziehen die Gutwilligen mit nach unten.
I
Unbeirrt bereiten wir uns auf die Ankunft Christi vor. Denn die Kirche ist doch kein weltlicher Verein, sondern eine Stiftung des Heiligen Geistes. Wir Menschen haben sie in die Form einer Institution gegossen. Warum? Weil die Ordnung schon seit der Schöpfung gut ist und das Chaos beruhigt. Weil die hochgefährlichen Energien in der Ordnung friedlich bewirtschaftet werden können, vor allem aber, weil die Kirche als verlässlicher Ort für Zusammenhalt und Liebe steht, damit Hilfesuchende wissen, wohin sie sich wenden können. Die unsichtbare Geistkraft weht schließlich, wo sie will.Wir Menschen in Raum und Zeit schaffen Orte und Tage, Kirchengebäude und ein Kirchenjahr, in die die Geistkraft einziehen, sich heimisch fühlen kann, bevor sie weiterzieht an die unwirtlicheren Orte. Auch dort will sie den Heiland und das Heil verkünden, heilen und heiligen.
Noch leisten wir sie uns, die verlässlichen Orte der Anbetung, wo der Traum gehegt wird, dass die Letzten nicht das Letzte sind, sondern zu Ersten werden können. Wo jedes Lebewesen zählt, weil es aus Gottes Schöpferwillen geflossen ist. Die Tiere übrigens auch. Wer das nicht glaubt, verliert die Kinder und die Einsamen, die sie so lieben. Sie waren es, die unseren Heiland gewärmt haben, als er zur Welt kam. Und sie wärmen uns noch – mit ihrer Nahbarkeit.
Am 1. Advent 2025, zur Zeit des großen Zusammenrückens unserer Gemeinden im deutschsprachigen Raum, hören wir von Jesu Einzug in Jerusalem. Ach, wie wunderbar wäre es, wenn wir ihn einziehen sehen könnten in diese heilige Stadt Jerusalem, wo die Liebe wohnt, wie auf einem Pulverfass. Oder in Bethlehem, wo schon zum dritten Mal die Energie für ein Weihnachtsfest in der Geburtskirche fehlt, wie ich von einer orthodox-christlichen Bewohnerin höre.
Unser Heiland wird zu uns getragen auf dem warmen Rücken eines Lasttieres. Wir sehen einen Menschen auf uns zukommen, der es einfach nur gut meint mit uns, verlässlich gut meint – in Zeiten der größer werdenden Angst, dass unser 80 Jahre alter Friede vielleicht so sicher nicht mehr ist, ein hohes Gut. Die Ängstlichen suchen nach dem, was trägt – wie ein warmer Rücken den Heiland. Ja, auch er hat die Wärme des Tieres nötig.
Bis vor kurzem dachten wir, die Vernunft würde uns tragen in eine immer friedlicher werdende Welt, weil Krieg nicht nur grausam, sondern auch unvernünftig ist. Aber sie scheint uns nicht zu tragen, die Unvernünftigen bekommen derzeit den größten Applaus. Vielleicht sitzt die Vernunft auf einem zu hohen Ross und macht den Vielen den Aufstieg unmöglich?! Müssen wir deshalb nochmal zurück ins Zeitalter der Kriegstreiber und Diktatoren, bis die Vernunft sich zu Jesus auf den Esel setzt? Die Ankunft Christi ist nicht hochherrschaftlich beschrieben: „Er ist gerecht, ein Helfer wert; Sanftmütigkeit ist sein Gefährt, sein Königskron ist Heiligkeit, sein Zepter ist Barmherzigkeit“, nicht nur groß von Wort, sondern groß von Tat.
Unbeirrt bereiten wir uns deshalb auf die Ankunft Christi vor. Was bleibt uns anderes übrig, wenn wir nach Sicherheit in einer fragilen Zeit des Umbruchs suchen? Die Weltarchitektur der Großmächte ist ins Wanken geraten, seit die Bündnisse nicht mehr tragen und die Wertegemeinschaften auseinanderbrechen.
II
Unbeirrt bereiten wir uns auf die Ankunft Christi vor und nehmen einen jahrtausendealten Brief zur Hand, der an die Christengemeinde in Rom geschrieben ist. Eine junge Gemeinde, die sich arrangieren musste mit einer Großmacht, die vor den großmächtigen Kaisern immer mal wieder in die Katakomben fliehen musste, um nicht in den Arenen von Löwen gefressen zu werden. Paulus hat diesen Brief geschrieben. Es ist der längste unter den von ihm überlieferten.
Der unzeitige Apostel hatte viel mitzuteilen, um die Gemeinde in der Nachfolge Christi ‚einzunorden‘. Er schreibt von Sünde und vom Glauben, vom Frieden mit Gott und vom Gesetz, von Juden und Christen und ihrem Verhältnis zueinander, vom Christsein im Alltag und von vielen Grüßen an viele gemeindewirksame Frauen und Männer.
Das 13. Kapitel dieses Briefes, dessen Lektüre ich Ihnen heute empfehle, ist verrufen. Paulus fordert bedingungslosen Gehorsam gegenüber die Obrigkeit als einer göttlichen Institution. Ja, kannte er denn keine ungerechten Staatssysteme? Die römische Großmacht war doch keineswegs gerecht und menschenfreundlich, sondern machte sich die Völker untertan und scheute vor keiner Gewalttat zurück. Von Kaiser Claudius ist um 49 n. Chr. überliefert: „Die Juden, die sich von Chrestus ständig zu Unruhen anstiften ließen, vertrieb er aus Rom“.Elf Synagogen sind nachweislich in Rom gewesen.
Wieviele mit christusgläubigen Juden wie Paulus belegt waren, wissen wir nicht genau. Jedenfalls scheint sich der Brief nach Rom vor allem an die nichtjüdischen Christen zu richten, die begreifen sollen, wie sie zu den Juden stehen. Sie versammelten sich wohl im Haus von Priska und Aquila. Paulus war bis dahin noch nie in Rom gewesen. Vielleicht macht er sich deshalb so viel Mühe mit fundamentalen theologischen Einordnungen.
Aber Paulus weiß viel von denen in Rom, weiß, dass es dort auch Geliebte Gottes und berufene Heilige (Röm 1,7) gibtwie in Korinth die Geheiligten in Christus Jesus, die berufenen Heiligen und alle, die wo auch immer den Namen Jesus Christus anrufen (1Kor 1,2), die Heiligen in ganz Achaja (2Kor 1,1) und die Heiligen in Christus Jesus in Philippi. Diese Geliebten Gottes und berufenen Heiligen sollen sich nicht nur der Synagogenobrigkeit unterordnen und Synagogensteuern entrichten, sondern auch der politischen Obrigkeit unterordnen und dem Kaiser Steuern zahlen.
Auch die weltliche Macht ist vom Gott Israels eingesetzt und ihm damit untergeben. Paulus musste als Jude mit römischem Bürgerrecht und im Angesicht eines unberechenbaren Imperiums eine Ethik entwickeln, die den Christusgläubigen das Überleben sichert. Denn die ‚Heiligen‘ waren einer größeren Aufgabe verpflichtet und sahen das nahe Ende dieser ungerechten Welt und die Wiederkunft Christi schon vor sich.
III
Sind wir vielleicht in einer ähnlichen Lage? Vieles, was politisch geschieht, all das Machtgebaren der Egomanen und Narzissten kommt uns lächerlich und vorläufig vor. Wir können uns nur mit Bonhoeffers Bekenntnis, dass Gott aus dem Bösesten Gutes entstehen lassen kann und will, trösten. Den größeren Überblick gewinnen wir aus dem Glauben an den uns liebenden und lenkenden Gott, der ganz neue Maßstäbe anlegt.
Darum: Unbeirrt bereiten wir uns auf die Ankunft Christi vor. Uns bedeutet dieser schwache Mann aus Galiläa etwas, der da in die Stadt seines Vaterhauses, den Tempel, einzieht. Er bedeutet uns mehr als die vergänglichen Fürsten dieser Welt. Er will kein Überflieger sein wie sie, weil er weiß, dass Gottes Maßstäbe andere sind als unsere, dass Gottes Gedanken nicht unsere und unsere Wege nicht Gottes Wege sind.
Jesus steht für die Umwertung aller Werte. Jeder Mensch gilt ihm etwas und sei dieser Mensch auch klein und unbedeutend, vor Gott gilt kein Ansehen der Person. Das schafft Zusammenhalt unter Gleichgestellten. Das macht Liebe möglich als einzige Haltung, die wir Menschen einander schuldig sind. Die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung. Wer darüber mehr wissen möchte, lese das Hohelied der Liebe, das Paulus in einem Brief nach Korinth schrieb (1Kor 15) oder über die Liebe im Johannesevangelium (Joh 13; 15) oder in den Johannesbriefen oder auch in der hebräischen Bibel.
Damit wir die Liebe inmitten der Hassbotschaften der digitalen Welt nicht vergessen, sollten wir unsere Wiederbewaffnung mit den Waffen des Lichts unbedingt betreiben. Nur so ist den Diffamierungen und Unterstellungen des öffentlichen Raumes beizukommen: Jetzt die Menschenfreundlichkeit Gottes stark zu machen, ist unser christlicher Auftrag. Den lieben Worten Liebestaten folgen zu lassen, würde uns zu Heiligen machen, nicht zu unbefleckten Heiligen, aber doch zu solchen, die noch zwischen Gut und Böse, zwischen wahrer Stärke und Schwäche unterscheiden können.
Ein neues Kirchenjahr beginnt, der Tag ist nahe herbeigekommen. Viele Gemeinden rücken näher zusammen in unseren Landeskirchen auf der Suche nach Wärme und Zusammenhalt und halten sich gleichzeitig offen für einen immer neu einziehenden Christus. Mit ihm könnte es wieder liebevoller, freundlicher, heller werden um uns herum. Mitgegeben ist uns Docht und Wachs (Teelicht), zündet es an, lasst es leuchten, wenn ihr irgendwann spürt, dass das Licht Christi in euch wirksam ist!