Bei der Beschäftigung mit dem Predigttext ging mir eine Liedstrophe von Dietrich Bohnoeffer durch den Kopf:
"Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag".
Dietrich Bonhoeffer hat diese Zeilen in seiner Gefängniszelle in Berlin 1944 geschrieben. Mich beeindruckt die Glaubenskraft, die große Zuversicht, die sie ausstrahlen. Selbst in dieser denkbar schlimmsten Lage, getrennt von Familie und Freunden, in einem von Gewalt beherrschten Land, in einer dunklen Zelle im Kellergefängnis fühlt sich Dietrich Bonhoeffer "von guten Mächten wunderbar geborgen". Er glaubt fest daran, Gott ist bei uns. An jedem Tag, in jeder Nacht, egal, was kommen mag, Gott ist da.
Aus einer ganz anderen Zeit kommt unser Predigttext. Es ist ein Brief, geschrieben an Timotheus, einem Mitarbeiter des Paulus. Timotheus verkündigte wie Paulus das Evangelium an vielen Orten. Dabei wurde er oft abgelehnt, verspottet und sogar verfolgt. Paulus war am Ende seines Lebens gefangen genommen worden und dies nicht zum ersten Mal. Auch sein Mitarbeiter Timotheus fürchtete sich offenbar davor. Der Timotheusbrief will ihm Mut machen, das Evangelium trotz all dieser Widerstände zu verkünden:
(Lesung des Predigttextes, 2. Timotheus 1,7-10)
Timotheus, Dietrich Bonhoeffer, wir Christinnen und Christen heute. Das sind zunächst einmal ganz unterschiedliche Personen und Situationen. Timotheus, ein früher christlicher Missionar, der unter großen Gefahren das Evangelium predigte. Bonhoeffer, der für seinen Glauben einstand und in den Widerstand ging. Wir heute, im Jahr 2026. Ich glaube, was uns verbindet, ist das Gefühl, ausgeliefert zu sein. Zwar werden wir nicht verfolgt wie Timotheus. Wir sitzen auch Gott sei Dank in keinem Gefängnis in einem Unrechtsstaat wie Bonhoeffer. Und doch haben sich in den letzten Jahren Krisen verschärft, sind Konflikte eskaliert, sodass einem der „Geist der Furcht“ ziemlich bekannt vorkommt. Mir jedenfalls geht das in letzter Zeit oft so, wenn ich mit Menschen verschiedenen Alters rede. Egal, ob es dabei um unser Bildungssystem geht, um das Klima, um die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf den Arbeitsmarkt, um die Zukunft unserer Demokratie, es fällt immer schwerer, zuversichtlich zu bleiben.
Es fällt schwer, anderen Mut zu machen. Der „Geist der Furcht“ macht sich breit in diesen Gesprächen. Da liegt die Verbindung zu unserem Bibeltext. Denn auch der Brief an Timotheus spricht zu einem Menschen, dessen Leben gerade voller Probleme ist. Timotheus steht vor einer Aufgabe, die ihn überfordert, vor der Angst hat. Er soll das Evangelium verkündigen. Er soll für seinen Glauben einstehen, obwohl er erlebt, wie gefährlich das werden kann. Paulus ist dafür schon ins Gefängnis gekommen. Der Brief spricht diese Angst offen an. Doch er erinnert Timotheus daran, dass der „Geist der Furcht“ nicht die einzige Kraft ist, die sein Leben bestimmt.
„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ Ich finde, das ist ein unglaublich starker Satz. Er zählt nicht umsonst zu den beliebtesten Segensprüchen bei Trauungen und Konfirmationen. Bis heute begleitet er Menschen, die sich auf den Weg machen, ihr Leben als Christen zu führen. Mit all den Herausforderungen, die dieses Leben bereithält: Als Konfirmand, der die ersten Schritte in die Erwachsenenwelt geht. Oder als junges Paar, das sich auf das Abenteuer einlässt, zusammen durchs Leben zu gehen. Auf Beidem liegt der Segen Gottes. Er schenkt den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.
Wir leben in einer Zeit, in der Vieles unsicher geworden ist. Wir sorgen uns um die Zukunft unserer Demokratie. Wir fragen uns, wie der Klimawandel und die künstliche Intelligenz unsere Welt verändern werden. Dazu kommen die ganz persönlichen Sorgen: Krankheit, Einsamkeit, der Verlust eines lieben Menschen. Es gibt genug Gründe, sich zu fürchten. Der "Geist der Furcht" ist uns, glaube ich, allen gut bekannt. Der Glaube verlangt nicht von uns, dass wir diese Furcht ausklammern. Er eröffnet uns aber eine andere Perspektive. In uns wirkt ein Geist, der stärker ist als der Geist der Furcht.
Der Brief an Timotheus setzt dem Geist der Furcht etwas entgegen: den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Der "Geist der Kraft" bedeutet: Wir wagen unseren nächsten Schritt, auch wenn der ganze Weg noch verborgen bleibt. Ich denke an einen Menschen, der nach einer schweren Krankheit wieder langsam beginnt, seinen Alltag aufzunehmen. Vielleicht schafft er es am Anfang nur, aufzustehen und ins Bad zu gehen. Einige Zeit später macht er dann den ersten kleinen Spaziergang. Für ihn ist dieser Spaziergang ein großer Schritt, und mit jedem Schritt wächst die Zuversicht: Ich kann wieder etwas tun. Mein Leben geht weiter. So kann Gottes Geist der Kraft wirken, in jedem neuen Schritt.
Dazu kommt der "Geist der Liebe". Gerade in unsicheren Zeiten wird dieser Geist der Liebe zu einer starken Kraft. Menschen brauchen einander, wenn so viel anderes in Frage steht. Eine Familie, in der man sich liebt und unterstützt. Freundinnen und Freunde, auf die man sich verlassen kann. Auch eine Gemeinde ist ein wichtiger Ort, an dem der Geist der Liebe wirkt: Menschen treffen sich, erzählen voneinander, hören einander zu. Gemeinsam tragen sie, was einer alleine nur schwer tragen kann. Wenn ich die Veranstaltungen am Ende des Gottesdienstes abkündige, freue ich mich jedes Mal, wie viele unterschiedliche Menschen hier in unserer Gemeinde eine Heimat haben. Gemeinsame Essen, Plauderbank, Konfis und Jugendgruppen, Angebote für junge Familien, Krabbeln, Tanzen, Singen, und nicht zuletzt unsere Gottesdienste. Der Geist der Liebe, er wirkt unter uns.
Timotheus wird an diesen Geist erinnert. Gottes Geist der Liebe. Es ist Gottes Geist, auf dem alle anderen Beziehungen beruhen. Im Johannesevangelium (3,16) heißt es von dieser besonderen Liebe: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“. Das macht das Band unter Christinnen und Christen so stark: Wir sind von Gott angenommen, von ihm geliebt. In Jesus Christus hat sich diese Liebe Gottes gezeigt. Jesus hat zugehört und hat die frohe Botschaft verkündet. Er hat geheilt und seine Liebe an die Menschen verschenkt. In diesem Geist, dem Geist der Liebe, leben wir auch heute.
Schließlich der "Geist der Besonnenheit". Wir leben in einer Welt, die sich ständig verändert. In den vielen Veränderungen stecken Gefahren und Chancen zugleich. Kinder und Jugendliche wachsen mit technischen Möglichkeiten auf, die wir vor kurzem noch unvorstellbar waren. Auch unsere Gesellschaft, unsere Wirtschaft verändert sich. Familien und Liebesbeziehungen sind heute anders als früher. Auch in einer Gemeinde kann sich viel verändern. Gerade erleben wir das in unserer Kirche. Dafür brauchen wir Besonnenheit. Sie hilft uns, aufmerksam wahrzunehmen. Wahrzunehmen, wo wir als Christen gefragt sind, mit unserem Geist der Kraft und unserem Geist der Liebe. Die Besonnenheit mahnt uns, Schritt für Schritt voranzugehen. Gerade in unserer beschleunigten Welt ist die Besonnenheit wertvoll.
Timotheus bekommt den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit zugesprochen. Dieser Zuspruch gilt auch uns. Richten wir unseren Blick auf das, was Gott uns anvertraut und was er uns zutraut. Wir wissen nicht, was vor uns liegt. Timotheus wusste es ebensowenig. Seine Zukunft war ungewiss. Doch er konnte sich darauf verlassen: Gott ist bei ihm, sein Geist wirkt in ihm. Auch wir können unsere Zukunft im Vertrauen auf Gott gestalten. Sein Geist begleitet uns. Seine Kraft stärkt uns. Seine Liebe verbindet uns. Seine Besonnenheit hilft uns, den richtigen Weg zu finden. Und wenn unser Weg auf der Erde endet, wird Gott uns weitertragen.
"Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag."