Augen, die sehen
Eingeladen, auf die Blickrichtung zu achten
| Predigttext | Lukas 9,57-62 |
|---|---|
| Kirche / Ort: | Heidelberg |
| Datum: | 08.03.2026 |
| Kirchenjahr: | Okuli (3. Sonntag der Passionszeit) |
| Autor: | Kirchenrat Pfarrer Dr. Heinz Janssen, Dozent an der Moriah Theologischen Hochschule in Tangerang b. Jakarta/Indonesien |
Predigttext: Lukas 57-62 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 2017) 57 Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. 58 Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. 59 Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. 60 Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! 61 Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. 62 Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.
„Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück...“, Worte Jesu, dem Arbeitsalltag entnommen. Schnurgerade Furchen sind für den sinnvollen Anbau von Feldfrüchten erforderlich, Konzentration bei der Arbeit ist nötig. Es ist wahr, die Hand an den Pflug zu legen und dabei zurückzusehen, ergibt keine gerade Furche und ermöglicht kein zufriedenstellendes Arbeitsergebnis. Übertragen auf die menschliche Lebenswirklichkeit bedeutet dies, ein Ziel im Leben zu haben und darauf hinzuarbeiten, das Leben im Einklang mit dem Willen Gottes und seinem Anspruch sinnvoll zu gestalten. Der Pflug kann im übertragenen Sinn Herz, Verstand, Hände und Füße, Augen und Ohren sein.
I
„Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück...“, Rudernde steuern ihr Boot mit dem Blick zurück nach vorne. Rückwärts in die Zukunft? „Gedenken“ heißt ein wichtiges biblisches Wort. Es bedeutet mehr als „erinnern“, es rät, im Rückblick das Gestern in das Heute hineinzunehmen. Solches Zurückschauen kann in bestimmten Lebenssituationen schmerzlich sein, zum Beispiel für Menschen auf der Flucht vor Krieg und Terror, die auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft alles zurücklassen müssen. Unter anderen Lebensumständen kann der Blick zurück zur Kraftquelle werden, wenn gute Erfahrungen zu neuen Sichtweisen auf das Leben verhalfen und daran angeknüpft werden kann.
Ist es der unbedachte Blick zurück, den Jesus im Auge hat? Achtung beim Pflügen. Schaust du unachtsam zurück, ändert sich unbemerkt die Richtung, du ziehst krumme Furchen und verfehlst das Ziel. Du übersiehst die Steine, sie beschädigen den Pflug, es geht nicht gut weiter. Der gedankenlose Blick zurück führt ebenso wie der blinde nach vorne gerichtete Eifer leicht vom Weg ab.
II
„Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ Der Evangelist Lukas erzählt von drei unterschiedlichen Begegnungen mit Jesus. In der ersten will sich jemand fest entschlossen Jesus anschließen: „Ich will dir folgen, wohin du gehst“. Was ihn zu dem Wanderprediger Jesus hinzog, wird nicht gesagt. Jesu Antwort überrascht. Kein „Schön, sei willkommen!“, sondern ein „Vorsicht“ bekommt er zu hören, und Jesus erklärt: „Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege“. Eine ernüchternde Antwort.
Im Normalfall, so könnten Jesu Worte verstanden werden, gebe es naturgemäß für die auf dieser Erde Lebenden ein Zuhause, eine Höhle, ein Nest, ein Zelt, ein Haus. Jesus selbst habe das nicht, und er könne es auch anderen nicht bieten. Wer mit ihm gehe, dürfe nicht mit Bequemlichkeit und Ruhe rechnen. Es gelte, für die Menschen unterwegs zu sein, Tag und Nacht, bei Sonne und Regen, in Hitze und Kälte.
Weist Jesus, der ein familiäres Zuhause in Nazareth kannte und später in Kapernaum bei Simon Petrus wohnte[1], vielleicht eher auf sein Zuhause bei Gott hin?[2] Um mit den Menschen auf dieses Ziel hin unterwegs zu sein, braucht Jesus so etwas wie eine vorübergehende Bleibe im Herzen der Menschen, um mit ihnen für andere, die Hilfe brauchen, da zu sein. Himmelreich auf Erden.
III
„Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ Noch für eine zweite Person kommt es zu einer Begegnung mit Jesus. Die Initiative ergreift Jesus selbst: „Folge mir nach“. Aber seitens des Gerufenen kommt kein „Gut, ich komme gern mit, danke für die Einladung“, sondern ein „Ja, aber“: „Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe“. Aber Jesus spricht zu ihm: „Lass die Toten ihre Toten begraben, du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!“
Da stirbt der Vater, und Jesus verwehrt es dem Sohn oder der Tochter, an der Bestattung des Vaters teilzunehmen? Widerspräche dies nicht seinen Worten und Taten? Jesus heilte Kranke, tröstete Trauernde. Unmöglich, dass Jesus Angehörige daran hindern wollte, dem Vater oder der Mutter die letzte Ehre zu erweisen. Seine Antwort bestätigt dies: „Lass die Toten ihre Toten begraben, du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes“. Die Toten können nicht Tote begraben. Jesus antwortet bildhaft. Nicht die leibliche, sondern die geistliche Verwandtschaft spricht er an. Es ist die Frage, wessen Geistes Kind der Mensch ist.
Die anderen „Geister“ dagegen, die Besitz vom Menschen ergreifen, ihn sogar gegen sich und andere aufhetzen können, sind „Totengeister“. Sie breiten sich aus, verbunden mit Machtgier, Lüge, menschen- und schöpfungsverachtender Gewalt, Terror, Krieg. Sie lassen die Lebendigkeit Gottes in den Menschen sterben, machen sie gleichsam zu todbringenden oder lebenden Toten. Mensch, verlass ihr Totenhaus, weine und trauere nicht um sie, sondern gehe hin und verkündige das Reich Gottes. Denn in diesem Reich sind jene Kräfte zu Hause, die helfen, Todbringendes zu überwinden und sich dem Leben zuzuwenden. „Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!“
IV
Ähnlich antwortet Jesus der dritten Person, die ihm nachfolgen will, sich aber zuvor von ihrer Familie verabschieden möchte: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes“. Jesus sucht bei den Menschen, die ihm nachfolgen, mit ihm gehen wollen, nicht halbherzige, sondern ungeteilte Hingabe für das Himmelreich, „von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft“.[3] Ihre Begeisterung soll kein Strohfeuer und ihre Zurückhaltung kein Sich-Verschließen sein.
Jesus kann dem Menschen, der sich für ihn entscheidet, kein Leben ohne Leid versprechen, keinen Lohn auf Erden. Es kann sein, dass sie sich nach den Gruben der Füchse oder den Nestern der Vögel sehnen, weil sie sich auf einmal heimatlos fühlen oder ihnen buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Jesus selbst, dem sie sich aus Überzeugung anschließen, kann der Grund sein. Mit ihm zu gehen, ihm zu folgen, hat Konsequenzen. Seiner Lehre zu vertrauen, sich an seinem Leben zu orientieren, ist heute leicht und morgen schwer. „Aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege“, spricht Jesus zu dem Menschen, der sich mit ihm auf den Weg begeben will.[4]
Jesus, der Menschensohn und Gottessohn.[5] Sein Reich ist „nicht von dieser Welt“.[6] Der Sonntag Okuli, dem das Bibelwort dem Kirchenjahr entsprechend zugeordnet ist, lädt zu einer Änderung der Blickrichtung ein: „Meine Augen sehen stets auf Gott“.[7] Mit Jesus Hand an den „Pflug des Lebens“ zu legen und das Gottesreich in Wort und Tat zu verkündigen, stellt vor kein unerfüllbares Ideal. Jesus ermutigt, mit ihm das Ziel im Blick zu behalten, gegen alle Widrigkeiten „die Flucht nach vorne anzutreten“, an sich selbst und für diese Welt zu arbeiten, damit sie so wird, wie Gott sie gewollt hat, eine Welt in Gerechtigkeit, Liebe und Frieden.
[1] Mk 1,9; 21ff.; 2,1. [2] Joh 14,2. [3] Dtn 6,4. [4] Vgl. In Jung, Passio Christi, Tribulatio Discipuli. Eine exegetische und narratologische Untersuchung zu den Leidensvorstellungen des lk Doppelwerks, NTOA 125, Göttingen 2020. [5] Nach orthodoxer Theologie ist Jesus schon immer, vor aller Zeit („präexistent“), der Gottessohn, der von Gott nicht „auferweckt“ werden musste, sondern kraft seiner Gottessohnschaft selbst aus Tod und Grab „auf(er)stand“. [6] Joh 18,36. [7] Ps 25,15.