Blutspenden und Stadtplanung
Ungeschöntes, nicht verharmlosendes Bild der Wirklichkeit
| Predigttext | Hebräer 13,12-14 |
|---|---|
| Kirche / Ort: | Karlsruhe |
| Datum: | 22.03.2026 |
| Kirchenjahr: | Judika (5. Sonntag der Passionszeit) |
| Autor: | Professor Pfarrer Dr. Wolfgang Vögele |
Predigttext: Hebräer 13,12-14 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 2017)
Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.
Wenn ich in diesem hellen, wärmefreien Licht des nur in Weiß eingerichteten Raums auf einem Stuhl sitze, dann kann ich nicht hinschauen. Mein linker Arm liegt entblößt auf einem Polster; die Arzthelferin ist noch dabei, Barcodes auf die Ampullen zu kleben. Dann wendet sie sich mir zu und sagt: Machen Sie bitte eine Faust. Ich balle die Faust und sage: Es ist alles in Ordnung, mir wird nicht schlecht. Den Pieks kann ich ertragen. Ich kann nur nicht hinschauen. Darauf die Arzthelferin: Das geht vielen so, die meisten Patienten können kein Blut sehen.
I
Wenn ich Blut sehe, mein eigenes oder das anderer Menschen, wird mir schnell übel. Den ‚besonderen Saft‘ mag ich nicht sehen. Im kulturellen Bewußtsein ist Blut nicht nur negativ besetzt. Das Rote Kreuz lädt dazu ein, Blut zu spenden, Patienten nach Blutverlust zu helfen. Und ich erinnere mich, daß mir Tränen in den Augen standen, als in Winnetou I der Apatschen-Häuptling und Old Shatterhand Blutsbrüderschaft geschlossen haben. Sie ritzten sich die Unterarme, man sah zwei rote Streifen. Sie legten die Arme aufeinander, so daß sich das Blut mischte. Die Kindererinnerung der ewigen Freundschaft.
Aber in der Regel löst Blut Schrecken aus: Der Blutfleck auf dem Teppich deutet auf eine Gewalttat. Das Wort Menstruationsblut darf man in einer Predigt eigentlich gar nicht aussprechen. Blutegel ekeln die Menschen. Wir können nicht hinsehen, sonst wird uns schlecht. Bürgerliche, wohlanständige Lebensweise schließt das Gefährliche und das Gruselige nach Möglichkeit aus dem Leben aus. Aber schon das Vorurteil täuscht, daß das, was wir nicht sehen, nicht auf Körper und Seele Einfluß nimmt. Wegblicken und Ausgrenzen dienen als zwei wohlfeile Strategien, das Allzuschlimme, das Grauen nicht an das Bewußtsein heranzulassen. Aber die Wirklichkeit ist nicht nur Idyll, Schlaraffenland, Sonnenschein und Frieden. In dieser Welt wird auch Blut abgenommen. In dieser Welt sterben Menschen, weil sie nach einem schweren Unfall zu viel Blut verloren haben.
II
Das Grauenhafte läßt sich nicht ausgrenzen. Bei Jesus hat das auch nicht geklappt. Sein Hinrichtungskreuz wurde nicht mitten in der Stadt Jerusalem aufgestellt, sondern draußen vor der Stadtmauer, auf dem Totenhügel Golgatha. Jesu Leid und Jesu Sterben werden durchgehend nach außen, über den Rand hinaus geschoben.
Der Briefschreiber des Hebräerbriefs verzichtet darauf, die Kreuzigungsszene sachlich und nüchtern zu beschreiben. Das ist alles bekannt. Er rückt die symbolische und theologische Bedeutung des Kreuzes in den Vordergrund. Das Blut Jesu heiligt das Volk. Der Briefschreiber übt sich nicht in Medizin oder Chirurgie. In der hebräischen Bibel galt Blut als Sitz des Lebens. Der rote Saft setzt den Körper erst in Gang, er sorgt für Bewegungen und Nachdenken. Von den chemischen Prozessen, die das Blut ermöglichte, ahnte niemand etwas.
Wenn Blut floß, drohte Leben verloren zu gehen. Blut beseelte die Körper. Mehr noch: Es konnte auch zwischen Menschen eine Beziehung, Blutsverwandtschaft herstellen. Das geschah auf eine Weise, die uns heute im Zeitalter von Blutuntersuchungen, LDL-Cholesterin-, Hämoglobin- und Leukozytenwerten fremd geworden ist. Die Menschen in Israel opferten Blut und Tiere, um sich Gott gnädig zu stimmen, um Schuld loszuwerden und um Verfehlungen wiedergutzumachen.
Der Autor des Hebräerbriefes nutzt das Bild vom Blut und die Kontexte von Opfern, Vergeben und Bereuen, um die Passionsgeschichte von Tod Jesu am Kreuz theologisch zu deuten. Mit Hilfe einer uns fremd gewordenen Sprache konzentriert er sich auf eine besondere Verbindung: Jesus ist für uns gestorben.
Das ist bis heute das Faszinierende am Christentum: Die Deutung der Bibel führt nicht dazu, den Glaubenden etwas vorzumachen. Der Briefschreiber entwirft ein ungeschöntes, nicht verharmlosendes Bild der Wirklichkeit. Er will keinen falschen Trost spenden. Er will nicht ablenken. Er arbeitet sich ab an der Wirklichkeit von Leiden, Gewalt und Sterben. Er tut das, indem er die Gottesvorstellung von uns Glaubenden verändert.
Gott ist nicht mehr der Herr des Zufalls, der manchmal willkürlich, manchmal absichtlich Leiden und Gesundheit, langes Leben und frühen Tod über die Menschen verteilt. Der entscheidende Punkt liegt in der Überwindung von Gottes Allmacht: In Jesu Leiden und Sterben stellt sich Gott an die Seite derer, die leiden, die Gewalt erfahren, die zu kurz kommen im Leben.
Fastend und betend gehen wir jedes neu in und durch die Passionszeit, um genau darüber nachzudenken. Niemand kann dem Leiden ausweichen. Diejenigen, die Jesus verurteilt haben, haben das versucht, indem sie ihn sein Kreuz vor die Stadt, jenseits der Zonen der Bürgerlichkeit und des Anstands tragen ließen. Auch für Bürgerinnen und Bürger gilt, daß sie Leid nicht dauerhaft ausgrenzen, verschweigen und ignorieren können.
III
Grenzen und Übergänge sind neben dem großen Blutbild das zweite große Thema dieser kurzen Predigtpassage. Denn auch Stadtmauern erzeugen Unterschiede: drinnen und draußen. Menschen, die vor zweitausend Jahren im Nahen Osten lebten, konnten sich Städte nicht anders als von einer Mauer umgeben vorstellen. Denn nur eine hohe Mauer bot Schutz vor gegnerischen Angriffen. Wer außerhalb wohnte, brachte sich im Gefahrenfall so schnell wie möglich innerhalb der Stadtmauern in Sicherheit. Bevor die Tore geschlossen wurden.
Heute haben die meisten Städte keine Stadtmauern mehr. Wo doch, sind sie Überbleibsel aus der Vergangenheit. Viele Touristen besuchen Stadtmauern als nostalgische Erinnerung, wie in Rothenburg ob der Tauber oder Carcassonne im Languedoc. Stadtmauern schützen, sie richten aber auch Grenzen auf. Heute brauchen die Stadtbürger keine Mauern mehr, um Gefahren oder Feinde auszugrenzen. Aber manche benutzen noch die alten Methoden: In den Banlieues von Marseille oder Paris haben Banden von Drogendealern Wachtposten eingerichtet. Sie verständigen mit dem Handy die Bosse, wenn ein Polizeiauto sich nähert. Städte haben heute unsichtbare, soziale Mauern.
Der Glaube wird nun geographisch: Er definiert sich im Raum. Das alte Modell der Stadt lebt von Innen und Außen und der Grenze (ist gleich Mauer) dazwischen. Feinde werden im wahren Sinne des Wortes ausgegrenzt. Heute hat sich das verändert. Zwar verdienen die Hersteller von Stacheldraht immer noch gut, aber viele (soziale) Grenzen, die berühmten feinen Unterschiede, sind nicht mehr so leicht zu erkennen. Dabei besteht eine generelle Tendenz zur Landflucht. Die Menschen wollen lieber in der Stadt leben, weil sie mehr Möglichkeiten bietet, vom öffentlichen Nahverkehr über Restaurants bis zu Arztpraxen und Schulen.
Es gibt diesen berühmten, rührenden Spruch: Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf. Städte und Dörfer sorgen im gelungenen Fall für Gemeinschaft, Gespräch, Zusammenhalt. Feinde des Zusammenhalts werden durch Mauern und subtilere Methoden der Abgrenzung ausgeschlossen.
Im Hebräerbrief mischt sich der Glaube auch in die Stadtplanung ein. Im Raum lesen wir den Glauben. Um zu glauben, braucht es auch eine Gemeinschaft, wie zur Erziehung von Kindern. Der Hebräerbrief redet geheimnisvoll vom Unterschied zwischen „bleibender“ und „zukünftiger“ Stadt. In diesem zeitlichen Unterschied ist der Glaube aufgehoben.
Die bleibende Stadt ist die bürgerliche Stadt, in der Grenzen und Mauern gezogen werden. Sie scheitert mit der Kreuzigung Jesu draußen vor den Toren auf dem Hügel Golgatha. Die zukünftige Stadt ist bis jetzt weder geplant noch gebaut worden. Noch hat sie niemand betreten. Aber schon seit langem haben Künstler bildliche Darstellungen geschaffen. Ich denke an die seltenen Jerusalem-Leuchter aus mittelalterlichen Kirchen. Ein Jerusalem-Leuchter verbindet zwölf Lampen auf einem kunstvoll gestalteten kreisförmigen Gestell, meist aus Metall.
Es gibt in der kommenden Stadt, keine Mauern, kein Innen und Außen mehr. Alle Wohnquartiere sind gleich weit vom göttlichen Zentrum entfernt. Alle leuchtenden Lampen, Stadtquartiere und Wohnungen sozusagen, sind gleich gestaltet. Niemand wird bevorzugt oder benachteiligt. Es ist eine Stadt der Güte und der Gerechtigkeit. In dieser Stadt wird nicht mehr ausgegrenzt. In dieser Stadt sind Werte der Gleichheit und Würde wichtiger als soziale Unterschiede.
Das Kreuz und die kommende, zukünftige Stadt richten den Blick der Glaubenden neu aus. Diese neue Blickrichtung kräftigt und tröstet. Für die Gegenwart bedeutet sie, die Augen nicht vor allem Grauen zu verschließen. Für die Zukunft bedeutet sie, nicht auf ein utopisches Schlaraffenland zu hoffen, sondern auf Geborgenheit in Gott, auf eine grenzenlose Stadt, in der Menschen gleich und respektvoll und mit Würde leben können.