Beten - Privatsache?
Beten und Handeln gehören zusammen - Das Gebet gibt Kraft zum Tun
| Predigttext | Matthäus 6,5-15 |
|---|---|
| Kirche / Ort: | 27624 Geestland-Köhlen |
| Datum: | 10.05.2026 |
| Kirchenjahr: | Rogate (5. Sonntag nach Ostern) |
| Autor: | Dipl.-Theol. Pastorin Christians Borchers |
Predigttext: Matthäus 6,5-15 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 2015)
5 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. 6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten. 7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. 8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. 9 Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. 10 Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. 11 Unser tägliches Brot[1] gib uns heute. 12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.[2] 13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. [Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.][3] 14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. 15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.
Von meiner Mutter habe ich das Beten gelernt. Sie setzte sich abends zu mir ans Bett und betete mit mir. „Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein“ oder: „Müde bin ich, geh zu Ruh, schließe beide ‚Äuglein zu, Vater lass die Augen dein über meinem Bette sein.“
I
Ich erinnere mich an meine Grundschulzeit. Der Lehrer begann den Tag mit einem Gebet: Führe mich, oh Herr und leite meinen Gang nach deinem Wort. Sei und bleibe du auch heute mein Beschützter und mein Hort, nirgends als bei dir allein kann ich recht bewahret sein. Heute weiß ich, es stammt aus dem Lied im Evangelischen Gesangbuch: Gott des Himmels und der Erden, Vater, Sohn und heilger Geist. Ein Gebet, das ich besonders gern mag ist das Gebet von den vierzehn Englein:
Abends wenn ich schlafen geh, Vierzehn Englein um mich stehn. Zwei zu meinen Häupten, zwei zu meinen Füßen, zwei zu meiner Rechten, zwei zu meiner Linken, zwei, die dich decken, zwei die mich wecken, zwei, die mich weisen zu des Himmels Paradeisen. - Engelbert Humperdinck hat das Gebet, das seine Schwester Adelheit Wette geschrieben hat, in seiner Oper „Hänsel und Gretel“ vertont. Es tröstet und gibt Schutz in der Dunkelheit, Gottes Engel bewachen meinen Schlaf.
In unserer Familie wurde früher ein Tischgebet gesprochen: Komm Herr Jesus, sei du unser Gast und segne, was du uns bescheret hast. Oder: Alle guten Gaben, alles, was wir haben, kommt, oh Gott von dir, wir danken dir dafür. Beliebt ist das Tischgebet: Segne Vater, diese Speise, uns zur Kraft und dir zum Preise.
Gebete zeugen vom Vertrauen in Gott. Es gibt keine Religion, in der nicht gebetet wird.Beten scheint in unserer westlichen Gesellschaft aus der Mode gekommen zu sein. So sieht es jedenfalls nach außen aus. Für Beten ist die Kirche zuständig. In der Kirche wird das Gebet akzeptiert und erwartet, ansonsten wird Beten zur Privatsache erklärt.
II
Jesus setzt sich mit dem rechten Beten auseinander. Er kritisiert Menschen in ihrer Gebetspraxis und nennt sie Heuchler, wenn sie das Beten demonstrativ zur Schau stellen. Das wäre bei uns undenkbar. Wir beten, wenn überhaupt, in der Stille. Kein Mensch würde bei uns auf die Idee kommen, sich öffentlich auf der Straße hinzustellen und laut ein Gebet zu sprechen. Die Leute würden sich nach ihm umdrehen, ihn für verrückt erklären, die Polizei rufen und in die Psychatrie einweisen.
Zu Jesu Zeitenbeteten die Menschen öffentlich, ohne dass das besondere Aufmerksamkeit erregte. Das Gebet fand nicht im Verborgenen statt, sondern öffentlich an der Ecke auf den Straßen. Laut priesen die Gläubigen Gott, so dass es jeder hören konnte. Ich kann mir vorstellen, dass die Gedanken nicht immer auf Gott ausgerichtet waren. Da schielte einer mit einem Auge zur Seite, um festzustellen, ob die Leute seine Frömmigkeit registrierten. Einer versuchte den anderen zu übertrumpfen, um auf sich aufmerksam zu machen. Frömmigkeit galt als Tugend und das ist sie in einem guten Sinne bis heute.
Frömmigkeit kann missbraucht werden. Mit dem lauten demonstrativen zur Schau getragenen Gebet verweist der Betende auf sich selber und nicht auf Gott. Er stellt sich selbst im Mittelpunkt, die eigentiche Botschaft lautet: Seht, was für ein frommer rechtschaffender Mensch ich bin. Und du? Bist du das auch? Er erhebt sich über andere, macht sich selber groß. Im Zentrum seines Gebet steht er selber, Gott kommt nicht vor.
Jesus kritisiert die hochmütige Gebetspraxis. Über Jahrhunderte wurde Jesu Kritik gegen das Judentum ausgelegt. Es wurde so getan, als sei christlichesBeten, das rechts Beten sei, dem jüdischen Gebet, das Jesus heuchlerisch nenne, gegenübergestellt. Diese Auslegung ist fatal und nicht richtig. Jesus setzt sich als Jude unter Juden mit den jüdischen Traditionen auseinander. Ihm geht es beim Beten um die Hinwendung zu Gott und nicht zu sich selbst. Das betrifft nicht nur das Judentum, das lässt sich auf alle Religionen übertragen, christliches Gebet eingeschlossen. Auch in einem christlichen Gebet können die Gedanken ausschießlich um sich selber kreisen und weniger um Gott.
Es ist immer wieder versucht worden, das Gebet gegen das Handeln auszuspielen. Was nützen fromme Worte, wenn keine Taten folgen? Dem stimme ich zu. Aber Beten und Handeln sind keine Gegensätze. Das Gebet gibt Kraft zum Tun. Das Gebet kann als unglaubwürdig empfunden werden. Da geht einer zum Gottesdienst, betet für den Frieden, obwohl das ganze Dorf weiß, dass er zu Hause seine Familie traktiert.
Oder Menschen machen die Erfahrung, dass Gott Gebete nicht erhört. Ein Mann hat inbrünstig gebetet, seine Frau möge wieder gesund werden. Sie ist nicht gesund geworden. Warum müssen Kinder sterben? An Krebs, durch Krieg, durch Hunger? Wie kann Gott das zulassen?! Gibt es keinen Gott, der barmherzig ist und für Gerechtigkeit sorgt? - Ich erinnere mich an einen Geburtstagsbesuch bei einem älteren Mann in der Gemeinde. Ich sagte zum Schluss meines Besuches: „Ich möchte einen Psalm lesen“. Er daraufhin: „Das lassen Sie lieber, ich bin im Krieg gewesen“. Dassagte er nicht unfreundlich, eher als Tatsache. Ich war schockiert, was muss der Mann erlebt haben?! Ich habe seine Äußerung bis heute im Ohr. Hat Beten keinen Sinn? Bringt sowieso nichts?
III
Gisela sitzt in einer Kirchenbank, schaut in den Chorraum. Zwei große weißeKerzen zieren den Altar, auf beiden Seiten je eine. Daneben stehen zwei Blumensträuße, in der Mitte die Bibel, ein Bild des Friedens und der Harmonie. Die Küsterin ist mit den Vorbereitungen für den Sonntagsgottesdienst fertig, beim Verlassen lässt sie die Kirchentür geöffnet, die offene Sommerkirche hat begonnen. Heute Abend kehrt sie zurück und schließt die Tür wieder zu. Gisela ist für sich allein. Wie gut das tut, in der Kirche zu sitzen. Sie genießt die Ruhe und die Atmosphäre. Von außen dringt Vogelgeschzwitscher herein. Die stille Samstagnachmittagsstimmung legt sich auf sie nieder. Die Bauern lassen ihre geschäftige Arbeit hinter sich. Gelegentlich hört sie das Tuckern eines vorbeifahrenden Treckers. Die Felder sind gepflügt, die Saat aufgebracht.
Sie spürt, wie ihr Atem langsamer wird. Sie schließt die Augen, atmet tief durch. Sein, einfach nur sein, nichts tun, nichts müssen. Nach einer Weile öffnet sie die Augen.Durch das Fenster auf der linken Seite des Kirchenschiffes sieht sie die mächtige Krone einer hohen Linde. Auf der Südseite ist Jesus als der gute Hirte im Fenster dargestellt. Die Sonne bringt das rote Gewand, das Jesus anhat, zum Leuchten. In der linken Hand trägt er einen Hirtenstab, in der rechten hält er das verlorene Schaf im Arm, ein Bild, die manche als kitschig empfinden. Auf Gisela wirkt das Bild vom guten Hirten tröstlich. Jesus sucht das Verlorene und geht ihm nach.
In dieser Kirche ist Gisela konfirmiert worden. Hier hat sie geheiratet. Getauft worden ist sie zu Hause. Haustaufen waren in den 50ziger Jahren üblich. Sie erinnert sich an ihre Konfirmation. Der Gottesdienst war feierlich und schön. Aber zu Hause gab es den dicksten Krach. Sie zog das schwarze Kleid mit dem weißen Rüschkragensofort nach der Kirche aus. Das Konfirmationskleid, dass die Mutter zuvor mit der um ein Jahr älteren Schwester ausgesucht hatte, gefiel ihr nicht. Sie würde es wohl im Gottesdienst tragen, danach aber nicht mehr. Die verspielten Rüschen passten zu ihrer Schwester, nicht zu ihr.
Das alles ist lange her, Gisela ist inzwischen fast 70 Jahre. Sie ist über 40 Jahre weg gewesen.Die Ausbildung, der Beruf, die Ehe haben sie an andere Orte geführt. Im Alter ist sie zurück gekehrt. Sie wohnt in ihrem Elternhaus. Sie hat hier eine schöne Kindheit und Jugend erlebt, sie ist hier verwurzelt. Die Eltern und Großeltern liegen hier auf dem Friedhof. Sie ist Witwe, das Haus ist viel zu groß. Solange sie gesund bleibt und die Arbeit bewältigen kann, ist alles gut. Sie wird sich davon trennen müssen. Erste Schritte hat sie eingeleitet. Sie fühlt sich wohl, die Verwandtschaft ist da, sie wird eingeladen zu den Geburtstagen, bald begeht sie selbst ihren 70 Geburtstag.
Gisela wird ihre Schwester und ihren Schwager einladen, Cousinnen und Cousins, Freundinnen und Freunde. Sie wird Willi fragen, ob er das Tischgebet spricht. Willi ist Pastor. Es ist ihr wichtig, dass ein Pastor das Tischgebet übernimmt.Sie wird eine kleine Ansprache halten. Ulrike wird sie bitten den Hit aus ihrer Jugend abzuspielen. Ihre Gäste kennen das Lied: „Mit 17 hat man noch Träume, das wachsen noch alle Bäume in den Himmel der Liebe“. Gisela lacht. Sie hat auch mit 70 noch Träume. Die Bäume wachsen nicht mehr hoch in den Himmel aber sie wachsen, nur langsamer. Sie gewinnen an Kraft und Stärke so wie sie selbst.
Gisela blickt nach vorne auf den geschmückten Altar. Die Nachmittagssonne taucht die Frühlingsblumen in ein mildes Licht. Morgen wird die Küsterin die Kerzen zum Gottesdienst anzünden. Die Farben des roten Gewandes von Jesus im Fenster leuchten nicht mehr so kraftig wie vorhin. Aber auch dieses Bild hat seine Ausstrahlung.
Es hatZeiten gegeben, in denen sie fast keine Hoffnung mehr hatte. Als ihr der Boden unter den Füßen weggezogen wurde, hatte sie sich die Frage gestellt: Auf was oder wen baust du? Sie suchte lange nach einer Antwort. Sie ist zu dem Schluss gekommen: auf Menschen ist kein Verlass, sie lassen dich im Stich und gehen ihrer Wege. Der einzige, auf den Verlass ist, ist Gott. Er ist beständig und bleibt in Ewigkeit. Das Gebet hat ihr geholfen. Als sie keine Worte mehr fand und alles vor Gott ausgebreitet hatte, sprach sie das Vater unser, wie Jesus es gelehrt hatte.
Gisela schließt noch einmal die Augen, atmet tief durch, erhebt sich und geht in die späte Sonne am Nachmittag. Die Küsterin wird bald kommen und die Kirchentür zuschließen. Es wird Zeit nach Hause zu gehen. Morgen wird sie zum Gottesdienst gehen. Sie freut sich darauf. Amen.
Lied: Dir, dir, o Höchster will ich singen (EG 328)